Weltmeister in Bad Schandau

Ach, schön war es da, ganz tief im Osten. Eigentlich kam da nur noch Schmilka (wo lila Kühe an der Elbe herumstehen) und dann ist man schon ganz zackig in Tschechien. Wir aber waren in Bad Schandau, fast in Blickweite zur Elbe, in einer wunderbaren Ferienwohnung, die sich „Villa Bohemia“ nennt. Ein – wie ich fand – durchaus angemessener Name für einen Ort, den ich in größtmöglicher Selbstvergessenheit und Entspannung zu nutzen mir vorgenommen hatte. Das mit dem Entspannen war dann zuweilen etwas schwierig, weil ja in Brazil Fußball gespielt wurde und unsere Mannen nun mal ganz unbedingt diesen Titel holen wollten, sollten und mussten. 

Nicht weit von Bohemiens Gartensitzplatz entfernt lugte direkt am Elbestrand ein weißes Public Viewing-Zelt durchs satte Grün, wo sich der gemeine Bad Schandauer bei Feldschlößchen oder Radeberger der fußballerischen Darbietungen erfreute. Der Sohnemann äußerte sachtes Interesse, sich mit dem lokalen Fußballfan im nämlichen Zelte gemein zu machen, doch kam ich zum Glück nicht in die Verlegenheit, das Zelt gegen meinen bohemischen Ledersessel just in Front eines viel zu kleinen Samsung-TV-Gerätes tauschen zu müssen. Hatten wir doch jeweils am Tage einer wichtigen fußballerischen Entscheidung bei subtropischen Temperaturen mörderische Wanderungen durch das elbsandsteinische Gebirge unternommen, sodass selbst die Energiereserven des 15-Jährigen am späteren Abend nur noch dazu reichten, sich vom Bette aufs Sofa zu schleppen und aufs Mini-TV zu glotzen. Pah: Mein Public Viewing besteht in meiner Twitter-Timeline! Da riecht’s wenigstens nicht schlecht und zur Not kann man die Nervbolzen ausknipsen.

Blick über die Elbe bei Bad Schandau (vom Personenaufzug aus).

Blick über die Elbe bei Bad Schandau (vom Personenaufzug aus).

Schrammsteine, Hohe Liebe oder Bastei: Jene sagenumwobenen Wanderer-Ziele waren für mich jeweils Niederlage und Triumph zugleich. Niederschmetternd war es zu spüren, dass man als echter Fuffziger nicht mehr so ziegenhirtengleich die Hügel hochsprintet wie damals in den Ardennen. Besonders bitter waren allerdings die lockeren Überholmanöver durch 70-Jährige mit stahlgehärteten Silvester-Stallone-Waden. Ich tröstete mich innerlich mit der alten Tour de France-Weisheit: „Am Berg muss man seinen eigenen Rhythmus finden.“ Und den fand ich dann auch: Der Sohn und die liebe Gattin waren sehr rücksichtsvoll und legten alle 10 Minuten eine diskrete Pause ein, in denen ich wieder zum Tête de la Course aufschließen konnte. Während meine großartige, in Cupertino höchstselbst erstandene Apple-Basecap bereits vor Schweiß triefte, sah man beim Sohn noch nicht einmal den Ansatz eines Schweißtropfens auf dem frisch ondulierten Undercut. Auch die liebe Gattin hielt sich beneidenswert locker oder schaffte es zumindest, auf typisch weibliche Weise körperlichen Unpässlichkeiten keinerlei Beachtung zu schenken. Und ja: Es war auch jedes Mal ein Triumph: Irgendwann sind auch Berge der hors catégorie bezwungen, aber für ausgiebiges Jubelgeschrei auf dem Gipfel fehlte dann doch regelmäßig die Puste… Aber oben dann fühlt man sich wie im Eisenbahn-Miniatur-Wunderland: ein Fluss zieht sich gemächlich durchs romantische Tal, Schmilka-Kühe stehen herum, eine kleine Fabrik fügt sich nahtlos ein, ein Zug rattert gemächlich daher. Das ganze Bild eingerahmt von kühnen Felsen – hach, Sachsen: Du hast es besser.

Zu den angenehmen Effekten der Bergkraxeleien gehört zweifelsohne die zünftige Einkehr nach überstandener Quälerei. Die Sächsische Schweiz bietet dazu die allerbeste Infrastruktur: Egal, aus welchem Walde man ausgetrocknet und unterzuckert herauswankt, ein gutbürgerlicher Gasthof mit durchgehend warmer Küche findet sich überall. Warme Küche hieß für uns: Szegediner Gulasch mit böhmischen Knödeln. Yeah! Runtergespült mit großen Humpen Feldschlößchen-Bier. Yeah! Es gibt kaum eine wohligere Situation im Leben, als mit gutgefülltem Gulasch-Bauch die schweren Wandererbeine von sich zu strecken und vom Weltmeistertitel zu träumen.

Hipstamatischer Ratskeller in Hohnstein.

Hipstamatischer Ratskeller in Hohnstein.

Um ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen, wechselten wir hin und wieder von Schusters Rappen auf die Drahtesel von „Örnie“, einem gemütlichen Fahrradverleiher am Ort, der zu meiner Freude sogar ein 29“-Mountain-Bike im Angebot hatte und das ich mir sofort krallte – so eins wollte ich schon immer mal ausprobieren. Bei unserer Fahrt Richtung Pirna war es mit den Mountains allerdings erstmal nicht so weit her. Gemütlich rollerten wir durch Elbien, immer schön flach durchs Eisenbahn-Miniatur-Land, nur ab und zu unterbrochen durch einen kleinen Anstieg, setzten in Königstein mit der Fähre über, kullerten im schönsten Sonnenschein weiter nach Birnoh und verleibten uns dort wieder die kraftspendende Mischung aus Gulasch und Bier ein. Überhaupt Pirna: Was für ein Kleinod. An manchen Ecken würde man sich nicht wundern, wenn August der Starke mit einer Mätresse im Arm um die Ecke biegen würde, an andren Stellen könnte auch immer noch Erich Honecker sitzen und ein Softeis verspeisen. 

Der kraftvolle Lebemann August der Starke war uns ohnehin ein ständiger und treuer Begleiter. Auf Schloss Pillnitz, wo er seinem China-Tick freien Lauf gelassen hatte, oder auf Schloss Moritzburg, wo er mit seinen Gesellschaften auf dem künstlich angelegten See herumschipperte, seltenes Porzellan sammelte und sich mit inszenierten Jagden bei Laune hielt. Moritzburg ist heute fast noch berühmter dafür, dass hier zu DDR-Zeiten jenes recht kitschige „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ verfilmt wurde, mit dem die dritten Programme zu Weihnachten 80 Prozent ihrer Sendezeit bestreiten. Auf der Festung Königstein ließ August ein 238.000-Liter fassendes Weinfass bauen, um dem Kurfürsten der Pfalz in Heidelberg eins auszuwischen. Ja, und dann war August auch noch ein ziemlicher Tech-Geek: Im Mathematisch-Physikalischen Salon im Dresdner Zwinger sind u.a. Wegmesser ausgestellt, die August auf seinen ausgedehnten Reisen nutzte – Google Maps für Kurfürsten.

Fazit: Alle, die nichts mit Gegenden östlich von Bielefeld anfangen können, fahren bitte auch in Zukunft nicht nach Sachsen. Bitte fahrt weiterhin nach Malle oder Knalle, oder wo sonst ihr nichts mit Euch anfangen könnt. Nur Leute, die regelmäßig ins Eisenbahn-Miniatur-Land gehen, Gulasch und seltsame sächsische Ortsnamen mögen, sollten mal ein Versuch wagen. Und wer wagt, gewinnt: Manchmal sogar die Weltmeisterschaft. Nu glor.