WamS-Linkschau (4-13): E-Reader als „killing-machines“

Buchläden sind ein Paradies. Zumindest, wenn sie nicht gerade einer großen Buchhandelskette gehören, die das Bestseller-Stapeln perfektioniert haben, aber sicher nicht die Lust aufs Buch fördern. Nein, ich meine die kleinen Buchhandlungen, die von ÜberzeugungstäterInnen geführten Buchoasen in den eintönigen Fußgängerzonen, die geschmackvoll eingerichteten Lesetempel, die mir nichts entgegen schreien, sondern mich gelassen auffordern: Schau Dich um. Nimm Dir Zeit. Atme mal durch.

Ab und zu gibt es solche Buchhandlungen noch. Hier bei uns in Essen sind das zum Beispiel die immer ums finanzielle Überleben kämpfende Proust-Buchhandlung und die aufs studentische Milieu abzielende, den links-alternativen Charme der 70er ausstrahlende Heinrich-Heine-Buchhandlung. Etwas weiter draußen, in manchen Stadtteilen, halten sich mit allerlei Schnickschnack im Angebot noch ein paar kleinere Buchläden. Ansonsten gibt’s eine Mayersche und das war’s dann auch schon.

Es ist wohl nicht schwer vorauszusagen, dass es die kleinen, feinen Buchläden in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Die Bücher fliegen dann durch die Luft und landen geräuschlos auf unseren Lesegeräten. Ist das ein Verlust? Sicher, denn es geht ein Stück Kulturgeschichte verloren. Der Abschied vom Buchladen macht einen passionierten Leser ein bisschen wehmütig, so wie den langjährigen Raucher der Abschied von seinem gutsortierten Tabakhändler. (Auch das Rauchen ist ein Stück Kulturgeschichte, das mutwillig von scheinbar um unsere Gesundheit besorgten Politikern zerstört wurde.)

In der FAZ lief jetzt Roland Reuß gegen diese Entwicklung Sturm. Wir erinnern uns: Es ist jener Roland Reuß, der schon vor Jahren gegen Open Access Sturm lief, und sich bald darauf gleich mit der ganzen DFG anlegte. Das Forum bot ihm jedes mal die altehrwürdige FAZ, nur: genutzt hat das wenig. Die DFG ließ sich von Reuß nicht aus der Reserve locken und Open Access ist weiter auf dem Vormarsch. Das liegt daran, dass Reuß gute Absichten hat, aber schnell über das Ziel hinausschießt und dann ein paar Dinge durcheinander wirft.

Seine offensichtliche Abneigung gegen den Versandhändler Amazon meint er damit untermauern zu müssen, dass er tief in die Kramkiste martialischer Beschreibungen greift: Den „Luxemburger Steuerumgehungskonzern“ geißelt er als Totengräber der Buchhandlungen, selbst seine ehrwürdige Heidelberger Alma Mater verlinke ohne Not auf den „mächtigen Distributor“, der es mit „webshops“ in erster Linie darauf anlege, die deutsche Buchpreisbindung zu unterlaufen und die Studis nun auch noch mit besonderen Konditionen bei seinem „Trade-In“-Programm locke. Pfui, da macht einer richtig Asche mit guten Ideen: Ist das eigentlich erlaubt?

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in meinem ganzen Studentenleben kaum ein Buch zum regulären Buchhandelspreis erworben. Schon im Münster der 80er-Jahre gab es eine ganze Armada von modernen Antiquariaten, in denen buchhungrige Germanistik-Studenten wie ich immer fündig wurden. Damals sorgten sich keine Hochschullehrer um die Buchpreisbindung, im Gegenteil, so manchen Prof sah man höchstpersönlich in den Regalen stöbern.

„Wer umgekehrt Buchhandlungen als Teil seiner privaten Ökosphäre und seiner persönlichen Lebensqualität schützen will, muss wachsam sein. Mag der Ort auch noch so klein sein, in der Lüneburger Heide, der Uckermark, der Südpfalz, der Niederlausitz, dem Allgäu – wo eine Buchhandlung ist, existiert auch, belesenes und motiviertes Personal vorausgesetzt, eine Bildungsanstalt im Kleinen.“

Es macht sich ein seltsamer Nationalismus breit: Aus Sorge um deutsche Buchläden wird ordentlich gegen das „amerikanische IT-Kapital“ gekoffert. Deutsche kauft nur in deutschen Buchläden, oder wie? Im Interview mit dem „Buchreport“ hält Reuß nicht mehr an sich: Amazon wolle die Buchhandlungen „abmetzeln“ und:

„Die beuten systematisch die Faulheit der Leute aus (Bequemlichkeit) und schaden nicht nur der Buchbranche, sondern dem Einzelhandel insgesamt – und zwar massiv. Das wird bald auch ein wirtschaftliches Problem in jeder Region Deutschlands werden. Mich wundert, warum die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort nicht stärker in die Pflicht genommen werden.“

Selbstredend, dass E-Books in diesem Zusammenhang Teufelswerkzeuge sind:

„Die E-Books sind keine Bücher, für die Vertreiber sind sie nichts anderes als geschickt versteckte Marketinginstrumente, bei denen über WLAN Lektüreverhalten kontrolliert und ausgewertet wird. Für die braucht man aber keine Buchhandlung, da reichen bundesweit eine Handvoll Techniker in einem zentralen Büro mit ein paar Servern. Und genau das gibt es schon längst bei Amazon. Buchhändlern zu empfehlen, auf so etwas zu setzen, ist wie ihnen die Visitenkarte des nächsten Bestattungsunternehmens zukommen zu lassen. Deshalb habe ich von E-Book-Readern als killing-machines gesprochen.“

An die Seite des aufkeimenden Nationalismus gesellt sich also noch Paranoia. Leider ist wohl davon auszugehen, dass die meisten Verlagsverantwortlichen hierzulande so oder so ähnlich denken. Bis zu einem gewissen Maß kann man es sogar verstehen: Wenn es ans Eingemachte geht, glaubt man gern den absurdesten Verschwörungstheorien. Allerdings findet man so keine Auswege.

Die Tatsache, dass Kritiker wie Roland Reuß nicht mehr auf die Reihe bekommen, als das „amerikanische IT-Kapital“ als Gesetzesbrecher an den Pranger zu stellen, zeigt ihre ganze Hilflosigkeit. Nein, das ist nicht die richtige Antwort auf Amazon & Co. Die richtige Antwort bestünde darin, Amazon auf dem Markt zu begegnen. Wer Amazons Siegeszug beenden will, braucht bessere Ideen, als nach dem Bundestag zu rufen. Aber dazu bedürfte es amerikanischen Unternehmergeistes: Wer die Buchhandlungen retten will, darf sie nicht als Bildungsanstalten sehen, sondern muss sie als Marktteilnehmer begreifen.

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  1. Schöner Text. Noch ein Argument: Wenn Reuß gegen Amazon wütet, verwechselt er Ursache und Wirkung. Nicht der gigantische Versandhändler ist am mutmaßlichen Untergang des Buchhandels schuld. Seine Kunden sind es. Also wir alle. Wenn uns die kleine Buchhandlung um die Ecke so wichtig wäre, könnten wir dort ja weiterhin einkaufen.