WamS-Linkschau (3-13): Entnegerung in Obervolta

Mittlerweile hat sie sich ja schon wieder etwas beruhigt, die aufgeregte Debatte um schlimme Wörter in Kinderbüchern. Den glanzvollen Höhepunkt setzte der Literaturmann Denis Scheck in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“: Dort trat er mit schwarz angemaltem Kopf und weißen Handschuhen auf und wetterte gewohnt wortgewandt über den Kniefall der Literatur vor dem „übergriffigen“ politischen Korrekturbedürfnis. Liebe ARD, bitte denk‘ doch in Zukunft bei solchen Aktionen ein bisschen mit: Dieser Part wäre doch rein namenstechnisch viel besser in der unmittelbar vor „Druckfrisch“ stattfindenden Sendung „TTT“ mit Dieter Mohr aufgehoben gewesen.

Nun ja. Aber auch so war die spinnerte Debatte natürlich ein wunderbarer Spaß. Besondere Freude hatte ich am antriebslos vor sich hinfaselnden Burkhard Müller in der SZ vom 15. Januar (S. 11). Der Mann glänzte den halben Beitrag über mit seltsamen Weisheiten über das Wesen der Geschichte („Man darf die Geschichte nicht nur ändern, man kann ja gar nicht anders.“ oder „Geschichte ist nicht, Geschichte wird getrieben, und wie das geschieht, ist starken epochalen Schwankungen unterworfen.“). Und so litt auch sein Artikel unter epochalen Schwankungen, gipfelte aber in dem schönen Satz:

„Was wollen die Befürworter der historisch unverfälschten Kinderbücher wirklich schützen? Den dichterischen Wert von Lindgren und Preußler? Die beiden sind, mit Verlaub, dann doch nicht Goethe.“

Und das ist dann, mit Verlaub, Bullshit. Wir messen dann also alles an Goethe, und wer nicht so gut ist, dem fuhrwerken wir mal ordentlich in seinen Texten herum? Ja, vielen Dank, Herr Müller. Man hätte sich gewünscht, dass die SZ-Redaktion diese Anregung mal direkt auf Burkhard Müllers Text selbst angewendet hätte.

Ein anderer Burkhard Müller (sic!), nämlich ein Burkhard Müller-Ullrich, nahm sich im Deutschlandradio des Falles an und war ganz anderer Meinung als sein Fast-Namensvetter in der SZ:

„Selbst die Bibel ist vor dem Furor der linguistischen Reinigungsbrigaden nicht gefeit und wird jetzt „in gerechter Sprache“ angeboten. Dagegen ist die Entnegerung einiger Kinderbücher fast harmlos. Sie ist ja vor allem eine kommerzielle Operation, mit der ein datiertes Stück Literatur in eine künstliche Zeitlosigkeit versetzt werden soll – als ob man nicht auch Kindern ein Geschichtsgefühl vermitteln könnte, das den einfachen Zusammenhang: ‚Früher sagte man Neger, aber heute besser nicht‘ umfasst.“

Yo.

Jan Fleischhauer meldete sich in seiner SPON-Kolumne zum Thema, die irgendwie spiegeltypisch ganz schmissig war, aber dem Ganzen nun auch nicht den entscheidenden Dreh gab. Erinnerlich blieb mir allerdings die schöne Anekdote über den ollen Sprachdiktatoren Wolf Schneider:

„Zu meinen Ausbildern in der Journalistenschule gehörten nicht die braven Menschen aus Darmstadt, die jedes Jahr das Unwort des Jahres suchen, sondern der strenge Sprachlehrer Wolf Schneider, der für politische Vorgaben wenig Interesse hatte und Burkina Faso unverdrossen weiter Obervolta nannte, weil er nicht bei jedem drittklassigen Militärputsch die nächste Staatsumbenennung mitmachen wollte, wie er uns leichthin mitteilte.“

Ja, wo wären wir ohne die alten Berserker? Zu denen, glaube ich, auch Feridun Zaimoglu gehört? Nun, wie auch immer. Der berserkerte sich durch ein kurzes Interview:

„Ein fanatisierter Korrektor hält den Finger über die Löschtaste. Sein Selbstverständnis: Er gehört zu den Guten. Er begradigt, er berichtigt, und bezähmt damit die Bestie Mensch. Er skandalisiert das unbehagliche Leben. Er retuschiert die Bilder der Entstellung und der Verzerrung. Ein Selbstbetrug. Meist ist der Retuscheur ein Kindskopp mit abgeschlossenem Studium. Die Niedlichkeit ist ein Abschlussfirnis. Er bekämpft nicht das Übel, er dämpft und fälscht.“

So, da habt Ihr es, Ihr Kindsköppe. Und jetzt ist Ruhe im Karton. Ist ja nicht zum Aushalten.