WamS-Linkschau (02-13): Deutsch als Wissenschaftssprache

Die Diskussion über „Deutsch als Wissenschaftssprache“ währt hierzulande schon seit einigen Jahren. In größerem Maße beschäftigte sich zuletzt – wenn ich das recht überblicke – die Konferenz „Deutsch in den Wissenschaften“ des Goethe-Institutes mit dem Thema. Es hat sich sogar ein Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache gegründet, dessen Vorsitzender, der Münchener Immunologe Ralph Mocikat, sich seit vielen Jahren zu diesem Thema äußert. So hat der Arbeitskreis auch sieben Thesen zur deutschen Sprache in der Wissenschaft formuliert. Und in diesen Tagen macht ein neues Buch mit namhaften Autoren wieder auf das Thema aufmerksam.

Die Klage, die in aller Regel bei diesem Thema geführt wird, lautet in aller Kürze: Das Deutsche werde in der Wissenschaft immer mehr zugunsten des Englischen zurückgedrängt. Das Englische werde – dieser Begriff darf niemals in einem Beitrag zum Thema fehlen – zur „lingua franca“ der Wissenschaften. Es sei nicht hinzunehmen, dass deutsche Hochschullehrer in schlechtem Englisch radebrechten, nur weil man gerade ganz kräftig einen auf Internationalisierung machen wolle. Wobei man sich an dieser Stelle natürlich auch fragen kann, warum deutsches Hochschulpersonal offensichtlich durch die Bank ein so grauenhaftes Englisch spricht? Ich weiß es auch nicht.

Wer allerdings natürlich wieder etwas weiß, ist unser Berliner Kiezwächter Wolfgang Thierse, der nicht nur die Schwabisierung seines Berliner Kiezes beklagt, sondern auch – in o.g. Buche – die „Anglisierung der Wissenschaften“. Die nämlich – weiß der Schrippenfreund – führe dazu, dass der Kontakt zwischen dem Bürger und der Wissenschaft verloren gehe. Nun ja, denke ich da als kritischer Bürger, es macht eigentlich keinen Unterschied, ob der der Bürger das wissenschaftliche Denglish nicht versteht oder das deutsche Kauderwelsch, dass der gemeine Professor in der Regel in Form von Aufsätzen, Vorlesungen oder Büchern verzapft. Man kann deutschen Forschern sicherlich vorwerfen, dass sie kein gutes Englisch sprechen oder schreiben – noch eher trifft das auf gutes Deutsch zu. Dass ein deutscher Historiker den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat sich sich seit 1902 denn auch folgerichtig nicht mehr wiederholt.

Aber stimmt denn all dieses Wehklagen über die Dominanz des Englischen in deutschen Vorlesungssälen überhaupt? Susanne Flach vom „Sprachlog“ hat nur mal kurz nachgeschaut, wie das beispielsweise in Berlin aussieht und kommt – o Wunder – zu der Erkenntnis, dass davon nun mal überhaupt keine Rede sein kann.

Vielleicht ist es nicht repräsentativ, aber die Panik vor dem Untergang der Unterrichtssprache Deutsch ist zumindest für eine große Universität und für jetzt unbegründet.

„Was macht es denn?“ Seltsamerweise hatte ich die ungeduldig krächzende Stimme Gollums im Kopf, als ich das Interview des neuen DFG-Präsidenten Peter Strohschneider in der Süddeutschen las. Wohlweislich hat die Zeitung dieses Interview vom 5. Januar 2013 (Seite 6) nicht online gestellt. Denn auch dieses bestätigt wieder meine These: Ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Man versteht sie einfach nicht, die deutsche Forscherelite. In dem Interview geht es -wie könnte es anders sein – natürlich wieder um alles: um knappe Forschungsmittel, um den Drittmittelwahnsinn, um Annette Schavan, und natürlich um Bologna und den Bachelor. Wie könnte es anders sein?

Ausriss Strohschneider-Interview

Ausriss Strohschneider-Interview, SZ, 5. Januar 2013

Beim Thema „Bachelor“ beißen sich sich deutsche Bildungsjournalisten gerne mal an ihrem Gesprächspartner fest. So auch hier: Johann Osel und Roland Preuß  werden zu reißenden Wölfen:

Der Bachelor als Einfallstor für die Bildung der Masse würde also heißen, dass man ein sinkendes Niveau in Kauf nimmt. Dann ist das harte Wort vom „Schmalspurakademiker“ zutreffend?

Für alle, die sonst nur den „Bachelor“ von RTL kennen, heißt diese Frage übersetzt: „Bachelor – dat taugt doch nix, oder?“ Und nun zeigt sich die ganze Erfahrung und Raffinesse des Wissenschaftsmanagers Peter Strohschneider. Denn erst einmal führt er die vermeintlich knallharten Investigativjournalisten auf Abwege:

Es erscheint mir erkennbar, dass für die Gesellschaft das gesamte System ihrer intellektuellen Selbstreproduktion eine große Herausforderung darstellt.

Friss das, Osel! Was nun, Herr Preuß? Doch der Reihe nach: Das ist zunächst dieses abwägende „Es erscheint mir erkennbar…“ – tja, es erscheint aber auch nur so! In Wirklichkeit ist alles viel verschwommener, unklarer. Nur unser Forscher kann etwas erkennen, nur schwer zwar, aber schließlich ist er der Held in diesem Stück. Und er erkennt: eine Herausforderung!  Was wären wir ohne unsere Herausforderungen? Vor allem, wenn es um Selbstreproduktion geht. Aber was bedeutet nun dieser Satz? Vielleicht so etwas wie: „Klugen Nachwuchs zu bekommen, ist echt irgendwie schwierig.“ (oder so).

Und es geht munter weiter:

Die Beantwortung dieser Herausforderung mit dem Ruf nach weiterer Akademisierung wird an Grenzen stoßen.

Dieses nun muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Hier wird also eine Herausforderung (s.o) mit einem Ruf beantwortet. Das an sich ist schon ziemlich abenteuerlich, wird aber besonders interessant dadurch, dass in diesem Satz auch noch etwas an seine Grenzen stößt. Bloß was? Der Ruf, die Beantwortung, die Herausforderung, die Akademisierung? Man kann nur raten.

Vielleicht helfen die beiden folgenden Sätze weiter:

Im öffentlichen Diskurs wird zuweilen im selben Atemzug mehr Sozialaufstieg durch Bildung gefordert und zugleich mehr Exzellenz. Der Anspruch auf Chancengleichheit und derjenige auf Leistungsgerechtigkeit sind aber nicht einfach spannungslos vereinbar.

Was bedeutet dies nun wieder? Es erscheint erkennbar, Strohschneider wolle uns sagen, dass wir uns entscheiden müssen: Entweder wir beteiligen zunehmend auch diejenigen an unserem Hochschulbildungssystem, die wir in aller Regel als bildungsfern bezeichnen. Oder wir pumpen die ganze Kohle weiter in ein paar Eliteschmieden. Beides zusammen gehe eben nicht. Zumindest nicht ohne Krach.

Nun, wenn ich wählen dürfte, würde ich für den Krach plädieren. Wenn wir uns internationalen Forschungs-Elitestatus nur dadurch erkaufen könnten, dass wir weiterhin unser ungerechtes Bildungssystem pflegen, dann wäre dieser ohnehin nicht viel Wert. Im Übrigen wäre eine hohe Bildungsbeteiligung sowohl gesamtgesellschaftlich als auch wirtschaftlich gesehen sicher wertvoller als der exzellente Ruf unserer Forschungsschmieden. Spätestens in sieben oder acht Jahren brauchen wir sehr viele, akademisch gut Ausgebildete. Da werden wir ohne die, die wir jetzt immer noch von den Töpfen fernhalten, sowieso nicht auskommen.

Wie sehr wir uns dem Fetisch der Exzellenz in der Forschung schon ausgeliefert haben, zeigt sich auch daran, welchen Stellenwert Drittmittel mittlerweile an den Hochschulen haben. Nicht mehr die Forschung selbst wird dort zum Ausweis von Exzellenz, sondern die Höhe der Drittmittel, wie Stefan Kühl wunderbar beschreibt. 

Oft käme es nur noch darauf an, für vorhandenes Geld entsprechende Forschung aufzutreiben, statt für wohlbegründete Forschung Geld zu besorgen.

Es scheint also genug Geld im System vorhanden zu sein. Vielleicht könnten wir ja dann von der staatlichen Grundfinanzierung der Hochschulen doch ein bisschen mehr für die Chancengleichheit abzweigen…

Und vielleicht lügen wir uns mit dem ewigen Gerede von Exzellenz sowieso etwas in die Tasche. Allzu oft scheint in den Forschungslaboren der Welt ziemlich viel daneben zu gehen, wovon wir uns in den vergangenen Tagen unter dem Twitter-Hashtag #OverlyHonestMethods überzeugen konnten. Die besten Tweets zum Thema hat die Huffington Post zusammengetragen, z.B. auch diesen hier:

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