Unabhängige Wissenschaftskommunikation – eine Utopie?

Wissenschaftskommunikation ist heute zumeist PR-getrieben. Sie hat damit ein grundlegendes Glaubwürdigkeitsproblem. Eine unabhängige Wissenschaftskommunikation erscheint einstweilen noch wie eine Utopie.

Ein wenig überrascht war ich schon, dass das Thema „Wissenschaftskommunikation“ in den vergangenen Monaten eine solche Hausse erlebt hat. Wahrscheinlich ist es aber wohl eher dem Zufall zu verdanken, dass sich der Aufruf des Siggener Kreises, das Akademienpapier und die Tagung der Volkswagenstiftung so knubbelten. Zuletzt bereicherte eine Gruppe von Wissenschafts-PR-Leuten die Diskussion mit einer klugen Analyse und konstruktiven Vorschlägen. Eine gute Gelegenheit auch für mich, mal wieder über ein Thema nachzudenken, das so facettenreich ist, und über das doch oftmals in unangemessener Weise gesprochen wird.

Es ist vor allem deshalb so unangemessen, weil der Begriff „Wissenschaftskommunikation“ so unscharf ist, dass selbst so arrivierte Wissenschaftsvermittler wie Florian Freistätter mit dem Begriff fremdeln. Auch Lars Fischer hat gefragt, was das eigentlich sein soll: Wissenschaftskommunikation? Bei genauerer Betrachtung handelt es sich meines Erachtens zumeist um Wissenschafts-PR. Darunter fasse ich das legitime Bemühen von Wissenschaftseinrichtungen, Hochschulen oder auch forschenden Unternehmen, diverse Öffentlichkeiten über die Belange des je eigenen Hauses zu informieren. Dies ist erst einmal nur eine Feststellung: Es geht den Institutionen schlicht und einfach um die positive Gestaltung der öffentlichen Beziehungen.

(Deshalb ziehe ich auch den Begriff „Public Relations“ dem deutschen Begriff „Öffentlichkeitsarbeit“ klar vor. „Public Relations“ ist neutral und besagt vor allem: Ob man will oder nicht, man steht in der Öffentlichkeit und somit auch in der Pflicht, das eigene Wirken zu kommunizieren. Die deutsche „Öffentlichkeitsarbeit“ suggeriert unterschwellig, dass man sich seinen Platz in der Öffentlichkeit erst erarbeiten müsse oder dass die Öffentlichkeit zu bearbeiten sei.)

Wissenschafts-PR hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich an Bedeutung zugenommen. Vor allem quantitativ: Kaum eine wissenschaftliche Einrichtung verzichtet heute auf eine PR-Abteilung mit möglichst gut geschultem Personal. Mit gutem Grund: man hat begriffen, dass gerade „die Wissenschaft“ eine besondere Verantwortung hat, ihr Wirken zu vermitteln. Aber auch qualitativ: Guter Wissenschafts-PR geht in erster Linie um Information. Gute, fundierte Information impliziert automatisch einen Imagegewinn für die kommunizierende Einrichtung, da sie Vertrauen schafft. Aber gute Wissenschafts-PR ist kein Marketinginstrument, wie so oft unterstellt wird. Marketing und Werbung unterscheiden sich fundamental von der PR, sie nutzen andere Instrumente und haben andere Botschaften. Seitdem viele Personen, die von beidem keine Ahnung haben, mitreden, gerät diese simple Wahrheit immer mehr in Vergessenheit.

Doch selbst mit den ehrenwertesten Absichten spricht PR immer pro domo. Es geht letztlich immer darum, spezielle Interaktionsgruppen für bestimmte Themen oder Ideen zu interessieren oder zu gewinnen. PR ist nicht frei. Das ist – nota bene – nichts Verwerfliches, aber man muss das schon deutlich benennen, wenn man über Wissenschaftskommunikation nachdenkt.

Leider gibt es immer wieder schwarze Schafe, die Wissenschafts-PR in Misskredit bringen. Die jüngst aufgeflammte Diskussion über unstatthafte Übertreibungen in Wissenschafts-Pressemitteilungen hat das deutlich gemacht. Grundsätzlich aber glaube ich, dass die Wissenschafts-PR hierzulande eher brav und recht zuverlässig agiert. Und es scheint mir, dass die vereinzelten Auswüchse eher auf das Konto überehrgeiziger Institutsleiter gehen als auf die von PR-Leuten, die die Spielregeln normalerweise sehr gut beherrschen (sollten).

Im Grunde genommen ist es sogar oftmals recht schade, dass PR-Angebote der Wissenschaftsorganisationen unter der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle herumdümpeln. Es finden sich großartige Artikel oder Interviews in den Magazinen von Max Planck, Helmholtz oder Leibniz, die so auch in großen Publikumsmagazinen erscheinen könnten. Auch manches Hochschulmagazin ist exzellent gemacht. Viele PR-Abteilungen probieren neue Kommunikationsformate aus und versuchen, sich den ununterbrochen verändernden, web-induzierten Kommunikationsformen anzupassen. Manche PR-Abteilung mutiert so zeitweise zur FuE-Abteilung. Es existiert fantastisches Material zur Vermittlung von Wissenschaft. Aber es gehört hierzulande leider zum guten Ton, PR-Angeboten grundsätzlich argwöhnisch zu begegnen. Im Zweifel gilt: Was sich PR-Fuzzis ausgedacht haben, kann einfach nicht gut sein. Es gibt nicht wenige Journalisten, die offen damit kokettieren, dass sie Pressemitteilungen und andere PR-Erzeugnisse komplett ignorieren. Noch einmal: Man muss immer wissen, wer der Absender bestimmter Botschaften ist, aber man sollte nicht jeder Botschaft manipulative Absichten unterstellen.

Auf der anderen Seite sind wir nur allzu leicht gewillt, journalistischen Beiträge, die in vermeintlich unabhängigen Medien erscheinen, von vorne herein ein Qualitätssiegel aufzudrücken. Denn hier – so hört man es immer wieder – sei ja der Wissenschaftsjournalist als unbestechlicher Gatekeeper und Qualitätsgarant am Werke. Das – mit Verlaub – ist eine fromme Legende und eine ebenso fahrlässige Einstellung, als würde man PR-Erzeugnissen komplett unkritisch gegenüber stehen. Denn natürlich hat auch das scheinbar unabhängige Medium (und sicher auch der Journalist) Interessen. Die können sogar schwerer wiegen als manche voreilige Erfolgsmeldung aus PR-Abteilungen. Das Medium muss sich am Markt verkaufen, es muss auf Masse setzen. Ein Beitrag zu einem wissenschaftlichen Thema im TV muss schon zu besonderen Darstellungsformen greifen, damit die Zuschauer nicht gleich hundertausendfach zu leichteren Inhalten wegzappen. Der so oft eingeforderte Qualitätsjournalismus mutiert dann ganz schnell zu effekthascherischem Seicht-Content. Auf der anderen Seite gibt es in der Tat hochqualitativen Wissenschaftsjournalismus. Und wer würde nicht mit Sorge sehen, wie darbende Verlagshäuser nur allzu leichtfertig bereit sind, gute Berichterstattung über wissenschaftliche Themen achselzuckend zu opfern?

Doch wenn auch dem Journalismus nicht uneingeschränkt zu trauen ist: Wo bekommt der geneigte Bürger denn nun möglichst ungefilterte, weitgehend interessefreie, qualitätsvolle Informationen über Wissenschaft? Beim Wissenschaftler selbst? Auf dessen Blog oder bei einem Institutsbesuch in der „Langen Nacht der Wissenschaften“? Beim Science Tweetup im Labor? Vielleicht hier noch am ehesten – aber ist der Wissenschaftler/ die Wissenschaftlerin nicht auch Teil des Systems? Muss er/ sie nicht auch dafür sorgen, dass der Laden/Lehrstuhl nächstes Jahr auch noch läuft, rennt er/ sie nicht auch unermüdlich im Drittmittel-Hamsterrädchen? Sind Wissenschaftler/-innen nicht PR-Agenten in eigener Sache? Ist es nicht verlockend für Wissenschaftler, im Interview mal ein bisschen zu übertreiben, weil der Journalist dann so glücklich schaut? Wie oft versprechen Wissenschaftler in der gleißenden Öffentlichkeit Dinge, die sie noch gar nicht einzulösen vermögen?

Wo wir auch hinsehen: Wir finden so gut wie keine Informationen über Wissenschaft, die nicht interessegeleitet sind. Vielleicht haben ja doch Marcinkowski/ Kohring, die beiden ‚bösen Buben‘ von der Tagung der VolkswagenStiftung, recht? Ihre These – wenn ich sie recht verstanden habe – lautete doch: Wissenschaftskommunikation, die zumeist auf öffentliche Aufmerksamkeit ausgerichtet ist, sei der Eigenlogik der Wissenschaft fremd und damit abzulehnen, weil letztlich der Wissenschaft selbst schädlich.

Wenn man es aber dennoch versuchen wollte: Wie müsste eine möglichst unabhängige Wissenschaftskommunikation aussehen? Und was wäre eigentlich zu vermitteln? Bzw.: Was will der wissenschaftsinteressierte Bürger eigentlich wissen? Wo möchte er möglicherweise sogar mitwirken? Man könnte könnte an dieser Stelle einwerfen, dass dies das originäre Hoheitsgebiet von Einrichtungen wie dem NaWik oder „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) ist. Und in der Tat übernehmen sie viele wichtige Aufgaben in diesem Bereich. Gerade in jüngster Zeit hat WiD mit richtungsweisenden Projekten wie Sciencestarter, Fast Forward Science oder der Citizen-Science-Plattform „Bürger schaffen Wissen“ von sich reden gemacht (die mein Arbeitgeber, der Stifterverband, finanziell unterstützt). WiD ist ein unverzichtbarer Akteur der Wissenschaftskommunikation – und doch finanziell abhängig von den großen Wissenschaftseinrichtungen. Das schmälert nicht die gute Arbeit von WiD oder die guten Absichten der fördernden Einrichtungen. Aber es bestätigt meine These, dass Wissenschaftskommunikation bislang immer von Interessen abhängig ist.

Wissenschaftskommunikation wird wohl erst dann eine wirklich breitenwirksame Akteurin mit hoher gesellschaftlicher Akzeptanz, wenn es ihr gelingt, möglichst unabhängig von der Wissenschafts-PR und staatlicher Finanzierung zu agieren. Etwas wirklich Neues wächst so gut wie nie innerhalb eines bestehenden Systems heran. Das Neue kann sich nur außerhalb entwickeln. Ein erster Schritt wäre beispielsweise ein bürgerfinanziertes Wissenschaftsinformationsportal, das zugleich ein Entwicklungslabor für neue Formen der Wissenschaftsvermittlung ist. Doch ist das auch halbwegs realistisch? Eine weithin sichtbare Einrichtung zur Vermittlung von Wissenschaft, die vollkommen unabhängig von den Granden der deutschen Wissenschaft agiert? Ein mutiger Impulsgeber jenseits der Abhängigkeiten des bestehenden Wissenschaftssystems? Eine Keimzelle für neue Kommunikationsformen, geführt von unabhängigen Köpfen, ohne dass die Politik hineinfuhrwerkt? Für mich klingt das unglaublich verlockend, realistisch ist es wohl eher nicht.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In der Tat, eine verlockende Utopie.
    Da könnte sich aber die föderale Struktur der Bundesrepublik bezahlt (pardon the pun) machen: das Konglomerat aus Länder-Unis und Bund/Länder finanzierten Forschungs-Instituten wäre zwar nicht „außerhalb“, jedoch aufgrund der unterschiedlich gelagerten Interessen liesse sich hier eine öffentlich finanzierte Einrichtung erdenken, deren Eigen-Interessen sich ähnlich neutralisieren liessen wie das in den Öffentlich-Rechtlichen Medien angegangen wird. A Propos, wieso sind die Ö/R denn für WissKomm nicht geeignet? Dieser Aspekt fehlt mir in Ihrem sehr sachlichen, ausgewogenen und konstruktivem Beitrag.

    • Ja, die Ö/R könnten in der Tat ein neutraler Ort für Wissenschaft sein. Allerdings beweisen uns – zumindest im TV – die Ö/R tagtäglich, dass sie einen solchen Anspruch in ihrer schnarchnasigen Trägheit nur ansatzweise mit echtem Leben zu erfüllen vermögen. Im Radiobereich sieht es in der Tat besser aus. Dort gibt es sehr viel und sehr gutes Material, das leider – Stichwort Depublizierung – sehr schnell wieder in der Versenkung verschwindet. Aber ein innovativer Sender wie beispielsweise “DRadio Wissen” ist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg.