Über Web-Spießer – und andere sinnenentwöhnte Netzbürger

Zu den bemerkenswerten Ausprägungen der ganzen, nicht enden wollenden Diskussionen um das Urheberrecht, um Original und Kopie, um Plagiat und Zitat, um Print und Online gehört die Chuzpe jener, die sich schamlos im Schlaraffenland der Inhalte bedienen und zugleich den Wert jener Inhalte klein reden. Die einen entspannteren Umgang mit geistigem Eigentum einfordern, indem sie den schöpferischen Prozess lächerlich machen. Die aus dem Überangebot von Informationen, Wissen, Meinungen, Überzeugungen, Ideen den Schluss ziehen, allein das Übermaß berechtige zum bedenkenlosen Umgang damit. Gern bemüht wird dann das Bild von der mafiösen Contentindustrie, die nur ihren Profit im Sinn habe. Kapitalismuskritik für Arme.

Besonders perfide wird das Ganze, wenn Leute, die kaum in der Lage sind, unfallfrei zwei gerade Sätze auf 140 Zeichen zu formulieren, über den Untergang des Journalismus sinnieren und altklug über das Zeitungssterben salbadern. Die bedenkenlos eine reiche Zeitungslandschaft für ihre drei bevorzugten, halbwegs lesbaren Blogs opfern würden, weil ihre Zeit und ihre intellektuelle Kompetenz zu mehr ohnehin nicht ausreicht. Solche Leute sind nichts anderes als Web-Spießer, weil sie nur in ihrer kleinen Web-Welt leben und alles auf diese kleine Welt beziehen bzw. alles aus ihr heraus interpretieren. Getrieben von einem seltsamen Hass auf alles, das nicht webkompatibel ist. Das wird dann höhnisch als gestrig verulkt. Und die Heilserwartungen, die solche Leute an das Web knüpfen, nehmen nicht selten religiöse Züge an.

Unlängst hatte ich auf Google+ eine unerquickliche Diskussion über ein Buch, das wir unlängst im Hause meines Brötchengebers produziert und veröffentlicht hatten. Warum es dieses Buch nicht als eBook gebe, wollte ein kritischer Netzbürger wissen. Ich erklärte es ihm: Wir hatten durchaus darüber nachgedacht, aber aus verschiedenen Gründen verworfen. Das hatte vor allem mit den Inhalten und dem Erscheinungsbild des Buches zu tun. Es handelt sich um ein reines Interviewbuch. Das heißt, es besteht aus 24 langen, intensiven, großartig vielschichtigen Interviews mit Denkern, die wirklich noch etwas zu sagen haben. Journalistische Leckerbissen. Intellektuelle Festspiele.

Um das Buch noch interessanter zu machen, ließen wir die Protagonisten von einer ganzen Riege hervorragender Fotografen eigens shooten, so dass wir für jedes Interview nicht nur einen tollen Text, sondern auch noch hochwertiges Bildmaterial zur Verfügung hatten. Unsere Überzeugung war: Das Buch würde erst durch die grandiosen Fotos den richtigen Kick bekommen. Deshalb durften wir an dieser Stelle auch nicht kleckern. Wir schickten Fotografen nach England und in die tiefste bayerische Provinz, wir verfolgten hartnäckig die viel beschäftigten Manager oder Forscherinnen über Monate durch die halbe Republik bis wir endlich alle im Kasten hatten.

Auch bei der Gestaltung des Buches überließen wir nichts dem Zufall. Satz, Typografie, Farben, Papierauswahl, Umschlagmaterial, all das wurde von kompetenten Buchgestaltern entwickelt, ausgewählt, mit Herzblut diskutiert. Jeden Entwicklungsschritt gingen wir mit dem größten Enthusiasmus, redeten uns die Köpfe heiß, wollten immer das beste denkbare Ergebnis. Ein schönes Vorsatzpapier, die richtige Papier-Grammatur, ein schönes Lesebändchen. Auch Druckerei und Buchbinder gaben ihr Bestes. Am Schluss hatten wir dann ein wahres Schmuckstück von Buch, das man gern zur Hand nimmt. Aber eins, das nicht nur durch die Form überzeugt, sondern vor allem durch den Inhalt.

Zurück zum kritischen Netzbürger. Der wollte nun unser Schmuckstück als eBook. Ein nicht unberechtigtes Ansinnen, aber wie sollte das aussehen? Unsere hochwertigen Farbfotos, für die wir so gekämpft hatten, auf dem schmalbrüstigen Schwarz-Weiß-Bildschirm eines billigen Kindle-Lesegerätes? Unsere sorgfältige typografische Arbeit verhunzt durch die Einheitsschriftarten? All unser Aufwand bezüglich Farbgebung, Rhythmus, Haptik für die Katz? Eine Alternative zum Kindle wäre iBooks – also die eBook-Welt für Apple-Devices – gewesen, weil es mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Aber dennoch hätte es bedeutet, ein komplett neues Buch zu machen, nämlich eines, das ganz auf die Möglichkeiten des iPads ausgerichtet gewesen wäre. Bei einem ohnehin aus buchmacherischem Enthusiasmus schon bis an die Grenzen belasteten Budget. Und dann hätte man ein Buch, das ausschließlich in Apples iBookstore erhältlich wäre. Schön, aber was machen Besitzer eines Samsung-Tablets oder eines Nexus-Gerätes? Hätten wir ein herkömmliches Buch mit ausschließlich Fließtext und ein paar Zwischenüberschriften gehabt, wäre alles viel leichter gewesen. Aber so? Nein, das war uns doch zu aufwändig, für mehrere Plattformen ein eBook zu produzieren, womöglich noch auf die Gefahr hin, dass man am Ende bei zweistelligen Downloadraten stecken bleibt.

All das erklärte ich dem kritischen Netzbürger. Doch der schrieb nur: „Alles schön und gut. Aber das sind doch alles nur Grafik-Designer-Argumente.“ Er wolle doch nur den nackten Text haben. Er wolle doch nur wissen, was all die schlauen Leute in dem Buch zu sagen hätten. Denn darauf käme es doch an. Auf die Inhalte. Nicht auf diesen ganzen „Wir-machen-ein schönes-Buch-Schnick-Schnack“.

Doch – kann ich darauf nur antworten – genau darauf kommt es an, Du kritischer Netzbürger. Nämlich auf den schöpferischen Prozess. Auf die Freude, die es bereitet, etwas besonders gut zu machen, die Fülle der Möglichkeiten zu nutzen. Auf die große Genugtuung, die es bedeutet, mit Menschen zusammen zu arbeiten, die ihr Handwerk wirklich verstehen: gute Journalisten, Fotografen, Buchgestalter, Typografen, Drucker, Buchbinder, Deckenmacher … Es gibt zum Glück noch genug Leute, die so etwas zu schätzen wissen. Die eben nicht nur die nackte Information wollen, sondern ein Produkt, das den Sinnen schmeichelt. Die noch begreifen, dass Papier eben nicht „bedrucktes totes Holz“ ist, wie überhebliche Netzmenschen immer wieder spöttisch meinen. Der schöpferische Akt und seine Rezeption durch kundige, sinnenfrohe Menschen ist für viele, die sich ausschließlich im Netz tummeln, nur noch das Luxusgehabe einer schon untergegangenen Welt. Man kann solche Leute bedauern. Man kann es aber auch einfach zur Kenntnis nehmen und – abseits der kühlen Netzwelten –  die inspirierende Schönheit raschelnden Papiers genießen.

Ich weiß, kritischer Netzbürger, Du brauchst nur die Worte, die am Morgen in der richtigen Reihenfolge in Deinem Feedreader angezeigt werden. Du willst nur die reine Information. Keine Sorge, die wirst Du bekommen. Aber Du wirst nicht mehr spüren, wie arm Dein Leben eigentlich ist.