Über deutsche Titelhuberei

Die Deutschen sind ein titelsüchtiges Volk. Nicht nur der Adel ist hochangesehen, auch akademische Titel werden immer gern zur Schau gestellt. Es soll sogar Leute geben, die den Doktor-Titel in der E-Mail-Adresse tragen. Doch wozu das alles? Ein Doktortitel macht noch keinen besseren Politiker oder Manager.

Zu den bemerkenswerten, um nicht zu sagen: putzigen Erscheinungsformen im öffentlichen Leben Deutschlands gehört das ungenierte Tragen des akademischen Titels in der Öffentlichkeit. Insbesondere Angehörige jener Spezies, die den Doktor oder den Professor wie einen Vornamen tragen und sich ohne Scham auch damit anreden lassen, führen hierzulande ein hochangesehenes Dasein. Der akademische Titel suggeriert der Welt, dass man es bei seinem Träger mit einer besonderen Persönlichkeit zu tun hat, die, ausgestattet mit den Insignien der akademischen Welt, nicht nur zu Höherem berufen ist, sondern jederzeit auch zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage ist.

Dass es sich hier nur um einen Trugschluss handeln kann, ist jedem halbwegs geradeaus denkenden Mensch klar, nicht nur jenen, die ihren Namen ganz ohne Verzierungen tragen. Denn der Doktortitel – ursprünglich ein Meilenstein in einer akademische Karriere – hat im real life der Büros, Agenturen und Kanzleien nur äußerst bedingte Aussagekraft. Denn hier, außerhalb der geschützten Uni-Mauern, braucht es ein bisschen mehr als die bloße Aura von zwei Buchstaben: Persönlichkeit, Rückgrat, Souveränität, Entscheidungsfreude, soziale Kompetenz. Die Wahrheit ist bitter und viele stolze Doktor-Titel-Träger werden das nicht gern hören: ein Doktor hilft im Berufsleben höchstens dabei weiter, ganz im Sinne des Peter-Prinzips jene Hierarchiestufe schneller zu erreichen, für die man garantiert inkompetent ist.

Warum auch sollte jemand, der es ausgehalten hat, sich jahrelang als Kofferträger der universitären Professorenherrlichkeit krumm zu machen, urplötzlich zur Führungsfigur und Lichtgestalt des Bürolebens mutieren? Wieso sollte jemand, der über viele Jahre in größter Einsamkeit auf hunderten von Seiten knochentrockene Forschungsstände rekapituliert und paraphrasiert, plötzlich im Berufsleben jene Effizienz, kaltschnäuzigen Pragmatismus und Teamfähigkeit verkörpern, den jede halbwegs anspruchsvolle Stellenanzeige einfordert? Wieso sollte jemand, der jahrelang an einem Werk arbeitet, das allenfalls der Doktorvater (und häufig nicht einmal der) liest, sich im Leben als jemand entpuppen, der in knapper Form und glasklarer Sprache auf den Punkt zu bringen vermag, woran jene, die nicht vom Feenstaub einer Alma Mater erleuchtet wurden, natürlich und jederzeit scheitern müssen?

Hinzu kommt die Inflation der Titelhuberei. Denn wer über die oben genannten Charaktereigenschaften, die die jahrelange Selbstverleugnung erst ermöglichen, nicht verfügt, der kauft sich halt einen schmückenden Titel. Der Weg dorthin ist nur eine Google-Abfrage und ein paar Tausend Euro entfernt.

Und so muss man sich eigentlich grämen als hochdekorierter Akademiker in Deutschland. Denn die Aura des Titels verblasst. Noch sind wir nicht so weit wie in England oder den USA, wo man als titeltragender Zivilist ausgelacht würde. Aber auch hierzulande mehren sich die Zeichen, dass man sich Respekt und Würde nur als Persönlichkeit erwerben kann. Ja gottlob, es wird immer deutlicher, dass der Doktortitel nicht mehr wert ist als ein Seepferdchenabzeichen.