Über das Private

Kaum ein Begriff ist so schillernd unscharf wie der der „Privatsphäre“. Für die alten bürgerlichen und medialen Eliten ist er so etwas wie ein zentraler Kampfbegriff gegen die Verteidiger transparenter Netze und die radikalen Fürsprecher demokratischer Wandlungsprozesse. Für die Sanften und eher Ängstlichen ist er der letzte Schutzwall gegenüber vermeintlich rücksichtlosen Versuchen totaler gesellschaftlicher Überwachung. Kritiker der Privatsphäre sehen in ihm vor allem ein elitäres Abschotten.

Doch was ist nun eigentlich das Private? Gemeinhin verstehen wir darunter einen individuellen Rückzugsort, der für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Es sei denn, das Individuum entscheidet aus freien Stücken, das Private zu öffnen. Das Private ist ein Ort der Unabhängigkeit, an dem man Überzeugungen, Obsessionen, Neigungen nachgehen kann, ohne rechenschaftspflichtig zu sein.  Das Private ist ein luxuriös-hoheitlicher Bereich der Autonomie, welches das Individuum vor unerwünschten externen Behelligungen schützt.

Das Private ist Glücksversprechen und Einsamkeitshölle zugleich. Denn das Private ist mit seinem unbedingten Anspruch, Autonomie zu gewähren, nicht nur Schutzwall, sondern womöglich auch Hürde. Der Mensch als soziales Wesen ist auf Interaktion und Geselligkeit ausgelegt. Das Private schließt das nicht aus, aber es stellt die Interaktion unter spezielle, jederzeit individuell veränderbare Regeln. Das Private neigt eher zu Geheimnis und Egozentrik als zu Transparenz und Konsens. Das Private hat oftmals mit Besitz, Einfluss oder Macht zu tun. Es ist wendig und robust. Es schürt nicht selten Misstrauen oder Argwohn.

In den aktuellen Diskussionen um die Frage, wie sehr soziale Plattformen und Webanwendungen die Privatsphäre ihrer Nutzer verletzen und wie sehr überhaupt Dienste und Angebote von Web-Unternehmen die privaten Freiheiten beeinträchtigen, wird die Ambivalenz der Privatsphäre viel selten berücksichtigt. Privatsphäre ist für ihre Verfechter immer ein unumschränkt positiver Wert, die im besten Sinne selbstvergessene Verortung des Individuums im Sozialen wird hingegen nicht selten als fahrlässiges Verhalten denunziert. Das Bekenntnis zu Teilhabe, Transparenz oder Offenheit wie es sich in sozialen Plattformen ausdrückt, geißeln Kritiker als egozentrische Selbstentblößung, charakterschwache Wichtigtuerei oder wahlweise auch als groben Unfug. Mag sein, dass diese Vorwürfe auf einige sogar zutreffen. Wer wollte abstreiten, dass da draußen eine Menge Kretins unterwegs sind?

Aber für die meisten Anderen mag wohl eher zutreffen, dass sie einfach nur nach Interaktion streben. Die  Diskussionen um die Privatsphäre gehen insofern am eigentlichen Thema vorbei, als die selbstlose Interaktion in sozialen Netzen sich eben nicht in den Kategorien von Besitz, Eigentum oder Autonomie vollzieht. Diese Netze heißen nicht ohne Grund „sozial“ und ihr Kern ist das „Teilen“. Wer etwas teilt, gibt immer auch etwas von sich ab: Das ist das Wesen und die unbedingte Voraussetzung des Teilens. Öffentliches Reden, Streiten oder Meinen ist ein hohes Kulturgut, das sich die Menschen über viele Jahrtausende erkämpfen mussten.

Es wird wohl nie in verbohrte Datenschützerhirne dringen, dass Bloggen oder Twittern auch ein Akt bürgerlichen Selbstbewusstseins sein können. Wir rühmen die westliche Welt als Hort der Freiheit und warnen zugleich die Träger und Nutznießer dieser Freiheit ständig vor freier öffentlicher Rede? Wie weit ist es her mit unserer Freiheit und Demokratie, wenn es schon als gefährlich gelten soll, Fotos, Gedanken, Ideen mit der Welt zu teilen?

Man gemahnt uns zur Vorsicht. Die Preisgabe allzu vieler privater Daten mache uns unter Umständen zur leichten Beute dunkler Mächte. Nach Datenschützer-Logik ergibt sich ein absurdes Bild: Diejenigen, die freie Rede, nie gekannte Möglichkeiten der Interaktion und den unbeschränkten Zugang zum Weltwissen ermöglichen, sollen zugleich die bösen Buben im Spiel sein. Hinter der freundlichen Oberfläche verbergen sich die gräßlichen Fratzen der Macht und der Ausbeutung? Google als Stasi, Facebook als Großer Bruder?

Die allgegenwärtige Aufforderung, das Private besser zu schützen, ist nichts anderes als der Versuch, demokratisch-freiheitlichem Denken einen biedermeierlichen Keuschheitsgürtel anzulegen. All jenen, die so eifrig auf die Wahrung ihrer Privatsphäre pochen, sei gesagt: Das Private ist kein geeigneter Ort, um Freiheiten zu verteidigen. Freiheiten wurden immer auf den Straßen verteidigt, nicht in den Wohnstuben.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Chapeau. Flott geschrieben (wie immer). Und sehr zum Nachdenken anregend. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob ich die intellektuelle Flughöhe dieses Essays erreiche. Dennoch eine Ergänzung: Ich plädiere dafür, bei aller Begeisterung über die Möglichkeiten des Netzes, Wissen und fast alles Andere mit der Welt zu teilen, ein Problem nicht aus dem Auge zu verlieren. Nicht jede freiwillige Selbsentäußerung im Web will mir wirklich freiwillig erscheinen.

    Man könnte es sich leicht machen und sagen: Jeder tut im Netz alles stets freiwillig. Und freiwillige Selbstentblößung kann nie den Gesetzgeber auf den Plan rufen. Freiwillige Fesselspiele im ehelichen Schlafzimmer gehen schließlich auch niemand etwas an.

    Doch was ist mit denen, die von den Möglichkeiten des Netzes begeistert sind, sich aber nicht bedingungslos allen Regeln (vielmehr deren Fehlen) unterwerfen wollen? Ich meine, dass gegenüber den Verlockungen der Netzmonopolisten Facebook, Google, Twitter und Co. eine gesunde Skepsis angezeigt ist. Mein Facebook-Account jedenfalls ist gelöscht.