Sven Regener und Karl Schmidt

Alles, was ich von Sven Regener je mitbekommen habe, ist, dass er wohl eher der Kategorie „Schwieriger Zeitgenosse“ zuzuordnen ist. Zumeist tritt er öffentlich – wenn er nicht gerade als Musiker auf der Bühne steht – rund um die Frankfurter Buchmesse in Erscheinung, wenn wieder ein neues Buch von ihm erschienen ist. Dann gibt er Interviews, in denen er immer etwas angespannt wirkt. So, als habe er eigentlich keine Lust, irgendeinem dahergelaufenen Kritiker sein Buch zu erklären. Ich kann das gut verstehen: Jeder, der lesen kann, soll doch bitte lesen und nicht so viele oberflächliche Fragen stellen. Aber gut, so funktioniert heutiges Buchmarketing eben nicht. Und so nölt sich Regener immer mit einem etwas aggressiven Unterton durch sein Promo-Programm.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Das mit dem „schwierigen Zeitgenossen“ kommt allerdings nicht von ungefähr: Viele Leute werden mit dem Namen Regener vor allem jenen legendären Radio-Rant zum Urheberrecht verbinden, in dem der Künstler Regener mal ganz unverblümt zum Ausdruck brachte, was er von all den Diskussionen um eine Lockerung des Urheberrechts hält: nämlich gar nichts. „Eine Gesellschaft“, gab er schimpfend zu Protokoll, „die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“

Wer sich das Interview noch einmal in voller Länge zu Gemüte führt, wird vieles von dem wiederfinden, was man auch von den Büchern Regeners kennt: schwallartiges Monologisieren, versetzt mit einem leicht belehrenden Unterton und vorgetragen in einer gepresst hamburgischen Krächz-Attitüde, die vor allem eines sagen will: Seid Ihr eigentlich alle völlig bescheuert? Großartige Voraussetzungen also für interessante Literatur. Ein streitbares Gemüt, das bestimmte Sachverhalte gern auch mal wortreich und wortmächtig erläutert.

In Regeners neuem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ passiert eigentlich nicht so viel. Dank seiner Fabulierkunst sind wir am Schluss aber dann doch rund 500 Seiten lang in einem außergewöhnlichen Tourbus durch Deutschland mitgefahren, inmitten einer einer unaufhörlich zugedröhnten Techno-DJ-Horde, irgendwann Mitte der 90er-Jahre. Deren Leben besteht aus Unsinn reden, Unsinn machen, labern, saufen, kiffen, in obskuren Clubs „auflegen“, schlafen, kotzen oder Suppe essen. Diese Jungs und Mädels sind für die Geschichte ziemlich unerheblich. Sie sind nur die Tonspur, auf der ununterbrochen im Hintergrund gebrabbelt wird. Deshalb gelingt es einem als Leser auch kaum, diese Figuren auseinanderzuhalten. Zu ähnlich ist das, was sie tun und reden. Und Regener gibt sich auch gar keine Mühe, diesen Figuren Kontur zu verleihen.

Denn es geht in diesem Buch nur um eine Figur: Karl Schmidt. Den kennen eingefleischte Regener-Leser bereits als Nebenfigur aus den früheren „Herr Lehmann“-Büchern. Im letzten Band wird Karl Schmidt am Tag der Maueröffnung aufgrund exzessiven Alkoholkonsums und allzu sorgloser Selbstmedikation mit allerlei aufmunternden Helfern ins Krankenhaus eingewiesen. Fünf Jahre später treffen wir ihn wieder: in Altona im Eiskaffee  „La Romantica“, scheinbar geläutert als langjähriges Mitglied einer offenen Entzugs-WG namens „Clean Cut 1“.

Und dort trifft er auch durch Zufall seinen alten Kumpel Raimund Schulte, der in der Zwischenzeit ein höchst erfolgreiches Techno-Label namens „BummBumm“ aufgebaut hat. Es ist die hohe Zeit der Raver, als alle Welt nach Berlin schaute, zur Loveparade, oder nach Dortmund, zum legendären Mayday. Und Raimund Schulte und sein Kompagnon Ferdi schwimmen ganz oben auf der Welle.

Das Geld regnet nur so durch die Decke und doch fehlt den Techno-Helden etwas ganz Entscheidendes zum großen Glück: ein bisschen Magie, ein bisschen Ruhm, ein bisschen Unsterblichkeit. Und so planen sie – ganz im Geiste der Beatles –  jene Reise in einem viel zu kleinen Tourbus durch ganz Deutschland. Zum Fahrer, Roadie und Gottvater der Nüchternheit wird ausgerechnet Karl Schmidt erkoren. Der hat sowieso noch genug Urlaub in seinem Aushilfs-Hausmeister-Job und fühlt sich soweit wieder bei Kräften, um dem unbetreuten Leben in freier Laufbahn zu begegnen.

Aus dieser Grundkonstellation bezieht der Roman seinen Reiz und seinen Rhythmus. Auf der einen Seite die durchgeknallte DJ-Bande, auf der anderen Seite ein immer noch von paranoiden Schüben Heimgesuchter, der all seine Kraft, seinen Humor und seine Lebenserfahrung braucht, um sich unter diesen widrigen Umständen wieder zurück ins Leben zu kämpfen. Was auf der einen Seite unglaublich witzig ist und von hochkomischen Ereignissen und Dialogen begleitet wird, ist auf der anderen Seite der ganz und gar nicht heitere Kampf des Karl Schmidt mit sich selbst und seinen Abgründen. Und während also Raimund, Ferdi und die anderen auf der Suche nach ihrem Platz in der Geschichte der modernen Popmusik sind, sucht Karl seinen Platz im Leben.

Die Art und Weise wie Sven Regener diesen Charakter entwickelt, wie er ihn umhegt und niemals der Lächerlichkeit preisgibt, ist sehr einnehmend. Karl Schmidt ist eine der großartigsten Figuren, die mir in den letzten Jahren in einem Roman begegnet ist. Regener gelingen wunderbare zarte Motive, etwa wenn Karl sich rührend um die Tour-Meerschweinchen Lolek und Bolek kümmert. Überhaupt spricht aus Karl Schmidt eine große Menschenfreundlichkeit und Sanftmut. So einer stemmt eine irrwitzige Techno-Tour quasi mit links. Aber ob er sein eigenes Leben wieder stemmen kann, muss vorerst offen bleiben.

Ganz am Schluss rollt der Magical-Bus zurück nach Berlin. Karl Schmidt quält der Gedanke, er müsse sein neues Leben nun einfach in der Stadt fortsetzen, in der es fünf Jahre zuvor jäh endete. Doch dann stellt er erleichtert fest, dass das alte Berlin Mitte der 90er-Jahre nicht mehr existiert. Eine neue Stadt ist entstanden, die Raum für ein neues Leben bietet.

Und so darf man vielleicht auf weitere Karl Schmidt-Romane hoffen. Romane, in denen auch die jüngere Geschichte unseres Landes en passant mitgeschrieben wird. Romane, auf die man sich freuen darf.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Roman. 512 Seiten. 2013, Galiani Berlin.