Spotlight

„Spotlight“ ist ein Film über den amerikanischen Journalismus. Oder sollte man besser sagen: Über das Bild, das sich intellektuelle US-Amerikaner über Journalismus machen, den sie gerne hätten? Nach allem, was ich über amerikanische Medien – insbesondere das TV – weiß, würde ich eher glauben, dass guter, ehrlicher, weitgehend unabhängiger Journalismus in den USA eher ziemlich selten praktiziert wird. Ich kenne mich aber im Print-Journalismus der USA zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob dieser moralisch überhöhte Enthüllungsjournalismus, der uns bei „All The President’s Men“ (1976), „The Insider“ (1999) oder jetzt eben bei „Spotlight“ präsentiert wird, wirklich eine relevante Konstante im us-amerikanischen Journalismus ist. Gibt es sie wirklich, die unerschrockenen Herausgeber und Chefredakteure, die gegen jegliche Drohgebärden aus den Machtzentren der Politik (oder, wie wie bei Spotlight, der Kirche) immun sind, und die die journalistische Unabhängigkeit gegen jede Anfeindung von außen verteidigen? Gibt es sie wirklich, die selbstvergessenen Journalisten, die ihr letztes Hemd für eine gute Story verkaufen würden, die Unbestechlichen, die nichts als der Wahrheit verpflichtet sind?

Filme wie „Spotlight“ funktionieren, weil wir allzu gerne bereit sind zu glauben, dass es diese Typen gibt. Wir nehmen es ihnen ohne viel Nachdenken einfach ab. Der Mann oder die Frau mit dem schmalen Spiralblock in der Hand, hektisch Aufzeichnungen kritzelnd, sind ein Allgemeinplatz, den wir nicht großartig in Frage stellen. Rachel McAdams oder auch Michael Keaton verkörpern solche Typen in Spotlight: Sie spielen ihre jeweilige Rolle noch nicht einmal besonders überragend, aber wir akzeptieren sie, weil wir solche Art von Typen mögen. Etwas anders verhält es sich mit der Figur Michael Rezendes, gespielt von Mark Ruffalo. Ihm gelingt es fast als Einzigem in der ganzen Journalisten-Riege, seine Person als Individuum zum Leben zu erwecken und nicht nur einen Typus darzustellen. Seine Figur lebt und beschäftigt den Zuschauer, weil man mit ihm durch die Geschichte leidet, mit ihm nicht fassen kann, welcher Abgrund sich da auftut.

Noch etwas anders verhält es sich mit Liev Schreiber als Herausgeber Marty Baron. Er verkörpert so eine Art heiligen Außenseiter: Immer Herr der Lage, immer die ganze Sache im Blick, immer bereit, aufs Ganze zu gehen. Dabei ruht er – fast etwas autistisch – in sich selbst, bleibt stets freundlich, aber unnachgiebig. Man liebt diese Figur, weil man sich wünscht, dass es solche klugen, unabhängigen Köpfe in leitenden Positionen auch in der Realität gäbe…

Und dann ist da noch Stanley Tucci, der den Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian mit armenischen Wurzeln gibt. Tuccis Performance in diesem Film ist überaus bemerkenswert, denn er braucht nur ganz wenige Szenen, um seine komplexe Figur in allen Facetten vor dem Zuschauer auszubreiten. Tuccis Anwalt blickt so gut wie nie jemanden an, er ist ununterbrochen beschäftigt, er liest, er isst, er schreibt, während er versucht, nervige Gesprächspartner abzuwimmeln. Dieser Mann hat keine Zeit und keine Kraft, sich auch noch mit Journalisten zu beschäftigen. Tuccis Garabedian-Figur ist von so düsterer Wut und unbeirrbarer Klarheit, dass die Leinwand wackelt.

„Spotlight“ ist auch ein Film über journalistisches Arbeiten. Er zeigt, unter welchen Bedingungen guter Journalismus entsteht, wo eventuelle Fallen lauern und was journalistischer Alltag bedeutet. Wenn in New York zwei Türme umfallen, kann auch die wichtigste Geschichte in den Hintergrund geraten. Und ja, auch die Angst davor, dass die Konkurrenz eher mit einer Geschichte rauskommt, wird immer wieder thematisiert: Wie lange kann man die eigene Geschichte zurückhalten bis sie rund und ausrecherchiert ist, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, zu früh damit rauszukommen. Was heißt es überhaupt, die richtigen Quellen zu finden, wie kann man erkennen, wer nur ein Schwätzer oder Wichtigtuer ist, und wer wirklich etwas zu Wichtiges zu sagen hat? Wie beeinflusst der redaktionelle Alltag mit Kollegengeschwätz oder Ressort-Eifersüchteleien die Recherchearbeit? Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Facetten journalistischen Arbeitens dieser Film darzustellen vermag. Und noch viel erstaunlicher war es zu sehen, dass Recherchieren im Jahr 2001 (da spielt die Handlung) noch fast ausschließlich analog vonstatten ging. Da gibt es Berge von Zeitungsausschnitten und öffentliche Verzeichnisse, die in mühevoller Kleinarbeit durchforstet werden – Datenjournalismus in vordigitaler Zeit. Das ist ganz und gar nicht heroisch oder spektakulär. Das ist einfach nur Fleiß und Disziplin. Wer solchen Journalismus ermöglichen will, muss Zeit und Geduld haben. Wer hat die in diesem Business heute schon noch? So gesehen, muss man Spotlight als ein Porträt einer bereits untergegangenen Epoche betrachten.