Sommerlektüre 2012

Endlose Tage am Strand, müßig dahingestreckt auf einer gemütlichen Liege: Wie könnte man diese Zeit besser verbringen als mit Lesen? Das habe ich in den vergangenen Wochen – neben Podcast-Hören – auch ausgiebig getan.

Patrick Rothfuss: Die Furcht des Weisen. Die Königsmörder-Chronik. Zweiter Tag.
Normalerweise habe ich es ja nicht so sehr mit Fantasy-Literatur. Aber für Patrick Rothfuss` außergewöhnliche „Königsmörder-Chronik“ mache ich gerne eine Ausnahme, zumal ich auch auch gar nicht so recht weiß, ob es sich hier um Fantasy im klassischen Sinne handeln mag. Eigentlich ist das auch völlig schnuppe, denn die Geschichte um den Helden Kvothe, der in diesem zweiten Teil der Chronik immer noch auf der Suche nach  den sagenumwobenen Chandrian ist, die seine Eltern umgebracht haben, ist prall und süffig.

Große Teile der Geschichte spielen an der Universität, an der sich der mittellose, aber mit vielfältigen Talenten ausgestattete Held durchschlagen muss. Es geht um Freunde, Feinde, kluge Frauen, einen seltsamen Lehrkörper und noch seltsamere Lehrinhalte. Hier ist die Geschichte eigentlich ein verkappter Universitätsroman mit vielen Zutaten der Wissenschaftssatire. Überhaupt schafft es Rothfuss auf wundersame Weise unsere reale Welt immer wieder in seiner Geschichte zu spiegeln. Nur lehrt manch trotteliger Professor an Kvothes Universität nicht Kommunikationswissenschaften, sondern Sygaldrie, und Namenkunde ist hier etwas ganz anderes als wir normalerweise darunter verstehen. Hier geht es darum, den Namen einer Sache wirklich zu erkennen, und dazu braucht es eine lange und unkonventionelle Ausbildung.

Rothfuss hat mich für seinen Roman eingenommen, weil er nie kitschig ist. Immer wenn seine Geschichte Gefahr läuft, in peinlichen Kitsch zu geraten, zieht er die Notbremse und lässt seine Figuren erst mal im Regen stehen. Da können sie dann ein bisschen abkühlen.  Vor allem der hoffnungslos verliebte Kvothe, der nun schon zwei Bände lang der geheimnisvollen Denna nachrennt und immer noch nicht so recht weiß, woran er mit ihr eigentlich ist. Aber auch das ist das Schöne bei Rothfuss: Kvothe ist selten der strahlende Held, ganz oft ist er auch nur ein ganz gewöhnlicher Tölpel wie Du und ich. Und auch hier ist Rothfuss ganz auf der Höhe der Zeit: der heldenhafte Ruf Kvothes beruht halt auf guter Eigen-PR und der Sehnsucht der Leute nach Helden.

Für die ersten beiden Bände seiner Trilogie hat Patrick Rothfuss einige Jahre gebraucht. Bleibt zu hoffen, dass der Abschlussband nicht allzu lange auf sich warten lässt. Ich werde ihn auf jeden Fall lesen. (Rothfuss`Homepage: http://www.patrickrothfuss.com/content/index.asp)

Frank Goosen: Sommerfest
Der Bochumer Frank Goosen ist so etwas wie der Literaturpapst des Ruhrgebietes. Klar, es gibt noch ein paar andere gute Literaten zwischen Kamp-Lintfort und Hamm, aber Goosen hat neben seinen kabarettischen Ambitionen schon ein ganz beachtliches literarische Oeuvre vorzuweisen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich alle bisherigen Romane von Frank Goosen gelesen, begonnen bei „Liegen lernen“, über „Pokorny lacht“ , „Pink Moon“ oder „So viel Zeit“. Seltsamerweise kann ich mich an keines dieser Bücher auch nur in Ansätzen erinnern. Das mag mit meinem mangelnden Erinnerungsvermögen zusammen hängen, ich vermute aber eher, dass es an Goosens Romanen liegt. Ich habe sie alle gerne gelesen, aber sie entfalten offensichtlich keine nachhaltige Kraft. Zu austauschbar und blaß die Figuren, zu unspektakulär der Plot. Man liest es so weg, es ist ganz nett geschrieben, aber dann greift man ungerührt zum nächsten Buch. So auch bei „Sommerfest“. Dabei hätte die Geschichte durchaus das Zeug gehabt, mehr als eine nette Sommerlektüre zu sein.

Die Handlung spielt am großen A40-Wochenende im Kulturhauptstadtjahr 2010, als das halbe Ruhrgebiet auf den Beinen und zum fröhlichen Stelldichein auf der Autobahn war. Der Schauspieler Stefan Zöllner kehrt aus München in seine Heimatstadt Bochum zurück, um sein Elternhaus zu verkaufen. Was wir als Leser mitverfolgen dürfen, ist ein Wochenende voller skuriller Erlebnisse und Begegnungen und jeder Menge Lokalkolorit. Stefan Zöllner trifft alte Freunde, seine unverwüstliche Omma und vor allem seine große Lebensliebe wieder: Charlotte, genannt Charlie, die immer noch das Lederarmband trägt, das er ihr als Jugendlicher schenkte.

Mit großer Ruhe entwickelt Frank Goosen ein kurioses Ruhr-Panoptikum, immer an der Grenze zum Kabarett, das Goosen ja auch meisterlich beherrscht. Wir besuchen eine typische Ruhrgebiets-Bude, eine Pommes-Schmiede, ein Fussball-Spiel, und bei allem wird unendlich viel Bochumer Bier getrunken.

Wir begegnen einer wilden Schar von Ruhrgebiets-Menschen wie zum Beispiel Toto. Ein nerviger Bekannter aus Stefans Jugendzeit, immer einen flotten Spruch auf den Lippen oder eine wilde Geschichte, etwas unterbelichtet, aber ein unverwüstliches Stehaufmännchen, Faktotum und Adlatus eines gutmütigen lokalen Möchtegern-Gangsters, wilder Fabulierer, unsensibler Null-Checker, anhänglicher, gutmütiger Freund. Bei Toto gelingt Goosen, was ihm bei seinen Hauptfiguren so oft misslingt: Er erschafft einen echten Charakter, nicht nur einen Prototypen.

So weit, so schön. Unterlegt hat Goosen diesen Ruhr-Road-Roman mit einer unüberhörbaren melancholischen Tonspur, die zum Schluss immer lauter wird, bis sie alles übertönt. Bei allem Humor, bei allem Kabarett, ist dieser Roman doch ein traurig-schöner Abgesang auf das alte, das untergegangene Ruhrgebiet der Kumpel. Da hilft dann auch kein fröhliches Fest mehr auf der Autobahn. Am Schluß (Achtung: Spoiler!) bleibt der Exilmünchner Protagonist dann doch in der Heimat und versucht einen Neuanfang in seinem ziemlich verkorksten Leben. Vielleicht wollte Goosen das als Parabel aufs Ruhrgebiet selbst anlegen: Dass man immer wieder aufsteht und sich immer wieder sagt: Es geht doch!

Ich befürchte, ich werde Stefan Zöllner in einigen Wochen ebenso wieder vergessen haben, wie alle anderen Figuren aus den Goosen-Romanen. Das ist vielleicht kein Manko und spricht auch nicht unbedingt gegen diesen Roman. Aber einen werde ich nicht mehr vergessen. Und das ist der nervige Toto.

Cover "Tschick"

Wolfgang Herrndorf: Tschick
Dieses Buch haben wahrscheinlich schon die meisten Menschen vor mir gelesen und Rezensionen gibt es schon genug. Ich bin lange Zeit um dieses Buch herumscharwenzelt und habe es dann doch nie gekauft. Für den jetzigen Sommerurlaub schien es mir jedoch genau die richtige Lektüre zu sein und genauso war‘s. Was für ein Glück, dieses Buch gelesen zu haben! Hier finde ich die großartigen Figuren, die echten Charaktere, die mir bei Frank Goosen immer so sehr fehlen.

Die Geschichte ist in einem Satz nachzuerzählen (und wahrscheinlich liegt darin die große Stärke dieses Romans): Zwei vernachlässigte, pubertäre Außenseiter-Jungs kapern einen alten Lada, kacheln damit durch die Gegend, erleben ein wildes Road-Abenteuer nach dem nächsten, fahren am Ende alles zu Klump und gehen gestärkt aus dem großen Schlamassel hervor.

Mit wunderbarer Unerfahrenheit bewegen sich Tschick und Maik durch die Welt und meistern aussichtslose Situationen durch pure Lebenslust, jugendlichen Leichtsinn und unverfrorene Gewitztheit.  So stellen die beiden am Anfang ihrer Reise fest, das man sie allzu leicht als 14-Jährige am Steuer erkennt und sinnen auf Abhilfe:

„Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt ein paar Stücke schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kuranyi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kuranyi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat. Am Ende riss er alles wieder runter und pappte sich einen kleinen quadratischen Klebestreifen unter die Nase. Damit sah er aus wie Hitler, aber das wirkte aus einiger Entfernung tatsächlich am besten. Und weil wir eh in Brandenburg waren, konnte das auch keine politischen Konflikte geben.“

Wenn es vor kurzem jemanden gab, der am Meia Praia von Lagos einen Lachflash nach dem anderen hatte, dann war ich das, als ich „Tschick“ las.