Slipper-Mania (0914)

Open Access
Mein spezieller Freund Roland Reuss hat mal wieder zugeschlagen. Der unermüdliche Kämpfer gegen die Open-Access-Bewegung durfte sich mal wieder in der FAZ Luft verschaffen. Es ist nicht ganz zu verstehen, warum der ansonsten so scharfsinnige Jürgen Kaube auf der von ihm verantworteten wöchentlichen Seite „Forschung & Lehre“ dem enervierenden Krawallburschen Reuss immer wieder wertvollen Veröffentlichungsplatz einräumt. Zumal das, was Reuss zur Debatte beizutragen hat in immer schrilleren Ton vorgetragen wird. Da wenden sich selbst die sonst überall vorhandenen Kommentartrolle kopfschüttelnd ab. Reuss geifert nur noch vor sich hin: „Lüge“, „hässlich“, „ideologisch fehlgesteuert“, „Übergriff“, „Anmaßung“ – so geht es in einem durch. Roland Reuss kämpft für die Freiheit des einzelnen Wissenschaftlers und seine Unabhängigkeit auch gegenüber der Institution Hochschule. Das könnte aller Ehren und Diskussionen Wert sein, so aber erweist Reuss seinem Anliegen einen Bärendienst.

Allerdings ist das mit dem freien Publizieren in den tollen, wichtigen Journals so eine Sache. Immer öfter wird ziemlicher Murks veröffentlicht, und dann müssen die Themen auch noch richtig sexy sein:

„Gerade hat der frisch geehrte Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs gesagt, heute würde er an keiner Universität mehr einen Job bekommen, da von jungen Forschern erwartet werde, „einen Aufsatz nach dem anderen rauszuhauen“. Parallel zürnte der diesjährige Nobel-Laureat für Medizin, Randy Schekman, den führenden Fachzeitschriften Nature und Science. Er warf ihnen „Verzerrung“ und „Tyrannei“ vor, weil sie statt Relevanz „sexy Themen“ und „steile Thesen“ bevorzugten; damit könnten sie „Forscher dazu verleiten, zu pfuschen“ – mit den beiden altehrwürdigen Institutionen griff er zwei tragende Säulen des Systems an.“

 

Ein wackerer Kämpfer für den Open-Access-Gedanken ist hingegen Matthias Fromm mit seinem „Open Science Radio“. Zusammen mit seinem neuen Mitstreiter Konrad Förstner hat er jetzt in Folge 14 einen schönen Überblick über OA-Strategien, -Geschäftsmodelle, -lizenzen usw. zusammengestellt. Das sollte sich Roland Reuss mal anhören.

Crowdfunding für die Wissenschaft
Mit Thorsten Witt, dem Projektleiter von Sciencestarter, habe ich in einem Hangout über das erste Jahr der Crowdfunding-Plattform gesprochen. Im ersten Jahr von Sciencestarter haben sich 17 und 29 Projekten erfolgreich finanziert (= 59 Prozent!). Was sind das für Projekte? Wer sind die Unterstützer? Und woran liegt es, wenn das Crowdfunding doch scheitert? Thorsten gibt im Gespräch jede Menge Tipps für angehende Projektstarter.

Einer, der sein Projekt auf Sciencestarter erfolgreich präsentiert hat, ist Sascha Förster. In einem langen Text beschreibt er, wie er sein Projekt aufgezogen hat und wie mühsam der Weg zu einer erfolgreichen Finanzierung sein kann.

Olbertz
Der Präsident der Berliner Humboldt-Uni, Jan-Hendrik Olbertz, hat sich den Zorn der Wissenschaftspressekonferenz (und wahrscheinlich auch anderer) zugezogen, weil er in der Podiumsdiskussion sagte, er könne in Deutschland „nicht mehr als zehn“ gute Wissenschaftsjournalisten ausmachen. Das wäre ein echter Scoop geworden, wenn Olbertz die zehn dann auch noch benannt hätte. Aber nein – natürlich hat er das nicht getan. In der Wissenschaft passiert nie irgendwas Aufregendes. Stattdessen ging natürlich Olbertz in Sack und Asche, meinte, es sei ihm so rausgerutscht. Und natürlich seien alle Wissenschaftsjournalisten in Deutschland ziemlich knorke. Oder so ähnlich.

Slipper-Mania
Gunnar Sohn hat eine schöne Suada über die deutschen Versäumnisse in der Netzökonomie abgelassen. Brandbriefe dieser Art – so berechtigt sie sein mögen – langweilen mich allerdings immer mehr. Denn die ganze Welt ist voll davon. Und immer sind die die Deutschen kurz vor dem Kollaps. Und das betrifft alle denkbaren Lebensbereiche. Es vergeht kein Tag, in dem nicht eins unserer gesellschaftlichen Systeme im Kern verrottet ist und vom Tschad oder von Burkina Faso abgehängt zu werden droht. Als Ursachen werden genauso verlässlich die Dummheit oder Rücksichtslosigkeit von Verantwortungsträgern angeführt, wahlweise auch überbordende Bürokratie oder fleischfressende, heterosexuelle,weiße Männer. Manchmal haben sie auch Slipper an und nutzen ein Präsentationsprogramm von Microsoft:

„Es reicht nicht aus, wenn die arrivierten Firmen ihre Marketing-Manager nach vorne schicken, die sich auf Tagungen salopp mit Polohemd und Slipper-Schuhen in Szene setzen und als Keynote-Speaker über die Relevanz von Facebook und Co. sinnieren, im beruflichen Alltag aber selten über die Kalenderweisheiten ihrer Powerpoint-Präsentationen hinaus kommen. Spätestens beim fünften Bier an der Theke rümpft die Führungselite in Wirtschaft und Politik über die Konsequenzen der Netzökonomie eher die Nase und erläutert, warum das Internet-Gedöns maßlos überschätzt wird.“

 

Online-Journalismus
Der ehemalige GEO-Journalist und heutige Kommunikationsleiter der VolkswagenStiftung, Jens Rehländer, erklärt den Internet-Journalismus kurzerhand für gescheitert. Die großen Online-Marken profitierten ausschließlich von den bekannten Print-Marken, die hinter ihnen stünden. Rein ökonomisch betrachtet, ist das alles nicht zu bestreiten. Ob eine ausschließlich ökonomische Betrachtungsweise hier weiterführt, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Die Frage muss doch viel mehr lauten, ob Onlinejournalismus nicht ganz anders funktionieren muss als der herkömmliche Print-Journalismus. Das ist nicht nur eine Frage der Darstellungsformen. Nicht mehr ein Denken in Produkten, sondern in Prozessen. Christoph Kappes hat das unlängst in den Kommentar-Untiefen eines ganz anderen CARTA-Beitrages sehr schön beschrieben:

„Ich glaube, der Weg führt nicht über die Imitation von Massenmedien. Der Weg führt über netzspezifische Formen und ist vor allem das Leben, Durchleben, Vorleben eines Prozesses. Ein Experiment mit mitunter überraschenden Ergebnissen, an dem alle lernen können.“

Und:

„Auch mal das Schnelle, Assoziative, Hingeworfene. Es geht darum, einen Prozess in Gang zu halten. Das Perfekte, Fehlerfreie, das darf gern weiter das Ideal der Qualitätsmedien sein.

Richtung: Wiki und Etherpad statt WordPress.“

 

Oswalds Kinositz
Das ließ sich der Manager des Texas Theatre in Dallas nicht entgehen: Direkt nachdem Lee Harvey Oswald in dem Kino verhaftet worden war, in das er sich nach dem Attentat auf Kennedy begeben hatte, baute der Manager den Sitz, auf dem Oswald gesessen hatte, aus und nahm ihn als Souvenir mit nach Hause. Einen Tag später kam das FBI zurück und baute nämlichen Sitz noch einmal aus, davon ausgehend, dass es der Sitz sei, auf dem Oswald gesessen hatte.

Tabor Süden
Manchmal bin ich viele Jahre zu spät dran, wie im Falle des Tabor Süden. Erst jetzt entdecke ich diesen Kommissar aus der Feder Friedrich Anis und lese alle Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Die ersten erschienen Anfang der 2000er: es gibt in diesen Krimis kein Internet und keine Smartphones, nur einen übermäßig trinkenden, melancholischen Kommissar, der bei einer Vernehmung in der Wohnung einer Verdächtigen schon mal mehrere Flaschen Wein zusammen mit jener vertilgt. Die melancholische Grundstimmung dieser Krimis packt einen von der ersten Zeile an, man atmet den schweren Dunst der spätsommerlichen bayrischen Gewitter ein, man leidet mit Tabor Süden ob des verschwundenen Vaters, man bewegt sich mit schweren Schritten durch dieses unergründliche Gefühlgestrüpp zwischen privater Tragödie und nimmermüder Ermittlertätigkeit. Tabor Süden ist Kurt Wallander, nur besser.

 

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe doch einige hübsche Beiträge geliefert, warum die alte Elite in Wirtschaft und Politik alte Strukturen verteidigt, aktuelle Belege angeführt und natürlich auch ironisch überzeichnet. Langweilen möchte ich auf keinen Fall. Meine Kolumnen sollen aber auf keinen Fall zur sanften Überredung beitragen, sondern eher zum Meinungsstreit animieren. Das hat bislang ganz gut geklappt, besonders bei den Industrielobbyisten. Eine Suada ist das nicht.

    • Suada oder nicht: Mir ist da zu viel Bescheidwisserei im Spiel. Dabei geht es mir gar nicht darum, Deine Thesen in Frage zu stellen. Es ist viel mehr die Attitüde: „Die haben ja nicht begriffen, worum es geht“. Ich glaube, so kommen wir langfristig nicht weiter. Ich bin ja mit Dir einer Meinung, dass viele Verantwortliche in Politik und Wirtschaft noch nicht allzu viel mit der Digitalisierung anfangen können. Aber ich weiß auch: Man kann gute Gründe haben, der ganzen Entwicklung skeptisch gegenüber zu stehen. Man muss ja nicht gleich in hektische Betriebsamkeit verfallen, nur weil wir im manchen Landstrichen nur Edge zur Verfügung haben. Allein schon die kriegerische Terminologie finde ich haarsträubend: Unternehmen könnten ohne Highspeed-Internet nicht „aufrüsten“. Und ständig die German Angst, wir könnten im „globalen Wettbewerb zurückfallen“. Mir ist schon klar, dass Überspitzung ein legitimes journalistisches Mittel ist, aber man sollte es überaus dosiert einsetzen.

  2. Und mir gehen die weltweit führenden und gut aufgestellten Sonntagsreden von Bitkom, BDI und Co. auf den Keks, die etwa auf IT-Gipfeln zelebriert werden. Und der Hinweis auf das Edge-Niveau in strukturschwachen Gebieten hilft diesen Regionen nicht wirklich – es gibt dort weder Betriebssamkeit noch Hektik. Es wird zu viel gesabbelt und zu wenig gehandelt. Siehe auch die Aussagen von Booz-Analyst Friedrich, der ja mal die volkswirtschaftlichen Effekte durchgerechnet hat.

  3. Von German Angst kann nun in meinen Texten nicht die Rede sein. Das ist mir zu pauschal. Da hast Du meine Story wohl nicht ganz gelesen.