Lieblingsfarben und Tiere | EoC-Links, 3.10. 2014

Im eigenen Museum 〉taz

„So ausgefeilt es textlich ist, so festgefahren klingt die Musik – es gibt in den zehn Songs wirklich keinen einzigen Überraschungsmoment.“

Jens Uthoff hat nicht ganz unrecht. Es ist halt eine typische EoC-Platte. Aber was hätten sie denn auch machen sollen: Jazzrock spielen?

Der Charme des Berechenbaren 〉dpa
Wer EoC haben will, muss auch EoC bekommen. Findet auch die dpa.

„Wer von einem neuen Album des Berliner Quartetts Element Of Crime eine grundsätzliche Kursänderung erwartet, hat das Prinzip nicht verstanden. Die Band pflegt ihre Nische, und zu Recht: Schöne Popmusik mit tollen Texten kriegt hierzulande niemand besser hin. Da ist er also wieder, dieser vertraute Sound. Eine charmante Mixtur aus Schrammelpop, Seemannslied, Akkordeon-Walzer und Rumpel-Folk, dass einem ganz warm wird ums Herz.“

Regeners wundersame Momente 〉ZEIT online
Thomas Winkler will sich an Sven Regeren „annähern“, aber so richtig gelingt ihm das nicht. Entweder wärmt er olle Kamellen auf („Wutrede“) oder er wundert sich über Regeners Andersartigkeit, die er aber als Frühvergreisung denunziert. Regener Weltfremdheit  zu attestieren, kann eigentlich nur jemand, der seine Texte nicht genau liest. Denn Sven Regener schaut dem Leben ganz genau auf die Finger. Und dazu muss man nah ran gehen.

„Gleichsam kultiviert Regener eine wissende Weltfremdheit, einen zwinkernden Ekel vor der Moderne. Er findet damit ein Publikum, das sich gut zurechtfindet in dieser Welt, aber doch gern einen ironischen Sicherheitsabstand ziehen möchte. Distinktion durch bloß behauptete Differenz.“

Element Of Crime: Lieblingsfarben und Tiere 〉Wiener Zeitung
Ja, zuhören muss man schon:

„“Lieblingsfarben und Tiere“ verzichtet auf jegliche Instant-Hits und leistet sich die Anmaßung, Erlebniszeit zu fordern. Eine interaktive Platte also in dem Sinne, als sie erst mit der tätigen Zuwendung des Hörers ihre Stärken offenbart: Ihre formale Geschlossenheit bei besonderer stilistischer Vielfalt und etwa auch das sichere Zusammenspiel von Melodien und Stimmungen – oder die sehr ordentliche Dynamik, die noch mehr als schon bisher auf den primären Träger des EOC-Sounds, nämlich Jakob Iljas Gitarre, baut.“

„Die Freaks sind immer da“ 〉The European

„Regener: Man muss sich mal vor Augen führen, wie langweilig dieser Rock&Roll-Lebensentwurf auf Dauer werden kann. All die alten Rockstars à la The Who, David Bowie oder Mick Jagger haben das ja nach außen gelebt, aber sich nach der Tour aufs Land in ihre Cottage Houses zurückgezogen, wo sie dann die Rosen zurechtschnitten. Dann wieder auf Tour und anschließend wieder Rosen schneiden. Hin und her – wie die Wikinger. Das ist so etwas wie eine Quartalsbesoffenheit. Davon will das Publikum aber nichts wissen.

The European: Wieso?
Regener: Man will dem Künstler als Künstler begegnen, das überhöht ihn ja auch. Die Enttäuschung ist groß, wenn man feststellt, dass diese sagenumwobene Gestalt genauso langweilig ist wie wir alle und sich nur dadurch auszeichnet, dass sie gewisse Dinge gut festhalten kann.“

Element of Crime: Lieblingsfarben und Tiere 〉RP online

„Man kriegt Lust auf Sprache, wenn man Regener zuhört, man muss sich nur mal den Titelsong genauer ansehen. Eigentlich kann kein Mensch so etwas singen, ohne dass es hölzern wirkt und doof. Aber Regener kann das: „Schön dass du persönlich an der Tür/ Die Klingelleitung testest/ Du hast recht, da ist technisch nicht alles 1a/ Im Schwachstromsignalübertragungsweg/ Gibt es Durchleitungsprobleme/Doch wer wirklich zu mir will, kommt damit klar. “ „

 

Ronny-Dichte | Links, 2.10. 2014

Das geteilte Land 〉 ZEIT online
So macht Storytelling Spaß. Interessantes Grafik-Material, gute Videos, nicht zu viel Text. Und dann noch eine Grafik zur Ronny-Dichte im Osten Deutschlands: Chapeau!

Verlage empört: Jetzt will Google nicht mal mehr ihr Recht verletzen! 〉 Stefan Niggemeyer
Was für Leute arbeiten eigentlich in unseren Verlagen?

Von Netflix den Spiegel vorgehalten 〉 genrefilm.net
Starker Text zur Frage, ob und wie deutsche Filmstoffe jemals internationales Format erlangen können.

„Deutsche Autoren und Filmemacher diskutieren nicht erst nach der aktuellen Netflix-Klatsche, ob in Deutschland überhaupt genug Handwerk und Übung vorhanden ist, auf internationalem Serienniveau mitzuspielen. »Ich fürchte, dass viele deutsche Produzenten und Autoren, die durch die Mühlen der deutschen TV-Produktion gegangen sind, gar nicht mehr in der Lage sind zu verstehen, was für Netflix internationales Appeal aus macht«, meint Axel Ricke, Regisseur des Sci-Fi-Kurzfilms D-I-M, Deus In Machina (2007) und Produzent bei Lumatik Film. Auch Autor Stephan Greitemeier glaubt: »Die degetoisierten Produzenten sind das Nadelöhr. Sie arbeiten mit degetoisierten Lohnschreibern zusammen, denen zwanzig Jahre Fernsehmarkt jede Innovationskraft ausgepresst haben. Es ist schon bestürzend: Da haben wir nette, clevere Leute, oft mit gutem Geschmack – aber das System hat viele festgefahren und mutlos gemacht.«“

Unabhängige Wissenschaftskommunikation – eine Utopie?

Wissenschaftskommunikation ist heute zumeist PR-getrieben. Sie hat damit ein grundlegendes Glaubwürdigkeitsproblem. Eine unabhängige Wissenschaftskommunikation erscheint einstweilen noch wie eine Utopie.

Ein wenig überrascht war ich schon, dass das Thema „Wissenschaftskommunikation“ in den vergangenen Monaten eine solche Hausse erlebt hat. Wahrscheinlich ist es aber wohl eher dem Zufall zu verdanken, dass sich der Aufruf des Siggener Kreises, das Akademienpapier und die Tagung der Volkswagenstiftung so knubbelten. Zuletzt bereicherte eine Gruppe von Wissenschafts-PR-Leuten die Diskussion mit einer klugen Analyse und konstruktiven Vorschlägen. Eine gute Gelegenheit auch für mich, mal wieder über ein Thema nachzudenken, das so facettenreich ist, und über das doch oftmals in unangemessener Weise gesprochen wird.

Es ist vor allem deshalb so unangemessen, weil der Begriff „Wissenschaftskommunikation“ so unscharf ist, dass selbst so arrivierte Wissenschaftsvermittler wie Florian Freistätter mit dem Begriff fremdeln. Auch Lars Fischer hat gefragt, was das eigentlich sein soll: Wissenschaftskommunikation? Bei genauerer Betrachtung handelt es sich meines Erachtens zumeist um Wissenschafts-PR. Darunter fasse ich das legitime Bemühen von Wissenschaftseinrichtungen, Hochschulen oder auch forschenden Unternehmen, diverse Öffentlichkeiten über die Belange des je eigenen Hauses zu informieren. Dies ist erst einmal nur eine Feststellung: Es geht den Institutionen schlicht und einfach um die positive Gestaltung der öffentlichen Beziehungen.

(Deshalb ziehe ich auch den Begriff „Public Relations“ dem deutschen Begriff „Öffentlichkeitsarbeit“ klar vor. „Public Relations“ ist neutral und besagt vor allem: Ob man will oder nicht, man steht in der Öffentlichkeit und somit auch in der Pflicht, das eigene Wirken zu kommunizieren. Die deutsche „Öffentlichkeitsarbeit“ suggeriert unterschwellig, dass man sich seinen Platz in der Öffentlichkeit erst erarbeiten müsse oder dass die Öffentlichkeit zu bearbeiten sei.)

Wissenschafts-PR hat in den vergangenen zehn bis 15 Jahren deutlich an Bedeutung zugenommen. Vor allem quantitativ: Kaum eine wissenschaftliche Einrichtung verzichtet heute auf eine PR-Abteilung mit möglichst gut geschultem Personal. Mit gutem Grund: man hat begriffen, dass gerade „die Wissenschaft“ eine besondere Verantwortung hat, ihr Wirken zu vermitteln. Aber auch qualitativ: Guter Wissenschafts-PR geht in erster Linie um Information. Gute, fundierte Information impliziert automatisch einen Imagegewinn für die kommunizierende Einrichtung, da sie Vertrauen schafft. Aber gute Wissenschafts-PR ist kein Marketinginstrument, wie so oft unterstellt wird. Marketing und Werbung unterscheiden sich fundamental von der PR, sie nutzen andere Instrumente und haben andere Botschaften. Seitdem viele Personen, die von beidem keine Ahnung haben, mitreden, gerät diese simple Wahrheit immer mehr in Vergessenheit.

Doch selbst mit den ehrenwertesten Absichten spricht PR immer pro domo. Es geht letztlich immer darum, spezielle Interaktionsgruppen für bestimmte Themen oder Ideen zu interessieren oder zu gewinnen. PR ist nicht frei. Das ist – nota bene – nichts Verwerfliches, aber man muss das schon deutlich benennen, wenn man über Wissenschaftskommunikation nachdenkt.

Leider gibt es immer wieder schwarze Schafe, die Wissenschafts-PR in Misskredit bringen. Die jüngst aufgeflammte Diskussion über unstatthafte Übertreibungen in Wissenschafts-Pressemitteilungen hat das deutlich gemacht. Grundsätzlich aber glaube ich, dass die Wissenschafts-PR hierzulande eher brav und recht zuverlässig agiert. Und es scheint mir, dass die vereinzelten Auswüchse eher auf das Konto überehrgeiziger Institutsleiter gehen als auf die von PR-Leuten, die die Spielregeln normalerweise sehr gut beherrschen (sollten).

Im Grunde genommen ist es sogar oftmals recht schade, dass PR-Angebote der Wissenschaftsorganisationen unter der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle herumdümpeln. Es finden sich großartige Artikel oder Interviews in den Magazinen von Max Planck, Helmholtz oder Leibniz, die so auch in großen Publikumsmagazinen erscheinen könnten. Auch manches Hochschulmagazin ist exzellent gemacht. Viele PR-Abteilungen probieren neue Kommunikationsformate aus und versuchen, sich den ununterbrochen verändernden, web-induzierten Kommunikationsformen anzupassen. Manche PR-Abteilung mutiert so zeitweise zur FuE-Abteilung. Es existiert fantastisches Material zur Vermittlung von Wissenschaft. Aber es gehört hierzulande leider zum guten Ton, PR-Angeboten grundsätzlich argwöhnisch zu begegnen. Im Zweifel gilt: Was sich PR-Fuzzis ausgedacht haben, kann einfach nicht gut sein. Es gibt nicht wenige Journalisten, die offen damit kokettieren, dass sie Pressemitteilungen und andere PR-Erzeugnisse komplett ignorieren. Noch einmal: Man muss immer wissen, wer der Absender bestimmter Botschaften ist, aber man sollte nicht jeder Botschaft manipulative Absichten unterstellen.

Auf der anderen Seite sind wir nur allzu leicht gewillt, journalistischen Beiträge, die in vermeintlich unabhängigen Medien erscheinen, von vorne herein ein Qualitätssiegel aufzudrücken. Denn hier – so hört man es immer wieder – sei ja der Wissenschaftsjournalist als unbestechlicher Gatekeeper und Qualitätsgarant am Werke. Das – mit Verlaub – ist eine fromme Legende und eine ebenso fahrlässige Einstellung, als würde man PR-Erzeugnissen komplett unkritisch gegenüber stehen. Denn natürlich hat auch das scheinbar unabhängige Medium (und sicher auch der Journalist) Interessen. Die können sogar schwerer wiegen als manche voreilige Erfolgsmeldung aus PR-Abteilungen. Das Medium muss sich am Markt verkaufen, es muss auf Masse setzen. Ein Beitrag zu einem wissenschaftlichen Thema im TV muss schon zu besonderen Darstellungsformen greifen, damit die Zuschauer nicht gleich hundertausendfach zu leichteren Inhalten wegzappen. Der so oft eingeforderte Qualitätsjournalismus mutiert dann ganz schnell zu effekthascherischem Seicht-Content. Auf der anderen Seite gibt es in der Tat hochqualitativen Wissenschaftsjournalismus. Und wer würde nicht mit Sorge sehen, wie darbende Verlagshäuser nur allzu leichtfertig bereit sind, gute Berichterstattung über wissenschaftliche Themen achselzuckend zu opfern?

Doch wenn auch dem Journalismus nicht uneingeschränkt zu trauen ist: Wo bekommt der geneigte Bürger denn nun möglichst ungefilterte, weitgehend interessefreie, qualitätsvolle Informationen über Wissenschaft? Beim Wissenschaftler selbst? Auf dessen Blog oder bei einem Institutsbesuch in der „Langen Nacht der Wissenschaften“? Beim Science Tweetup im Labor? Vielleicht hier noch am ehesten – aber ist der Wissenschaftler/ die Wissenschaftlerin nicht auch Teil des Systems? Muss er/ sie nicht auch dafür sorgen, dass der Laden/Lehrstuhl nächstes Jahr auch noch läuft, rennt er/ sie nicht auch unermüdlich im Drittmittel-Hamsterrädchen? Sind Wissenschaftler/-innen nicht PR-Agenten in eigener Sache? Ist es nicht verlockend für Wissenschaftler, im Interview mal ein bisschen zu übertreiben, weil der Journalist dann so glücklich schaut? Wie oft versprechen Wissenschaftler in der gleißenden Öffentlichkeit Dinge, die sie noch gar nicht einzulösen vermögen?

Wo wir auch hinsehen: Wir finden so gut wie keine Informationen über Wissenschaft, die nicht interessegeleitet sind. Vielleicht haben ja doch Marcinkowski/ Kohring, die beiden ‚bösen Buben‘ von der Tagung der VolkswagenStiftung, recht? Ihre These – wenn ich sie recht verstanden habe – lautete doch: Wissenschaftskommunikation, die zumeist auf öffentliche Aufmerksamkeit ausgerichtet ist, sei der Eigenlogik der Wissenschaft fremd und damit abzulehnen, weil letztlich der Wissenschaft selbst schädlich.

Wenn man es aber dennoch versuchen wollte: Wie müsste eine möglichst unabhängige Wissenschaftskommunikation aussehen? Und was wäre eigentlich zu vermitteln? Bzw.: Was will der wissenschaftsinteressierte Bürger eigentlich wissen? Wo möchte er möglicherweise sogar mitwirken? Man könnte könnte an dieser Stelle einwerfen, dass dies das originäre Hoheitsgebiet von Einrichtungen wie dem NaWik oder „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) ist. Und in der Tat übernehmen sie viele wichtige Aufgaben in diesem Bereich. Gerade in jüngster Zeit hat WiD mit richtungsweisenden Projekten wie Sciencestarter, Fast Forward Science oder der Citizen-Science-Plattform „Bürger schaffen Wissen“ von sich reden gemacht (die mein Arbeitgeber, der Stifterverband, finanziell unterstützt). WiD ist ein unverzichtbarer Akteur der Wissenschaftskommunikation – und doch finanziell abhängig von den großen Wissenschaftseinrichtungen. Das schmälert nicht die gute Arbeit von WiD oder die guten Absichten der fördernden Einrichtungen. Aber es bestätigt meine These, dass Wissenschaftskommunikation bislang immer von Interessen abhängig ist.

Wissenschaftskommunikation wird wohl erst dann eine wirklich breitenwirksame Akteurin mit hoher gesellschaftlicher Akzeptanz, wenn es ihr gelingt, möglichst unabhängig von der Wissenschafts-PR und staatlicher Finanzierung zu agieren. Etwas wirklich Neues wächst so gut wie nie innerhalb eines bestehenden Systems heran. Das Neue kann sich nur außerhalb entwickeln. Ein erster Schritt wäre beispielsweise ein bürgerfinanziertes Wissenschaftsinformationsportal, das zugleich ein Entwicklungslabor für neue Formen der Wissenschaftsvermittlung ist. Doch ist das auch halbwegs realistisch? Eine weithin sichtbare Einrichtung zur Vermittlung von Wissenschaft, die vollkommen unabhängig von den Granden der deutschen Wissenschaft agiert? Ein mutiger Impulsgeber jenseits der Abhängigkeiten des bestehenden Wissenschaftssystems? Eine Keimzelle für neue Kommunikationsformen, geführt von unabhängigen Köpfen, ohne dass die Politik hineinfuhrwerkt? Für mich klingt das unglaublich verlockend, realistisch ist es wohl eher nicht.

Übelst unheimlich | Links, 25.9. 2014

Why Your Cousin With a Ph.D. Is a Basket Case | Slate
Sieht so aus als sei die Lage des akademischen Nachwuchses in den USA noch deutlich prekärer als hierzulande.

„If he beats all the odds and gets that precious offer at Southwestern Prairie Technical College, his cycle ends, mercifully, in March. If he doesn’t, then he’s off to the “secondary market,” a rolling collection of ads for one- and two-year “visiting” positions. Visiting from where? you might ask. From nowhere.“

How Steve Jobs Reinvented Leadership | Forbes
Noch immer trauern sie dem guten, alten Steve Jobs nach. Frage mich wirklich, was an all den Kolportagen über sein Wirken und Wesen wahr gewesen ist.

„Steve embodied principles which we need to believe are possible at this point in time: The idea that work and passion can go hand-in-hand. That success can be a consequence of a life lived fully. That who we are can shape our work roles, and not the other way around. That being authentic can be rewarded, and enduring derision and failure without losing faith is ultimately worth it. That the true measure of success is how much meaning your work brings to yourself and others.“


Brrrr.

Ein Schulterklopfen für den Ich-Journalismus | Buch als Magazin
Das Wörtchen „Ich“ ist in manchen Texten einfach nicht erwünscht. Man denke an die meisten akademischen Textgattungen. In meinen Hausarbeiten an der Uni habe ich es tunlichst vermieden und mich fürchterlich verrenkt: „…der Verfasser dieser Zeilen….“. Im Journalismus ist „Ich“ zumeist immer noch verpönt. Aber langsam bröckelt die Front. Peter Wagner findet’s gut.

Erster Drehtag vom Franz-Jacobi-Filmprojekt | Der Westen
Das crowdgefundete Filmprojekt zur Gründungsgeschichte des BVB ist gestartet. Jippieh.

Mit Felix im Boot Camp | Links, 21.9.2014

Fulham say farewell to Magath and the crazy world of Felix the madcap | The Guardian
Selbst in England ist man froh, den eigenartigen Magath los zu sein.

„Magath had not been in work for 18 months when Fulham’s owner, Shahid Khan, offered him a way back in February and the only conclusion to draw is that his old-school style of boot camp management just does not work in modern-day football. Players don’t want to run until they fall or operate in an environment where they hardly dare utter a word. When they have been made to run through woods for 45 minutes, they don’t want to find the manager has emptied their water bottles for reasons only he knows.“

Halbstrafe in Bayern? | Law Blog
Es lässt ziemlich tief blicken, dass sich dieses Schmierentheater vor aller Augen abspielt. Und alle denken nur: War ja klar, dass es so kommt.

„Seine Mutter nannte ihn Schniedel“ – Hans-Olaf Henkel | taz
Ich habe Hans-Olaf Henkel mal persönlich auf einer Veranstaltung kennengelernt. Ein unprätentiöser, höchst charmanter Mensch, der nichts mit der arroganten Figur gemein hat, die man aus Talkshows zu glauben kennt. Und auch wenn Porträts immer etwas lobhudelnd sind: dieses taz-Porträt zeigt einen, der konsequent seinen eigenen Weg geht.

Sidewalk
Such is life:

Sidewalk from Celia Bullwinkel on Vimeo.

Gomez-Versteher | Links, 20.9.2014

So macht Pendeln Spaß | Spiegel online
Auf dem Weg zur Arbeit kommen die Leute auf die blödesten Ideen. In der 107 von Gelsenkirchen nach Essen HBF hatten wir mal einen, der sich in aller Seelenruhe mit einem Knipser die Fingernägel schnitt. Die flogen im hohen Bogen durch den Wagen. Da war aber richtig Spaß inner Bude.

Sven Regener: „In Prenzlauer Berg leben nicht nur Bionade-Freaks“ | Berliner Zeitung
Sven Regener, Interviewkönig von Berlin:

„Gehen Sie morgens ins Café zum Kaffeetrinken?
Ich trinke morgens Tee. Zu Hause.

Wo finden Sie in Berlin die nötige Ruhe zum Arbeiten?
In meinem Zimmer.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?
Mein Zimmer.

Nehmen Sie Brunch-Einladungen an?
Kommt drauf an, von wem sie kommen.

Mögen Sie Wochenmärkte?
Ja, aber es gibt keinen in meiner Nähe. Und auf Wochenmärkte muss man zu Fuß gehen können, sonst ist das Quatsch.

Trödelmärkte?
Geht so.

Sonntagsspaziergänge?
Geht so.“

Wissenschaftsjournalismus als Herausforderung | Planckton/ Sibylle Anderl
Seit Monaten wird viel diskutiert über die Wissenschaftskommunikation. PR-Abteilungen sind ins Gerede gekommen, weil sie angeblich zu reißerisch agieren. Und auch der Wissenschaftsjournalismus steckt – so heißt es – in einer Sinnkrise. Selten werden die Gründe dafür im überdrehten Wissenschaftssystem selbst gesucht. Sibylle Anderl versucht es wenigstens in Ansätzen. Ich würde Wissenschaftsjournalisten dazu raten, nicht zu sehr in Grübeln zu kommen: Schreibt halt gute Geschichten, die uns begeistern. Mehr braucht’s gar nicht.

Universität als melancholische Erinnerung | Digital/Pausen/ Hans Ulrich Gumbrecht
Ja, die alte Universität ist untergegangen. Die, in der die Menschen noch in Ruhe denken konnten. Der Neoliberalismus wird auch die letzten freien Geister zu Schweigen bringen. Nur müssen wir dann irgendwas Neues schaffen, wo der Geist wieder wehen darf.

Nicken bildet nicht | Deutschlandradio/ Alexander Kissler
Putin erklären, statt ihn nur zu verstehen.

Immer noch unheilbar | Trainer Baade
Trainer Baade ist Mario Gomez-Versteher.

 

 

Arme Ruhr, reiche Ruhr | Links, 18.9.2014

Wo das Ruhrgebiet reich und teuer ist | Konrad Lischka
Für jemanden, der im Ruhrgebiet lebt, sind die Ergebnisse von Konrads Datenvisualisierung keine wirkliche Überraschung. In Kettwig, Stiepel oder Mülheim lebt sich’s halt am Teuersten. In Essen ist Rüttenscheid das, was Prenzlauer Berg in Berlin ist. Hier zieht’s die Hippen und Coolen hin, die aber nicht oft viel auf der Tasche haben.

Die spinnen absolut nicht, die Schotten | FAZ
Der hellsichtige Jürgen Kaube hält die Schotten für die deutlich vernünftigeren Europäer und kann nicht recht verstehen, warum die EU angekündigt hat, sie im Falle der Unabhängigkeit nicht sofort wieder in die EU aufzunehmen.

„Wenn den Schotten aus Brüssel und Madrid mitgeteilt wird, der Beitrittsprozess eines unabhängigen Schottland werde lange dauern, ist das bezeichnend. Was ist nicht alles unter Zudrücken beider Augen in die EU aufgenommen worden! Denen aber, die soeben noch lupenreine Europäer waren, kündigt man das Wartezimmer an, nur weil sie unabhängig von einem Land sein wollen, das ständig mit dem EU-Austritt spielt?“

Wie der böse Kapitalismus die Taxi-Branche zerstört – oder: Was Sascha Lobo von der Sharing-Ökonomie hält | Pixelökonom
Vielleicht war ich ja immer ein bisschen naiv. Aber vor „Uber“ war ein Taxi für mich ein Taxi. Das ich nur selten nutze, denn Taxifahren ist ein vergleichsweise teurer Spaß. Seit man mit Uber deutlich preiswerter durch die Gegend fahren kann, schlagen die Wellen hoch. Seitdem wird – und das ist mir neu – die Taxibranche zum „Kartell für Auto-Personenbeförderung“ erklärt. Vermutlich ist das genau so übertrieben wie die Angst vor den Billigheimer-Taxis. Aber bald fahren hoffentlich sowieso nur noch selbstfahrende Autos. Gunter Dueck, übernehmen Sie:

Gunter Dueck: „Alle fünf bis zehn Jahre die Strategie ändern“ | Wirtschaftswoche

„Bald gibt es nur noch selbstfahrende Autos, am besten alle als Taxis, keine Privatautos mehr. Stoppen Sie mal die Zeit, die Sie im Auto fahren: Bei mir sind es tagsüber so sieben Prozent meiner Zeit, nachts fast Null. Also: Die Autos werden kaum benutzt. Wenn es nur selbstfahrende Taxis gäbe, die uns auf Befehl des Smartphones abholen, dann kann man mit Sicherheitspuffer vielleicht mit einem Fünftel des heutigen Fahrzeugbestandes auskommen. 
Wir brauchen dann nicht mehr so viele Garagen, Car-Ports, Parkhäuser, Parkplätze, Tankstellen, Führerscheine oder Autofabriken. Elektroautos könnte man einfach zentral einführen, basta. Alte Leute können im Dorf weiter leben und müssen nicht ins Heim, weil sie ohne eigenes Auto nicht mehr einkaufen können.“

Die Kanzlerin hat keine Story | Links, 17.9.2014

Der Spezialist ist Autist | WDR Dok5 Das Feature
Immer mehr IT-Unternehmen sichern sich die Fähigkeiten von Autisten, die sich selbst ganz und gar nicht als eingeschränkt oder gar krank betrachten. Ein ganz und gar großartiges Radiostück.

„Man weiß nicht warum, aber die meisten Autisten haben, laut neuerer Forschungsergebnisse der Universität Cambridge, ein zweieinhalb Mal schärferes Sehvermögen als durchschnittliche Menschen. Das heißt, ihre Sehschärfe entspricht der eines Falken oder Adlers. Beim Kommunizieren mit anderen sehen sie in deren Augenhaut jede einzelne Ader, und blicken sie in das Gesicht des Gesprächspartners, dann springen ihnen Trichterlandschaften aus Poren und Mitessern entgegen.“

Testat* der Ratlosigkeit – Anmerkungen zu Blumencron
Jener ellenlange Blumencron-Text in der FAZ hat mich dermaßen gelangweilt, dass ich den halben Text nur überflog. Lorenz Matzat hat genauer gelesen. War aber offensichtlich auch enttäuscht.

Helge und wie er die Welt sieht | Tagesspiegel
Helge Schneider führt einen Tagesspiegel-Reporter durch seine Heimatstadt Mülheim an der Ruhr:

„Schneider schiebt sein Rennrad jetzt die Fußgängerzone hinunter. In der Schloßstraße reihen sich Textildiscounter, Selbstbedienungsbäcker und Ein-Euro-Shops an Läden, die Juwelen und „GOLDSCMUCK“ anbieten. Viele Geschäfte stehen leer. WMF ist weg, Schuhhaus Böhmer jetzt die Targobank. Nur ein paar rätselhaft Hartnäckige unter den alteingesessenen Einzelhändlern halten durch – „Stoff Müller“ oder „Hüte – Mützen – Schirme Herkendell“. „Kumma hier, der Kaufhof. Wie beschissen“, sagt Mülheims Wahrzeichen mit einem Kopfnicken. Schon vor einem halben Jahrzehnt hat das Warenhaus dicht gemacht. Neuvermieten, abreißen, städtisch nutzen – nichts hat geklappt. Ob er eine Idee für den Kaufhof habe, hat die Lokalzeitung Helge Schneider mal gefragt. „Ja, Kaufhof“, hat er geantwortet.“

Interview mit US-Ökonom Rifkin: „Europa ist der Platz, wo das Neue entsteht“ | Frankfurter Rundschau
Der US-Ökonom Jeremy Rifkin tourt durch Deutschland, um sein neues Buch vorzustellen. Einem notorisch pessimistischen Land wie Deutschland täte die selbstbewusste Denke Rifkins ganz gut.

Sie kennen Deutschland gut. Was muss jetzt hier passieren?
Deutschland hat die Rolle des Flaggschiffs für Europa, Deutschland ist der Motor der dritten industriellen Revolution.

Frau Merkel macht alles richtig?
Deutschland hat einen klaren Vorsprung. Was der Kanzlerin fehlt, ist eine Story. Wenn wir in Amerika wären, wären die Leute völlig euphorisch. Warum kann hier niemand die Geschichte von der dritten industriellen Revolution erzählen? Sie haben hier alle Komponenten. Daimler setzt auf die Brennstoffzelle als Antrieb für Autos. Bosch engagiert sich stark in der Informationstechnik, die nötig ist für erneuerbare Energien. Sie haben Siemens, die ihr Geschäft mit intelligenten Stromnetzen ausbauen wollen. Aber niemand hier weiß davon.

Immerhin gibt es den Konsens, aus der Atomkraft auszusteigen.
Das stimmt, es gibt eine gute negative Geschichte.

Wie sieht eine positive Story aus?
Geben Sie den Menschen eine Vision. Deutschland ist der Motor für eine nachhaltige Ökonomie ohne fossile Brennstoffe. Das hat man in zehn Sekunden erklärt.

Heißt das auch, dass Deutschland Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Staaten hat?
Deutschland hat ohnehin den Vorteil, ein föderal organisiertes Land zu sein. Das passt perfekt zur distributiven Struktur der dritten industriellen Revolution.“

Müssen wir Angst vor Google haben? | NZZ
Der Ökonom Justus Haucap analysiert sachlich und entspannt die aktuelle Anti-Google- und Anti-Amazon-Hysterie. Solche Texte findet man in der FAZ nicht.

„Während die Autoren und Verlage ein Monopol auf ihr Werk haben und ein bestimmtes Buch für viele Leser eben nicht einfach gegen ein anderes substituiert werden kann, ist Amazon darauf angewiesen, möglichst vollständig alle Bücher zu führen, um nicht an Reputation zu verlieren. Während die Verlage also durchaus auf Amazon verzichten könnten, kann Amazon nur schlecht darauf verzichten, auch alle Bücher liefern zu können, insbesondere nicht bei Bestsellern und grossen Verlagen.“

Wege in die Spaßgesellschaft | brand eins
Wolf Lotter seziert in der lesenswerten „brand eins“ vom August über das seltsame Verhältnis der Deutschen zu Spaß und Humor, insbesondere in der Arbeitswelt:

„Humorlosigkeit ist also ein Anfängerproblem, von Einzelnen wie von Gruppen. Es sind bevorzugt „Leute, die an ihre Sache sehr glauben. Die vertragen keine Kritik, lassen keine Zweifel zu und haben meist keine Distanz zu dem, was sie tun“, weiß Ruch. Je mehr Ideologie, desto weniger Ironie. Und das bedeutet unterm Strich: sehr wenig Intelligenz.“

Erzieht andere Menschen! | Links, 14.9.2014

Ebola-Arzt: „Ich musste Todkranke wegschicken“ | Lifeline
„Andere Familien kamen mit ihren Autos, ließen die Kranken aussteigen und fuhren gleich wieder davon. Eine Mutter versuchte, ihr Baby auf einen Stuhl zu setzen und dann zu gehen, in der Hoffnung, dass wir uns dann um ihr Kind kümmern müssten.“

Kein Schwein bei uns interessiert sich für diese Tragödie. Ist ja nur Afrika.

Blacky: Der letzte deutsche Fernsehaltmeister | FAZ
„Nerven bewahrte er 1972 als Münchner Olympiastadion-Sprecher, der von den Veranstaltern mit einem Attentatsgerücht konfrontiert und dann damit alleingelassen wurde: Ein Flugzeug, hieß es, steuere auf die Spielstätte zu. Man überließ es Fuchsberger, mit einer entsprechenden Durchsage für sofortige Evakuierung oder eben eine Massenpanik zu sorgen. Er sagte nichts, und nichts passierte.“

Die Geschichte kannte ich noch nicht.  Doch Fuchsberger ist mir immer fremd geblieben. Als Kind schlug mein Herz für den Showmaster Rudi Carell. Der war witzig und hatte Selbstironie.

Zeppelin University ohne Präsident: So vereinbart? | FAZ
Der blitzgescheite Jansen hat das Weite gesucht. Einen wie ihn wird sich die ZeppelinUni jetzt wohl backen müssen. Und das alles nur wegen ein paar lausiger Kröten? Wohl kaum.

Germany’s digital future | Economist
„It is understandable that a society scarred by state surveillance under the Nazis and the Stasi should be particularly wary, but it should also accept that consumers hand over their data freely and get something back. And Germany’s digital phobia is driven not just by cultural memory, but also by firms that want the state to protect their business models and keep competitors out.“

Angelsächsische Analysen unserer Datenphobie sind meist viel hellsichtiger als unsere eigenen.

Freuen wir uns doch über den radikalen Wandel! | WELT
„Ich schreibe seit Jahren an jede Wand, dass wir die Vorstellungen vom Menschen ändern müssen, die sich in unseren Kopfnoten ausdrücken. Nehmen wir andere „Kopfnoten“! Originalität, Humor, Initiative, die auf andere ausstrahlt, konstruktiver freudiger Wille, Gemeinschaftssinn, gewinnende Erscheinung, Vorfreude auf die Zukunft, positive Haltung zur Vielfalt des Lebens und eine liebende Grundhaltung gegenüber Menschen und Kulturen. Erzieht andere Menschen!“

Gunter Dueck bringt es mit einfachen Worten auf den Punkt: Wir müssen uns überlegen, welches Menschenbild für unsere Gesellschaft eigentlich prägend sein soll.

Filme! Serien!

Sommerzeit ist zum Glück keine Kinozeit. Vom „Planet der Affen“ mal abgesehen, läuft kaum ein Blockbuster. Und auf den kann ich eh gut verzichten. Ich fand Cheeta ja schon immer nervig. Und vom großen Rest hat mich nichts derart positiv angesprochen, dass ich dafür dringend ins Kino rennen müsste. Gute Gelegenheit also, die eigene Filmsammlung ein wenig auszudünnen.

McConaughey

Manchmal ist es seltsam: Dieser Matthew McConaughey agierte bisher vollkommen unter meiner Wahrnehmungsschwelle und dann ploppt er plötzlich an jeder Ecke auf. Erstmalig begegnete er mir im Frühjahr in „True Detective“. Darin haute er mich schlichtweg um, wie mich die ganze Serie komplett umhaute. Hätte ich davor noch ganz klar gesagt, es gäbe nichts Besseres mehr in der Glotze zu sehen als „Breaking Bad“, so setzte TD noch einen drauf. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die USA ein grässlicher Alptraum sind, so könnte man getrost TD dafür heranziehen. Man muss ja nur den grandiosen Vorspann anschauen, der schon ein Kunstwerk für sich ist. Die ganze Serie atmet die Erschöpfung einer zutiefst verlorenen Nation: Das hier ist die reine Wildnis, voll nackter Gewalt, religiösen Wahns, irrationalem Glücksstreben. Eine Welt voller Ungeheuer und monströser Einsamkeit. In so einer Welt ein Cop zu sein, ist selbst schon Wahn genug. Was ist „wahr“ an diesen beiden Detektiven, an McConaugheys Rustin Cohle und Martin Hart, den Woody Harrelson nicht minder großartig darstellt? Wie wahnsinnig sind Wahrheitssucher in einem Alptraum? Wie fertig macht einen eine Welt ohne Hoffnung? Martin und Rustin fahren durch dystopische Landschaften, besser hat man den Verfall der moralischen Führungsinstanz dieser Welt selten in Szene gesetzt. Rust never sleeps.

Ganz am Schluss versauen die Macher es wieder mit irgendeinem transzendentalen Quatsch und Erlösungsgestammel. Irgendwie können die Amis nicht ohne diesen Zinnober, auch wenn sie vorher auf das Überzeugendste der Ausweglosigkeit ein Denkmal gesetzt haben. Tipp: Die letzten 10 Minuten der Serie nicht anschauen.

Gern hätte ich die Serie in der Originalsprache gesehen (Sky bietet ja mittlerweile diese Option), aber Matthew McConaughey spricht einen dermaßen heftigen Slang, das mein Ohr so gut wie keinen seiner Dialoge entschlüsseln konnte. Schlichte Untertitel (auch auf englisch) hätten helfen können. Gibt’s aber nicht. Dafür dann eine aufwändig synchronisierte Fassung. Das verstehe wer will.

Na ja, und kaum war TD weggeschaut, spülte es mir auch schon „Mud“ auf den Bildschirm. McConaughey als ein Gejagter, jedoch von Grund auf Guter, der sich in so einer Art Tom-Sawyer-Plot mit zwei pubertierenden Jungs anfreundet, die ihm dann durch alle Schwierigkeiten hindurch helfen. Bemerkenswert an diesem Film war weniger die durchschnittliche Leistung McConaugheys, als vielmehr die Darstellung der beiden Jugenddarsteller: so überzeugend habe ich die Schmerzen des Erwachsenwerdens lange nicht gespielt gesehen. Allein dafür lohnt es sich, diesen Film anzusehen.

Und dann natürlich der „Dallas Buyers Club“. Bei uns in Essen war der Film trotz Oscar-Tamtam verflucht schnell wieder aus dem Kino verschwunden. Hatte ich natürlich verpasst. Also warten auf die DVD. Nach all den Vorschusslorbeeren und angefixt durch TD war ich dann beim Anschauen fast ein wenig enttäuscht. Natürlich ist es ein guter Film, aber ich hatte etwas erwartet, dass mich so heftig aus der Kurve trägt wie eben TD. Fast noch besser als McConaughey fand ich die Leistung Jared Letos, der den Homosexuellen Rayon so wunderbar brüchig darstellt, dass ich diese Figur nicht so schnell vergessen werde.

Einen Homosexuellen spielt McConaughey in dem Film „The Paperboy“ selbst, den Sky im August brachte, der mir aber gar nichts sagte. Dieses schwüle Florida-Sumpfdrama um den Journalisten Ward Jansen (McConaughey), der die Unschuld des zum Tode verurteilten Hillary van Wetter (schmierig und böse wie nie: John Cusack) mit Hilfe von dessen Verlobter (Nicole Kidman, die in diesem Film unerklärlicherweise wie 22 aussieht) und seines jungen Bruders (Zac Efron) beweisen will, beginnt etwas gemächlich und umständlich. Gerade als man beginnt, sich zu überlegen, ob man nicht doch besser wegschaltet, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Es gibt gewagte Sprünge in der Handlung und vor allem wegen der Kidman und wegen John Cusack wird man auch blendend unterhalten. McConaughey spielt hier eine seiner typischen amerikanischen Figuren: sehr brüchig, von Drogen und Alkohol zerfressen, am Schluss körperlich gebrochen. Irgendwie hat er das drauf und man nimmt ihm diese Figuren alle ab. Der Star dieses Films ist und bleibt jedoch John Cusack.

Hannibal, Staffel 2

Manche Dinge muss man nicht verstehen: So wurde die überdurchschnittlich großartige 2. Staffel von Hannibal den ganzen Sommer über auf dem Schmonzetten-Sender Sat1-Emotions weggesendet (Eigenwerbung: „In SAT.1 emotions dreht sich alles um Träume, Sehnsucht, Romantik und Liebe.“). Hätte ich dieses Serienjuwel nicht zufällig auf Sky Anytime entdeckt (also jenem Teil der Festplatte, die Sky von sich aus mit Filmen und Serien befüllt), wäre das wohl an mir vorbei gegangen. Und das wäre wirklich überaus schade gewesen (wobei Sat1 die Serie wohl sicher bald ins Free-TV übernehmen wird). Nachdem ich weiter oben schon TD so über den grünen Klee gelobt habe, schenke ich mir hier ein weiteres Ausholen. Nur so viel: Die Ästhetisierung des Grauens erreicht in dieser Serie einen neuen filmischen Höhepunkt. Wenn hier jemand bei strömenden Regen aus dem Fenster geworfen wird, sieht der Zuschauer eine überwältigende Zeitlupen-Choreographie aus Glassplittern, Wasser, Blut und Licht. Es ist einfach unglaublich, wie viel Aufwand hier für wenige Sekunden dauernde Szenen betrieben wird. Und das geht die ganze Staffel über so.

Insgesamt hat mir diese zweite Staffel deutlich besser gefallen als die erste. Die Figuren sind deutlich konturierter und der Kampf zwischen Hannibal (Mads Mikkelsen) und seinem Counterpart Will Graham (Hugh Dancy) steigert sich auf angenehme Weise im Laufe der Staffel. Zuweilen gleiten die Dialoge ins Salbaderische ab, vor allem, wenn Gilian Anderson als mondäne Dr. Bedelia Du Maurier mit von der Partie ist. Aber was soll’s: diesem schaurigen Psycho-Kammerspiel sieht man so einiges nach.

Riesenbluff-Filme

Wie nennt man eigentlich Filme, in denen die Hauptfigur unversehens in eine spannende Geschichte hineinstolpert, die sich dann aber für sie immer mehr zu Alptraum auswächst, und am Schluss herauskommt, dass sie von vorne bis hinten verarscht wurde? Alle Figuren, denen sie begegnete, stecken unter einer Decke, die ganze ein abgekartetes Spiel, nur um die Hauptfigur komplett auszunehmen.

Zwei solcher Filme sah ich jetzt: „Best Offer“ mit dem distinguierten Geoffrey Rush als gewieftem Kunstauktionator und „Thin Ice“ mit dem eigentlich ganz charmanten Greg Kinnear als etwas tölpelhaften Versicherungsmakler im verschneiten Winsconsin(?). Da wo „Best Offer“ noch mit tollen Locations und einer gediegenen Ausstattung glänzt, lebt Thin Ice eher von den schauspielerischen Leistungen der Nebenfiguren, allen voran Alan Armin als nur scheinbar vertrottelter Gorvy Hauer.

Walter Mitty

Irgendwo hatte ich gelesen, dass das Buch bzw. die Kurzgeschichte zum Film lange als unverfilmbar galt. Die Geschichte habe ich nicht gelesen, aber der Film wirkte nicht so so, als wäre hier Unglaubliches vollbracht worden. Ben Stiller hat irgendwie so etwas heinzrühmannhaftiges, das er auch in diesem Film gut rüberbringt. Toll fand ich Kristen Wiig als angebetete Cheryl. Die würde ich gern öfter sehen.

Lunchbox

Zufällig gelangt Ilas Lunchbox zu Saajan (Irrfan Khan) © AKFPL

Zufällig gelangt Ilas Lunchbox zu Saajan (Irrfan Khan)
© AKFPL

Die Filmplakate zu „Lunchbox“ hatte ich mir im vergangenen Winter im Kinoschaufenster angesehen, war dann aber doch nicht reingegangen. Was für ein Fehler: Denn dies ist ohne Zweifel einer der außergewöhnlichsten Filme, die ich in den vergangenen Monaten sah. Nicht nur, dass man hier Bekanntschaft mit dem schier unglaublichen Verteilsystem für Lunchboxen in Mumbai macht, man wird auch Zeuge einer zarten Fern-Liebesbeziehung zwischen einer unglücklichen Köchin und Ehefrau und einem traurig-einsamen Büroangestellten. Denn dieser erhält irrtümlicherweise jeden Mittag jene Lunchbox mit ausgewählten Köstlichkeiten, die eigentlich für den ruppigen Ehemann gedacht sind, den seine Frau mit ihren Kochkünsten zurückgewinnen will. Irgendwann beginnen die beiden, der Lunchbox kleine Nachrichten beizufügen… – ach, eigentlich könnte ich mir mal wieder ein Curry machen.

Gold

Ein Western mit Nina Hoss und Uwe Bohm? Muss man sich eigentlich nicht geben, aber dieser Film über deutschstämmige Goldsucher im Klondike-Rausch geht ganz in Ordnung. Regisseur Thomas Arslan hat vielleicht ein bisschen zu viel bei Jim Jarmusch abgeschaut, aber vielleicht hat das den Film gerettet?

Willkommen bei den Rileys

Ach: James Gandolfini! Warum müssen immer die besten so früh gehen? Der Mann war einfach eine Wucht und ohne ihn wäre dieser Film wahrscheinlich nur ein melodramatisches Langeweiler-Produkt geworden.

Five Days

Eine gute BBC-Miniserie, die sogar für den Golden Globe nominiert war. Eine Mutter und Ehefrau verschwindet in der ersten Folge. Die Folgen danach sezieren an scheinbar willkürlich herausgegriffenen Tagen die weitere Entwicklung des Falls. Kein üblicher Whodunit-Plot, sondern eine vielschichtige Erzählung und ansatzweise auch ein Psychogramm der britischen Gesellschaft. Downton-Abbey-Star Hugh Bonneville bleibt hier eher blass. Ganz toll: Janet McTeer als seine Kollegin Amy Foster.