Tatort vs. Polizeiruf 110

Es muss einmal deutlich gesagt werden, dass „Polizeiruf 110“ aufs Ganze gesehen die deutlich bessere Krimireihe ist als der „Tatort“. Seit es alle schick finden, parallel zum Tatort zu twittern, sind die Episoden immer schlechter geworden. Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt. Zwischendurch gibt es immer mal ein paar Highlights, aber die sind sehr rar geworden. Die Kölner kriegen es ab und zu hin, die Münchener auch. Und wenn sich die Wiener trauen würden, ein bisschen kottaniger zu werden, könnten sie zu den Meistern der Reihe aufsteigen. Münster ist immer hübsch, aber nicht mehr als oberflächlicher Krimi-Klamauk. Immerhin exzellent gespielt.

Meistens fahren Tatort-Kommissare in dicken Schlitten durch die Gegend, stellen Verdächtigen zwei überflüssige Fragen (die sie auch am Telefon hätten stellen können) und fahren dann wieder rum und plagen sich mit langweiligem privaten Zeugs. Die Geschichten sind meist wirr, überkomplex und ohne jegliches regionales Couleur. Leipziger Tatorte könnten ohne weiteres auch in Ludwigshafen spielen. Als einziges Zugeständnis an lokale Besonderheiten darf mal ein Pathologe oder die Sekretärin Dialekt sprechen. Eine rühmliche Ausnahme bildet seit neuestem das Dortmunder Team: Ein so rüpelhaft-kumpeliges Team könnte man sich in Hannover schlecht vorstellen. Das gibt’s so nur im Ruhrgebiet.

Der Polizeiruf hingegen schafft es immer wieder, außergewöhnliche kleine Geschichten aus der (ostdeutschen) Provinz zu erzählen, oft so wild und verspielt, wie es sich der Tatort nur bei Kommissar Murot in Wiesbaden traut. Der wohl großartigste Schauspieler der gesamten Polizeiruf-Reihe war für mich Kurt Böwe als Kommissar Groth, der seinem jungen, aufstrebenden Besserwisser-Kollegen Hinrichs (genial gespielt von Uwe Steimle) ein ums andere Mal zeigte, dass Erfahrung und Menschenkenntnis zu besseren Ergebnissen führen, als neumodisches Profiling us-amerikanischer Provenienz. Und das Ganze nur mit einem DDR-Tragebeutel in der Hand. Katrin Sass – auch so eine tolle DDR-Schauspielerin – sah ich gern in Potsdam ermitteln, ebenso wie Edgar Selge als einarmigen Tauber in München. Schmücke und Schneider waren verlässlich ruhende Pole in Halle an der Saale, allerdings zum Ende hin ein wenig verschnarcht. Und bitte: Wie überaus großartig beharken sich Sascha Bukow und Katrin König in Rostock! Und einmal, nur einmal, durfte Sophie Rois als Schwangerschaftsvertretung im Spreewald agieren. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sagen: Lieber RBB oder MDR oder wer immer da zuständig ist: Gebt uns Sophie Rois als Ermittlerin! Was Besseres könnte dem deutschen Krimi nicht passieren. Claudia Michelsen und Sylvester Groth versuchen sich seit ein paar Folgen in Magdeburg: Das könnte was Gutes werden. Vor allem wegen Sylvester Groth, der das Zeug zum internationalen Star hat (sein Auftritt in der Netflix-Serie „Sense 8“ lässt das zumindest erahnen). Na ja, und dann überstrahlt einer alle anderen, selbst den seligen Kurt Böwe, und das ist Matthias Brandt alias Hanns von Meuffels. Hier stimmt einfach alles: Drehbücher, Inszenierung, schauspielerische Leistung.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es ein Ermittlerpaar Matthias Brandt und Sophie Rois in einer schauerlich-melancholischen Serientäterjagd irgendwo in Brandenburg. Am liebsten so eine flirrende, irrationale Meta-Geschichte, die sich über 10 bis 12 Episoden hinzieht. Polizeiruf meets True Detective, das wär’s doch.

Inder, Streber und Berliner: Ein Trip nach Kamp-Lintfort

Unser Nawwi – also das Navigationsgerät in unserem Auto – hat ein paar seltsame Angewohnheiten. Beispielsweise will es uns in unserer Siedlung immer in eine No-Drive-Area führen, mitten hinein in ein Gewirr von Sackgassen. Die Stadtplaner Essens haben nämlich hier bei uns den teuflischen Plan in die Tat umgesetzt, einen undurchdringlichen Dschungel von verkehrsberuhigenden Straßenschranken zu installieren. Oft genug mussten wir in den vergangenen Jahren verirrte Fremde aus ihren Autos schälen, um sie vor dem bitteren Ende des Verdurstens zu erretten. Genau dort hinein, in die Zone des Grauens, will uns das Nawwi also jedes Mal hineinlocken.

Als Ortskundige umgehen wir natürlich die böse Falle und lenken den Kia in Richtung Freiheit. Während das Nawwi noch hektisch eine Neuberechnung der Route unternimmt, biegen wir schon auf die Katernberger Straße ein. So auch jüngst, als die Liebste und ich an den Rand des Ruhrgebietes unterwegs waren – nämlich in das sagenhafte Kamp-Lintfort. Dort wollten wir einen Teil unseres Sonntages verbringen, genauer gesagt: im oder am Kloster Kamp. Nachdem wir über die Autobahn 42 dorthin gezockelt waren, begann das Nawwi mit einer seiner nächsten Eigenheiten, nämlich mit der eigentümlichen Anweisung: „Bitte an der nächsten Ausfahrt rechts halten und dann sofort wieder rechts halten.“ Okay, man kann sich denken, was die Nawwi-Dame meint, allerdings betont die elektronische Stimme ganz extrem das zweite „halten“: Es klingt, also solle man dort halten – im Sinne von anhalten, stoppen. Erst rechts halten (also rechts abbiegen) und dann recht sofort rechts anhalten. Das ist natürlich kompletter Unsinn, aber jedes Mal bin ich versucht, mich rechts zu halten, dann sofort anzuhalten und dann die Liebste anzugrinsen.

Na gut: Kamp-Lintfort also. Sagenhaft ist es deshalb, als die meisten Menschen im Ruhrgebiet den Ort nur von den Autobahnschildern der A42 kennen, an deren westlichem  Ende sich Kamp-Lintfort befindet und deshalb auf sämtlichen Hinweisschildern als Fernziel aufgeführt wird. Niemand käme allerdings im Ruhrgebiet auf die völlig abwegige Idee, wirklich nach Kamp-Lintfort zu fahren. Kamp-Lintfort existiert eigentlich nur als Autobahn-Endstadt und markiert zugleich das westliche Ende (oder – je nach Sichtweise – den Anfang) des Ruhrgebietes. Am anderen Ende steht Hamm i.W. – jene großartige Stadt der Zugteilung – gemeinhin für die Begrenzung im Osten. Kamp-Lintfort und Hamm rahmen also eine der großartigsten Regionen Europas ein, prost Mahlzeit. Im Sinne der Heldengeschichten, die sich sich die Ruhris über ihre Region erzählen, wären Ortsnamen wie „Düsterwald“ und „Eisenberge“ sicher passender gewesen. Aber gut: Man muss nehmen, was man kriegt.

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Am Kloster Kamp angekommen steuerten wir direkt die Abteikirche an. Wenn jemand – wie wir in diesem Fall – gerade aus Italien zurückkommt, wo jedes 100-Seelen-Dorf über prachtvoll ausgestattete Kathedralen von petersdomartigen Ausmaßen verfügt, für den kann so eine Abteikirche wie die im Kamp-Lintfort nur eine große Enttäuschung sein. Von so viel Schlichtheit geblendet, suchten wir schnell das Weite und wollten ein wenig in den Klostergärten lustwandeln. Den in der Tat recht angenehmen, aber ebenfalls sehr schlichten Barockgarten hatte eine Gruppe von Indern bevölkert. Die schienen sich dort überaus wohl zu fühlen und ließen sich dann noch von mir in Gruppenstärke vorm Rundbrunnen ablichten. Wasserfontänen zischten hinter ihnen heiter in die Lüfte. Ich fühlte eine gewisse Befriedigung in mir aufsteigen: Ich hatte Inder in Kamp-Lintfort fotografiert. Wer kann das schon von sich behaupten?

Ein Abstecher in den Kräutergarten mit seinen verlockenden Düften trieb uns in die nahegelegene Gaststätte „Haus Bieger“. Dort speiste bereits der gemeine Kamp-Lintforter, sowie diverse Fahrradtouristen und Klosterausflügler. Am Nebentisch saß eine große, laute Gruppe, zu denen auch ein ca. Zwölfjähriger gehörte, der ständig mit seinen guten Lateinnoten prahlte. Nun ja, wir waren ja schließlich auch in einem Kloster, trotzdem wurde der Streber von niemanden zur Ordnung gerufen, aber mit Erdbeerkuchen zum Verstummen gebracht. Noch schlimmer aber war ein spilleriges Männchen um die 40, das sich in weiblicher Begleitung ebenfalls ganz in unsere Nähe setzte und von da an ununterbrochen redete. Als seine Begleitung einmal kurz weg musste, redete er trotzdem unbeeindruckt weiter. Es war allerdings unklar, mit wem er redete: Mit sich selbst, mit uns, mit dem Lateingenie? Und obwohl die ganze Szenerie nur wenige Minuten dauerte, wussten wir am Ende fast alles über diesen Mann: Dass er aus Berlin sei, dass er Berlin satt habe, insbesondere die U-Bahn-Schächte (sic!), und dass er hier am Niederrhein endlich einmal aufatmen könne… Hört mal, Ihr Berliner: Könnt Ihr nicht in Eurem Berlin bleiben? Müsst Ihr jetzt auch noch in Kamp-Lintfort rumlungern? Herrje.

Kiezrekorder – ein gelungener neuer Podcast

Ein kleines neues Podcast-Projekt kommt aus Berlin: Kiezrekorder. Klein deshalb, weil die ersten drei bisher erschienenen Folgen nur zwischen 5 und 10 Minuten lang sind. Das hat seinen Grund darin, dass es sich hier nicht um einen der üblichen Laberpodcasts mit durchschnittlich 270 Minuten pro Episode handelt, sondern um ein eher ungewöhnliches Format in der Podcast-Landschaft. Man kann also seinen Podcatcher durchaus auf normale Abspielgeschwindigkeit stellen und es bleibt trotzdem noch viel Rest-Tag übrig. Man sollte das sogar tun, denn „Kiezrekorder“ ist ein audiophiles Kleinod. Hier wird viel Wert auf ausgeklügelte Klangatmosphäre gelegt. In dem Monolog-Podcast ist immer nur eine Person zu hören. Es gibt keinen Interviewer, der Fragen stellt. Die O-Töne werden zu kleinen Geschichten zusammengebaut, die in ihrer Intensität stark nachwirken. Während Matthew, der Schriftsteller, Laura, die Barfrau oder Werner, der Kaffeeverkäufer von sich erzählen, ist ein beständiger Audioteppich im Hintergrund zu hören. Das ist nicht störend, sondern für die Atmosphäre ungemein wichtig. Audiotechnisch ist das Ganze also sehr gut gemacht, für den Ton im Podcast ist Nicolas Semak zuständig, der schon durch andere Podcast-Projekte (Mikrodilettanten) bekannt ist. Wer sich nicht auf die Bilder im eigenen Kopf verlassen will, kann sich auf Youtube oder Vimeo auch Bilder-Slideshows der Episoden ansehen. Für die Fotografie zeichnet der Berliner Architekt Christoph Michael verantwortlich. Auf der Website zum Podcast sagen die beiden Macher: „Wir werfen kurze Blicke auf Menschen, die uns auffallen. Auf ihren Alltag, ihre Beschäftigungen und ihre Leidenschaften.“ Erstes Fazit: Schönes Konzept, gut umgesetzt. Bitte mehr davon.

Laura | Die Kaiserin aus der Weserstraße from Nicolas Semak on Vimeo.

www.kiezrekorder.de

 

Pummelig in Goslar und Spaß dabei

Der ziemlich durchgeknallte August der Starke wollte den pfälzischen Kurfürsten mal übertrumpfen und ließ auf der Festung Königsstein in Sachsen ein riesiges Weinfass bauen. Da passten 238.000 Liter Wein rein. Wie ich den August kenne, hat der so ein Fässchen an zwei langen Wochenenden mit ein paar Kumpels leergezischt. Denn eigentlich war er ja nicht August der Starke, sondern August der Fette. Aber damals war Dicksein ja noch prima und ein Ausweis von besonderer Kernigkeit. Heute rennen alle wie blöde um den Block und schwitzen sich die drei Gummibärchen wieder aus, mit denen sie gestern über die Stränge schlugen.

Selbst Angela Merkel macht in ihrer Freizeit Skilanglauf, um sich die Konferenz-Kekse der langen EU-Beratungsnächte wieder abzutrainieren. Nur Sigmar Gabriel steht eisern zu seinem Pummeltum, jedenfalls sah ich ihn noch nie bei sportlichen Betätigungen. Außer dem Tippen auf seinem Smartphone. Aber wahrscheinlich muss man drei Jahre auf seinem Smartphone rumtippen, um ein Gummibärchen abzutrainieren. Sigmar Gabriel fährt übrigens immer Mittwochs von Berlin nach Goslar, um seine Tochter vom Kindergarten abzuholen. Denn Finanzminister müssen auch gute Väter sein. Aber da nimmt er bestimmt auch nichts bei ab, denn er fährt ja nicht auf seinen Skiern da hin. Ich weiß gar nicht, ob Sigmar Gabriel überhaupt Skier hat. Sowas steht natürlich nicht in der Zeitung. Jedenfalls fände ich es besser, wenn Sigmar Gabriel in Goslar ein Riesenfass Wein bauen ließe, um – sagen wir mal – Kurt Beck eins auszuwischen. Und der würde dann den Nürburgring zur längsten Theke der Welt umbauen. Ach Mensch – Deutschland ist so langweilig geworden.

Die Welt der alten Dame

Den ganzen Sommer und Herbst über habe ich morgens das Rollo meines Schlafzimmerfensters hochgezogen und meist stand dann im Haus gegenüber die liebe alte Dame auf dem kleinen Balkon ihrer Altenwohnung und schaute in der Gegend herum. Es war wirklich eine liebe alte Dame. Immer war sie freundlich, winkte einem zu, wenn man zu seinem Auto schlenderte und rief einem „Fahrt vorsichtig!“ hinterher. Den Plural wählte sie auch, wenn man allein war. Es gab einem ein gutes Gefühl beim Autofahren, wenn die liebe alte Dame einem christopherus-like einen Segen hinterherschickte. Mir jedenfalls gelang es dann immer, nicht so viele fußlahme Rentner, Entenküken und Menschen mit Schalke-Schals zu überfahren wie sonst immer. Die liebe alte Dame trug oft einen knallroten Pullover, der gut mit ihrem schlohweißen Haar harmonierte. Oft stand sie auch da und wartete auf die Pflegedienst-Frauen, die ihr bei ihren morgendlichen Verrichtungen zur Seite standen. Diese wurden immer mit royalem Armwinken freudig begrüßt und hinterher mit einem „Fahrt vorsichtig“ wieder verabschiedet.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass die alte Dame nur über ein eingeschränktes Kommunikations-Set verfügte. Eigentlich bestand es nur aus „Fahrt vorsichtig“ und – verdächtig inflationär verwendet – aus „Verrückte Welt“. „Verrückte Welt“ wurde meist jenen anderen alten Damen aus der Nachbarschaft zugerufen, die noch in der Lage und willens waren, auf die Straße zu gehen, um dort weitere Lebensinhalte zu sammeln. Die meisten jener alten Damen auf der Straße waren allerdings mit Rollatoren unterwegs, so dass ein „Fahrt vorsichtig“ hier durchaus passender gewesen wäre. Selbst der Plural wäre nicht unangebracht gewesen, wenn ich an die Geschwader denke, die sich rollatorengestützt täglich durch unsere ansonsten verkehrsberuhigte Straße quälen. Der Berufsverkehr auf der A42 ist nichts dagegen. Vielleicht sollten die Radioleute von dem Schlagersender WDR 4 dazu übergehen, Rollatorstaumeldungen in ihr Programm aufzunehmen. Verrückte Welt. An manchen Tagen bekam ich einen Schreck, wenn die alte Dame nicht zu sehen war, ihre Balkontür aber trotzdem geöffnet war. Dann ging ein weißgewandeter bärtiger Herr in der Wohnung herum. Ein Arzt? Ein Verwandter? Gott, der eine Auszeit vom Himmel brauchte? Ich weiß es nicht. Besorgt fuhr ich an solchen Tagen zur Arbeit und manche Entenmutter verfluchte diese Tage. Am folgenden Tag aber strahlte mir der rote Pullover wieder entgegen, wenn sich nicht ohnehin durch das bei uns stets „auf Kipp“ geöffnete Schlafzimmerfenster das ein oder andere „Verrückte Welt“ schon in meine allmählich verklingenden Träume gemischt hatte. Es waren schöne und glückliche Tage.

Bis hin zu jenem, an dem ich das Rollo in Tag-Stellung versetzt hatte und gegenüber das Grauen entdeckte. Die alte Dame war nicht zu erblicken, auch nicht Gott bei einer frischen Tasse Brühkaffee. Nein, da war stattdessen eine Horde stupider Entrümpler am Werke, grobschlächtige Typen, die das Mobiliar der alten Dame zu Kleinholz verarbeiteten und über den Balkon nach unten beförderten. Die alte Dame war – weg. Ich habe nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Vielleicht hat Gott sie nach oben geholt, weil er seinen Posten nicht so oft verlassen kann. Vielleicht ist sie da oben jetzt Verkehrsministerin und strickt nach Dienstschluss robuste Schalke-Schals. Ich wünsch’ ihr viel Glück bei ihrem weiteren Werdegang und denke ein wenig wehmütig daran, wie der Wind manchmal sanft mit ihrem schlohweißen Haar spielte.

Alles, was man über Werbe-Videos wissen muss

Die Zutaten für ein handelsübliches Video, mit dem uns zumeist US-amerikanische Firmen für ihre Produkte einnehmen wollen, sind erstaunlich simpel. Wir alle kennen diese Art von Videos. Kendra Eash schrieb einen grandiosen Text dazu. Ausgerechnet der Stock-Footage-Anbieter „Dissolve“ setzte den Text kongenial in ein Video um. Das Unternehmen schrieb dazu: „The minute we saw Kendra Eash’s brilliant “This Is a Generic Brand Video” on McSweeney’s, we knew it was our moral imperative to make that generic brand video so. No surprise, we had all the footage.

Herausgekommen ist dieses großartige Video.

Wir Disziplinmaschinen

Nun geht es also langsam los. Wie „Heise“ berichtete, will die „Generali“-Versicherung ihren Versicherten mit besonders gesundem Lebensstil Rabatte einräumen. Die Versicherung spricht davon, ihre Versicherten „aktiv zu schützen“ und deren „Lebensqualität“ zu steigern. Um an die erforderlichen Daten gelangen, sollen die Kunden ihrer Versicherung die Daten ihrer Fitness-Tracker übermitteln. Entwicklungen wie diese werden ja schon seit langem befürchtet und es wird wohl nicht lange auf sich warten lassen, bis andere Versicherer und Branchen nachziehen werden. Die Leistungsgesellschaft ergreift immer mehr Besitz auch von unseren Körpern: Wer künftig nicht in der Lage oder willens ist, seiner Krankenkasse eine gesunde Lebensführung nachzuweisen, wird finanzielle Nachteile erleiden.

Franz Josef Radermacher, der Ulmer Professor für künstliche Intelligenz, sieht uns über kurz oder lang als „Diziplinmaschinen“, die sich einem enormen Transparenzregime unterwerfen müssen. Es steht zu befürchten, dass er damit Recht behalten wird.

Spiegelwesen | Links, 15.11. 2014

Silicon Valley: Fünf Nichtschwimmer im Haifischbecken
(FAZ, Michael Hanfeld)
Scheint eine hübsche kleine Serie zu werden. Eine Folge sah ich bereits und war durchaus ganz angetan.

„Man denkt an mich, also bin ich“ – Sloterdijk im Gespräch
(SZ Magazin)
Überaus erhellendes Interview. Dieser Sloterdijk ist eine rundum ungewöhnliche Persönlichkeit. Das Interview hat mindestens fünf Antworten in denen er ganz beiläufig Sachen sagt, die mich komplett umhauen. Zum Beispiel diese Spontanreflexion über Spiegel, Ego und Hochmut.

„Ich habe übrigens lang über Spiegel und ihre ego-technischen Wirkungen nachgedacht. Früher wussten die meisten Menschen nur vage, wie sie aussehen. Für sie galt die Regel, wie ich behandelt werde, so schaue ich aus. Erst in den letzten 200 Jahren sind wir in Europa zu Spiegelwesen abgerichtet worden. Auch deswegen haben sich bei modernen Menschen die moralischen Verhältnisse so von Grund auf verändert. Die Moral diente früher ja vor allem dazu, Menschen bescheiden zu machen, oder, wie es katholisch heißt, demütig. Primär wurde diese Aufgabe von den Religionen wahrgenommen, die der Selbstliebe einen Riegel vorschieben. Seit überall Spiegel angebracht sind, übernehmen sie diese Funktion und machen neun Zehntel der Population per se ziemlich kleinlaut. Die übrigen zehn Prozent sind die Problemgruppe. In der großen Mehrheit brauchen wir keine Moralpriester mehr, um unseren Hochmut zu dämpfen, sondern Kosmetiker, die uns in Sachen verpasster Schönheit Nachbesserung versprechen.“

Fahr zur Hölle
(Gerhard Patzig, Süddeutsche Zeitung)
Schon seit mindestens 30 Jahren frage ich mich, warum Autos zunehmend gleichförmiger und hässlicher werden. An den Designern liegt es laut Gerhard Patzig allerdings nicht, eher wohl an Bürokraten, ängstlichen Managern und tumben Marketing-Leuten. Und an Trendforschern.

„Dann kamen die Trendforscher ins Spiel. Vermeintlichen Trends lief man lieber hinterher – statt auf die Fähigkeit zu vertrauen, selbst welche zu setzen. Einen Trend markiert die Retrowelle. Wie bitte? BMW ist damit erfolgreich, aus dem Mini von damals ein Auto gemacht zu haben, das nun aussieht wie ein an Adipositas erkrankter Doppelwhopper? Das können wir auch: Nun sieht auch der Fiat Cinquecento, der als „Topolino“, als Mäuschen also, seine Karriere 1936 begann, der sich bis 1975 auf dem Höhepunkt seiner Ästhetik befand, aus wie ein Batzen Blechknetmasse.“