lit.RUHR: Wir müssen reden, Xavier!

Xavier. Gna. Wer kommt eigentlich auf die Idee deutschen Sturmtiefs spanische Namen zu geben? Nennen Spanier ihre Hochs vielleicht auch mal Karl-Heinz? Oder Uwe?

Na, jedenfalls bedeutet Xavier, dass eine Reihe von Lesungen heute auf den Bühnen unter Personalmangel leiden. Moritz von Uslar und Lucas Vogelsang können nicht über „Heimat“ plaudern, weil sie in selbiger bleiben mussten. Und Nick Hornby muss allein über Fussball reden, weil Joachim Król partout nicht aus Berlin nach Essen zu schaffen war. Nick Hornby hat den Weg aus London offensichtlich unbeschadet und pünktlich hinter sich gebracht. Im schönsten Brit-Englisch erzählt er vom Krieg, also von der Zeit vor „Fever Pitch“, als er Samsung-Managern Sprachunterricht geben sollte, diese aber daran kein Interesse zeigten, sondern lieber Hunde züchten wollten. Es war wohl dann etwas schwierig für ihn, ständig neue Welpen zu beschaffen, wenn man um kulinarische Vorlieben von Koreanern weiß…

Scheint ein hübsch anekdotischer Abend zu werden, doch bevor es so weit kommt, springe ich doch schnell mal rüber zu Anneke Kim Sarnau und Bjarne Mädel, die an diesem Abend miteinander reden wollen und müssen. Obwohl man sich auf einer Zeche befindet, kommt man nicht untertage von Halle 12 zur Halle 5. Xavier hat das Zollverein-Gelände nämlich in einen Sumpf verwandelt, Stelzen wären jetzt nicht schlecht. Halle 5 ist mehr als knallevoll, aber ein Plätzchen ganz hinten finde ich noch und erahne in rund 700m Entfernung Frau Polizeiruf und Herrn Tatort(reiniger) auf der Bühne. Die sind offensichtlich bestgelaunt und exerzieren dabei alle Phasen partnerschaftlich-familiären Diskutierens durch: Von dummen Anmachgesprächen (Max Goldt!) über enervierende Ehegespräche (schon wieder: Nick Hornby), Ehepaare, die einen Witz erzählen (Kurt Tucholsky) bis hin zu Müttern, die partout nicht auf den frühsonntäglichen Anruf beim Sohnemann verzichten wollen. Letzteres ein herrlicher Herr-Lehmann-Text von Sven Regener. Und so sehr auch Bjarne Mädel dabei glänzt: Diesen speziellen, krähenden, norddeutschen Regener-Sound bekommt nur der Meister selbst richtig hin.

Und der ist ja morgen Abend hier und liest aus „Wiener Straße“. Und ich werde dabei sein, wenn Xavier nix dagegen hat.

lit.RUHR: Ein unterkühlter Auftakt im Salzlager

Die Literaten sind in der Stadt, besser: in der Region. Es ist „lit.RUHR“. Die lit.Cologne hat Nachwuchs bekommen. Hauptspielort: Zeche Zollverein. Das ist prima für mich, da kann ich schnell abends mal hinüberlaufen, ist ja fast in Sichtweite. Und da mich die Veranstalter freundlicherweise mit einer „Blogger-Wildcard“ ausgestattet haben, habe ich die freie Auswahl bei den Veranstaltungen.

Heute Abend ging es also los. Auf die Eröffnungs-Gala in der Essener Philharmonie hatte ich keine rechte Lust. Statt einen witzigen Abend mit allerhand Fernsehnasen wollte ich lieber „echte“ Literatur. Also rüber ins sogenannte „Salzlager“: Zadie Smith mit Schauspielerin Nina Kunzendorf, die die Smith’schen Texte auf deutsch zu Gehör bringt. Dazu eine Moderatorin vom SPIEGEL, Susanne Weingarten.

Das Salzlager auf Zollverein ist eine ziemlich große Halle. Sie ist an diesem Abend voll, nur hinten sind noch ein paar Plätze frei. Die drei Damen betreten pünktlich den Saal und schreiten unmittelbar zur Tat. Was jetzt für die nächsten exakt 90 Minuten folgt, ist eine überaus routinierte Buch-Business-Performance. Alles auf der Bühne wird perfekt abgespult, professionelle Fragen von Frau Weingarten, noch professionellere Antworten von Zadie Smith. Vorgetragen mit schönem dunklen Timbre in der Stimme, das rote Kopftuch der Schriftstellerin leuchtet durch den Saal. Frau Kunzendorf sitzt derweil still dabei. Sie sieht aus, als höre sie zu.

Routinierte Fragen zur Erzählerhaltung, den Orten des Romans, den Hintergründen der Geschichte, zu Brexit und Trump. Tendenziell interessant, aber eigentlich doch nur ein distanziert-unterkühltes Frage-Antwort-Spiel ohne besonderen Erkenntniswert. Kaum mal ein Lächeln, kaum mal ein spontanes Wort, nichts Inspirierendes. Wie höflich aufmerksam ist doch dieses Publikum angesichts so pragmatischer Abgezocktheit. Jetzt liest Frau Kunzendorf aus „Swing Time“, und sie liest sehr gut. Trifft genau den Ton der fein gewebten Roman-Sprache Zadie Smiths, fühlt sich gut ein in den Takt der detailgenauen Beobachtungen der Erzählerin. Auch das – natürlich – perfekt. Frau Kunzendorf lehnt sich zurück. Hört weiter unbewegt zu.

Nach genau 90 Minuten ist das Spiel zu Ende, keine Verlängerung. Schiedsrichterin Weingarten pfeift energisch ab. Höflicher, kurzer Applaus, ohne Wärme. Frau Smith geht zum Büchertisch: Signierstunde. Das rote Kopftuch leuchtet durch den Saal.

Püntenell

Püntenell, der Hahn

Die Liebste und ich verbringen ein paar Tage in Groningen. Wir haben per Airbnb eine hübsche kleine Wohnung auf dem Lande gemietet, wo uns Hühner, Perlhühner, Hund und Katze beim Frühstück zwischen den Beinen herumlaufen. Wir fahren jeden Tag mit dem Auto zu einem Park&Ride-Platz und von dort mit einem schnellen Bus hinein in die Stadt. Da das DAB-Funksignal von Deutschlandfunk Nova nicht bis nach Groningen reicht, haben wir im Autoradio irgendeinen holländischen Sender eingestellt, der in schöner Regelmäßigkeit auch Werbespots ausstrahlt. Wir sind das als verwöhnte Deutschlandfunk-Hörer nicht gewohnt, aber trotzdem ganz Ohr und versuchen aus dem schnell gesprochenen Niederländisch Sinnfetzen zu erhaschen. Besonders angetan hat es uns das Wort „Püntenell“, das quasi in jedem zweiten Spot vorkommt. Wir fragen uns, ob das vielleicht irgendein für die Werbesprache wichtiges Adjektiv ist. Etwas, das Dinge und Waren besonders anpreist, womöglich in Umgangssprache. Vielleicht die holländische Entsprechung für „knorke“ oder so etwas: „Kaufen Sie unseren neuen Toaster. Der ist echt püntenell!“. Das geht tagelang so. Eine Recherche mit Google-Übersetzer bringt keine zufriedenstellenden Ergebnisse: Es püntenellt so vor sich hin und wir sind weiter ahnungslos. Bis es endlich bei der Liebsten klick macht: Und zwar bei einem Werbespot von Kaspersky Labs. Am Schluss des Spots wird der Hörer gebeten, doch mal im Internet bei Kaspersky vorbeizuschauen: WehWehWehKasperskyPüntenell.

Ja ja, ganz recht: Püntenell ist nichts anderes als die länderspezifische Top-Level-Domain der Niederlande: „.nl“. Kurzzeitig überlegen wir, den stolzen Hahn in unserer Ferienwohnung Püntenell zu taufen. Der sieht nämlich echt voll püntenell aus:

Püntenell, der Hahn

Alexander von Humboldt – Ein Popstar der Wissenschaft

Was für ein Buch! Was für ein grandioses Abenteuer! Was für eine faszinierende Hauptfigur! Ganz gegen meine bisherigen Lesegewohnheiten, hatte ich dem Werben Amazons um ein dreimonatiges Audible-Abo dann doch nachgegeben und mir als Erstes Andrea Wulfs dicken Schinken über Alexander von Humboldt geklickt. Immerhin 16 Stunden Vorlesezeit über einen Mann, der uns Heutigen doch etwas fern scheint. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das durchhalten würde, zumal ich Hörbücher bislang vor allem als Einschlafhilfe wahrgenommen hatte. Doch dann kam dieser wunderbare März mit seinen überraschend schönen Tagen, ich schwang mich aufs Rad, stöpselte die neuen AirPods ein – und war mittendrin in der aufregendsten Expedition.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich überhaupt vorwärts kam auf dem Rad, so viele Bauklötze staunte ich über den wahrscheinlich unglaublichsten Mann des 19. Jahrhunderts. Einen Multitasker reinsten Wassers, der vor lauter Projekten nicht still sitzen konnte, der schnell sprach wie ein Wasserfall, der tausende Einfälle zugleich hatte und sie überall hinkritzelte. Wenn er an einem Manuskript arbeitete, schrieb er das Blatt voll mit Notizen zu anderen Projekten, wenn die Blätter nicht ausreichten, kratzte er die Gedanken ins Holz seines Schreibtischs, bis dieser über und über voll mit eingeritzten Sätzen und Skizzen war. So sah Evernote um 1820 aus. Speicherplatz war wohl schon immer knapp. Ein Zeitgenosse verglich Alexander von Humboldt mal mit einem kleinen Jungen: Wenn dieser seine Taschen leerte, kamen hunderte von wichtigen Dingen zutage, Steine, Pflanzen, kleine vollgeschriebene Zettel, Dinge, die er am Wegesrand eingesammelt hatte und die alle eine für ihn ungemeine Wichtigkeit besaßen.

Offensichtlich war er nicht kleinzukriegen: Er wanderte mit blutigen Füßen auf die höchsten Berge Südamerikas. Und wenn die Lasten-Träger längst aufgegeben hatten, schleppte er halt selbst seine schweren Instrumente bis er ohnmächtig wurde. Zehntausende von Kilometern in rumpeligen Kutschen durch unwegsames Gelände? So what? Mit knapp 60 nochmal monatelang durch Russland? No problem!

Humboldt reiste, maß, sammelte, schrieb wie ein Wahnsinniger, er kannte alle wichtigen Menschen seiner Zeit und korrespondierte ohne Unterlass mit ihnen, er war eine Weltautorität. Den US-Präsidenten Jefferson besuchte er im halbfertigen Weißen Haus, wo dieser im Holzfällerhemd und kaputten Schlappen hauste – ein Bruder im Geiste Humboldts, dessen Unterhosen zum Trocknen draußen im Garten des Weißen Hauses im Wind flatterten. Andrea Wulfs Buch ist voll von solchen wunderbaren Schnurren. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

In der Rückschau mutet es vollkommen unrealistisch an, dass jemand wie Humboldt – offensichtlich homosexuell, atheistisch und – ganz Kind der Aufklärung – oppositionell gegen alles Despotische und Kolonialistische -, dass also jemand, der alle Eigenschaften für ein Außenseiter-Dasein in sich vereinigte – einer der berühmtesten Menschen seiner Zeit werden konnte. Er war ein – finanziell freilich gut ausgestatteter – unabhängiger Geist, der die Enge und Engstirnigkeit des deutschen Biedermeier hasste und aus dem kalten und wissenschaftsfeindlichen Berlin flüchtete, wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. Das Zentrum der Wissenschaft war das nachrevolutionäre Paris. Dort hatte Humboldt zeitweise mehrere Wohnungen, in denen er nicht selten rund um die Uhr arbeitete, dort herrschte das Klima, das sein wacher Geist brauchte, um zu blühen.

Und er war ein Star. Seine berühmten Berliner Vorlesungen waren begehrt wie heutzutage Popkonzerte, teilweise hielt er an mehreren Abenden in der Woche seine äußerst unterhaltsamen Vorträge, die auf Berlins Straßen sogar für Verkehrsprobleme sorgten. Unglaublich: Ein Wissenschaftler als Popstar, der es auch mühelos schafft, Nicht-Wissenschaftler zu begeistern.

Erzähl’ das mal heute in irgendeinem MINT-Forum, wo sie verzweifelt versuchen, den Nachwuchs für die Naturwissenschaften oder Technik zu begeistern. Wir bräuchten wieder ganz viele Humboldts, um die nachwachsenden Generationen für die neuen Welten zu begeistern, die wir zweifellos noch erforschen werden. Aber wir müssen lernen, sie freizulassen, damit sie den Mut und Kraft haben, Berge zu erklimmen und Steppen zu durchqueren. Nur die Köpfe, die nicht ständig zu irgendetwas gedrängt werden, fangen irgendwann an, selber zu denken. – Eindrucksvoll nachzulesen bei Andrea Wulf.

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Gelesen von Christian Baumann. Der Hörverlag. 2016. 

Spotlight

„Spotlight“ ist ein Film über den amerikanischen Journalismus. Oder sollte man besser sagen: Über das Bild, das sich intellektuelle US-Amerikaner über Journalismus machen, den sie gerne hätten? Nach allem, was ich über amerikanische Medien – insbesondere das TV – weiß, würde ich eher glauben, dass guter, ehrlicher, weitgehend unabhängiger Journalismus in den USA eher ziemlich selten praktiziert wird. Ich kenne mich aber im Print-Journalismus der USA zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob dieser moralisch überhöhte Enthüllungsjournalismus, der uns bei „All The President’s Men“ (1976), „The Insider“ (1999) oder jetzt eben bei „Spotlight“ präsentiert wird, wirklich eine relevante Konstante im us-amerikanischen Journalismus ist. Gibt es sie wirklich, die unerschrockenen Herausgeber und Chefredakteure, die gegen jegliche Drohgebärden aus den Machtzentren der Politik (oder, wie wie bei Spotlight, der Kirche) immun sind, und die die journalistische Unabhängigkeit gegen jede Anfeindung von außen verteidigen? Gibt es sie wirklich, die selbstvergessenen Journalisten, die ihr letztes Hemd für eine gute Story verkaufen würden, die Unbestechlichen, die nichts als der Wahrheit verpflichtet sind?

Filme wie „Spotlight“ funktionieren, weil wir allzu gerne bereit sind zu glauben, dass es diese Typen gibt. Wir nehmen es ihnen ohne viel Nachdenken einfach ab. Der Mann oder die Frau mit dem schmalen Spiralblock in der Hand, hektisch Aufzeichnungen kritzelnd, sind ein Allgemeinplatz, den wir nicht großartig in Frage stellen. Rachel McAdams oder auch Michael Keaton verkörpern solche Typen in Spotlight: Sie spielen ihre jeweilige Rolle noch nicht einmal besonders überragend, aber wir akzeptieren sie, weil wir solche Art von Typen mögen. Etwas anders verhält es sich mit der Figur Michael Rezendes, gespielt von Mark Ruffalo. Ihm gelingt es fast als Einzigem in der ganzen Journalisten-Riege, seine Person als Individuum zum Leben zu erwecken und nicht nur einen Typus darzustellen. Seine Figur lebt und beschäftigt den Zuschauer, weil man mit ihm durch die Geschichte leidet, mit ihm nicht fassen kann, welcher Abgrund sich da auftut.

Noch etwas anders verhält es sich mit Liev Schreiber als Herausgeber Marty Baron. Er verkörpert so eine Art heiligen Außenseiter: Immer Herr der Lage, immer die ganze Sache im Blick, immer bereit, aufs Ganze zu gehen. Dabei ruht er – fast etwas autistisch – in sich selbst, bleibt stets freundlich, aber unnachgiebig. Man liebt diese Figur, weil man sich wünscht, dass es solche klugen, unabhängigen Köpfe in leitenden Positionen auch in der Realität gäbe…

Und dann ist da noch Stanley Tucci, der den Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian mit armenischen Wurzeln gibt. Tuccis Performance in diesem Film ist überaus bemerkenswert, denn er braucht nur ganz wenige Szenen, um seine komplexe Figur in allen Facetten vor dem Zuschauer auszubreiten. Tuccis Anwalt blickt so gut wie nie jemanden an, er ist ununterbrochen beschäftigt, er liest, er isst, er schreibt, während er versucht, nervige Gesprächspartner abzuwimmeln. Dieser Mann hat keine Zeit und keine Kraft, sich auch noch mit Journalisten zu beschäftigen. Tuccis Garabedian-Figur ist von so düsterer Wut und unbeirrbarer Klarheit, dass die Leinwand wackelt.

„Spotlight“ ist auch ein Film über journalistisches Arbeiten. Er zeigt, unter welchen Bedingungen guter Journalismus entsteht, wo eventuelle Fallen lauern und was journalistischer Alltag bedeutet. Wenn in New York zwei Türme umfallen, kann auch die wichtigste Geschichte in den Hintergrund geraten. Und ja, auch die Angst davor, dass die Konkurrenz eher mit einer Geschichte rauskommt, wird immer wieder thematisiert: Wie lange kann man die eigene Geschichte zurückhalten bis sie rund und ausrecherchiert ist, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, zu früh damit rauszukommen. Was heißt es überhaupt, die richtigen Quellen zu finden, wie kann man erkennen, wer nur ein Schwätzer oder Wichtigtuer ist, und wer wirklich etwas zu Wichtiges zu sagen hat? Wie beeinflusst der redaktionelle Alltag mit Kollegengeschwätz oder Ressort-Eifersüchteleien die Recherchearbeit? Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Facetten journalistischen Arbeitens dieser Film darzustellen vermag. Und noch viel erstaunlicher war es zu sehen, dass Recherchieren im Jahr 2001 (da spielt die Handlung) noch fast ausschließlich analog vonstatten ging. Da gibt es Berge von Zeitungsausschnitten und öffentliche Verzeichnisse, die in mühevoller Kleinarbeit durchforstet werden – Datenjournalismus in vordigitaler Zeit. Das ist ganz und gar nicht heroisch oder spektakulär. Das ist einfach nur Fleiß und Disziplin. Wer solchen Journalismus ermöglichen will, muss Zeit und Geduld haben. Wer hat die in diesem Business heute schon noch? So gesehen, muss man Spotlight als ein Porträt einer bereits untergegangenen Epoche betrachten.

Der Uni-Präsident schreibt

Einen wunderbaren Quatschsatz fand ich heute in der Deutschen Universitätszeitung (duz). Hier schreibt ein leibhaftiger Uni-Präsident zu Beginn eines sehr langen Textes folgenden Satz:

Eine Gesellschaft ist, vereinfacht gesagt, ein System aufeinander bezogener Rollen, in dem die Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten trainiert wird.

In diesem Satz natürlich wird nichts vereinfacht, sondern bis zum Facepalm verkompliziert. Warum lassen Redaktionen solche Sätze eigentlich durchgehen? Warum schreiben hochdekorierte Uni-Präsidenten solche Sätze (oder lassen schreiben) ? Ich habe bis zum Schluss des Artikels versucht herauszufinden, was wohl eine „Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten“ ist. Vielleicht habe ich es nicht herausgefunden, weil mir eben jene Kompetenz fehlt?

8. März 2016

"Mein Baum für Essen"

Ein kalter, nebliger Wintertag an der Ruhr. Aber am Nachmittag kam dann doch noch die Sonne raus. Grund genug, noch schnell für ein halbes Stündchen in den Park zu laufen, Angus & Julia Stone zu lauschen und ein paar Liter schöne, kalte Luft zu tanken.

Von großen Geistern verlassen

RWE-Pavillion der Philharmonie Essen.

RWE-Pavillion der Philharmonie Essen (März 2016).

 

So sah heute Mittag der Platz vor dem RWE-Pavillon an der Essener Philharmonie aus. Bis vor kurzem standen hier noch drei großartige Skulpturen, nämlich die „Ganz großen Geister“ des Künstlers Thomas Schütte. Die standen hier über zehn Jahre lang, bis ihrem Besitzer, dem Sammler Thomas Olbricht, plötzlich einfiel, dass den Figuren durch Vandalismus oder Metalldiebe Ungemach drohen könnte. Und so wurden die überdimensionalen Figuren kurzerhand von einer Spezialfirma abgebaut und in Sicherheit gebracht. Dass einer der Figuren bei der Aktion der Kopf abgerissen wurde, gab zwar Anlass zur Schadenfreude, war aber nur ein schwacher Trost für alle Kritiker. Essen hat nun eine Kunst-Attraktion weniger. Aber bis auf ein paar Zeitungsartikel scheint sich so recht niemand darüber aufregen zu wollen. Die Essener zucken die Schultern und gehen ihrer Wege. Ich trauere den Figuren bei jedem Mittagsspaziergang nach und bin froh, die Großen Geister im vergangenen Dezember noch fotografiert zu haben. Da sah der Platz vor dem Pavillon noch so aus:

Thomas Schüttes "Ganz große Geister" vor dem RWE-Pavillion der Essener Philharmonie.

Thomas Schüttes „Ganz große Geister“ vor dem RWE-Pavillon der Essener Philharmonie. (am 10.12. 2015)

 

Show Me A Hero

Ich hatte in diese kleine Serie schon mal reingeschaut, als sie bei Sky noch im englischen Original verfügbar war, hatte dann aber relativ schnell und etwas entnervt aufgegeben: Wie immer bei diesen amerikanischen Politgeschichten gibt es schnell dahin genuschelte Dialoge, viel Geschrei und sonstige Gegebenheiten, die einem das Einhören nicht gerade einfach machen. Die etwas spröde 80er-Jahre-Optik dieser sogenannten HBO-Miniserie hatte mich aber ziemlich begeistert. Und so war ich froh, dass Sky vor ein paar Wochen die deutsch synchronisierte Fassung brachte. Leider gab es pro Woche nur eine Folge, aber von Woche zu Woche wurde ich ein größerer Fan dieser eigentlich sehr unspektakulären Geschichte um den Politiker Nick Wasicsko. Der wird 1987 unversehens jüngster Bürgermeister von Yonkers, einer kleinen Stadt ganz in der Nähe New Yorks. Doch in Yonkers tobt der Mob – in diesem Fall der weiße Mittelstands-Mob, der sich gegen ein schwarzes Wohnprojekt mit bezahlbarem Wohnraum in bester Yonkers-Lage auflehnt. Ein unerschrockener Bundesrichter hat das verfügt und will auf diese Weise der allgegenwärtigen Rassentrennung entgegen wirken. Der immer erbitterter geführte Kampf um dieses Wohnprojekt legt über Jahre hinweg die Kommunalpolitik lahm, beendet politische Karrieren oder spült neue Kandidaten an die Spitze.

Die ganze Geschichte geht auf wahre Begebenheiten zurück – und wenn man das nicht wüsste, hätte man den unverhohlenen, empörenden Rassismus, den die Serie beschreibt, wohl zuweilen als recht übertrieben empfunden. Wer hätte gedacht, dass es noch 1990 so tiefe Gräben zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Arm und Reich, gab und so offen zur Schau getragen werden konnte?
Was diese Serie so besonders macht, sind nicht nur die unfassbar guten Schauspieler (allen voran Oscar Isaac in der Hauptrolle, für die er den Golden Globe bekam), sondern die Tatsache, dass die Beschreibung der sozialpolitischen Trostlosigkeit von Yonkers ohne jeglichen Kitsch auskommt. Fast beläufig werden Einzelschicksale beleuchtet, um die Lebenssituation von Schwarzen in prekären Verhältnissen zu zeigen. Aber hier gelingt, was in deutschen Produktionen fast nie geschieht: es ist nicht peinlich, nicht hoffnungslos überzogen. Es ist einfach nur wahrhaftig. Es sind stille Beobachtungen, ohne moralische Bewertungen, alberne Tränendrüsendrückereien oder überflüssige Dramatisierungen.

Und dann die Schauspieler: Oscar Isaac gibt uns den unsicheren und doch sehr ehrgeizigen Provinzpolitiker, der stets das Gute will, aber letztlich doch scheitert: am eigenen Anspruch und der eigenen Angst, am rücksichtslosen Rassismus, am politischen Personal seiner Stadt, das mehr einem Haifischbecken als einem Parlament ähnelt. Und wer sich da alles tummelt: James Belushi als polit-gestählte Bürgermeister-Ikone, Alfred Molina als unfassbar schmieriger Ex-Polizist und Wohnprojekt-Gegner oder Wynona Ryder als Vertraute von Oscar Isaac. Bis in die Nebenrollen hinein ist diese Serie exzellent besetzt. Allein Catherine Keener zu beobachten, ist eine Wonne. Ihre Figur macht in der Serie die wohl bemerkenswerteste Wandlung durch: die von der besorgten, hasserfüllten weißen Mittelstandsbürgerin hin zur informierten, verstehenden Frau, die auf offener Straße ihren Widerstand gegen den bohrenden Hass der Weißen probt.

Oscar Isaac war mir vor dieser Serie noch gar nicht so sehr aufgefallen. Aber seitdem bemerke ich, wo ich ihn überall schon gesehen haben. Zuletzt natürlich in Star Wars, aber – herrje – ich sah ihn schon als Hauptdarsteller bei Coens in „Inside Llewyn Davis“. Und dann noch letztens, als wir mehr durch Zufall „Die zwei Gesichter des Januars“ sahen, in dem er Viggo Mortensen locker an die Wand spielt.

Ja, und dann wie immer in guten Serien: die Bilder. Was nützt die beste Geschichte, bringen die besten Schauspieler, wenn die Bilder nicht stimmen? Hier taucht man von Beginn an tief ins trostlose braun-grau der 80er-Jahre ein, eine perfekte Symphonie aus Krawattennnadeln, Schulterpolstern und Zigarrenrauch. Period Drama at it’s best!

Die große Leere – Tim Richmonds USA-Fotos

Sieben Jahre lang reiste der britische Fotograf Tim Richmond immer wieder durch Wyoming, Montana, Utah und South Dakota. Das Ergebnis dieser persönlichen Odyssee durch den amerikanischen Westen liegt nun in Form eines wahrlich großartigen Bildbandes vor. Richmonds melancholischer Blick zeigt leere Bierdosen, die vom Wind durch verlassene Straßen getrieben werden … Schilder, die vor Crystal Meth warnen … einen Vietnam-Veteran, der 20 Jahre seines Gedächtnisses verloren hat … einen Zug auf dem Weg durch tausende Quadratkilometer Leere … eine ganze Stadt zum Verkauf … eine tätowierte Kellnerin im Neonlicht. Sie alle bevölkern „Last Best Hiding Place“ (Slangausdruck aus Montana für ein Leben als Aussteiger), wo Orte und Menschen gleichermaßen allein und voller Melancholie erscheinen.

Der international erfolgreiche britische Fotograf Tim Richmond (*1959) wandte sich nach dem Tod seiner Frau 2008 eigenen Langzeitprojekten zu, nachdem er 20 Jahre für Publikationen wie L’Uomo Vogue, Vogue, Vanity Fair, The Telegraph Magazine, Nowness gearbeitet hatte. Last Best Hiding Place (2007– 2014) ist das erste abgeschlossene dieser Projekte.

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Tim Richmond: Last Best Hiding Place
Herausgeber: Lee C. Wallick, Tim Richmond
Autoren: Jörg Colberg, Tim Richmond
144 Seiten, 66 Farbabb.
Englisch
ISBN 978-3-86828-603-8
Euro 39,90
Kehrer-Verlag 2015