Oh Boy – Der Sommer von 1975

Oh Boy-CoverEin paar Wochen lang bin ich im Sommer 1975 immer wieder zu diesem Plattengeschäft hingelaufen. Das heißt, es war eigentlich gar kein reines Plattengeschäft. Es war mehr der örtliche HiFi-TV-Händler, der nebenbei auch Schallplatten verkaufte. Der hatte die Single, die ich unbedingt haben wollte, im Fenster liegen: „Mud – Oh Boy“. Die waren mächtig angesagt in diesem Sommer, in England sogar die Nr. 1. Aber ich hatte lange Zeit nicht die notwendigen 6 Mark dafür. Doch dann – nach einem Besuch der im beifälligen Geldzustecken immer verlässlichen Tante aus Duisburg, hatte ich die Kohle endlich zusammen. „Oh boy“ war mein!

Oh, was für ein Schatz. Ich trug ihn aufgeregt nach Hause, stellte meinen „Mister Hit“-Plattenspieler auf 45 Umdrehungen ein und genoss das gute Stück. All zu lang dauerte das Glück allerdings nicht an. Ein verdammt kurzes Stück war dieses „Oh boy“, 2:53. Also gut, dann nochmal von vorne. Und noch mal. Jetzt waren knapp zehn Minuten vergangen. Vielleicht mal die B-Seite anhören? Ich weiß nicht mehr, was es war, aber es nicht der Knaller. Typisch B-Seite halt. Und um dieses kurze Vergnügen hatte nun mein gesamtes aktuelles Finanzvolumen wochenlang gekreist? Das außerdem zur Folge hatte, dass ich jetzt komplett pleite war.

Vielleicht hätte ich mir doch die neue von Suzi Quatro holen sollen. Oder von The Sweet. Mud war sowieso irgendwie ein bisschen langweilig. Ach, am besten wäre es, man hätte die neue LP von „K-Tel“: da waren alle aktuellen Hits, die man sich überhaupt nur wünschen konnte, drauf. Aber eine LP für 20 Mark – wie sollte ich mir das jemals leisten können? Da müsste die Tante ja wöchentlich zu Besuch kommen. Und den alten Sachen, die man zu Weihnachten bekommen hatte, konnte ich langsam auch nicht mehr hören.

Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, dann tue ich das immer mit ein bisschen Wehmut. Man neigt zwar oft dazu, die eigene Vergangenheit zu verklären. Aber wie ich mich in diesem Sommer fühlte, das weiß ich heute noch ganz genau: das Leben war voller Möglichkeiten, es fühlte sich alles so überreif an, aber diese Musikknappheit war irgendwie niederschmetternd. Und wir hatten nur diesen vollkommen bescheuerten Radio-Cassettenrecorder „Universum“ von Quelle, der ewig Bandsalat verursachte und der das Mikrofon außen hatte. Das heißt, das elende Ding nahm auf, was es selbst vorne aus dem Lautsprecher rausdudelte. Selbst damals, als halbes Kind und mit geringem technischen Sachverstand, wollte mir nicht in den Kopf, warum dieses Gerät das Musiksignal nicht direkt auf das Band kopierte.

Ein Leben für die Chromdioxid-Compactcassette. 50 Mal überspielt, das Magnetband bei Kabelsalat mühsam mit dem Bleistift wieder zurück gedreht.

Was war das für ein Gehampel, bis man mal ein paar gute Lieder halbwegs unfallfrei auf die Cassette gebracht hatte. Meistens quatschten die Moderatoren am Anfang oder am Ende ins Lied hinein und man hatte grundsätzlich das Knacken vom gleichzeitigen Runterdrücken der Aufnahme- und der Play-Taste auf dem Band. Und der Super-GAU war stellte sich natürlich dann ein, wenn nach stundenlangem Warten auf das richtige Lied jemand während der Aufnahme ins Zimmer kam und irgendwas Belangloses in die Gegend quakte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine heutige Vorliebe für eleganten Elektronikschnickschnack mit den leidvollen Erfahrung mit jener Technikkatastrophe aus dem Hause Quelle zu tun hat. Nie wieder, so musste ich schon damals empfunden haben, wollte ich ähnliches Niederschmetterndes wieder erleben. Wer gezwungen ist, seine Kindheit mit Quelle-Produkten zu verbringen, entwickelt als Erwachsener zwangsläufig eine lebenslange Affinität zu Produkten aus Cupertino. Das bestätigen auch neueste amerikanische Studien (E. F. Chresmo: „Does Apple‘s success depend on ,Quelle‘?“, UCLA 2011). – Doch ich schweife ab.

Dummerweise war ja auch Radio nicht das, was man heute darunter versteht. Radio war sehr ernst. Der WDR galt irgendwie als „roter Sender“ – insbesondere WDR 2. Alles war sehr politisch, insbesondere im Morgenmagazin. Da wurden immer Politiker interviewt. Und im Mittagsmagazin gab es um 14:45 Uhr eine markante Fanfare und dann kam „Quintessenz – Fakten für Verbraucher“. Vorher wurden aber noch in staatstragendem Ton die Preise für die „Feinunze Gold“ an der Londoner Börse durchgegeben. In der Rückschau kommt es mir vor, als sei damals überhaupt keine Musik in diesen Sendungen gespielt worden. Was natürlich Quatsch ist.

Der absolute Musikhöhepunkt der Woche fand immer Mittwochs statt. Dann schalteten alle, die was auf sich hielten, „Diskothek im WDR“ mit dem legendären Moderator Mal Sondock ein. Heute ist das kaum noch denkbar, dass sich Schüler gegenseitig fragen, ob sie am Abend vorher eine bestimmte Radiosendung gehört haben. Wir taten das. Nun gut, wir hörten auch Bay City Rollers oder Rubettes – das würde man heute auch nicht mehr tun. In der Glotze gab es „disco“ mit dem spillerigen Ilja Richter und seinem legendär gewordenen Erkennungsruf „Licht aus! Spot an!“. Die Sendung war nicht schlecht, aber da sprangen manchmal auch die Schlagerfuzzis rum, und das ging ja mal gar nicht.

Und das war‘s dann auch schon, wenn man man als Halbwüchsiger Mitte der 70er Jahre, nach Musik dürstete. Ein Leben für die Chromdioxid-Compactcassette. 50 Mal überspielt, das Magnetband bei Kabelsalat mühsam mit dem Bleistift wieder zurück gedreht. Schließlich war auf dem Band die unwiderbringliche Aufnahme von Barry Ryans „Eloise“, in die Mal Sondock mal nicht reingequatscht hatte…

An all dies musste ich zurückdenken, als ich jetzt meinen Sohn beobachtete, der sich mit dem iPod in der Hand und dem immer verfügbaren Highspeed W-LAN durch die Musikwelt bewegte. Er ist jetzt etwas jünger als ich damals in jenem Sommer 1975. Musik und  Videos sind für ihn immer verfügbar. Meistens sogar ganz ohne die Notwendigkeit, dafür etwas vom Taschengeld abzweigen zu müssen. Er muss fast den Eindruck gewinnen, dass das zur Grundversorgung des modernen Menschen gehört. YouTube, Grooveshark oder Spotify machen‘s möglich.

Verglichen mit dem Sommer 1975 ist das ein paradiesischer Zustand. Man könnte allerdings argwöhnen, dass das einzelne Musik-Kunstwerk durch die permanente Verfügbarkeit der halben Popmusik-Geschichte im Netz entwertet wird. Wo der Kühlschrank immer voll ist, verdirbt auch vieles. Oder man überfrisst sich permanent. Man ist nicht mehr in der Lage, die Qualität der Speisen überhaupt zu würdigen.

Mag sein, dass das hin und wieder so ist. Jene Sehnsucht nach Musik, wie ich sie Mitte der Siebziger empfand, kennt der Nachwuchs heute jedenfalls nicht mehr. Und das ist wohl auch gut so. Und doch: Wenn ich mich in der Erinnerung vor diesem Schaufenster stehen sehe, dann kommt es mir so vor, als träumte da jemand nicht vom Besitz einer Schallplatte, sondern von einem großartigen Leben.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Alt werden bedeutet dann auch, dass man die Titelmusik von „Quintessenz“ mittlerweile zu Hause auf CD hat. (Herb Alpert, All my loving)

  2. Das mit der Werthaftigkeit von knappen Gütern ist ja ein Grundsatz, der auch bei Musik anwendbar ist.
    Wenn man seine letzten 5 Mark hergeben muss und in absehbare Zeit auch keine weiteren 5 Mark bekommt, ist so eine Single ein Schatz.
    Das soll nicht heißen, dass ich diese Zustände gerne wiederhätte, aber es sollte den Musiklabels klarmachen, dass sie sich ebenfalls von dieser Zeit verabschieden müssen. Das ist bis Heute noch nicht geschehen.
    Wer den Konsumenten ein Lied 30x am Tag vordudelt, muss sich nicht wundern, dass diese Menschen nicht für das 31. mal Geld bezahlen wollen.

    Ich habe noch 100te CDs im Regal stehen, aber ich habe schon Jahrelang keine CD mehr in den CD-Player (ja Kinder, der kann nur Audio-CDs, keine MP3 oder so:-) sondern die Dinger vor Jahren mal alle in iTunes gerippt, fertig.
    Eins werde ic h aber beibehalten: Ich werde weiterhin sagen: „Von Yello gibt eine neue Platte“:-)