Menschenscheue Buchhändlerinnen, der Eisenbeißer und ich

Neulich erinnerte ich mich an jenen Abend, als ich als junger Germanistik-Student das Lyrikertreffen in Münster besuchte. Ich vermute, es war irgendwann Mitte der 80er-Jahre. Das Lyrikertreffen war damals noch eine recht junge Einrichtung in Münster. Und obwohl ich ja eigentlich durch mein Studienfach für eine solche Veranstaltung prädestiniert gewesen sein müsste, fremdelte ich doch mit dem Image, das Lyrik damals hatte (und vermutlich auch noch heute hat). Lyrik war in meinen Augen etwas für Weicheier und menschenscheue Buchhändlerinnen. Ich hingegen las Jörg Fauser, schließlich war ich ja, wie alle Studenten, ein Rebell. Ja, wir waren noch richtige Studenten, heute ist man ja nur noch ein „Studierender“.

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Münster in den 80er-Jahren, das war nicht gerade ein Quell heiteren Kulturschaffens. Wenn dann schon einmal berühmte Schriftsteller in der Stadt waren, und seien es nur Lyriker, dann musste man schon mal seine kuschlige WG verlassen und seinen Hintern aufs obligatorische Rad schwingen. Und ganz so übel waren Lyriker ja nun auch nicht: als Spätpubertierender hatte ich schließlich Gedichte von Enzensberger in mein Pubertäts-Oktavheftchen geschrieben. „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ – ja, da konnte selbst Jörg Fauser nicht so recht gegen anstinken. Und Enzensberger – hatte der sich nicht auch angesagt?

Ich war ein wenig früh dran und betrat den bestuhlten Saal, in dem die Auftaktveranstaltung stattfinden sollte, als nur wenige Plätze besetzt waren. Der Saal erschien mir völlig überdimensioniert. Außerdem waren die Veranstalter auf die seltsame Idee verfallen, Platzkarten auszugeben. Danach hätte ich in einer der hinteren Reihen Platz nehmen sollen, was mir angesichts des noch vollkommen leeren Raumes reichlich abwegig erschien. Ich beschloss, die Nummer auf der Karte in meiner Hand zu ignorieren und wählte einen Platz irgendwo in der Mitte des Saales, relativ nah am Rand der Sitzreihe. Hier hatte ich alle Optionen: Man sah die Bühne ganz gut und trotzdem bot sich, falls sich die Veranstaltung doch als Jahrestreffen menschenscheuer Buchhändlerinnen erweisen sollte, ein unauffälliger Fluchtweg an.

Das Unheil näherte sich in Gestalt eines ältlichen Paares, das sich im immer noch kaum gefüllten Saal durch die Stuhlreihe in meine Richtung bewegte und sich vor mir aufbaute. Ich blickte in ein ausdrucksloses Gesicht, das fast vollständig von einer 70er-Jahre-Hornbrille dominiert wurde. Die Frau, die sich vor mir aufgebaut hatte, gab mir mit kehligen Lauten zu verstehen, dass ich auf ihrem Platz säße. Ich hatte schon beim Anblick ihrer streng gescheitelten Haarpracht innerlich kapituliert. Ich wusste: Es hat keinen Sinn, hier eine Diskussion zu beginnen und auf zirka 95 Prozent freier Platzkapazitäten in jenem Saal zu verweisen. Der Scheitel gab mir zu verstehen: „Steh auf. Und setze Dich woanders hin“. Das tat ich dann auch. Um dem Lyrik-Liebhaber-Paar dennoch zu verdeutlichen, was ich von ihrer spießigen Platzkarten-Hörigkeit hielt, drängte ich mich erst extra umständlich und leicht schubsend an ihm vorbei, um mich dann direkt zwei Plätze weiter wieder lässig auf einen Stuhl fallen zu lassen.

Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass Lyrik-Freunde in der Mehrzahl Platzkarten-Fetischisten sind. Natürlich wurde ich auch von diesem Sitzplatz binnen weniger Minuten wieder vertrieben. Mittlerweile hatte sich der Saal doch schon beachtlich gefüllt. Ich blickte mich um: Rückzug auf den eigenen Platz in der drittletzten Reihe kam gar nicht in Frage. Jetzt keine Kapitulation. Und überhaupt: Wahrscheinlich hätte Jörg Fauser dort gesessen und mich frech angegrinst.

Endlich fand ich einen Platz relativ weit vorn, direkt am Rand einer Sitzreihe, den niemand beanspruchen wollte. Nun war der Saal fast gefüllt und die anwesenden Buchhändlerinnen bebten erwartungsvoll. Es begann. Ein Lyriker-Treffen-Organisator (in meiner Erinnerung trug er eine hellbraune Breitcord-Hose und eine Tweed-Weste mit irgendeinem britischen Muster, aber wahrscheinlich trug er in Wahrheit etwas ganz anderes) begrüßte Lyriker und Gäste. Ungefähr beim Dank an die Stadt Münster tippte mir ein 2,30m-Mann, Typ Eisenbeißer, auf die Schulter und beanspruchte meinen, d.h. seinen Sitzplatz. Zur Warnung ließ er sein Gebiss kurz aufblitzen. Ich trollte mich.

Jetzt war es wirklich heikel. Schließlich lief die Veranstaltung schon. Ich blickte mich um und versuchte im Dunkel des Saales noch einen freien Platz zu erspähen. Es schien mir, als seien ganz auf der gegenüberliegenden Seite des Saales noch einige Plätze frei. Ich musste nur schnell vor der Bühne entlang laufen, um dorthin zu gelangen. Gedacht – getan.

Während ich vor der ersten Reihe entlang lief, sprach Cordhose bereits über die tiefere Bedeutung der Lyrik für die Gesellschaft. Im Halbdunkel und aus den Augenwinkeln entdeckte ich in der ersten Reihe noch einen freien Platz, der nur von einem Mantel und anderen Utensilien belegt war. „Ist dieser Platz noch frei?“ herrschte ich den Mann daneben an, der sich sichtlich erschreckte, denn offensichtlich war mein Ton nach den Sitzplatzeskapaden der vergangenen Minuten unfreundlicher, als ich beabsichtigt hatte. Er nickte eingeschüchtert und ergriff hastig seinen Mantel, Schal und Tasche und machte den Platz für mich frei. Nicht schlecht, jetzt hatte ich wirklich beste Sicht.

Die Veranstaltung nahm ihren Lauf. Lyriker auf Lyriker erschien auf der Bühne und brachte Lyrisches zu Gehör. Die Buchhändlerinnen lächelten gar nicht mehr menschenscheu, Cordhose schaute zufrieden drein – und mich vertrieb niemand mehr von meinem Platz. Ich hatte gesiegt über ein bürokratisches und menschenverachtendes Platzvergabesystem und seine willfährigen Erfüllungsgehilfen.

Die Veranstaltung strebte ihrem Höhepunkt zu. Cordhose stand selig lächelnd am Mikro und moderierte den Star des Abends an: „…und so bitte ich auf die Bühne: Hans-Magnus Enzensberger!“ Die Menge tobte und klatschte. Der Mann neben neben mir, den ich gerade noch angeherrscht hatte, erhob sich, legte Mantel, Schal und Tasche auf seinen Platz und erklomm die Bühne.

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