Mein Sommer im Ruhrgebiet

Neulich konnte man es wieder nachlesen. Die großen Städte des Ruhrgebietes gehören zu den unbeliebtesten im Lande. Kaum jemand kann sich vorstellen, hier zu leben, sondern natürlich lieber in Hamburg, München oder Berlin. Das ist einerseits verständlich, denn diese Orte sind ja in der Tat nicht übel. Unverständlich ist hingegen nach wie vor, dass das Ruhrgebiet trotz jahrelanger Charmeoffensive und Kulturhauptstadt-Hype sein Underdog-Image einfach nicht los wird.

Aber was soll’s…- es ist ja müßig, über die Ignoranz der Anderen nachzudenken. Zuweilen bin ich sogar dankbar, dass so wenige wissen, wie schön es hier bei uns eigentlich ist. Dann haben wir wenigstens hier unsere Ruhe. Wer einmal in Berlin-Mitte von Touristen-Horden und spanischen/italienischen/französischen Schulklassen fast totgetrampelt wurde, weiß, wovon ich spreche. Wobei – darauf hat ja Frank Goosen schon hingewiesen – „schön“ in einem konsensfähigen Sinne ist es im Ruhrgebiet eigentlich nicht. Aber es ist auf eine eigentümliche Art spröde, rau und voller Energie. Irgendwie muss der schwarze Kraftstoff unter dem Revier nach oben abgestrahlt haben.

Zeche/Kokerei Zollverein

Zeche/Kokerei Zollverein in Essen (2011)

Da die Deutschen ja Romantiker sind und vom Landleben träumen, ist eine zerklüftete Gegend wie das Ruhrgebiet natürlich kein Ort für weltverbessernde Schwerbescheidwisser mit Hang zum Ökotum. Nein, hier traut man sich auch, das Unperfekte zu akzeptieren, ja manchmal sogar zu zelebrieren. Manches wirkt extrem unaufgeräumt, irgendwie ein bisschen verlottert, aber nie so gewollt-pittoresk wie im hippen Berlin.

Gerade deshalb gibt es so viel Ungewöhnliches zu entdecken: Verwunschene Siedlungen aus der Industrie-Ära, von denen nie ein München-Freund je hören wird. Vor sich hin träumende Erholungsgebiete, ein verzweigtes Radwegenetz auf alten Bahntrassen, faszinierende Kulturorte in alten Gasometern, Fabriken, Zechen. Gerade als Kulturinteressierter kann man im Ruhrgebiet auf seine Kosten kommen, vor allem jetzt, wo der Sommer beginnt.

Bereits Anfang Mai geht es los mit den berühmten Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen (ja: OBERHAUSEN!) oder mit den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Ich freue mich auf Hannelore Hoger und, noch mehr, auf eine Lesung mit Sophie Rois. Irgendwann im Juni werde ich mir auf Zeche Hannover in Bochum die Ausstellung der großartigen Ruhrgebietsfotografin Brigitte Kraemer ansehen: Die Fotos über „Religiöse Vielfalt im Ruhrgebiet“ verspricht mal wieder einen grundlegenden Perspektivenwechsel. Und Brigitte Kraemer zählt seit ihren Fotoarbeiten zu Kultur der (Selters-)Bude und  zum Leben am Rhein-Herne-Kanal ohnehin zu meinen Lieblings-Fotografinnen.

Den ganzen Sommer über werden wir wieder an der Emscher entlang radeln und uns die zweite Emscherkunstausstellung (nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010) ansehen. Und mit Sicherheit werden wir auch wieder am Rhein-Herne-Kanal von Essen nach Oberhausen radeln und uns im dortigen Gasometer das neueste Geniestück von Christo ansehen. Am 6. Juli werden wir uns – wie das halbe Ruhrgebiet – wieder eine magische Nacht auf „Extraschicht“ um die Ohren schlagen. Dann nämlich gibt es wieder Ruhr pur Musik, Kunst und lecker Bierchen an unzähligen „Spielorten“ im ganzen Revier.

Und wenn wir dann noch nicht erschöpft sind, werden wir uns vielleicht noch das eine oder andere Event bei der Ruhrtriennale anschauen, mit der Heiner Goebbels hochkarätige internationale Künstler ins Ruhrgebiet bringt. Auf jeden Fall aber werden wir den Sommer wieder auf dem lauschigen Zeltfestival Ruhr am Kemnader See ausklingen lassen. Dort werden wir unsere Zehen ein letztes Mal in den eigens aufgeschütteten Sand stecken und uns mit dem funkigen Soul von Sharon Jones und den Dap-Kings von einem hoffentlich großartigen Ruhr-Sommer verabschieden.

Und Ihr so?