lit.RUHR: Von der Kunst öffentlichen Miteinander-Redens

Die Kunst des öffentlichen Miteinander-Redens wird hierzulande nicht sonderlich gepflegt. Die Meisten erleben sie nur Form unerträglicher Quatsch-Runden in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern. Diese Runden existieren nicht, weil die Teilnehmer das Bedürfnis haben, voneinander zu lernen oder unterschiedliche Standpunkte auszutauschen. Ihr Zweck ist es viel mehr, die Teilnehmer zu platzhirschmäßigem Geröhre anzuhalten bzw. den jeweils Anderen schlecht aussehen zu lassen. Im akademischen Milieu hingegen ist die „Podiumsdiskussion“ seit Jahren an Beliebtheit kaum zu überbieten, obwohl diese selten mehr ist, als professorale Selbstdarstellung in Monologform.

Das wirkliche Gespräch im öffentlichen Raum findet man meistens nur dort, wo alle Beteiligten eines Podiums sich bewusst sind, dass sie zu einem Publikum reden und dass dies mit einer hohen Verpflichtung einhergeht. Nämlich der Pflicht, dieses Publikum zu rocken, es zu begeistern, zu inspirieren. Und damit meine ich nicht Bierzelt- oder Bütten-Reden. Es geht nicht um Rituale, es geht vielmehr um Respekt.

Bei der letzten Veranstaltung auf der diesjährigen lit.RUHR konnte man schön beobachten, wie man so etwas macht. Auf der Bühne: Mariana Leky, Autorin des Romans „Was man von hier aus sehen kann“, als Moderator der Dramaturg Thomas Laue und als Vorleserin Sandra Hüller. Gleich zu Beginn bezeugen diese drei großen Respekt, in diesem Fall dem Roman, um den es an diesem Abend gehen soll. Denn es wird nicht gleich drauflos geredet, sondern erst einmal zugehört. Sandra Hüller liest, sie liest sehr lange und sie liest betörend gut. Man schwingt sich ganz langsam ein in diesen Roman, seine Figuren, seinen Sound. Damit ist der Ton des Abends gesetzt: Laue und Leky unterhalten sich und im Gespräch entfalten sie den erzählerischen Rahmen vor den Zuhörern. Hier sind zwei unprätentiöse, hellwache Geister ganz auf die Aufgabe konzentriert, eine komplexe Erzählung für die Zuhörer zu entschlüsseln. Laue gibt den charmanten Zweifler, Leky die listige Autorin. Man merkt sofort: Hier ist eine am Werk, die genau weiß, warum sie manchmal grausam sein muss und das dann auch noch gut erklären kann. Doch Laue fordert sie, lässt nicht locker und entwindet der Autorin so manchen Satz, an den ein Null-Acht-Fuffzehn-Interviewer nie herangekommen wäre. Große Themen habe sie verarbeiten wollen, sagt Leky – Tod und Liebe -, aber dafür habe sie eine kleine Welt gebraucht. In diesem kleinen 100-Seelen-Dorf im Westerwald habe sie sich als Erzählerin sicher genug gefühlt, von diesen großen Themen zu erzählen.

Ein überaus geglückter Abend schließt die erste lit.RUHR ab. Manchmal braucht es für das Glück nur ein paar Menschen, die das lieben, was sie tun.

 

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