lit.RUHR: Eine Gummiente macht noch keinen Fetisch-Abend

Es hatte schon nicht so gut angefangen. Es regnete den ganzen Tag ohne größere Pausen, ein übler Wind fegte um die Ecken. Zollverein zeigte sich von seiner dunkelsten Seite. Als die Liebste und ich dann Halle 5 betraten, waren wir zunächst erfreut über den warmen Innenraum, bis wir feststellten, dass die Wärme offenbar von den rund 500 Zuschauern ausging, die sich schon in der Halle befanden. Obwohl gar nicht so spät unterwegs, mussten wir uns mit Plätzen ganz hinten begnügen.

Ja, und dann begann sie, diese dann doch recht bemerkenswerte Veranstaltung mit den Schauspielern Hannelore Hoger und Richy Müller, die sich unter der Moderation von Jörg Thadeusz mit dem Thema „Fetischismus“ literarisch auseinandersetzen wollten. Das taten sie dann auch, allerdings mit allerlei Hindernissen und Unwägbarkeiten, die so ein Abend bereithält. Zunächst kämpften die beiden Vorleser mit den ihnen zur Verfügung gestellten Manuskripten, die offensichtlich beidseitig bedruckt waren, was deshalb hin und wieder zu Textsprüngen führte, weil man während des Vorlesens die Seite nicht umdrehte, sondern auf dem nächsten Zettel weiterlas. Zunächst war das Publikum belustigt, als führe Frau Hoger eine spontane Zettel-Performance auf, indem sie hektisch damit herumhantierte, um den richtigen Textanschluss zu finden. Nur war das Ganze halt ungewollt und zog sich den ganzen Abend hindurch: Die beiden Sprecher scheiterten mehr als einmal an Namen und Titeln, fanden die richtige Seite nicht, betonten Passagen falsch, weil der Satz dann doch noch nicht zu Ende war und noch ein Halbsatz folgte. Zuweilen beschlich einen das Gefühl, als läsen die Protagonisten die Texte zum ersten Mal. Hannelore Hoger fand erst im Laufe des Abends zu gewohnter Vorlese-Souveränität. Vielleicht ist das ein wenig ungerecht von mir, vielleicht hatten die beiden veritable Gründe dafür, warum dieser Abend vorlesetechnisch so wacklig war, die dem Zuschauer verborgen blieben. Vielleicht war das Licht auf der Bühne zu schlecht, vielleicht die Schrift zu klein, vielleicht war es einfach nur ein gebrauchter Abend. Das Publikum sah es ihnen großzügig nach.

Zu allem Überfluss kämpfte sich Moderator Thadeusz noch durch eine „Präsentation“, die auf der großen Leinwand eingeblendet wurde und als eine Art Auflockerung des Abends gedacht war. Die Präsentation war mit Musik unterlegt, über die er noch drübersprechen musste. Ein war ein akkustisches und visuelles Desaster, denn durch ungeschickte Farbwahl konnte man die Texte auf den Charts nicht lesen und überhaupt fragte man sich, was das Ganze eigentlich solle und wann es endlich vorbei sein würde. Herr Thadeusz tat einem an dieser Stelle ein wenig leid, denn er war noch einer der souveränsten Personen dieses Abends und moderierte mit Charme und Geistesgegenwart über so manche Peinlichkeit hinweg.

Last but not least bastelte ein WDR-Team während der laufenden Veranstaltung an einem TV-Beitrag herum, lärmte schamlos moderierend in die Lesung hinein, als seien gar keine Gäste im Raum, die für diesen Abend schließlich Eintrittsgeld bezahlt hatten…

Ja, und die Texte? Nun ja, auch das war nicht gerade eine Offenbarung. Viel 18. und 19. Jahrhundert, irgendwie belangsloses Zeug über Pantöffelchen, Füßchen und dergleichen. Fast alles durch die männliche Brille gesehen (es gibt doch sicher auch literarisch anspruchsvolle Fetisch-Texte von Frauen). Eine Dramaturgie, ein roter Faden war nicht recht zu erkennen, alles machte den Eindruck einer beliebigen Reihung von Texten, Textarten, Personen, ohne den Anspruch, diese gesellschaftlich oder historisch auch nur ansatzweise einzuordnen oder gar Verbindungen zwischen ihnen herzustellen. Und so entließ man das Publikum uninspiriert mit ein paar müden Scherzchen über Gummienten wieder hinaus in den Essener Regen.