lit.RUHR: Ein unterkühlter Auftakt im Salzlager

Die Literaten sind in der Stadt, besser: in der Region. Es ist „lit.RUHR“. Die lit.Cologne hat Nachwuchs bekommen. Hauptspielort: Zeche Zollverein. Das ist prima für mich, da kann ich schnell abends mal hinüberlaufen, ist ja fast in Sichtweite. Und da mich die Veranstalter freundlicherweise mit einer „Blogger-Wildcard“ ausgestattet haben, habe ich die freie Auswahl bei den Veranstaltungen.

Heute Abend ging es also los. Auf die Eröffnungs-Gala in der Essener Philharmonie hatte ich keine rechte Lust. Statt einen witzigen Abend mit allerhand Fernsehnasen wollte ich lieber „echte“ Literatur. Also rüber ins sogenannte „Salzlager“: Zadie Smith mit Schauspielerin Nina Kunzendorf, die die Smith’schen Texte auf deutsch zu Gehör bringt. Dazu eine Moderatorin vom SPIEGEL, Susanne Weingarten.

Das Salzlager auf Zollverein ist eine ziemlich große Halle. Sie ist an diesem Abend voll, nur hinten sind noch ein paar Plätze frei. Die drei Damen betreten pünktlich den Saal und schreiten unmittelbar zur Tat. Was jetzt für die nächsten exakt 90 Minuten folgt, ist eine überaus routinierte Buch-Business-Performance. Alles auf der Bühne wird perfekt abgespult, professionelle Fragen von Frau Weingarten, noch professionellere Antworten von Zadie Smith. Vorgetragen mit schönem dunklen Timbre in der Stimme, das rote Kopftuch der Schriftstellerin leuchtet durch den Saal. Frau Kunzendorf sitzt derweil still dabei. Sie sieht aus, als höre sie zu.

Routinierte Fragen zur Erzählerhaltung, den Orten des Romans, den Hintergründen der Geschichte, zu Brexit und Trump. Tendenziell interessant, aber eigentlich doch nur ein distanziert-unterkühltes Frage-Antwort-Spiel ohne besonderen Erkenntniswert. Kaum mal ein Lächeln, kaum mal ein spontanes Wort, nichts Inspirierendes. Wie höflich aufmerksam ist doch dieses Publikum angesichts so pragmatischer Abgezocktheit. Jetzt liest Frau Kunzendorf aus „Swing Time“, und sie liest sehr gut. Trifft genau den Ton der fein gewebten Roman-Sprache Zadie Smiths, fühlt sich gut ein in den Takt der detailgenauen Beobachtungen der Erzählerin. Auch das – natürlich – perfekt. Frau Kunzendorf lehnt sich zurück. Hört weiter unbewegt zu.

Nach genau 90 Minuten ist das Spiel zu Ende, keine Verlängerung. Schiedsrichterin Weingarten pfeift energisch ab. Höflicher, kurzer Applaus, ohne Wärme. Frau Smith geht zum Büchertisch: Signierstunde. Das rote Kopftuch leuchtet durch den Saal.

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