lit.RUHR: Bier mit High-Speed-Reading

Endlich Bier. Bisher war dieses Literaturfestival eine reichlich trockene Angelegenheit, zumindest was die Versorgung mit Trinkbarem angeht. Bei Moritz von Uslar wäre es vielleicht anders gewesen, aber der musste ja xavierbedingt in Berlin bleiben. Oder in Zehdenick, wo er mit Paul, Mutze, Drüse und wie die Protgagonisten aus „Deutschboden“ alle hießen, einen feucht-fröhlichen Abend verbracht haben mag.

Normalerweise sitzen bei diesem Literaturfest brave Literaturfreunde in musealen Industriehallen herum, lauschen stundenlang dem geprochenen und geschriebenen Wort und das Einzige, was es hier zu kaufen gibt, sind natürlich Bücher. „Bei unserem Festivalpartner Thalia“, wie die jeweiligen Sessioneinführer nicht müde werden zu erwähnen. Das muss wohl so sein in Zeiten von gesponsorten Großveranstaltungen. Und doch frage ich mich, warum bei solchen Events nicht auch einmal die lokalen Buchhändler zum Zuge kommen, von denen ja nicht wenige das literarische Leben einer Stadt mitprägen. Ihnen wäre zu wünschen, dass sie auch kommerziell einmal von einem solchen Event profitieren. Nun gut, die Literaturszene im Revier, speziell in Essen, ist ohnehin wegen der lit.RUHR ziemlich verschnupft. Aber das ist ein anderes Thema…

Ich bin abgeschwoffen. Wo waren wir? Richtig, beim Bier. Also, neben dem obligatorischen Thalia-Stand könnte ich mir auch gut einen Verkaufsstand der Essener Stauder-Brauerei vorstellen. Schließlich befinden wir uns hier in einem Bergbau-Gebiet, wo so mancher Kumpel seine staubige Kehle mit einem kühlen Blonden befeuchten musste. Es ist noch nicht so lange her, da befand sich hier an jeder Ecke eine schummrige Pinte. Die wurden nach und nach ersetzt: Durch Döner-Buden und Wett-Büros.

Nun gut, man muss sich dran gewöhnen: Beim Literatur-Anhören gibt es nichts zu trinken. Bis zur Session mit Sven Regener. Der bringt gleich zwei Flaschen Bier mit auf die Bühne, um so mit ordentlich befeuchtetem Stimmapparat seine Tour de Force durch den neuen Roman „Wiener Straße“ zu beginnen. Auch im Publikum haben einige es tatsächlich geschafft, sich im kleinen Bistro der Halle 12 mit ein paar Flaschen zu versorgen (die natürlich im Laufe des Abends mehrfach mit den Füßen umgestoßen werden, was aber nicht schlimm ist, weil dieser Vorgang dem wilden Treiben der Protagonisten in der „Wiener Straße“ akkustisch perfekt entspricht). Es ist dies ohnehin ein sichtbar anderes Publikum als beispielsweise das schwärmerisch-entrückte Zadie-Smith-Publikum: Hier sieht man auch mal ein paar speckige Lederjacken und denkt bei manchem ergrauten Altfreak, dass er aus der Regener’schen Romanwelt entsprungen sein könnte.

Das Personentableau jener Romanwelt besteht aus lauter alten Bekannten: Karl Schmidt, P.Immel, H.R. Ledigt oder Frank Lehmann. Wie in früheren Romanen Regeners machen die Figuren nicht viel, außer zu reden. Sie reden die ganze Zeit, reden sich um Kopf und Kragen, reden Bullshit ohne Ende, reden sich in Rage, reden über-, mit- und durcheinander. Die Szenerie ist oft komplett unübersichtlich, weil sich fünf bis zehn Leute mit absurden Gedanken, Ideen, Aktionen gegenseitig in Schach halten. Sven Regener ist der Meister der chaotischen Kneipenszene, in der sich eine unglaublich virtuose Kakophonie aus Stimmen, gurgelnden Kaffeemaschinen und rasenden Kettensägen entwickelt.

Man muss ein Faible für all diese Bekloppten haben, ansonsten bleibt einem diese Welt verschlossen. Man würde nichts spüren vom mitreißenden Humor dieser Dialoge, in fast jedem Satz steckt das Potenzial für schmerzhafte Lachanfälle, vor allem, wenn dieser rasende Wahnsinn so artistisch vorgetragen wird, wie Regener das kann. Er schafft es nicht nur, jede sprachliche Nuance genau zu treffen, er behält auch stets den Überblick im Chaos und setzt jede Pointe mitten hinein ins ohnehin stark beanspruchte Zwerchfell. Sven Regener liest seine Texte in atemberaubender Geschwindigkeit und das über 90 Minuten hinweg. Das ist eine sportliche Höchstleistung. Kein Wunder, dass er auf dieser Distanz gleich zwei Flaschen Bier braucht.

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