Life Is Great #6 | 25. Dezember 2018

Im Ruhr-Museum mal wieder eine klasse Fotoausstellung. Mittlerweile gibt es schon eine kleine Reihe: Nach Heinrich Hauser, Chargesheimer und Erich Grisar widmet sich die aktuelle Ausstellung Albert Renger-Patzsch. Selten sah ich das dröhnende Ruhrgebiet, das es ja in den 30er-Jahren gewesen sein muss, auf so „stillen“, sehr sachlichen Fotografien. Sehr viele Landschaftsaufnahmen sind darunter, Felder, Wiesen, Zäune zeigend, irgendwo weit hinten die Schwaden der Zechen, fast unwirklich. Straßen, Hinterhöfe, Flüsse: fast immer menschenleer. Und dann die Zechen selber: Wie schön diese Gebäude waren (und sind), von höchstem Stilwillen geprägt, Höhepunkte der Industrie-Architektur. Renger-Patzsch verpasste diesen Ikonen einen fast majestätischen Look: Beim Betrachten seiner Bilder wird klar, wie sehr die Baumeister jener Zeit dem Gedanken verbunden waren, dass Architektur der Schwerindustrie kein notwendiges Übel war, sondern dass gerade sie eines besonderen ästhetischen Programms bedurften. Architektur wurde so zur identitäts- und sinnstiftenden Aufgabe. Die Bilder von Albert Renger-Patzsch dokumentieren dieses Programm exzellent. Wer das Ruhrgebiet neu sehen möchte, sollte sich diese Ausstellung unbedingt ansehen. Läuft noch bis 3. Februar 2019.

Albert Renger-Patzsch, Arbeiterhäuser, Essen-Stoppenberg 1929.
Albert Renger-Patzsch Archiv / Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München; © Albert Renger-Patzsch / Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zülpich / VG Bild-Kunst Bonn 2018

E-Mail ist tot. Oder doch nicht?

E-Mail ist tot. Keine neue Erkenntnis. Dennoch ernte ich immer wieder erstaunte Blicke, wenn ich diese These mit Nachdruck im beruflichen Kontext äußere. Manche Anwesende sind dann belustigt und können nicht so recht einschätzen, ob ich das denn wirklich Ernst meine oder nur ein wenig herumalbere. Ich wiederum kann dann nicht richtig nachvollziehen, wieso die allermeisten Zeitgenossen tatsächlich noch glauben, dass E-Mail ein sinnvolles Arbeitswerkzeug sei. Wo es uns doch tagtäglich die Arbeit zu Hölle macht. Es hält uns vom Denken ab. Es hält uns von den wirklich wichtigen Aufgaben ab.

E-Mail drängt sich ununterbrochen in unsere Aufmerksamkeit, peinigt unsere Konzentration, verschwendet unsere Zeit. Denn nur wenige beherrschen das Instrument meisterlich, nutzen es für klare Kommunikation und wichtige Information. E-Mail kann nützlich sein, wenn der Mensch, der es nutzt, auch ansonsten in der Lage ist, sich klar und deutlich zu artikulieren. E-Mail wird also in erster Linie durch diejenigen, die es nutzen, zur Hölle. Die Quengler, die ständig etwas von einem wollen, die Mitteilungsbedürftigen, die ständig etwas „Zur Info“ herumschicken, die Null-Checker, die jegliches geschriebene Worte missinterpretieren und unzählige Nachfragen stellen. Oder die, die ihre To-Do-Liste in Dein Postfach (oder noch schlimmer: in Deinen Kalender) auslagern.

Komplett unerträglich sind E-Mail-Korrespondenzen, an denen ganze Horden von Menschen in unterschiedlichsten Einrichtungen über mehrere Tage (oder gar Wochen) beteiligt sind. Dann wird dann eine E-Mail zum Horror-Kettenbrief, weil alle Beteiligten aus Notwehr die Ursprungs-E-Mail weiterleiten bzw. beantworten, mit immer neuen Ideen und Aspekten anreichern, so dass schon nach kurzer Zeit niemand mehr wirklich weiß, um was es eigentlich geht oder wer was zu tun hat. Nicht zu ergründen, warum sich manche Beteiligte immer weiter darauf einlassen, obwohl ein roter Faden längst nicht mehr erkennbar ist.

Manche Zeitgenossen gehen mittlerweile zum Gegenangriff über und nutzen E-Mail nur noch in reduzierter Form und mit nur rudimentärem Spracheinsatz: hingebellte Drei-Wort-Sätze, Grundkonventionen der Rechtschreibung ignorierend, oder schlicht nur „Danke“, „Ja“ oder „Nein“. Ich kann diese Leute verstehen. Welten prallen aufeinander, wenn der Drei-Wort-E-Mailer auf jene trifft, die auch bei E-Mails auf perfekte Umgangsformen setzen. Die ihre Mails statt mit „LG“ mit „Mit sonnigen Grüßen aus dem heißen Berlin…“ beenden.

E-Mail ist vor allem deshalb tot, weil es als Universallösung für alle Arten von Kommunikation gesehen und benutzt wird. Egal, ob man Rechnungen versenden will, Fotos von der Kegeltour oder man dem Schatzi kurz sagen will, dass es noch Brot kaufen soll, immer wird eine verdammte E-Mail geschickt. Warum gibt es immer noch keine schlauen Dienste, die einem beispielsweise alle Rechnungen, die man so bekommt, an einem bestimmten Ort sendet. So wie man früher ja auch alle Rechnungen im Briefkasten vorfand. Und warum wollen sich die Menschen nicht daran gewöhnen, gleichzeitig an einem Text im Web zu arbeiten, statt sich den gleichen Text in immer neuen Varianten per E-Mail hin- und herzuschicken, nur um dabei an Firewalls, unterschiedlichen Softwares oder Programmversionen zu scheitern?

Smarte Kommunikationslösungen – nicht nur für den Berufsalltag – gibt es mittlerweile zuhauf. Die erfreuliche Menge an Alternativen ist zugleich aber ein Problem. Denn während die einen auf Slack setzen, bevorzugen andere Basecamp oder Asana oder … Arbeiten wir kollaborativ in Google Docs oder in der Windows-Cloud, schieben wir Dateien in die Dropbox oder nutzen wir doch lieber Sharefile? Es wird schnell unübersichtlich in der smarten Wolkenwelt.

Und das ist wohl der Grund für das hartnäckige Überleben der E-Mail. Bevor man sich frustriert dreimal überlegen muss, wo man jetzt ein Dokument ablegt, damit es von allen Teilnehmern der Projektgruppe auch gefunden wird, schieben die Allermeisten es einfach weiter an den fertigen E-Mail-Verteiler: Aus dem Postfach, aus dem Sinn. Klug ist das nicht, aber es macht – zumindest kurzfristig – das Leben etwas einfacher.

Auch Messenger sind nicht unbedingt ein Heilsbringer. Messenger-Nachrichten verlangen fast sofortiges Reagieren und wenn mehr als zwei Personen miteinander chatten, wird es auch hier sehr schnell unübersichtlich.

Und so kommt man letztlich zu der Erkenntnis, dass E-Mail doch nicht so tot ist, wie man es sich wünschen würde. Nutzerbehäbigkeit meets Toolvielfalt. In solcher Gemengelage können selbst Dinosaurier überleben.

Finally: Apple Pay in Deutschland

Seit ein paar Tagen ist Apple Pay in Deutschland verfügbar. Seit knapp einem Jahr bin ich schon N26-Kunde, sodass ich den Dienst nutzen kann. Das Einrichten auf dem iPhone wie auf der Watch ging so schnell und war so einfach und unkompliziert, sodass ich im ersten Moment dachte, etwas falsch gemacht oder übersehen zu haben. So unkompliziert kann das doch nicht sein… – war es aber. Wenn ich daran denke, wie aufwändig es damals gewesen war, diese grauenhafte Payback-App so weit einzurichten, dass man angeblich damit zahlen konnte – und dann ist es mir nicht gelungen, damit auch nur einmal im Geschäft zu bezahlen. Immer war irgendwas nicht bereit, schulterzuckende Kassiererinnen saßen vor mir, es war ein großer Reinfall. Den Payback-Schrott verbannte ich dann auch umgehend von meinem Phone.

Nicht so bei Apple Pay. Nun gut, beim Klamottenladen BRAX in Essen hatten sie noch nicht einmal ein funkfähiges Kartenterminal, da musste man die Karte noch ganz oldschool in den Schlitz schiebnen, aber einen Tag später beim ReWe lief dann alles ohne Probleme.

Um nicht völlig auf die Kacke zu hauen, traute ich mich nicht, einfach nur die Watch ans Terminal zu halten. Ich hatte wohl Angst vor der Erfahrung, die Gebbi Gibson gemacht hat.

Ich nahm also nur mein iPhone, aber beim nächsten Mal werde ich dann die Watch einsetzen.

Dass Apple es immer wieder schafft, großartige, einfach zu bedienende und gut funktionierende Dienste auf die Beine zu stellen, überrascht mich eigentlich nicht. Google Pay scheint – nach allem, was ich höre und lese – ja auch problemlos gut zu funktionieren. Nur die deutsche Finanzwelt hat es wieder nicht geschafft, neue Payment-Entwicklungen zu antizipieren und mit entsprechenden Angeboten darauf zu reagieren. Ich erinnere nur an das Desaster namens „Paydirekt“, die viel zu späte deutsche Antwort auf PayPal. Auch auf Apple- oder Google-Pay hätte man hierzulande frühzeitig reagieren können: Man kennt die Märkte und die Kunden, man hätte alle Trümpfe in der Hand gehabt. Aber bei uns fallen immer wieder Sätze wie: „Die Deutschen lieben ihr Bargeld“ und dann sind alle Innovationsversuche sofort gestorben. „Wir machen das mit Fähnchen“ war mal die ironisch gemeinte Werbekampagne der Sparkassen, aber in Wahrheit war das gar nicht ironisch, sondern die bittere Wahrheit über deutsche Bankhäuser. Das deutsche Bankenwesen ist so beamtenhaft-behäbig, dass es schon fast weh tut. Dabei wäre ich jederzeit bereit gewesen, meiner lokalen Sparkasse die Treue zu halten. Ich mag die Idee der Sparkasse und ich muss nicht unbedingt geldscheffelnden amerikanischen Tech-Konzernen noch mehr Geld in den Rachen werfen.

Dass die Deutschen ihr Bargeld lieben, mag vielleicht sein. Vielleicht trifft es allerdings eher auf ältere Generationen zu. Die jüngeren lieben vor allem ihr Smartphone. Und sobald die bemerken, dass Bezahlen mit dem Smartphone einfach und sicher ist, wird sich das durchsetzen. Sehr schnell sogar. Und dann wird für jedermann offensichtlich werden, wie sehr eine vermeintlich wichtige Branche wieder einmal einen Trend verpasst hat. Woran liegt es eigentlich, dass deutsche Führungseliten so verzagt sind?

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