Life Is Great #5 | 21. November 2018

Matthias Brandt, ein Sohn von Willy Brandt, ist nicht nur ein guter Schauspieler, sondern auch ein Schriftsteller. Zudem kenne ich ihn als Vorleser von Romanen. Außerdem tritt er hin und wieder als – wie soll man sagen? – Rezitator (?) oder Textinterpretierer (?) auf. Na, jedenfalls sahen die Liebste und ich ihn im Schauspielhaus Bochum, wo er mit einem Stück über Robert Schumann auftrat. Er tut das in der Regel mit einem Musiker namens Jens Thomas, der ihn und seinen Textvortrag auf dem Klavier begleitet. Was Thomas da mit seinem Flügel tut, sieht sehr improvisiert aus: Er spielt nicht nur auf dem Flügel, wie man es normalerweise tut, er nutzt das ganze Instrument als Klangkörper. Er trommelt, hämmert, er jagt auf den Tasten den von Brandt zu Gehör gebrachten Worten nach, er jammert und jault. Kurzum: Es ist ein wirklich großes Ereignis, die beiden auf der schlichten Bühne zu sehen und zu hören.

Der Text, den Matthias Brandt vortrug, handelt von den letzten Tagen des irrsinnig gewordenen und unter Depressionen leidenden Komponisten Robert Schumann, er handelt vom Sterben, vom Dahinsiechen, vom Verfaulen, vom Verzweifeln, von der Liebe, also von all den großen Themen der Kunst. Und wie alle große Kunst ist es stets mehr als nur die Worte oder die Musik. Die Kunst erfasst einen, reißt einen mit, löst einen Strom von Gefühlen aus, das Kopfkino produziert die wildesten Bilder. Man sieht und hört zwar Brandt auf der Bühne, aber man ist doch ganz weit weg. Was für ein grandioser Abend im Theater!


Peymann liest Bernhard, Bühnenbild

Apropos Theater: Der größte Theatermacher, den die Stadt Bochum jemals hatte, war nach vielen Jahren zurück und stand selbst auf der Bühne: Claus Peymann. An zwei Abenden hintereinander las er im Kleinen Haus aus den Texten, die Thomas Bernhard über die Literaturpreise geschrieben hat, die er erhalten hat („Meine Preise“). Naturgemäß. Ich war am zweiten Abend da und Peymann – selbst mit 81 noch unglaublich wach und präsent – neckte uns den ganzen Abend über, dass wir am ersten nicht da gewesen seien, denn da seien ja überaus außergewöhnliche Dinge passiert. Und er habe großartige Bernhard-Texte vorgelesen. Nun, das tat er am zweiten Abend auch und machte das trotz brüchiger Stimme und einer gewissen, ihm wohl immer innewohnenden Fahrigkeit, sehr gut. Es hatte nichts von der mitreißenden Intensität bei Matthias Brandt (s.o.), aber er intonierte den typischen Bernhard-Sound durchaus überzeugend.

Insgesamt lebte der Abend natürlich auch ein bisschen davon, dass da eine lebende Legende auf der Bühne stand. Und es waren auch ziemlich viele Alte gekommen, junge Gesichter sah man nur vereinzelt. Klar, wer kann von den Jüngeren noch etwas mit Peymann und Bernhard anfangen? So erzählte Peymann selbst von der 82-Jährigen Dame, die – natürlich am Abend zuvor – in der Signier-Schlange gestanden und zu ihm gesagt habe: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie für eine Unterschrift angestanden. Aber die Peymann-Zeit damals war so großartig, deshalb musste ich das jetzt einmal tun.“ Tempus fugit.

Im Anschluss an den Auftritt saß ich noch mit Freunden bei einem Glas Wein im Theater-Café. Peymann saß gut gelaunt am Signier-Tischchen, war freundlich-aufgeschlossen, machte Scherze und ließ sich bereitwillig, aber immer mit einer gewissen Würde, zu Handy-Selfies überreden. Mein Gott, dachte ich, der große Theater-Zampano, skandalumwittert und berüchtigt, von Politikern und anderen Einflußreichen gefürchtet und verachtet: Jetzt steht er da im ausgebeulten schwarzen Anzug, der um den dürren Körper schlackert. Und die Fans von damals wollen noch ein Foto von ihm, wer weiß, wie viele Gelegenheiten es dazu noch gibt… Scheiße, wie schnell Du alt wirst, scheiße, wie schnell dein Ruhm verblasst, scheiße, wie schnell sich nur noch ein paar Leute an Dich erinnern.


Im Moment zeigt TNT-Serie die zweite Staffel von „4 Blocks“. Die Serie spielt im Milieu Berliner Libanesen-Clans, dreht sich im Prinzip nur um Geld, Drogen und Macht und strotzt nur so vor Gewalt. Während die erste Staffel noch den schwierigen politischen Duldungs-Status von Libanesen in Deutschland zumindest ansatzweise reflektierte, geht es in Staffel 2 fast nur noch um Clan-Rivalitäten. Das klingt öder als es ist, denn die Serie lebt nicht nur von einer rasanten Dramaturgie und Inszenierung, sondern vor allem von hervorragenden Schauspielern. Allen voran natürlich Kida Khodr Ramadan, allein wegen ihm lohnt das Einschalten. Er spielt den Clan-Chef und großen Bruder Tony Hamady mit einer solchen Wucht, dass sich der Bildschirm nach außen biegt. Der würde sogar zum Bond-Gegenspieler taugen. Bis in die Nebenrollen hinein haut einem die Serie eine fantastische Figur nach der nächsten um die Ohren.

Die Macher der Serie widerstehen der Versuchung, allzu moralisch-politisch daher zu kommen und den hilflosen Rechtsstaat zu beklagen. Stattdessen gibt es bei 4 Blocks die Extraportion Illusionslosigkeit: Polizei und Justiz kämpfen mit stumpfen Messern, die Bullen sind entweder zynisch oder ausgebrannt. Das wäre ja auch noch schöner, wenn eine knallharte Gangster-Geschichte mit typischer „Tatort“- Moral verbrämt würde. Nein, in „4 Blocks“ regiert das Verbrechen und genau so muss es auch sein.

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