Life Is Great #3 | 1. November 2018

Immer noch Gerhard Henschel. Sein literarisches Alter Ego hat jetzt Kathrin Passig kennengelernt. Schon seltsam, jemandem als Romanfigur zu begegnen, mit dem man hin und wieder in beruflichem Kontext zu tun hat. Das Ganze spielt so um 1990. Die junge Kathrin wird uns hier als unbekümmertes Plappermaul präsentiert, es wird viel und ausführlich aus Briefen zitiert (E-Mail war ja noch nicht so verbreitet…). Nach allem, was man hört, hat die reale Kathrin Passig dem zugestimmt. Doch was ist hier fiktiv und was historisch? Inwieweit erzählt Gerhard Henschel hier sein wirkliches Leben und wo geht der Schriftsteller mit ihm durch? Nun, das sind Fragen für künftige Germanistengenerationen, die sich hoffentlich zuhauf mit dem Henschel’schen Werk beschäftigen werden. Ich als einfacher Leser fühle mich nach wie vor königlich unterhalten.


Die zweite Staffel von „Ozark“ durchgeschaut. Nachdem ich zu Beginn etwas fremdelte und mich wie immer nur schlecht an das Ende der vorangegangenen Staffel erinnern konnte, nahm die Geschichte dann doch noch ordentlich Fahrt auf. Nach wie vor die lebt die Serie davon, amerikanische Werte lustvoll zu zertrümmern. Wie die Byrds versuchen, sich selbst vorzugaukeln, sie seien noch immer die vorbildliche amerikanische Familie, mit gemeinsamen Mahlzeiten und anderen erstarrten Ritualen, obwohl sie allesamt hochkriminell sind. Selbst der 12-Jährige (?) Sohn schafft übers Web Geld in Offshore-Konten davon. Von den Verfehlungen seiner Eltern ganz zu schweigen. Was dann auch irgendwann die pubertierende Tochter bemerkt, die nicht fassen kann, dass ihre tief in internationale Drogenkartelle verstrickten Eltern ihr vorwerfen, dass sie ein Buch gestohlen hat. Das Ganze ist ein schönes Bild für den Zustand der USA: im Kern vollkommen verrottet, wird krampfhaft versucht, den Schein zu wahren und sich womöglich noch anderen als moralisch überlegen zu fühlen.

Die Metageschichte von Ozark ist ziemlich unglaubwürdig, aber vielleicht ist es ja gerade diese abenteuerliche Absurdität und diese auf die Spitze getriebene Monstrosität und Gewaltbereitschaft aller Beteiligten, die Ozark dann doch unwiderstehlich machen. Denn was ist schon glaubwürdig? Der bis zur Lächerlichkeit herabgedrosselte Realismus eines Tatort? Dann doch lieber durchgeknallte Provinzler, einsame FBI-Agenten, drogensüchtige Mütter und schmutziges Drogengeld in Luxussärgen.

Interessant sind vor allem die Frauenfiguren. Laura Linney ist als Wendy Byrde nicht nur die treibende Kraft, um die eigene Familie über Wasser zu halten. Sie ist es, die die entscheidenden Connections herstellt und tragfähige Koalitionen schmiedet, vor allem mit der mächtigen Anwältin des Drogenkartells. Die großartigste Ozark-Figur ist zweifellos Julia Garner als Ruth Langmore: Großartig zu sehen, wie sie sich durchs Leben kämpft, unkaputtbar und doch sehr verletzlich, gebremst durch das Verantwortungsgefühl für ihre schwierige Familie und immer wieder zum Handeln gezwungen, weil…- ja, weil es ihre verdammte Pflicht ist, den Ring nach Mordor zu bringen. Und dann ist da ja auch noch Darlene Snell, die durchgeknallte Provinz-Obergangster-Gattin, die gern auch schon mal Drogenbossen unvermittelt den Kopf wegpustet, wenn diese das falsche Vokabular wählen. Doch, doch: das ist schon ein großartiges Serienpersonal.

Staffel 3 kann von mir aus kommen. Bevor ich wieder alles aus Staffel 2 vergesse.


„Museum of the Moon“ – Luke Jerram

Seit einer halben Ewigkeit finden in Essen immer die sogenannten Lichtwochen statt. Dabei ist der gesamte Innenstadtbereich – also eher die großen Einkaufsstraßen – festlich illuminiert. Seit ein, zwei Jahren ist dem noch etwas vorgeschaltet, das sich Essen Light Festival nennt. Der englische Titel weist wohl darauf hin, dass es etwas Superhippes ist, das sich das Essener Marketing da ausgedacht hat. Da sind dann Lichtinstallationen internationaler Künstler in der Innenstadt aufgebaut. Die Liebste und ich haben uns das an einem sehr kühlen Sonntagabend angeschaut und es war mächtig voll: der gemeine Ruhrie möchte also gerne mal was erleben in seiner ansonsten toten Innenstadt. Die Installationen selber waren – na ja – irgendwie so Naja. Manches schon irgendwie ganz hübsch, aber dafür extra in die Stadt fahren, einen Parkplatz suchen und dann zwischen Bratwurstdampf und Kinderkarussell herumeiern? Zumal manche Installation sich partout nicht dazu überreden ließ, wenigstens ein bisschen zu leuchten, wie z.B. am Kopstadt-Platz. Richtig toll hingegen war das 3D-Videomapping von Hannes Neumann am Weberplatz. Da habe ich dann trotz kalten Windes gerne hingesehen, wie man kreativ mit Licht und Architektur spielen kann.


Tom Waits hat nach zwei Jahren mal wieder einen Song eingespielt:

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