Life Is Great #2 | 23. Oktober 2018

Eine Woche, in der wir gezwungen sind, immer mal wieder nach Bayern zu schauen. Erst wegen der Bayern-Wahlen, dann wegen des Hackfressen-Stadls an der berüchtigten „Säbener Straße“. Auffällig ist: Alle Protagonisten, um die es da geht, sind selbstgerecht, überheblich, männlich. Es gibt bestimmt auch selbstgerechte und überhebliche Bayerinnen, aber in der bayerischen Landespolitik und im bayerischen Fussball spielen sie offenbar kaum eine Rolle. So bleibt die Bühne frei für die kernigen Burschen… Obwohl: So richtig kernig wirkt der Seehofer ja nicht mehr. Auf mich macht er zuweilen eher einen senilen Eindruck. Sein seltsames Gestammel, durchsetzt mit komischen Lachern und Glucksern, lässt eher den Schluss zu, dass hier einer dauerhaft in den heimischen Eisenbahn-Keller gehört als auf die große Polit-Bühne. Na ja, und die Rummelfliege ist ja eigentlich gar kein Bayer – kam der nicht aus Lippstadt?

Na, jedenfalls sind das alles ziemlich armselige Figuren, ob sie nun aus Dreckslöchern wie Lippstadt kommen oder aus blühenden bayrischen Landschaften. Hätte mich mal interessiert, was Thomas Bernhard – der große Städtebeschimpfer – über Lippstadt geschrieben hätte. „Drecksloch“ wäre bei ihm wahrscheinlich noch eine der harmloseren Zuschreibungen gewesen. Bernhard hätte es wahrscheinlich als „unerträglichen Nazi-Sumpf“ beschrieben und hundert weitere Verwünschungen in einer aus mehreren Seiten bestehenden Schmähungssuada hinterhergeschickt. Und er hätte wie immer Recht gehabt. Andererseits wäre Lippstadt dem Thomas Bernhard vermutlich völlig gleichgültig gewesen, ein so unbedeutendes Nichts, dass jeder Gedanke daran verschwendet gewesen wäre. Lippstadt wäre für Thomas Bernhard das gewesen, was Hasan Salihamidzic für den gemeinen Fußballfan ist. Oder Markus Söder für Wähler außerhalb Bayerns.


Auf arte habe ich die überwältigende Doku-Serie „Krieg der Träume“ zu Ende geschaut. Die Mischung aus Spielszenen und Dokumaterial gelingt hier ganz wunderbar, weil ja die Figuren allesamt historische Figuren sind. So kann man historisches Material mit neuem Material leichtfüßig zusammenschneiden und es ergibt sich eine flüssige Erzählstruktur. Die Spielszenen sind zum Glück nicht so ZDF-terra-x-mäßig inszeniert, sondern genügen auch höheren Ansprüchen an Inszenierung und Dramaturgie. Was sicher auch den durchgehend guten Schauspielern geschuldet ist. Geschichte ist hier kein vordergründiges Lehrstück, sondern ein lebenspraller Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, ein ständiger Impuls, die nur scheinbar Gestrigen und ihre persönlichen und gesellschaftlichen Dramen als Blaupause für unser eigenes Streben und Träumen zu begreifen.

Beim Schauen der Serie ist mir jedenfalls bewusst geworden, was für eine irrsinnige Aufbruchszeit (1918 – 1939) das gewesen ist. Vieles, mit dem wir uns heute noch herumschlagen, mit den Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, nach arm und reich, nach Macht und Ohnmacht, nach dem friedlichen Miteinander der Völker, zeigte sich schon in dieser wilden Epoche der großen Weltentwürfe. Doch all die kühnen Träume zerschellten an der gnadenlosen Gewaltbereitschaft jener Zeit. Je wilder die Menschen träumten, desto grausamere Ungeheuer betraten die Bühne. Wieso, frage ich mich, traten die Horrorfiguren so geballt auf: Hitler, Stalin, Mussolini, Franco…? Und haben wir heute nicht wieder ein ähnliches Bild: Überall kommen plötzlich nationalkonservative, rechte, autokratische Figuren an die Macht, Trump, Orban, Erdogan oder der verrückte Rest-Zwilling in Polen. Noch trauen die sich nicht, ihre politischen Gegner auf offener Bühne niederzuknüppeln, aber sie bauen Staaten um, sie beschränken die freie Justiz, sie drangsalieren die freie Presse. Selbst bei uns, wo man von der ganzen Nazi-Brut doch nun wirklich genug haben müsste, kriechen sie wieder aus ihren Löchern und strecken den Arm wieder zackig aus. Ich fasse es nicht und frage mich immer öfter: Wie wehrhaft ist eigentlich unsere Demokratie? Wenn ich nach Berlin schaue, wird mir Angst und Bange. Wir haben kaum moralische Instanzen an der Macht. Wir haben niemanden mehr, der sich mit Integrität und der Wucht seiner persönliche Autorität gegen die Restauration rechten Denkens und den Wiederaufstieg von Ressentiment und Engstirnigkeit stemmt.


Das Musiktheater im Revier, kurz: MiR, liegt schön nahe für uns. Wenn wir um kurz nach 19 Uhr nach das Haus verlassen, sitzen wir um 19:30 Uhr schon gemütlich auf unseren Sitzen. Am Wochenende besuchten wir die Premiere von „MiR goes Pop: Back to the 70s“. Nach dem langen Sommer mit unzähligen Abenden im Freien, war ein solcher Kultur-Abend mal wieder eine ganz angenehme Abwechslung. Die Neue Philharmonie Westfalen spielte auf und sie machte das mit jeder Menge Wumms. Da kann man durchaus auch abgenudelten Songs wie „Baker Street“ nochmal was Neues abgewinnen. Es fing schon sehr verheißungsvoll an mit einer schmissigen Version von Weather Reports „Birdland“. Auch die zweite Instrumentalversion des Abends, „Popcorn“ – einem all-time-Klassiker der 70er – zeigte, was ein gut aufgelegtes Orchester aus so einem harmlosen Popsong so alles rauszuholen vermag. Die großartig aufspielenden Blechbläser machten „Smoke on the water“ zum absoluten Höhepunkt des Abends, bis dann doch die E-Gitarre übernahm und dem Ganzen etwas seinen Zauber nahm. Überhaupt hätte ich gern den ganzen Abend nur Instrumentalversionen gehört, zum Konzept gehörten aber auch zwei Gesangs-Solisten. Viviane Essig und Henrik Hager waren auch wirklich gut bei Stimme und erstaunlich gute Performer, aber zum Schluss hin wurde es dann doch ein arges Disco-Gestampfe. Das Publikum goutierte es durch seliges Mitgeklatsche und manchen Mädelsclub hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Nun ja. Um 23 Uhr saß ich wieder auf dem heimischen Sofa und konnte Schalkes Heimniederlage im Sportstudio beklatschen.

Anarchic System sings Popcorn live with orchestra on French TV, 1972

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