Life Is Great #1 | 17. Oktober 2018

Seit ich Gerhard Henschels neuen dicken Wälzer in irgendeiner Buchhandlung am Berliner Savigny-Platz gesehen habe, müssen erst einmal alle anderen Lektüren hintanstehen. Bei Precht fällt mir das nicht so schwer. Obwohl ich sein Buch mit dem wirklich bescheuerten Titel „Jäger, Hirten, Kritiker“ ganz gerne lese, ist es mir wie fast alle Sachbücher irgendwie zu länglich. Man liest und liest und diese Bücher ziehen sich quälend. Bei Precht kommt hinzu: Es gibt Themen in diesem Buch, die er wirklich überaus überzeugend darlegt. Bei seinen Gedanken zum Grundeinkommen habe ich viel gelernt und einige meiner Vorurteile durchaus revidiert. Manche seiner kritischen Einlassungen liest man in dieser Klarheit selten, was, so vermute ich, daran liegt, dass es Precht nicht nötig hat, sich mit irgendwelchen Communities oder sonstigen Blasen gemein zu machen. Der Mann ist seine eigene Community. Sein Herumgeätze gegen die Gurus und die Tech-Giganten des Silicon Valley (und ihre willfährigen Adepten hierzulande) gehen mir dann doch eher auf die Nerven. Das klingt alles so wohlfeil, ist aber eher ein bisschen billig. Hat er eigentlich gar nicht nötig, der Richard David. Ich glaube, dieses ganze Geraune über die Macht der Daten und derer, die auf den Datenbergen sitzen, geht ziemlich an der Realität vorbei. Ich vermute eher, dass die Algorithmen noch ziemlich dumm sind und mit all dem Datenwissen noch nichts so richtig anzufangen wissen. Vielleicht sollte ich mal ein Sachbuch schreiben. Kernthese: Fürchtet Euch nicht. Google hat zwar ziemlich viele Daten, ist aber trotzdem ziemlich dumm. Wieso setzen sie sonst ein Projekt nach dem nächsten in den Sand? In dieser Woche haben sie Google+ dicht gemacht.

Sich von nichts und niemandem beeindrucken zu lassen, kann man übrigens wunderbar bei Gerhard Henschels alter ego Martin Schlosser lernen. Der Typ findet ja so ziemlich alles scheiße – und das ist eine große Lesefreude. Sehr schön seine miesepetrige Rückschau auf die deutsche Wiedervereinigung, auf die deutsche Kulturschickeria der 80er-Jahre, das bodenlose Gelaber in den Feuilletons, die tödliche Dummheit des Privatfernsehens etc. Herrlich!

Überaus ärgerlich ist hingegen die Tatsache, dass der Kindle E-Book-Version des „Erfolgsromans“ immer wieder Textteile fehlen. Wie viel da fehlt, kann man kaum einschätzen, weil Sätze einfach abbrechen. Lieber Verlag Hoffmann & Campe: Bitte mal dringend nachbessern!


Die Lit.Ruhr war vergangene Woche mal wieder zu Gast im Revier. Nachdem ich im vergangenen Jahr noch offizieller Festival-Blogger und also auf ziemlich vielen Veranstaltungen gewesen war, waren wir in diesem Jahr nur auf der Lesung von Cordula Stratmann und Bjarne Mädel im gemütlichen Theater in Oberhausen. Der Abend war wirklich top, kein Vergleich zu manchen Flops im vergangenen Jahr. Das lag vor allem an den beiden Protagonisten auf der Bühne und einem wunderbaren Thema: Texte gegen das Reisen. Da waren so einige Perlen dabei, zumeist vorgetragen von Bjarne Mädel, während die Stratmann eher die Moderation übernahm und witzige Anekdoten erzählte. Empfehlung des Abends: Bleibt mit dem Arsch zuhause, woanders is auch scheiße. Den ganzen Abend über waren zwei Gebärden-Dolmetscher am Werke und gaben augenscheinlich ihr Bestes. Allerdings fragte ich mich mehr als einmal, wie und ob es gelingen kann, Ironie oder auch Nonsens, wie sie ja in der Literatur nicht selten vorkommen, in Gebärdisch zu übersetzen. Ich konnte jedenfalls nicht erkennen, dass die beiden zwischendurch mal irgendwelche Anführungszeichen ironisch in die Luft malten und dabei verschwörerisch guckten.


Jahrelang war ich der Überzeugung, dass der RSS-Reader „Reeder“ die beste App sei, um RSS-Feeds zu organisieren und natürlich auch zu lesen. Bis ich „Fiery Feeds“ kennenlernte. Das ist eine App, die es zwar nicht für den Mac gibt, sondern nur für iOS. Schon beim ersten Anschauen hatte mich FF überzeugt. Sehr schönes Design, tolle Schriften und unendlich viele Möglichkeiten, Feeds zu organisieren und zu strukturieren. Das macht riesig Spaß und es ist immer wieder toll zu sehen, dass es Entwickler gibt, die mit ganzem Herzen bei der Sache sind. Die haben einfach einen Blick fürs Detail, machen sich Gedanken, welche Funktionen ein Nutzer brauchen könnte und bieten diese dann auch an. Jeden Morgen öffne ich die App, freue mich über Funktionen wie „Heute“, wo dann die allerneuesten Artikel versammelt werden, „Hot Links“ oder „Selten aktualisiert“. Gegen diese App ist Reeder eine echt lahme Ente, ohne Esprit und den großen Willen, RSS-Feeds zu einem echten Erlebnis zu machen. Allerdings ist für Reeder auch ein Update angekündigt, man darf also gespannt sein. Reeder gibt es auch für den Mac, aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich am Desktop eher selten durch die Feeds stromere. Das mache ich meist auf dem iPad und seit ich das XS habe, fast ausschließlich auf dem iPhone. FF verbindet sich auf Wunsch auch mit Read-it-later-Diensten wie Pocket oder dem Bookmarking-Dienst Pinboard. So wird FF fast zum Schweizer Taschenmesser fürs News-Lesen auf dem iPhone/iPad. Und seit ich von Feedly zu Feedbin gewechselt bin, kann ich auch Newsletter im RSS-Reader abonnieren. Alles in allem macht mich FF so gut wie wunschlos glücklich.

Schreibe einen Kommentar