WamS-Linkschau (01_13)

Der großartige FAZ-Journalist Jürgen Kaube, in der Regel zuständig für die „Forschung & Lehre“-Seiten sowie für die Geisteswissenschaften, arbeitet sich in seinem Essay an den diversen Zeitdiagnostikern ab, die uns in schöner Regelmäßigkeit irgendwelche Zeitenwenden prophezeien und vor allem unablässig neue Zeitalter ausrufen. Es werde jede Menge behauptet und alles mögliche diagnostiziert, aber am Ende, so Kaube, bleibe doch vieles offen.

„Die Zeitdiagnostik hat also nicht nur eine Präferenz für Neuheitsbehauptungen, sie pflegt auch ein völlig überintegriertes Gesellschaftsbild. Ein Merkmal – etwa Privateigentum an Maschinen, das Internet, Singlehaushalte, Termindruck – wird herausgehoben und als durchgehender Zug des Ganzen mit Auswirkungen in alle entscheidenden Belange behauptet.“

Beim Schweizer „Tagesanzeiger“ führt Constantin Seibt ein außergewöhnliches gutes Blog zum „Journalismus im 21.Jahrhundert“. Selten las ich stilistisch, inhaltlich und formal so großartige Beiträge zum journalistischen Handwerk wie hier. Jüngst beschäftigte er sich mit dem Thema „Thesen“:

„Thesen sind quasi die Schaben des Geistes: fruchtbar, gefrässig und fast unzerstörbar. Ihr Überlebensinstinkt ist erstaunlich: Einmal im Haus finden sie überall Indizien, Beispiele und Statistiken. Und sind praktisch immun gegenüber Gegenindizien, Gegenbeispielen und Gegenstatistiken.“

Journalisten sollten hingegen diesen Mechanismen tunlichst widerstehen, und die Werthaltigkeit ihrer Thesen kontinuierlich überprüfen. Zum Beispiel, „seine These einfach so in der Gegend mäandrieren zu lassen“.

Beim Berliner „Tagesspiegel“ scheint sich leise Hoffnung breit zu machen, dass Online-Bezahlschranken vielleicht doch eine Lösung der Zeitungskrise sein könnte. Man verweist auf das neue Paywall-Modell der „Braunschweiger Zeitung“, die nun sage und schreibe fast 28 Euro im Monat für ihr Online-Abo verlangt. Ich bin gespannt, wie viele Hardcore-Braunschweiger dieses Schnäppchen-Angebot wahrnehmen werden. Christian Jakubetz ist da nicht so überzeugt. Ich auch nicht.

Don Alphonso hat sich noch an den Piraten abgearbeitet, insbesondere an Christopher Lauer. Besonders gut gefiel mir seine Kritik an dem intransparenten Wirken jener parteinahen netzpolitischen Einrichtungen wie D64 oder die DigiGes:

„Dass D64 und DigiGes durch einen hohen Ausstoss von Pressemitteilungen mit ihrer Interpretation des Geleisteten die Medien bestürmen und versuchen, so etwas wie eine Deutungshoheit über die Netzpolitik zu erlangen, gehört zu diesem Geschäft – in dem auch ein Herr Guttenberg von der EU zum Internet-Berater der Kommission geadelt wurde. Immerhin sind diese Organisationen schon dort, wo manche Piraten erst hin möchten: Bei der intransparenten, geschlossenen Gesellschaft, bei der nie ganz klar ist, um was es letztlich geht; Politik, Parteiinteresse oder Einflussnahme zugunsten von AgenturenStartup-Investoren oder Einzelpersonen, die gern ihren Namen in der Presse lesen möchten.“