Kindle, oder: Die Essenz des Lesens

Neulich beim Renovieren wurde es mir wieder schmerzlich bewusst. Es war sozusagen physisch spürbar: Bücher zu besitzen ist Unsinn. Man stellt sie sich jahrelang, sogar jahrzehntelang ins Bücherregal und würdigt sie doch keines Blickes mehr. Oder nur dann, wenn man gerade wieder einmal renoviert.

Ich kann mich überhaupt an kein Buch erinnern, das ich zweimal gelesen hätte. Selbst meine Lieblingsbücher habe ich nach einmaliger Lektüre nie wieder angeschaut. Vielleicht sind sie auch nur deshalb meine Lieblingsbücher, weil ich sie in guter Erinnerung habe. Vielleicht fände ich sie nach abermaliger Lektüre und mit dem Abstand vieler Jahre langweilig, öde oder gar ärgerlich schlecht?

Zugegeben: Ich finde es beruhigend, dass manche Bücher im Regal stehen. Sie stehen für eine bestimmte Phase meines Lebens, manchmal für ein Lebensgefühl. Sie zeigen mir, dass ich eine Geschichte habe. Und genau das ist das Problem mit Büchern: Sie sind Projektionen unserer Wünsche, Erinnerungen und Träume. So ist es mit vielen Dingen, mit denen wir uns in unseren Wohnungen und Häusern umgeben. Sie sollen uns zeigen, dass wir leben.

Das ist auch bei der Musik der Fall. Bei den alten Vinyl-Platten, die wir im Keller lagern, weil wir längst keinen Plattenspieler mehr haben, aber sie trotzdem nicht wegwerfen können. Weil sie uns an unsere Jugend erinnern, an die erste Liebe oder an die wilde Studentenzeit. Selbst die noch relativ junge CD staubt schon in den Regalen vor sich hin, weil Musik heute auf unseren Festplatten und Abspielgeräten lagert. Was kommt eigentlich als Nächstes? Wir laufen durch die Wohnung, rufen der Großen Siri (oder wie auch immer sie heißen mag) einen Musiktitel zu und schon dröhnt es aus den Boxen?

Beim Buch ist es ja fast schon so. Seit ich mir jüngst ein preiswertes Kindle kaufte, kann ich der Großen Amazone einen Buchtitel zurufen und keine 15 Sekunden später hat sie es auf den Kindle gesendet. Unabhängig davon, ob es ein schmales Bändchen oder ein 700-Seiten-Schinken ist. In der digitalen Welt sind Wörter lediglich ein Massengut.

Man kann die Probe aufs Exempel machen: Wann immer man mit einem Menschen  über das Lesen auf elektronischen Geräten spricht, fallen unweigerlich die Worte „Haptik“ und „Geruch“. Der herkömmliche Büchermensch will seine Bücher halt fühlen und riechen. Will Eselsohren hineindrücken oder Notizen hineinkritzeln. Und er will das Buch hinterher in sein Regal stellen und es besitzen.

So viel Liebe hält ein Kindle gar nicht aus. Dabei bietet er nichts anderes als das gedruckte Buch. Die Worte auf seinem Bildschirm ergeben denselben Sinn, erschaffen dieselbe Welt, erzählen dieselbe Geschichte. Aber ohne philosophischen Überbau. Ohne die Aura des Buches, das uns ständig zuraunt: „Liebe mich! Ehre mich! Besitze mich!“ Der Kindle hat derlei Anbiederung nicht nötig. Er tut das, was er soll: Er zeigt Buchstaben in der richtigen Reihenfolge an. Er ist ein nüchterner, diskreter Butler. Das Buch aber ist eine anspruchsvolle Adlige, die ständig im Mittelpunkt stehen will.

Der Kindle ist die Essenz des Lesens. Er lenkt uns nicht mit philosophischen Überhöhungen ab, sondern lässt uns unbehelligt lesen. Und er fordert nichts von uns: Bits sind geduldiger als Papier.

Vielleicht werde ich in 20 Jahren meinen alten Kindle aus dem Keller hochholen und versonnen in alten Texten blättern. Aber das ist eher unwahrscheinlich. Wie gesagt: Meine alten Bücher sind mir eigentlich gleichgültig. Wahrscheinlich blättere ich dann eher in einem opulenten Bildband oder in einem verführerischen Coffetable-Book, das nach allen Regeln der Buchdruckerkunst hergestellt wurde. Bücherregale werde ich nicht mehr haben. Nur noch ein ganz kleines. Darin stehen meine Lieblingsbücher, die ich zwar besitze, aber dennoch nie in die Hand nehme.

Alles andere wird der Geschichte anheimfallen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei mir ist es anders: Ich habe manche Bücher schon drei- oder viermal gelesen, zum einen, weil ich sie liebe, zum anderen, weil ich vergesslich bin.
    Ich bin trotzdem vom Kindle begeistert — aus folgenden Gründen: Zum einen habe ich einfach keinen Platz mehr in den Regalen. Dort stapeln sich die Bücher, manche liegen auch schon neben dem Bett. Zum anderen finde ich es famos, dass mit dem Kindle das Bücherkaufen in Sekundenschnelle passiert.

    Dann gibt’s noch die Möglichkeit, sich kostenlose Leseproben runterzuladen. UND die Bücher sind günstiger — vor allem, wenn man englische Originale kauft.

    Oh – und noch ein Vorteil: Man kann die dicksten Wälzer lesen, sie wiegen nie mehr als die 170 Gramm, die der Kindle auf die Waage bringt. Beim Lesen im Bett nicht unwichtig. 🙂

    • Stimme Dir völlig zu, Susanne. Vor allem die Leseproben sind ungemein hilfreich. Was mich allerdings manchmal verärgert, ist die Preisgestaltung der Verlage. Wenn das gedruckte Taschenbuch vier oder fünf Euro billiger ist als die Kindle-Edition, dann kann das mit den elektronischen Büchern ja nicht richtig funktionieren.

      Ich verlange von den Verlagen nicht, dass sie ihr Produkt zu Niedrigstpreisen verschleudern, aber ich meine, dass die elektronische Version immer günstiger sein muss als die preiswerteste Printversion.