Kaurismäkis „Le Havre“

Marcel Marx (André Wilms) und Idrissa (Blondin Miguel)

Aki Kaurismäkis „Le Havre“ zählt für mich zu den besten Filmen, die ich dieses Jahr im Kino sah. Es ist ein kleines, sozialromantisches Märchen, das einem richtig gute Laune beschert. Eigentlich ist es ein Flüchtlingsdrama, denn es handelt von Idrissa, dem Jungen aus dem Gabun, der in einem Container illegal nach Frankreich kam und auf der Flucht vor den Behörden ist. Er will zu seiner Mutter nach London und eine ganze Schar anrührender Menschen aus dem Kaurismäki-Universum helfen ihm selbstlos dabei.

Dies ist schon die ganze Geschichte, die erst durch Kaurismäkis große Kunst zu einem wunderbaren Kinomärchen wird. Jede Szene ist perfekt ausgeleuchtet und in satte Farben von blau und grau getaucht, und zuweilen auch in ein unglaublich schönes rot. Kaurismäki und sein Kameramann Timo Salminen sind wirklich außerordentliche Lichtkünstler und der ganze Reiz dieser Bilder geht von diesem perfekten Licht aus.

Obwohl der Film zweifellos in der Gegenwart angesiedelt ist (wofür allein schon die Flüchtlingsproblematik spricht), spielt jede Szene in einem bis in die Details ausgestatteten 50er- oder 60er-Jahre-Frankreich. Kleidung, Interieur, Autos – alles verweist auf ein längst untergegangenes Frankreich. Wie in Szenen auf dem Theater baut Kaurismäki seinen Film behutsam auf. Und so wirken die Protagonisten – ihre Hoffnungen und Überzeugungen – seltsam aus der Zeit gefallen. Besonders sinnfällig wird dies an der Figur des wortkargen Kommissars Monet, der mit hochgeschlagenem Mantelkragen in einem uralten Renault 16 durch die Gegend kurvt, raucht und letztlich mit seinem guten Herzen der ganzen Geschichte ein Happy End beschert.

Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin)

Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin)

Und jener Kommissar ist auch, der dem Gemüsehändler aus lauter Gutmütigkeit nach einer Befragung eine Ananas abkauft. Und so sitzt er dann in der tristen Kneipe, die exotische Ananas neben sich auf dem Tisch. Im Hintergrund sieht man die vier Zecher mit ausdrucklosen Gesichtern, die eigentlich keine Franzosen, sondern typische Kaurismäki-Finnen sind. Die Poesie, die in dieser einen Szene steckt, bringt manch anderer nicht in drei Filmen unter.

Technische Angaben: 
Finnland, Frankreich, Deutschland 2011 · 35mm/Digital · 1:1,85 · Dolby SRD · 93 Minuten · Deutsche Fassung. Seit 8. September 2011 im Kino.

Fotos: 
© Sputnik Oy/Pandora Film
Fotografiert von Marja-Leena Hukkanen