„Kauft nicht beim Amazon“

Ich stand da also etwas unschlüssig in dieser Buchhandlung herum. Obwohl: ‚Unschlüssig‘ ist das falsche Wort. Vielmehr war ich etwas – verunsichert. Schuld daran sind die Amazon-Hassprediger, die derzeit in den Gazetten und auch in der Glotze herumspuken und uns ihre Botschaft einimpfen: „Kauft nicht beim Amazon.“

Normalerweise pfeife ich auf derlei dummes Gewäsch und denke mir: „Pff, jetzt soll ich auch noch den Einzelhandel, die Infrastruktur in unseren Innenstädten und überhaupt das Kulturgut ‚Buch‘ retten“. Geht es auch eine Nummer kleiner?

Es ist schon ziemlich erstaunlich, welche unglaubliche Meinungsmacht die Verlage in diesen Tagen zu entfalten vermögen. Sie profitieren davon, dass wir alle von dieser entrückten Überhöhung des Buches belegt sind. Das entwickelt ja fast einen sakralen Charakter. Bücher – das hat man uns immer gesagt – sind der Schlüssel zu allem Guten: Bildung, Wissen, Phantasie. Und das stimmt ja auch. Aber Bücher sind auch nur Bücher. Manche sind große Kunstwerke, viele nur billige Papierhaufen. Manche überdauern die Jahrhunderte, die meisten halten nur ein paar Jahre.

Erst jüngst haben wir aus Platzmangel einen Großteil unserer Büchersammlung entsorgt: auf dem Bücherflohmarkt der Stadtbibliothek, bei Ebay oder schlicht im Altpapier. Paperbacks für ein paar Euro werden nicht schöner, wenn sie 20 Jahre im Billy-Regal stehen. Nur wenige Exemplare haben wir behalten. Solche, die uns aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes bedeuten. Solche Bücher hat jeder.

Dann kam der Kindle und ich mochte ihn sofort. Ich mag auch gern Bücher auf dem iPad lesen. Da ist die Typografie besser als auf dem Kindle und man kann ganz smooth durch das Buch scrollen. Aber es ist halt ein leuchtender, spiegelnder Bildschirm, der die Augen ermüdet. Bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon sitzend, ist der Kindle die bessere Wahl: Je heller es wird, desto besser wird das Lesen auf dem Kindle. So viel Speicherplatz wie 1.000 Billy-Regale. Ziemlich perfekt.

Doch dann stand ich da in der Buchhandlung und hatte dieses ungute Gefühl. Es ist einfach eine tolle Buchhandlung, von einer sehr klugen Buchhändlerin geführt, gut sortiert, es gibt Kaffee, eine Leseecke, im Hintergrund leise Jazzmusik. Das hat Amazon beim Einkauf nicht zu bieten.

Die ausgelegten Bücher zeigen: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, was seine Kunden interessieren könnte. Gute Literatur, nicht der Schund, der einem beim Amazon angepriesen wird. Lesefrüchte des Buchhändlers, Debattenbeiträge aus den Feuilletons, die großen Themen der Gegenwart. Ein Fest für den Geist. Hier könnte man stundenlang eintauchen, schwelgen, genießen.

Drei, vier Bücher hätte ich kaufen mögen – und da begannen die inneren Kämpfe. Ich konnte doch jetzt nicht ernsthaft den Laden verlassen und später diese Bücher auf den Kindle oder das iPad laden? Alles kam in mir hoch: das Bild einer darbenden Buchhändlerin, der frech lächelnde Jeff Bezos, demonstrierende Amazon-Angestellte, stolze Drucker vor ihrer Heidelberg-Maschine, Johannes Gutenberg, die weiße Rose, Günter Wallraff – aaahhhh! Ich lief schnell zur Kasse und kaufte ein Buch. Es war eine Art Ablasshandel. Für all meine Amazon-Sünden.

Ich habe jetzt einen Deal mit mir selbst: Ich kaufe jeden Monat ein Buch bei der darbenden Buchhändlerin. Vielleicht überlebt ihre Buchhandlung noch ein paar Jahre, wenn viele Essener Buchfreunde es so machen wie ich. Ich wünsche es ihr sehr. Den Rest meiner Bücher werde ich auf meinen elektronischen Geräten lesen. Hier ereignet sich ohnehin ein Großteil meines Lebens, warum also nicht auch die Literatur?

Die kleine Buchhandlung wird untergehen. Manche werden sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Die Meisten werden es gar nicht bemerken. Die Welt wird sich ungerührt weiterdrehen.