Kanarienvögel auf Zollverein

Die „Designallee“ im Essener Stadtteil Katernberg ist eröffnet. Acht mannshohe Kanarienvögel weisen nun den Besuchern den Weg vom S-Bahnhof „Zollverein-Nord“ bis zum Welterbe Zollverein.

Ein erklärtes Ziel der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ist es, viele auswärtige Menschen ins Ruhrgebiet zu locken. Wenn die Fremdlinge dann endlich mal hier sind, dann – so die Hoffnung – werden sie sich von der rauen Schönheit der Ruhr schon begeistern lassen. Deshalb werkelt und wienert man in den 53 Ruhrgemeinden schon seit vielen Monaten, um sich fein für die Kultur zu machen. Auch die gute Deutsche Bahn beteiligte sich am allgemeinen Ruhr-Putz und spendierte den Essenern einen neuen Bahnhof. Na ja, der alte wurde runderneuert und präsentiert sich nun – mit ein bisschen mehr Farbe und mit McDonalds – den erhofften Besucherströmen. Die müssen allerdings mitten im Hauptstadt-Jahr noch durch jede Menge Baustellen stiefeln. Denn rechtzeitig fertig geworden ist nur das Hauptgebäude.

S-Bahnhof Zollverein-Nord

S-Bahnhof Zollverein-Nord

Allerdings wird so mancher Ruhrtourist gar nicht erst über den HBF anreisen. Denn einer der Ankerpunkte der Ruhr.2010 und das Wahrzeichen des Ruhrgebiets, die Zeche und Kokerei Zollverein, liegt weit draußen – irgendwo im Niemandsland zwischen Essen und Gelsenkirchen. Dort hat es auch einen Bahnhof – ein zugige, schmucklose, leicht nach Urin stinkende Vorortkatastrophe. Erdacht von kranken Hirnen, um harmlosen Menschen ihren Tag von Grund auf zu versauen. Einer jener Orte, die man nur aufsucht, wenn es sich denn überhaupt nicht vermeiden lässt, kurz: ein Bahnhof, wie wir ihn alle kennen und hassen.

Da dieses aber nun mal – so muss es den Kulturhauptstadt-Machern irgendwann gedämmert sein – einer jener Orte ist, an dem viele der begehrten und umworbenen Touristen die Füße erstmals auf Kulturhauptstadtboden setzen würden, war guter Rat teuer. Doch es wurde gehandelt. Zunächst bat man ein paar gutwillige Sprayer, den Zu- und Ausgang mit dem beklemmenden Aktenzeichen-XY-Charme ein wenig aufzuhübschen. Was dann auch ganz gut gelang. Sodann dachte man sich, dass ein Bahnhof mit der Bezeichnung „Essen-Katernberg-Süd“ eines Weltkulturerbes nicht angemessen sei und benannte ihn zur geografischen Verwirrung der Ureinwohner in „Essen Zollverein-Nord“ um.  Den geneigten Asterix-Leser wird dieses Glanzstück an Diskussionen um die West- und die Ostgoten erinnern.

Designallee mit Kanarienvögeln

Katernberger Designallee mit Kanarienvögeln

Den letzten Akt des Stückes um den Zollverein-Bahnhof können Touristen und Katernberger nun seit ein paar Tagen in Form von überdimensionalen Kanarienvögeln bewundern. Kanarienvögel? Jawohl. Liegt doch der Bahnhof ein paar hundert Meter vom Welterbe entfernt. Womöglich könnte sich der Tourist verlaufen und in den Slums von Katernberg verloren gehen… Nun gut. Da im Kulturrausch natürlich ein einfacher Wegweiser nicht infrage kommen konnte, musste nun auch hier etwas besonderes her: die „Designallee“. Auf der Ruhr-2010-Website heißt es dazu:

„Ziel des Projektes (…) war es, den Weg vom S-Bahnhof auf das Welterbe durch eine ungewöhnliche Inszenierung städtebaulich und funktional attraktiver zu gestalten, um so allen, die mit der Bahn anreisen, die Orientierung in Richtung Zollverein-Gelände zu erleichtern.“

Und so begleiten den Wanderer nun acht leuchtend gelbe, übergroße, aus Hartkunststoff gefertigte Kanarienvögel beim Weg vom Bahnhof zu Zollverein. Zwei Meter hoch, 3,60 Meter lang, 100 Kilo schwer.

Kanarienvögel in Katernberg

Kanarienvögel als Retter der Bergmänner

Ausgedacht hat sich das der Dortmunder Architekt Axel Hummert. Er beschreibt seine Vogelallee so: „Als auffällige Fremdkörper im städtischen Raum erfüllen sie geradezu beiläufig ihre Wegweiserfunktion, ohne dabei störend zu wirken. Sie können im nächsten Moment weiterfliegen und sich anderswo niederlassen.“

Doch warum eigentlich Kanarienvögel? Diese hatten im Bergbau eine wichtige Funktion. Sie reagierten äußerst empfindlich auf einströmendes Grubengas oder auf Sauerstoffmangel. Wenn so ein Piepmatz von der Stange fiel, war es für den Bergmann höchste Zeit, das Weite zu suchen.