Inder, Streber und Berliner: Ein Trip nach Kamp-Lintfort

Unser Nawwi – also das Navigationsgerät in unserem Auto – hat ein paar seltsame Angewohnheiten. Beispielsweise will es uns in unserer Siedlung immer in eine No-Drive-Area führen, mitten hinein in ein Gewirr von Sackgassen. Die Stadtplaner Essens haben nämlich hier bei uns den teuflischen Plan in die Tat umgesetzt, einen undurchdringlichen Dschungel von verkehrsberuhigenden Straßenschranken zu installieren. Oft genug mussten wir in den vergangenen Jahren verirrte Fremde aus ihren Autos schälen, um sie vor dem bitteren Ende des Verdurstens zu erretten. Genau dort hinein, in die Zone des Grauens, will uns das Nawwi also jedes Mal hineinlocken.

Als Ortskundige umgehen wir natürlich die böse Falle und lenken den Kia in Richtung Freiheit. Während das Nawwi noch hektisch eine Neuberechnung der Route unternimmt, biegen wir schon auf die Katernberger Straße ein. So auch jüngst, als die Liebste und ich an den Rand des Ruhrgebietes unterwegs waren – nämlich in das sagenhafte Kamp-Lintfort. Dort wollten wir einen Teil unseres Sonntages verbringen, genauer gesagt: im oder am Kloster Kamp. Nachdem wir über die Autobahn 42 dorthin gezockelt waren, begann das Nawwi mit einer seiner nächsten Eigenheiten, nämlich mit der eigentümlichen Anweisung: „Bitte an der nächsten Ausfahrt rechts halten und dann sofort wieder rechts halten.“ Okay, man kann sich denken, was die Nawwi-Dame meint, allerdings betont die elektronische Stimme ganz extrem das zweite „halten“: Es klingt, also solle man dort halten – im Sinne von anhalten, stoppen. Erst rechts halten (also rechts abbiegen) und dann recht sofort rechts anhalten. Das ist natürlich kompletter Unsinn, aber jedes Mal bin ich versucht, mich rechts zu halten, dann sofort anzuhalten und dann die Liebste anzugrinsen.

Na gut: Kamp-Lintfort also. Sagenhaft ist es deshalb, als die meisten Menschen im Ruhrgebiet den Ort nur von den Autobahnschildern der A42 kennen, an deren westlichem  Ende sich Kamp-Lintfort befindet und deshalb auf sämtlichen Hinweisschildern als Fernziel aufgeführt wird. Niemand käme allerdings im Ruhrgebiet auf die völlig abwegige Idee, wirklich nach Kamp-Lintfort zu fahren. Kamp-Lintfort existiert eigentlich nur als Autobahn-Endstadt und markiert zugleich das westliche Ende (oder – je nach Sichtweise – den Anfang) des Ruhrgebietes. Am anderen Ende steht Hamm i.W. – jene großartige Stadt der Zugteilung – gemeinhin für die Begrenzung im Osten. Kamp-Lintfort und Hamm rahmen also eine der großartigsten Regionen Europas ein, prost Mahlzeit. Im Sinne der Heldengeschichten, die sich sich die Ruhris über ihre Region erzählen, wären Ortsnamen wie „Düsterwald“ und „Eisenberge“ sicher passender gewesen. Aber gut: Man muss nehmen, was man kriegt.

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Am Kloster Kamp angekommen steuerten wir direkt die Abteikirche an. Wenn jemand – wie wir in diesem Fall – gerade aus Italien zurückkommt, wo jedes 100-Seelen-Dorf über prachtvoll ausgestattete Kathedralen von petersdomartigen Ausmaßen verfügt, für den kann so eine Abteikirche wie die im Kamp-Lintfort nur eine große Enttäuschung sein. Von so viel Schlichtheit geblendet, suchten wir schnell das Weite und wollten ein wenig in den Klostergärten lustwandeln. Den in der Tat recht angenehmen, aber ebenfalls sehr schlichten Barockgarten hatte eine Gruppe von Indern bevölkert. Die schienen sich dort überaus wohl zu fühlen und ließen sich dann noch von mir in Gruppenstärke vorm Rundbrunnen ablichten. Wasserfontänen zischten hinter ihnen heiter in die Lüfte. Ich fühlte eine gewisse Befriedigung in mir aufsteigen: Ich hatte Inder in Kamp-Lintfort fotografiert. Wer kann das schon von sich behaupten?

Ein Abstecher in den Kräutergarten mit seinen verlockenden Düften trieb uns in die nahegelegene Gaststätte „Haus Bieger“. Dort speiste bereits der gemeine Kamp-Lintforter, sowie diverse Fahrradtouristen und Klosterausflügler. Am Nebentisch saß eine große, laute Gruppe, zu denen auch ein ca. Zwölfjähriger gehörte, der ständig mit seinen guten Lateinnoten prahlte. Nun ja, wir waren ja schließlich auch in einem Kloster, trotzdem wurde der Streber von niemanden zur Ordnung gerufen, aber mit Erdbeerkuchen zum Verstummen gebracht. Noch schlimmer aber war ein spilleriges Männchen um die 40, das sich in weiblicher Begleitung ebenfalls ganz in unsere Nähe setzte und von da an ununterbrochen redete. Als seine Begleitung einmal kurz weg musste, redete er trotzdem unbeeindruckt weiter. Es war allerdings unklar, mit wem er redete: Mit sich selbst, mit uns, mit dem Lateingenie? Und obwohl die ganze Szenerie nur wenige Minuten dauerte, wussten wir am Ende fast alles über diesen Mann: Dass er aus Berlin sei, dass er Berlin satt habe, insbesondere die U-Bahn-Schächte (sic!), und dass er hier am Niederrhein endlich einmal aufatmen könne… Hört mal, Ihr Berliner: Könnt Ihr nicht in Eurem Berlin bleiben? Müsst Ihr jetzt auch noch in Kamp-Lintfort rumlungern? Herrje.