If I Had Glass, oder: Der Ben Wisch des 21. Jahrhunderts

Zuallererst: Die Dinger sehen echt shyce aus. Das ist auch kein Wunder, denn die Amis können keine Brillen. Konnten die noch nie. Was die Brillenmode angeht, sehen die meisten US-Amerikaner heute immer noch aus wie die intellektuellen Lehrer-Figuren aus den MAD-Heften der 70er Jahre. Ab und zu gibt es mal einen kurzen Sonnenbrillenhype, wie bei den Ray Ban-Jungs von Miami Vice. Unfassbar cool ist es natürlich auch, wie Horatio Caine seine Sonnenbrille nach getaner Arbeit aufsetzt. Aber ansonsten hat sich die US-Brillenmode seit Woody Allens Stadtneurotiker eigentlich nicht mehr weiterentwickelt, ja Woody Allen selbst trägt ja heute noch seine Stadtneurotiker-Brille.

Interessanterweise hat sich Allens Regisseur-Charakterkopf-Brille zum Erkennungsmerkmal deutscher Film- und Theater-Regisseure und Künstler weiterentwickelt, vor allem jener, die in Berlin leben und arbeiten. Allerdings mit dem leichten Unterschied, dass die ursprünglich leicht gerundete, an Bert Brecht gemahnende Allen-Brille für die Zwecke dauerironischer deutscher Filmkünstler etwas zu lieblich daherkäme und deshalb von in Berliner Hinterhöfen vegetierenden Brillendesignern zu kiloschweren, mit bratpfannengroßen Brillengläsern ausgestatteten Gesichtsmöbeln veredelt worden sind. Leander Haußmann hat so eine Brille. Und auch Sven Regener.

Leander Haußmann hatte schon immer Brillen auf der Nase als führe er einen privaten Kleinkrieg gegen Fielmann. Als wolle er sagen: „Seht her, man kann auch die Brillen seiner Vorfahren auftragen.“ Wer mir nicht glaubt, kann das ja googlen. Letztens sah ich Leander Haußmann im Fernsehen, als er seine 7,3 Kilo schwere Berliner Filmregisseurs-Brille trug. Ich konnte mich nicht darauf konzentrieren, was er sagte. Ich war einfach nur fasziniert von diesem Brillen-Monster, das so schwer wog, dass es ununterbrochen über die Haußmann’sche Nase nach unten rutschte. Ja, dachte ich bei mir, deutsche Filmregisseure leben allein schon deshalb am Limit, weil sie einen täglichen Kampf gegen ihre der Schwerkraft gehorchenden Filmregisseurs-Brillen führen müssen.

Auch Sven Regener, der Musiker und Schriftsteller, trägt so eine Brille. Er ist ja auch Regisseur. Er hat einen Film gemacht über einen Hai in einem See in Köpenick (gibt es da eigentlich einen See?). Zusammen mit – natürlich – Leander Haußmann. Vielleicht haben die beiden Rabatt bei berühmten Berliner Hinterhof-Filmregisseurs-Brillen-Designern? In Laufnähe zu einer Bratpfannenfabrik. Neulich sah ich einen Interview-Film auf 3sat, in dem ein junger 3sat-Kerl versucht, Sven Regener zu interviewen. Das gelingt fast gar nicht. Denn Regener hat ununterbrochen schlechte Laune, mault rum, findet alles Mögliche scheiße, und rückt den ganzen Tag seine mördermäßige Brille zurecht, die natürlich ganz leanderhaußmannmäßig gen Erdoberfläche strebt.

Hans-Jürgen Wischnewski mit seiner sagenumwobenen Brille. (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079279-0005 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA)

Hans-Jürgen Wischnewski mit seiner GSG 9-Brille. (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079279-0005 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA – via Wikimedia Commons)

Haußmann und Regener wären prima Gäste in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ gewesen, dessen glasbausteinartige Sehhilfe nur von derjenigen Hans-Jürgen-Wischnewskis, des Helden von Mogadischu, übertroffen wurde. Ich bin ziemlich sicher, dass Hans-Jürgen Wischnewski damals schon eine Art Google-Brille hatte, denn in in seinem Brillengestell konnte man problemlos einen wohnzimmerschrankgroßen Computer und die gesamte GSG9 unterbringen. Nur so sind seine überragenden Verhandlungserfolge überhaupt zu erklären.

Ja, jetzt wird mir einiges klar: Ich möchte eine Google-Brille haben, um der Hans-Jürgen Wischnewski des 21. Jahrhunderts zu werden. Internationale Verwicklungen? Flugzeugentführungen? Kein Problem: Die Ben-Wisch-Brille aus Mountain View wird die Terroristen der Welt das Fürchten lehren und sie immer daran erinnern: Don’t be evil.

(Beitrag im Rahmen der Blogparade von Gerhard Schröder zu Google Glass)