Ibrahim Evsan „Der Fixierungscode“ – Eine Buchkritik

Ein großer Graben tut sich auf: Zwischen glühenden Web-Verfechtern und den mahnenden Web-Verächtern. Während sich die einen in ihrer Rolle als affirmative Web-Bürger gefallen, verteufeln die anderen Google und Facebook als freiheitsgefährdenden Supergau. Ibrahim Evsans Buch „Der Fixierungscode“ baut eine Brücke.

Es ist die Zeit der großen Debatten. Es ist die Zeit, in der die alten Medien immer verbissener gegen die neuen Medien kämpfen – und umgekehrt. Plötzlich mutieren vormalige Lieblinge der Massen wie Google oder Apple – glaubt man den raunenden Auguren – zu bösen Mächten, die an der umfassenden Kontrolle und digitalen Unterwerfung eben jener Massen arbeiten. Fest geschmiedete Koalitionen aus Medien, Politikern und selbsternannten Datenschützern schüren mit steilen Thesen die Ängste des deutschen Michel, verunsichern ihn, nehmen ihm die Lust, die neue Welt zu erkunden.

Buchcover

Cover von "Der Fixierungscode"

Auf der anderen Seite die Respektlosen und Größenwahnsinnigen. Diejenigen, die keine Kosten und Mühen scheuen, die Welt da draußen auf den Bildschirm zu holen. Die sie abfotografieren und abscannen bis in den letzten Winkel der Welt, die sie erfassen, verschlagworten, rubrizieren, zugänglich machen. Wie unbekümmerte Gymnasiasten treten sie auf mit der Attitüde des kraftstrotzenden Jünglings, der die Welt erobern will: Begriffe wie Urheberrecht und Geistiges Eigentum kommen in ihrem Kosmos nicht vor. Denn diese gehören in die Welt des Analogen, in die Welt der Beamten und Juristen, in die Welt, in der schon auf ewig alles verteilt ist. Aber das neue gelobte Land des Digitalen ist noch nicht besetzt und lässt noch viel Raum für Abenteurer und Entdecker.

Und während sich also immer mehr Siedler dem Trek nach Digitalien anschließen, um die neue Welt zu erobern, bleiben die Anderen in der gewohnten Umgebung und warnen und mahnen. Dies ist – zugegeben etwas überspitzt – der Zustand, in dem sich Deutschland im Jahr 2010 befindet, wenn es um Fragen des Internets geht. Die Fronten sind verhärtet, zwischen Google-Bashing und Google-Apologese scheint kaum ein Weg.

Eine rühmliche Ausnahme bildet Ibrahim Evsan, ein Unternehmer, der als Gründer von „Sevenload“ sein Geld im Internet verdient hat und mit neuen Ideen („United Prototype“) immer noch verdient. Man könnte glauben, dass Evsan, der erfolgreiche Internet-Unternehmer, ein glühender Web-Verfechter sei, doch mit mit seinem Buch „Der Fixierungscode“, präsentiert er sich als Grenzgänger zwischen den vermeintlichen Gegenwelten. Jede Zeile seines Ende 2009 erschienenen Buches zeigt ihn als besonnenen und kritischen Geist, der Gefahren des Internets sehr realistisch einzuschätzen weiß, ohne in plumpe Polemik zu verfallen. Zugleich spürt man immer wieder die große Faszination, die das Web auf @ibo (wie er sich auf Twitter nennt) hat, ohne seinen kritischen Impetus zu korrumpieren. Ibrahim Evsan ist das Kunststück gelungen, ein Buch über das Web zu schreiben, ohne die üblichen Reflexe zu bedienen. Wir haben es hier mit einem grundehrlichen Buch zu tun, das seine Leser Ernst nimmt. Man glaubt es kaum, aber hier ist ein Autor, der nichts anderes will als über seine Erfahrungen zu berichten.

Porträt Ibrahim Evsan

Ibrahim Evsan

Und davon hat er reichlich. Ein Web-Experte, der erkannt hat, wie sehr uns die Codes der digitalen Welt fixieren, wie sehr sie uns lähmen können und – im Falle von Online-Spielen – hochgradig abhängig machen. Evsan weiß, wovon er spricht. Er hat sich selbst mehrere Monate in das Online-Spiel „World of Warcraft“ versenkt und es zählt wohl zu den berührendsten Momenten des Buches, in denen ein junger Erwachsener von seiner WoW-Sucht berichtet.

„Der Fixierungscode“ wendet sich an Leser, die nicht so souverän im Umgang mit den Möglichkeiten des Webs sind. Es zeigt seine Chancen und Gefahren auf, es gibt Orientierung für webferne Eltern, es hilft dem Unerfahrenen einzuschätzen, wo man Acht geben muss. Es verteufelt nicht, sondern unternimmt den Versuch, sachlich zu vermitteln, was vor sich geht: dass „digitale Supermächte“ (Evsan) wie Google sich durchaus zu einer bedrohlichen Größe entwickelt haben. Dass man als überzeugter Webbewohner nicht zum willfährigen Kretin mutieren muss, sondern als kritischer Webbürger auf „digitaler Selbstbestimmung“ beharren sollte.

Denn – so klug ist Evsan allemal – es nutzt ja nichts, dem Web trotzig den Rücken zu kehren. Es ist ja längst Teil unseres Lebens. Also müssen wir darauf beharren, dieses Leben, so gut es geht, selbst in die Hand zu nehmen. Wir müssen Google, Amazon oder Facebook nicht lieben, aber wir müssen lernen, als selbstbewusste Webbürger von ihnen zu profitieren, ohne sich ihnen auszuliefern.

Ibrahim Evsan: Der Fixierungscode. Was wir über das Internet wissen müssen, wenn wir überleben wollen. ZS Verlag Zabert Sandmann. 166 Seiten. 1. Auflage 2009. ISBN 978-3-89883-255-7. 16,95 €.

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