Filme! Serien!

Sommerzeit ist zum Glück keine Kinozeit. Vom „Planet der Affen“ mal abgesehen, läuft kaum ein Blockbuster. Und auf den kann ich eh gut verzichten. Ich fand Cheeta ja schon immer nervig. Und vom großen Rest hat mich nichts derart positiv angesprochen, dass ich dafür dringend ins Kino rennen müsste. Gute Gelegenheit also, die eigene Filmsammlung ein wenig auszudünnen.

McConaughey

Manchmal ist es seltsam: Dieser Matthew McConaughey agierte bisher vollkommen unter meiner Wahrnehmungsschwelle und dann ploppt er plötzlich an jeder Ecke auf. Erstmalig begegnete er mir im Frühjahr in „True Detective“. Darin haute er mich schlichtweg um, wie mich die ganze Serie komplett umhaute. Hätte ich davor noch ganz klar gesagt, es gäbe nichts Besseres mehr in der Glotze zu sehen als „Breaking Bad“, so setzte TD noch einen drauf. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die USA ein grässlicher Alptraum sind, so könnte man getrost TD dafür heranziehen. Man muss ja nur den grandiosen Vorspann anschauen, der schon ein Kunstwerk für sich ist. Die ganze Serie atmet die Erschöpfung einer zutiefst verlorenen Nation: Das hier ist die reine Wildnis, voll nackter Gewalt, religiösen Wahns, irrationalem Glücksstreben. Eine Welt voller Ungeheuer und monströser Einsamkeit. In so einer Welt ein Cop zu sein, ist selbst schon Wahn genug. Was ist „wahr“ an diesen beiden Detektiven, an McConaugheys Rustin Cohle und Martin Hart, den Woody Harrelson nicht minder großartig darstellt? Wie wahnsinnig sind Wahrheitssucher in einem Alptraum? Wie fertig macht einen eine Welt ohne Hoffnung? Martin und Rustin fahren durch dystopische Landschaften, besser hat man den Verfall der moralischen Führungsinstanz dieser Welt selten in Szene gesetzt. Rust never sleeps.

Ganz am Schluss versauen die Macher es wieder mit irgendeinem transzendentalen Quatsch und Erlösungsgestammel. Irgendwie können die Amis nicht ohne diesen Zinnober, auch wenn sie vorher auf das Überzeugendste der Ausweglosigkeit ein Denkmal gesetzt haben. Tipp: Die letzten 10 Minuten der Serie nicht anschauen.

Gern hätte ich die Serie in der Originalsprache gesehen (Sky bietet ja mittlerweile diese Option), aber Matthew McConaughey spricht einen dermaßen heftigen Slang, das mein Ohr so gut wie keinen seiner Dialoge entschlüsseln konnte. Schlichte Untertitel (auch auf englisch) hätten helfen können. Gibt’s aber nicht. Dafür dann eine aufwändig synchronisierte Fassung. Das verstehe wer will.

Na ja, und kaum war TD weggeschaut, spülte es mir auch schon „Mud“ auf den Bildschirm. McConaughey als ein Gejagter, jedoch von Grund auf Guter, der sich in so einer Art Tom-Sawyer-Plot mit zwei pubertierenden Jungs anfreundet, die ihm dann durch alle Schwierigkeiten hindurch helfen. Bemerkenswert an diesem Film war weniger die durchschnittliche Leistung McConaugheys, als vielmehr die Darstellung der beiden Jugenddarsteller: so überzeugend habe ich die Schmerzen des Erwachsenwerdens lange nicht gespielt gesehen. Allein dafür lohnt es sich, diesen Film anzusehen.

Und dann natürlich der „Dallas Buyers Club“. Bei uns in Essen war der Film trotz Oscar-Tamtam verflucht schnell wieder aus dem Kino verschwunden. Hatte ich natürlich verpasst. Also warten auf die DVD. Nach all den Vorschusslorbeeren und angefixt durch TD war ich dann beim Anschauen fast ein wenig enttäuscht. Natürlich ist es ein guter Film, aber ich hatte etwas erwartet, dass mich so heftig aus der Kurve trägt wie eben TD. Fast noch besser als McConaughey fand ich die Leistung Jared Letos, der den Homosexuellen Rayon so wunderbar brüchig darstellt, dass ich diese Figur nicht so schnell vergessen werde.

Einen Homosexuellen spielt McConaughey in dem Film „The Paperboy“ selbst, den Sky im August brachte, der mir aber gar nichts sagte. Dieses schwüle Florida-Sumpfdrama um den Journalisten Ward Jansen (McConaughey), der die Unschuld des zum Tode verurteilten Hillary van Wetter (schmierig und böse wie nie: John Cusack) mit Hilfe von dessen Verlobter (Nicole Kidman, die in diesem Film unerklärlicherweise wie 22 aussieht) und seines jungen Bruders (Zac Efron) beweisen will, beginnt etwas gemächlich und umständlich. Gerade als man beginnt, sich zu überlegen, ob man nicht doch besser wegschaltet, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Es gibt gewagte Sprünge in der Handlung und vor allem wegen der Kidman und wegen John Cusack wird man auch blendend unterhalten. McConaughey spielt hier eine seiner typischen amerikanischen Figuren: sehr brüchig, von Drogen und Alkohol zerfressen, am Schluss körperlich gebrochen. Irgendwie hat er das drauf und man nimmt ihm diese Figuren alle ab. Der Star dieses Films ist und bleibt jedoch John Cusack.

Hannibal, Staffel 2

Manche Dinge muss man nicht verstehen: So wurde die überdurchschnittlich großartige 2. Staffel von Hannibal den ganzen Sommer über auf dem Schmonzetten-Sender Sat1-Emotions weggesendet (Eigenwerbung: „In SAT.1 emotions dreht sich alles um Träume, Sehnsucht, Romantik und Liebe.“). Hätte ich dieses Serienjuwel nicht zufällig auf Sky Anytime entdeckt (also jenem Teil der Festplatte, die Sky von sich aus mit Filmen und Serien befüllt), wäre das wohl an mir vorbei gegangen. Und das wäre wirklich überaus schade gewesen (wobei Sat1 die Serie wohl sicher bald ins Free-TV übernehmen wird). Nachdem ich weiter oben schon TD so über den grünen Klee gelobt habe, schenke ich mir hier ein weiteres Ausholen. Nur so viel: Die Ästhetisierung des Grauens erreicht in dieser Serie einen neuen filmischen Höhepunkt. Wenn hier jemand bei strömenden Regen aus dem Fenster geworfen wird, sieht der Zuschauer eine überwältigende Zeitlupen-Choreographie aus Glassplittern, Wasser, Blut und Licht. Es ist einfach unglaublich, wie viel Aufwand hier für wenige Sekunden dauernde Szenen betrieben wird. Und das geht die ganze Staffel über so.

Insgesamt hat mir diese zweite Staffel deutlich besser gefallen als die erste. Die Figuren sind deutlich konturierter und der Kampf zwischen Hannibal (Mads Mikkelsen) und seinem Counterpart Will Graham (Hugh Dancy) steigert sich auf angenehme Weise im Laufe der Staffel. Zuweilen gleiten die Dialoge ins Salbaderische ab, vor allem, wenn Gilian Anderson als mondäne Dr. Bedelia Du Maurier mit von der Partie ist. Aber was soll’s: diesem schaurigen Psycho-Kammerspiel sieht man so einiges nach.

Riesenbluff-Filme

Wie nennt man eigentlich Filme, in denen die Hauptfigur unversehens in eine spannende Geschichte hineinstolpert, die sich dann aber für sie immer mehr zu Alptraum auswächst, und am Schluss herauskommt, dass sie von vorne bis hinten verarscht wurde? Alle Figuren, denen sie begegnete, stecken unter einer Decke, die ganze ein abgekartetes Spiel, nur um die Hauptfigur komplett auszunehmen.

Zwei solcher Filme sah ich jetzt: „Best Offer“ mit dem distinguierten Geoffrey Rush als gewieftem Kunstauktionator und „Thin Ice“ mit dem eigentlich ganz charmanten Greg Kinnear als etwas tölpelhaften Versicherungsmakler im verschneiten Winsconsin(?). Da wo „Best Offer“ noch mit tollen Locations und einer gediegenen Ausstattung glänzt, lebt Thin Ice eher von den schauspielerischen Leistungen der Nebenfiguren, allen voran Alan Armin als nur scheinbar vertrottelter Gorvy Hauer.

Walter Mitty

Irgendwo hatte ich gelesen, dass das Buch bzw. die Kurzgeschichte zum Film lange als unverfilmbar galt. Die Geschichte habe ich nicht gelesen, aber der Film wirkte nicht so so, als wäre hier Unglaubliches vollbracht worden. Ben Stiller hat irgendwie so etwas heinzrühmannhaftiges, das er auch in diesem Film gut rüberbringt. Toll fand ich Kristen Wiig als angebetete Cheryl. Die würde ich gern öfter sehen.

Lunchbox

Zufällig gelangt Ilas Lunchbox zu Saajan (Irrfan Khan) © AKFPL

Zufällig gelangt Ilas Lunchbox zu Saajan (Irrfan Khan)
© AKFPL

Die Filmplakate zu „Lunchbox“ hatte ich mir im vergangenen Winter im Kinoschaufenster angesehen, war dann aber doch nicht reingegangen. Was für ein Fehler: Denn dies ist ohne Zweifel einer der außergewöhnlichsten Filme, die ich in den vergangenen Monaten sah. Nicht nur, dass man hier Bekanntschaft mit dem schier unglaublichen Verteilsystem für Lunchboxen in Mumbai macht, man wird auch Zeuge einer zarten Fern-Liebesbeziehung zwischen einer unglücklichen Köchin und Ehefrau und einem traurig-einsamen Büroangestellten. Denn dieser erhält irrtümlicherweise jeden Mittag jene Lunchbox mit ausgewählten Köstlichkeiten, die eigentlich für den ruppigen Ehemann gedacht sind, den seine Frau mit ihren Kochkünsten zurückgewinnen will. Irgendwann beginnen die beiden, der Lunchbox kleine Nachrichten beizufügen… – ach, eigentlich könnte ich mir mal wieder ein Curry machen.

Gold

Ein Western mit Nina Hoss und Uwe Bohm? Muss man sich eigentlich nicht geben, aber dieser Film über deutschstämmige Goldsucher im Klondike-Rausch geht ganz in Ordnung. Regisseur Thomas Arslan hat vielleicht ein bisschen zu viel bei Jim Jarmusch abgeschaut, aber vielleicht hat das den Film gerettet?

Willkommen bei den Rileys

Ach: James Gandolfini! Warum müssen immer die besten so früh gehen? Der Mann war einfach eine Wucht und ohne ihn wäre dieser Film wahrscheinlich nur ein melodramatisches Langeweiler-Produkt geworden.

Five Days

Eine gute BBC-Miniserie, die sogar für den Golden Globe nominiert war. Eine Mutter und Ehefrau verschwindet in der ersten Folge. Die Folgen danach sezieren an scheinbar willkürlich herausgegriffenen Tagen die weitere Entwicklung des Falls. Kein üblicher Whodunit-Plot, sondern eine vielschichtige Erzählung und ansatzweise auch ein Psychogramm der britischen Gesellschaft. Downton-Abbey-Star Hugh Bonneville bleibt hier eher blass. Ganz toll: Janet McTeer als seine Kollegin Amy Foster.