Die Wissenschaftskommunikation hört nicht zu

In den vergangenen Tagen ist wieder viel zum Thema Wissenschaftskommunikation zu lesen. Anlass war die Gründung des sogenannten Nationalen Institutes für Wissenschaftskommunikation – NaWik , einer gemeinsamen Einrichtung der Klaus Tschira Stiftung und des Karlsruher Institutes für Technologie. Der Anspruch des „Nationalen“ im Titel irritiert mich ein wenig: das klingt so nach Akademie, nach großer Politik, nach dem ganz großen Wurf. Dass es das vielleicht noch gar nicht ist, haben sowohl Reiner Korbmann als auch Markus Pössel in ihren Blogposts angedeutet. Und in der Tat suggeriert ein erster Blick in das Angebotsspektrum des Institutes nicht gerade den großen Aufbruch in ein neues Zeitalter der Wissenschaftskommunikation. Angeboten wird viel Handwerkliches, Schreib- und Medientraining beispielsweise. Mithin also das, was ohnehin dutzend-, wenn nicht gar hundertfach in Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen angeboten und durchgeführt wird. Natürlich tut es nach wie vor Not, Wissenschaftler an gutes und verständliches Deutsch heranzuführen. Der „Schwafelkiller“ von Weiss/Sonnabend ist nach wie vor ein hochaktuelles Buch. Und sicher ist es auch nicht von Nachteil, wenn der Herr Professor/die Frau Professorin lernt, dass man vor einer Kamera nicht in endlosen Schachtelsätzen spricht. Aber braucht es dafür ein Nationales Institut mit einem richtig großen N?

Es wäre sicherlich verfehlt, die Arbeit und Zielrichtung des Nawik schon nach wenigen Tagen zu verurteilen – dazu gibt es auch keinen Anlass. Aber es wird sich an seinem Anspruch messen lassen müssen. Und es wäre wirklich wünschenswert, wenn von ihm Impulse ausgingen, die über das bisher Erreichte hinausgingen. Doch nach Allem, was ich vernehmen kann, scheint dieser Wunsch, zumindest für den deutschsprachigen Raum, vorerst ein frommer zu bleiben. Denn die Wissenschaftskommunikation nimmt sich als solche in Deutschland viel zu wichtig und scheint fast etwas selbstverliebt viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Das beginnt schon beim Begriff selbst: Hat schon mal jemand etwas von „Kunstkommunikation“ oder von „Sportkommunikation“ gehört? Natürlich nicht, man wüsste auch nicht, was das eigentlich sein soll.

„Die Wissenschaft“ geht hingegen immer davon aus, dass ihre Inhalte, Ziele und Absichten so wichtig und wertvoll sind, dass der Rest der Welt unbedingt davon erfahren müsse. Das ist ein hehrer Anspruch und trifft für so manche Wissenschaft auch sicher zu. Doch für viele sicher auch nicht: Ich wage die These, dass ein Großteil der hochspezialisierten wissenschaftlichen Fragen die allermeisten Menschen einen feuchten Kehricht interessiert. Und das ist auch gar nicht tragisch, weder für die Menschen, die das nicht interessiert, noch für die Wissenschaftler, die sich tief ins Bergwerk der Wissenschaften vorgekämpft haben.

Trotz allem möchte die Wissenschaft kommunizieren, was nicht verwunderlich ist. Denn sie hat ja Interessen: so tief in die Bergwerke vorzudringen, kostet Geld, viel Geld. Und das müssen diejenigen aufbringen, die gar nicht so recht nachvollziehen können, was da unten eigentlich geschieht. Unser System der Wissenschaftsfinanzierung beruht auf den großzügigen Vorschüssen des Bürgers, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass innerhalb von Universitätsmauern Dinge geschehen, die unsere Gesellschaft voranbringen. Da es bisher noch nicht zu Ausschreitungen gekommen ist, ist davon auszugehen, dass diese Annahmen nicht ganz abwegig sind bzw. dass es der Wissenschaft gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, dass es so sei. Die Wissenschaft hat einen gewissen Nimbus zu verteidigen, was durch die aktuell nicht abreißende Zahl der Dissertations-Skandale nicht eben leichter wird.

Es ist der Anspruch auf Deutungshoheit, den die Wissenschaft nicht verlieren will. Es geht um die Verteidigung von Pfründen und das ist der denkbar schlechteste Antrieb, um mit dem Bürger ins Gespräch zu kommen. Denn wer wirklich kommunizieren will, hört erst einmal zu. Und genau das geschieht nicht. Wissenschaftskommunikation kommt mir vor wie eine aufdringliche Person, die sich sozial gibt und dann doch nur von sich selbst spricht.

Die Bürger, ihre Fragen und ihre Nöte, kommen in der Wissenschaftskommunikation bis auf zaghafte Ansätze bisher kaum vor. Vielleicht brauchen wir noch ein Nationales Institut für wissenschaftliche Bürgerfragen – für die Wissenschaftskommunikation wäre das ein wichtiger Kompass. Solange sie nämlich auf Fragen antwortet, die niemand gestellt hat, wird sich auch kaum jemand dafür interessieren.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nun gut, das Wort „Sportkommunikation“ habe ich auch noch nicht gehört. Aber ich glaube doch, dass es die Sportkommunikation gibt und dass darin sehr viel Geld steckt. Mir kommt es (noch) nicht selbstverliebt vor, wenn sich Journalisten und Pressesprecher im Bereich Wissenschaft mit sich selbst beschäftigen: Das Fach ist jung und es sollte nicht gleich unreflektiert Routinen entwickeln wie manch anderes. – Ihren Punkt, dass Kommunikation bisher zu wenig als Diskussion mit der Öffentlichkeit gesehen wird, finde ich interessant. Da mag etwas dran sein.

    • Lieber Alexander Mäder, zuweilen glaube ich, dass die Begriffe „Wissenschaftskommunikation“ bzw. auch „Wissenschaftsjournalismus“ in die Irre führen. Journalismus und seine Variationen in der PR folgen festgelegten Regeln und die sind, unabhängig vom Inhalt, immer gleich. Ein Politikjournalist muss denselben journalistischen Regeln folgen wie ein Wirtschaftsjournalist oder eben auch ein Wissenschaftsjournalist. Deshalb habe ich die Wissenschaftsjournalisten (und PR-Leute) als tendenziell selbstverliebt bezeichnet, weil sie so oft für sich in Anspruch nehmen, sie seien ganz besondere Journalisten (oder Kommunikatoren). Als Begründung wird zum Beispiel oft angeführt, ihre Themen seien so komplex und so schwierig aufzubereiten. Das könnte aber jeder Wirtschaftsjournalist auch behaupten. Gleiches gilt für die Pressesprecher-Seite: Egal, ob ich für Energie, Fußball oder ein Theater spreche: Die „Geschäftsbedingungen“ sind immer dieselben. Die Wissenschaftskommunikation täte also gut daran, sich auf Kommunikation zu konzentrieren.

      • Lieber Herr Sonnabend, dass Wissenschaftsjournalisten denselben Regeln folgen müssen wie Politikjournalisten, würde ich unterschreiben. Ich habe sogar den Eindruck, dass sich viele Kollegen ausdrücklich als Journalisten betrachten, die eben über wissenschaftliche Themen schreiben. So zumindest habe ich in den vergangenen Jahren die Stimmung auf der WissensWerte und bei anderen Branchentreffen empfunden. Die Selbstverliebtheit müssen Sie bei anderen Gelegenheiten beobachtet haben, oder?

  2. Dass Wissenschaftsinstitutionen Wissenschaftskommunikation auch betreiben, um eigene Interessen zu sichern, wird kaum jemand bestreiten wollen. Ob das aber auch für die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gilt, bliebe zu prüfen. Ich bin da nicht so sicher. Deshalb geht mir der gedankliche Schluss hier zu fix, „die Wissenschaft“ fürchte den Verlust eigener Deutungshoheit. Ich wünsche mir mehr Differenzierung zwischen den Organisationen und ihren Mitgliedern.

    Großartig finde ich allerdings diese Formulierung Michaels: „Wissenschaftskommunikation kommt mir vor wie eine aufdringliche Person, die sich sozial gibt und dann doch nur von sich selbst spricht.“ Da ist was dran. Doch genau hier kann das NAWIK ansetzen, wenn es seine Arbeit gut macht: Forscher das Fragen beibringen und den Respekt vor den Anliegen der Laien. Lasst die Leute in Karlsruhe erst mal zeigen, was sie können.

    Mehr dazu gleich auf meinem Blog http://cafephilosophique.org.

    • Lieber Frank, es ist lustig: Als ich von der Furcht vor dem Verlust der Deutungshoheit schrieb, hatte ich ausschließlich den einzelnen Wissenschaftler/ Forscher vor Augen. An die Institutionen hatte ich in dem Moment gar nicht so sehr gedacht. Ich glaube nämlich in der Tat, dass die gesellschaftlich hoch angesehene Figur des „Professors“ oder „Forschers“ in ihrer Bedeutung bewahrt bleiben soll. Es geht leider so oft gar nicht um die „Welt“, sondern um den Professor, der die Welt erklärt. Und genau ist mein Punkt: Wir brauchen eine Kommunikation, die an diesem Punkt zurücksteht, die die Themen in den Vordergrund rückt und nicht die ganze Zeit darauf schielt, wie sie jetzt gerade wieder beim Publikum ankommt. Die Wissenschaftskommunikation der letzten Jahre hat – gerade im Bereich von Großevents wie den „Jahren der Wissenschaft“ – so einen irritierenden ranschmeißerischen Touch gehabt. Ich finde, „die Wissenschaft“ sollte auch mal langsam den Mut zur Kontroverse aufbringen, statt immer immer nur das althergebrachte Superheldenimage zu pflegen.

      • Ich stimme aus vollem Herzen zu, frage mich aber doch, ob nicht ein Widerspruch darin liegt, dass Professoren ihren hohepriesterhaften Status einerseits haben, andererseits demütig zuhören sollen. Führt das Eine nicht zum Verlust des Anderen?

  3. Lieber Michael Sonnabend, ja wirklich, ein monströses Wort „Wissenschaftskommunikation“. Die ganze Wissenschaft und der ganze Komplex Kommunikation. Es kam übrigens erst in den letzten 15 Jahren aus dem Angelsächsischen zu uns, Science communication ist dort schon lange gebräuchlich, wurde bei uns auch lange genug missverstanden.
    Aber es hat seine Verdienste: denn wenn man ein Problem nicht benennen kann, ist es keines. Und „Forschungs-PR“ oder „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ bezeichnen ja doch nur Teile von dem, was Wissenschaftskommunikation leisten soll. Denn Sie haben ja so recht: Kommunikation ist ein zweiseitiger Prozess, keine Einbahnstraße.
    Letztendlich muss das Ziel von Wissenschaftskommunikation sein, die Wissenschaft in die gesellschaftlichen Diskurs-Prozesse zu integrieren. Wir leben in der Informations- und Partizipationsgesellschaft (siehe dazu mein Blog „Versteckt Euch nicht“ http://wp.me/p1XAlm-dZ). Und die Wissenschaft muss sich diesen Informations- und Partizipationsansprüchen stellen, oder sie wird ihre Privilegien verlieren, die sie braucht, um erfolgreich zu sein.
    Das bedeutet letztendlich natürlich auch den Verzicht auf ihre „Deutungshoheit“ (wieder ein so monströses Wort, ich übersetze es als „Selbstdarstellung“, Ihr Kollege Meyer-Guckel bezeichnet es als Wissenschafts-Marketing (http://wp.me/p1XAlm-fe). Meine Philosophie ist aber: Der große Fortschritt besteht aus vielen kleinen Schritten. Also haben wir doch schon etwas erreicht, dass über Wissenschaftskommunikation ernsthaft diskutiert wird (es gibt übrigens eine häufig gebrauchte Entsprechung: Unternehmenskommunikation). Als nächstes muss es um eineprofessionelle Ausbildung für die Kommunikatoren gehen, wozu das NaWik leider keinen Beitrag leistet. Letztendlich aber hängt alles davon ab – und darum gehen alle Diskussionen – welche Einstellung die Wissenschaftler und die Wissenschaftsmanager zur Kommunikation finden.