Die Welt der alten Dame

Den ganzen Sommer und Herbst über habe ich morgens das Rollo meines Schlafzimmerfensters hochgezogen und meist stand dann im Haus gegenüber die liebe alte Dame auf dem kleinen Balkon ihrer Altenwohnung und schaute in der Gegend herum. Es war wirklich eine liebe alte Dame. Immer war sie freundlich, winkte einem zu, wenn man zu seinem Auto schlenderte und rief einem „Fahrt vorsichtig!“ hinterher. Den Plural wählte sie auch, wenn man allein war. Es gab einem ein gutes Gefühl beim Autofahren, wenn die liebe alte Dame einem christopherus-like einen Segen hinterherschickte. Mir jedenfalls gelang es dann immer, nicht so viele fußlahme Rentner, Entenküken und Menschen mit Schalke-Schals zu überfahren wie sonst immer. Die liebe alte Dame trug oft einen knallroten Pullover, der gut mit ihrem schlohweißen Haar harmonierte. Oft stand sie auch da und wartete auf die Pflegedienst-Frauen, die ihr bei ihren morgendlichen Verrichtungen zur Seite standen. Diese wurden immer mit royalem Armwinken freudig begrüßt und hinterher mit einem „Fahrt vorsichtig“ wieder verabschiedet.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass die alte Dame nur über ein eingeschränktes Kommunikations-Set verfügte. Eigentlich bestand es nur aus „Fahrt vorsichtig“ und – verdächtig inflationär verwendet – aus „Verrückte Welt“. „Verrückte Welt“ wurde meist jenen anderen alten Damen aus der Nachbarschaft zugerufen, die noch in der Lage und willens waren, auf die Straße zu gehen, um dort weitere Lebensinhalte zu sammeln. Die meisten jener alten Damen auf der Straße waren allerdings mit Rollatoren unterwegs, so dass ein „Fahrt vorsichtig“ hier durchaus passender gewesen wäre. Selbst der Plural wäre nicht unangebracht gewesen, wenn ich an die Geschwader denke, die sich rollatorengestützt täglich durch unsere ansonsten verkehrsberuhigte Straße quälen. Der Berufsverkehr auf der A42 ist nichts dagegen. Vielleicht sollten die Radioleute von dem Schlagersender WDR 4 dazu übergehen, Rollatorstaumeldungen in ihr Programm aufzunehmen. Verrückte Welt. An manchen Tagen bekam ich einen Schreck, wenn die alte Dame nicht zu sehen war, ihre Balkontür aber trotzdem geöffnet war. Dann ging ein weißgewandeter bärtiger Herr in der Wohnung herum. Ein Arzt? Ein Verwandter? Gott, der eine Auszeit vom Himmel brauchte? Ich weiß es nicht. Besorgt fuhr ich an solchen Tagen zur Arbeit und manche Entenmutter verfluchte diese Tage. Am folgenden Tag aber strahlte mir der rote Pullover wieder entgegen, wenn sich nicht ohnehin durch das bei uns stets „auf Kipp“ geöffnete Schlafzimmerfenster das ein oder andere „Verrückte Welt“ schon in meine allmählich verklingenden Träume gemischt hatte. Es waren schöne und glückliche Tage.

Bis hin zu jenem, an dem ich das Rollo in Tag-Stellung versetzt hatte und gegenüber das Grauen entdeckte. Die alte Dame war nicht zu erblicken, auch nicht Gott bei einer frischen Tasse Brühkaffee. Nein, da war stattdessen eine Horde stupider Entrümpler am Werke, grobschlächtige Typen, die das Mobiliar der alten Dame zu Kleinholz verarbeiteten und über den Balkon nach unten beförderten. Die alte Dame war – weg. Ich habe nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Vielleicht hat Gott sie nach oben geholt, weil er seinen Posten nicht so oft verlassen kann. Vielleicht ist sie da oben jetzt Verkehrsministerin und strickt nach Dienstschluss robuste Schalke-Schals. Ich wünsch’ ihr viel Glück bei ihrem weiteren Werdegang und denke ein wenig wehmütig daran, wie der Wind manchmal sanft mit ihrem schlohweißen Haar spielte.