Der gläserne Netzbürger? Über Verantwortung und Kompetenz im Internet

Wer sich in der Welt bewegt, setzt sich Risiken aus – das ist in der digitalen nicht anders als in der realen Welt. Trotz allem sind die Risiken, die im Web auf den scheinbar arglosen Nutzer warten, immer ein großes Thema im öffentlichen Diskurs. Wenn von Facebook die Rede ist, dann eigentlich immer nur im Zusammenhang mit Datenschutz oder der bedrohten Privatsphäre. Mit Google assoziiert heute kaum noch jemand die faszinierende Suchmaschine oder die innovative Webfirma, sondern nur noch die „Datenkrake“. Apple, einst sympathischer Underdog, der das verhasste Microsoft-Imperium herausforderte, ist heute die gierige Geldmaschine, die mit ihren geschlossenen Systemen und Gadgets die Nutzer entmündigt und alle Geschäftspartner nach Strich und Faden ausquetscht.

Ob all die Ängste, die Verschwörungstheorien, die Vorwürfe, die dunklen Ahnungen reale Grundlagen haben, weiß niemand so genau und schlüssig zu nachzuweisen. Immer aber steht die These im Raum, dass von diesen Unternehmen Gefahren ausgehen. Gefahren, vor denen sich der Internet-Nutzer schützen müsse. Gefahren, die sich irgendwann negativ auswirken werden, wenn man sie nicht ernst nimmt.

Normalerweise geht die Rede so: Was da am Ende auf uns wartet, sind nichts weniger als gigantische Oligopole, die jeden Winkel unserer Wünsche und Sehnsüchte erforscht haben, die wissen, was wir suchen und wünschen und die auch wissen, was wir suchen werden und in Zukunft begehren werden. Mächte, die jedes Wort mitlesen, das wir schreiben, die erforschen, wer unsere Freunde sind, die jeden Klick überwachen, unsere Bilder ansehen und auswerten, jede öffentliche Äußerung protokollieren und am Schluss dann Profile erstellen über unsere politischen Einstellungen, unsere Kreditwürdigkeit, über unseren Wert und unsere Prognose als Arbeitnehmer und als Konsument. Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch. Und der Algorithmus wird zum Herrschaftsinstrument.

„Am Ende steht der vollständig berechnete Mensch.“

Es gibt wohl nicht wenige Menschen, die vor solchen Szenarien Angst haben. Die Intransparenz der Facebooks, Googles und Apples ist auch nicht gerade dazu angetan, abzuwiegeln oder zu beschönigen. Auf der anderen Seite gibt es auch keinen Grund, ohnehin schon verunsicherte Netzuser mit Horrorgeschichten aus dem Science-fiction-Arsenal sämtlicher Souveränität, Freude und Kreativität  im Umgang mit dem Web zu berauben. Aber eines ist klar: Die Zeit der Unschuld ist im Web schon lange vorbei. Wir müssen uns längst schon nicht mehr nur gegen Viren schützen, sondern gegen die allzu große Wissbegier derer, die uns ein angenehmeres Leben voller glücksverheißender Anwendungen auf technisch faszinierenden Geräten versprechen.

Doch wie soll man das tun, ohne gleich paranoid zu werden, ohne übertriebenen Sicherheitsfimmel, ohne gleich überall das Böse zu wittern? Was uns allen fehlt, ist eine Sozialisation, die uns einen lang eingeübten Umgang mit den Risiken im Netz vermittelt hätte. Denn irgendwie war es plötzlich da, dieses Web, und irgendwie mussten wir uns in ihm zurechtfinden. Niemand hat uns gezeigt, worauf wir achten müssen. Nur die Viren-Software-Hersteller haben es frühzeitig geschafft, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen: Na klar, Viren, da sind wir Deutschen auf Zack und auf der Hut.

„Wir müssen lernen, dass Arglosigkeit fehl am Platz ist.“

Aber sonst? 120 Seiten Nutzungsbedingungen einer Web-Anwendung im feinsten Juristendeutsch klicken wir mal locker weg (wer sollte die auch ernsthaft lesen?), munter überall die Kreditkartendaten verteilen, die berühmten Party-Fotos bei Facebook posten, besoffen twittern, mal schnell einen Song aus einer dunklen Ecke saugen: Das alles machen eine Menge Leute locker aus der Hüfte mit der linken Maustaste, ohne sich großartig zu sorgen.  So schlimm ist das ja eigentlich auch alles gar nicht. Wie im echten Leben wollen die Leute es im virtuellen Leben auch mal ab und zu richtig krachen lassen.

Verständlich? Ja.

Vernünftig? Nein.

Nein, wir müssen lernen und unseren Kindern vermitteln, dass diese Art von Arglosigkeit fehl am Platz ist. Wir dürfen die Risiken nicht verharmlosen, aber die Gefahren auch nicht überhöhen. Das Web ist da und es ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel: Wir brauchen es. Aber wir dürfen nicht wie die Dorftrottel in ihm herumlaufen.

In der Konsequenz heißt das:

–   Nicht jeden Hype als Erster mitmachen. Erst mal schauen, welche Erfahrungen die Early Adopter machen.

–   Mit Daten geizen. Und: Niemand zwingt uns, immer der zu sein, der wir sind.

–   Den Überblick bewahren: Niemand muss in acht social networks gleichzeitig sein.

–   Ein bisschen Tech-Know-how kann nicht schaden: Die wichtigsten Funktionen im Browser sollte man schon kennen. Das kann jeder lernen.

Es gibt keine Alternative zum Web. Es sei denn, man nutzt es nicht. Aber das wäre widersinnig: Niemand verschmäht das Autofahren nur, weil es potenziell gefährlich ist. Aber Autofahren ist nur dann halbwegs sicher, wenn man vorausschauend fährt, umsichtig und mit einer gehörigen Portion Respekt. Also rein ins Web. Mit dem größten Vergnügen. Aber im Oberstübchen sollte immer ein bisschen Licht brennen.