Der Eisenwarenhändler im Unterholz. Neil Youngs „Ragged Glory“

„Underrated NY album for sure“ schrieb irgendwo ein einsilbiger YouTube-Kommentator über Neil Youngs hier über den grünen Klee zu lobendes 1990er Album „Ragged Glory“, das er mit Crazy Horse aufnahm. Und Recht hat er. In der Diskographie Youngs würden viele wohl eher andere Alben preisen, für mich ist es eindeutig die zerklüftete Pracht dieser monströsen Gitarrenschlacht. Neil Youngs Versuch, den Hörer direkt mit dem Auftakttrack „Country Home“ auf die irreführende Country-Fährte zu locken, misslingt schon nach wenigen Minuten, weil er schon hier nicht an sich halten kann und mit seiner Gitarre auf Abwege gerät. Auf wunderbarste Weise mäandert sich Youngs Gitarre fortan durchs Unterholz und das verrückte Pferd trottet brav und unbeeindruckt hinterdrein.

Kristall-Lüster in der STATION Berlin

Die Stücke dieses Albums erreichen mit Leichtigkeit 8, 10, 12 Minuten und wenn der göttliche Krach und das Gerumpel am Ende der Stücke sacht im Wetterleuchten der Rückkopplungen und Übersteuerungen ausklingen, fleht man wimmernd um Zugabe. Die Young’sche Gitarre erzählt erst ganz einfache Geschichten, die man fast trivial nennen möchte – so wie auf „Over and Over“ – um einen dann gnadenlos psychedelisch wegzukicken. Man wälzt sich wohlig auf smoothigen Klangtepppichen, es jault und jammert so schön, dass man in dem Moment beginnen könnte, ein Buch zu schreiben. Young, der verschrobene Eisenwarenhändler, zeigt auf „Ragged Glory“ auf ganz wunderbare Weise, dass zu einem guten Rock-Album vor allem eines gehört: Leidenschaft. Und die Einsicht, dass Prunk erst dann richtig zur Geltung kommt, wenn er ein bisschen abgerissen daherkommt. So wie ein Kristalllüster in einer einsturzgefährdeten Industriehalle.

In Seattle – da bin ich sicher – haben einige Leute 1990 dieses Album ziemlich intensiv gehört.