Darf man Wissenschaft dröge nennen?

Eigentlich war es nur ein harmloser Nebensatz. Gunter Dueck erklärte in der Stifterverbands-Video-Reihe „Dueck spricht“, dass man Schulunterricht nicht unbedingt als Vorbereitung auf eine spätere wissenschaftliche Karriere begreifen müsse. Und dass er deshalb auch nicht so dröge sein müsse, „wie Wissenschaft ist“. Stattdessen solle man nach Resonanzpunkten suchen, um Schülern den Einstieg in den Stoff zu erleichtern. So weit, so gut.

Als ich unter dem Account des Stifterverbandes bei Twitter auf das Video hinwies, schrieb ich:

 

Es regte sich ziemlich schnell Widerspruch:

Die Kollegen von ThinkInG schienen richtig erbost zu sein:

Zunächst irritierten mich diese Reaktionen: Darf man jetzt nicht einmal mehr ein kritisches Wort über Wissenschaft verlieren? Bei näherer Betrachtung sind solche Reaktionen aber nicht überraschend. Denn die großen, selbst gesteckten Ziele der Wissenschaftskommunikation der vergangenen 15 Jahre lauteten:

  • Wir wollen die Bürger für die Wissenschaft begeistern.
  • Wir wollen dem weitverbreiteten (Irr-) Glauben begegnen, dass Wissenschaft langweilig und schwierig sei. 
  • Wir wollen wissenschaftlichen Nachwuchs nicht verschrecken, sondern ihm zeigen, wie großartig, wie erfüllend, wie spannend Wissenschaft ist.

Deshalb all die Nächte der Wissenschaft, all die Wissenschaftsjahre, all die Exponate auf den öffentlichen Marktplätzen, die Schülerlabore, Communicatorpreise, Science Slams. Und all das hat uns über die Jahre auch gezeigt: Ja, Wissenschaft kann richtig Spaß machen.

Allerdings haben wir – die Tweets oben zeigen es – darüber ein paar Dinge vergessen. Nämlich dass:

  • wir uns bei diesen Gelegenheiten immer nur in unseren besten Sonntagskleidern gezeigt haben.
  • wir immer nur die Rosinen gegessen haben.
  • wir den Alltagsdreck schnell in die Ecke gefegt und ein buntes Display davor gestellt haben.

Denn während wir damit beschäftigt sind, die Fassaden der Wissenschaft bunt anzustreichen, schwitzen erschöpfte Wissenschaftler in Laboren über ihren Versuchsanleitungen, brüten über dicken Folianten in Lesesälen oder formulieren Kryptisches für das Nirwana der nie versiegenden wissenschaftlichen Textproduktion. Haben wir vergessen, wie mühsam man in der Wissenschaft zuweilen vorankommt? Oft genug bleibt man sogar stecken. Wollen wir nichts mehr davon wissen, wie hart erkämpft manche wissenschaftliche Erkenntnis ist? Warum sind wir nicht ehrlich zu uns und jenen, die wir für unsere Sache gewinnen wollen?

Wir sollten jungen Menschen ein ausgewogenes Bild von Wissenschaft vermitteln, das sowohl die Reize zeigt, aber auch die Mühen der Ebene nicht verschweigt. Denn was nutzt es, wenn wir junge Menschen in unzähligen naturwissenschaftlichen Schülerlaboren anfixen, aber sie dann gnadenlos in den ersten Semestern Mathe oder Ingenieurswissenschaften rausprüfen. Die Abbrecherquoten in den MINT-Fächern sind immer noch erschreckend hoch.

Mit der Fokussierung auf wissenschaftliche Spitzenleistungen und also große Erfolge erwecken wir bei jungen Menschen womöglich den fatal falschen Eindruck, dass in der Wissenschaft eigentlich alles ganz easy sei. Wie wollen wir hier Enttäuschungen vermeiden, wenn plötzlich doch klar wird, dass wissenschaftliches Arbeiten voller Hindernisse steckt? Wie wollen wir den Nachwuchs darauf vorbereiten, nicht allzu schnell aufzugeben, wenn die Dinge nicht so glatt laufen, wie immer erzählt wurde?

Vielleicht ist das ein allgemeiner Lernprozess: Wir wollten aus hehren Gründen für die Wissenschaft trommeln, wir wollten tiefsitzende Vorurteile überwinden, wir wollten mit Feuerwerk auf uns aufmerksam machen, wir wollten Wissenschaft charmant und begehrenswert erscheinen lassen. Meistens, so mein Eindruck, ist uns das gelungen. Doch jetzt sollten wir adäquatere Mittel und Wege finden, Wissenschaft in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren.

Die Voraussetzungen dafür stehen gar nicht so schlecht. Dass die Prosperität unserer Gesellschaft vor allem wissenschaftsgetrieben ist, scheint ein allgemeiner Konsens zu sein. Allerdings kommt es jetzt darauf an, ein anderes Bild von Wissenschaft zu zeichnen, nämlich deutlich zu machen, das Wissenschaft absolute Freiheit braucht, um gesellschaftsverändernde Ergebnisse hervorzubringen. Dazu gehört auch die Freiheit von der allgemeinen Erwartung, dass Wissenschaft erfolgreich sein müsse. Anders gesagt: Wissenschaft wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir genau das nicht von ihr erwarten. Deshalb ist es so wichtig deutlich zu machen, wie Wissenschaft wirklich funktioniert. Nämlich als mühevoller, oft zäher, manchmal erfolgloser Versuch, den Dingen ihre Geheimnisse zu entreißen.

Davon sollten wir künftig erzählen.

NACHTRAG: Die Diskussion mit Gunter Dueck auf Twitter ging natürlich noch weiter: 

 

 

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  1. Ein auf den Punkt bringender Blogbeitrag. Ja, Wissenschaft kann unendlich tröge sein, nämlich dann, wenn es nur noch um Form geht. Und ja, Wissenschaft ist auch immer dann tröge, wenn Fleiß- und alltägliche Routinearbeit gefordert ist.