Spiegelwesen | Links, 15.11. 2014

Silicon Valley: Fünf Nichtschwimmer im Haifischbecken
(FAZ, Michael Hanfeld)
Scheint eine hübsche kleine Serie zu werden. Eine Folge sah ich bereits und war durchaus ganz angetan.

„Man denkt an mich, also bin ich“ – Sloterdijk im Gespräch
(SZ Magazin)
Überaus erhellendes Interview. Dieser Sloterdijk ist eine rundum ungewöhnliche Persönlichkeit. Das Interview hat mindestens fünf Antworten in denen er ganz beiläufig Sachen sagt, die mich komplett umhauen. Zum Beispiel diese Spontanreflexion über Spiegel, Ego und Hochmut.

„Ich habe übrigens lang über Spiegel und ihre ego-technischen Wirkungen nachgedacht. Früher wussten die meisten Menschen nur vage, wie sie aussehen. Für sie galt die Regel, wie ich behandelt werde, so schaue ich aus. Erst in den letzten 200 Jahren sind wir in Europa zu Spiegelwesen abgerichtet worden. Auch deswegen haben sich bei modernen Menschen die moralischen Verhältnisse so von Grund auf verändert. Die Moral diente früher ja vor allem dazu, Menschen bescheiden zu machen, oder, wie es katholisch heißt, demütig. Primär wurde diese Aufgabe von den Religionen wahrgenommen, die der Selbstliebe einen Riegel vorschieben. Seit überall Spiegel angebracht sind, übernehmen sie diese Funktion und machen neun Zehntel der Population per se ziemlich kleinlaut. Die übrigen zehn Prozent sind die Problemgruppe. In der großen Mehrheit brauchen wir keine Moralpriester mehr, um unseren Hochmut zu dämpfen, sondern Kosmetiker, die uns in Sachen verpasster Schönheit Nachbesserung versprechen.“

Fahr zur Hölle
(Gerhard Patzig, Süddeutsche Zeitung)
Schon seit mindestens 30 Jahren frage ich mich, warum Autos zunehmend gleichförmiger und hässlicher werden. An den Designern liegt es laut Gerhard Patzig allerdings nicht, eher wohl an Bürokraten, ängstlichen Managern und tumben Marketing-Leuten. Und an Trendforschern.

„Dann kamen die Trendforscher ins Spiel. Vermeintlichen Trends lief man lieber hinterher – statt auf die Fähigkeit zu vertrauen, selbst welche zu setzen. Einen Trend markiert die Retrowelle. Wie bitte? BMW ist damit erfolgreich, aus dem Mini von damals ein Auto gemacht zu haben, das nun aussieht wie ein an Adipositas erkrankter Doppelwhopper? Das können wir auch: Nun sieht auch der Fiat Cinquecento, der als „Topolino“, als Mäuschen also, seine Karriere 1936 begann, der sich bis 1975 auf dem Höhepunkt seiner Ästhetik befand, aus wie ein Batzen Blechknetmasse.“

Das ist nach meiner Kenntnis … sofort, unverzüglich | Links, 9. 11. 2014

SBK045 Wende (1)
(Martin Fischer, Staatsbürgerkunde Podcast)
Das beste, was man am Tag des Mauerfalls tun kann: Martin Fischer und seinen Eltern zuhören, wie sie das Ende der DDR erlebten. Mutter Christine liest aus Briefen von der Oma vor. Oral history vom Feinsten.

Wolf Biermann im Bundestag am 7.11.
(Youtube)
Biermanns Lied „Ermutigung“ ist ungefähr so abgenudelt wie „Satisfaction“ von den Stones. Dass er nun bei seinem Auftritt im Bundestag von all seinen großartigen Liedern ausgerechnet dieses zu Gehör brachte, fand ich dann eher enttäuschend. Wie er aber ungerührt erst mal die versammelte Linke beleidigte, dass hatte dann schon wieder was. Doch, kann man so machen, Wolf.

Rauschen aus dem Keller
(Alexander Kühne, Krautreporter)
Schöne Wende-Geschichte über die wilden Zeiten in der Ex-DDR kurz nach dem Mauerfall: Bootlegs in Ossi-Plattenläden verticken.

Alexander Kühne:
„‚Meine Kunden haben fast keene Geduld mähr. Die sind ausgehungert, sach isch Ihnen. Jetzt müssen de Schdones här.‘ Dann kritzelte sie den Bestellkatalog voll. 500 Pink-Floyd-Platten, 1.000 von den Rolling Stones. Die ganzen Nullen passten überhaupt nicht in die dafür vorgesehenen Kästchen. Als ich nach Hause fuhr, erschien am glutroten Horizont hinter Bitterfeld schon das vage Bild eines künftigen D-Mark-Millionärs, der meinen Namen trug.“

Tech firm proposes using OLED screens to make aircraft cabins appear see-through
(Dezeen Magazine)
Nur mit OLED fliegen ist schöner.

The truth behind Fargo’s ‚true story‘
(
Alice Vincent, The Telegraph)
Von wegen „wahre Geschichte“.

Alice Vincent:
„However, his brother Ethan revealed the truth behind the ‚true story‘ in the introduction to Fargo’s published screenplay, the closing sentence of which read: „[the film] aims to be both homey and exotic, and pretends to be true.“

Kampf gegen moderne Sexualmoral: Herr Professor verheddert sich
(Sibylle Berg, Spiegel online)
Ja, ein bisschen mehr Gespür für Andere, ein wenig mehr Empathie täte uns allen gut. Statt immer alle Anderen missionarisch bekehren zu wollen. 

Sybille Berg:
„Und dann werde ich müde. Sie können nicht anders, die anderen, weil alle sind wie ich: immer recht habend. Wir werden weiter reden, ein jeder im Vollbesitz der absoluten Wahrheit. Ich reise auch nicht ab und helfe in Ebola-Gebieten, ich sitze zu Hause und wettere vor mich hin, wie sie, wie die meisten.“

Leitmotiv 014: Über Beobachtungen, neue Technologien und alte Reflexe – mit Kathrin Passig
(
Caspar Clemens Mierau)
Schöne Podcast-Folge über Technologiekritik, das Beobachten und über Bücher mit Kathrin Passig.

Widerrufliche Gratiseinwilligung | Links, 28.10. 2014

1. Internetseiten dürfen Youtube-Videos einbetten
(Achim Sawall, Süddeutsche.de)
Gott sei Dank, der EuGH fällt durch eine weise Entscheidung auf.

2. Einfach mal bei der VG Media anfragen
(Michael Schmalenstroer, schmalenstroer.net)
Michael Schmalenstroer möchte von der VG Media auch eine „widerrufliche Gratiseinwilligung“ für seine geschichtswissenschaftliche Zeitungsschau.

Schmalenstroer:
„Das ist jetzt das völlige Desaster: Zuerst versucht man ein Gesetz zu schaffen, mit dem man Google zur Zahlung verpflichten will. Damit richtet man einen riesigen Flurschaden unter kleineren Suchmaschinen und Aggregatoren an, schafft eine enorme Rechtsunsicherheit und poltert massiv gegen den “Monopolisten Google”. Und dann gibt man ihm ein Gratisnutzungsrecht und will Geld von kleinen Suchmaschinen, die nicht die Marktmacht von Google haben. Das ist das totale Desaster.“

3. Das 35-Millionen-Lächeln: Ein halbes Jahr im Leben des ResearchGate-Gründers Ijad Madisch
(Jakob Vikari, Wired)
Ich bin immer ein bisschen skeptisch, wenn Leute in Porträts so übermäßig gehypt werden. So manchem Journalisten gehen dann schnell die Pferde durch. In diesem Falle war ich trotzdem geneigt zu glauben, dass Ijad Magisch der Tausendsassa ist, als der er uns hier verkauft wird.

4. Bay Area Disrupted
(WDR 3)
Der WDR hat mit Pageflow ein großartiges Tool fürs moderne Storytelling entwickelt. In dieser Geschichte werden die himmelschreienden sozialen Unterschiede im Großraum San Francisco sehr eindringlich vor Augen geführt. Dass die Verdrängungsmacht des Silicon Valley sich so krass in SF auswirkt, hätte ich nicht vermutet.

5. So sehr hat sich Berlin seit 1990 verändert
(Buzzfeed)
Vorher-Nachher-Bilder könnte ich mir den ganzen Tag anschauen.

6. Kebekus parodiert Helene Fischer: Atemlos
(Youtube)
Parodien dieser Art finde ich immer so mittellustig, seit Oliver Kalkofe sich vergebens an den Zombies der Volksmusik abarbeitet. Es bringt irgendwie nichts. Trotzdem halte ich Karoline Kebekus für einen Solitär in der deutschen Comedy- und Fernsehnasen-Szene. Deutsche Medien bezeichnen sie gern als „zotig“, ich würde sie eher derb nennen, aber auf eine durchaus originelle Art.

 

 

Sinnloses Pressieren | Links, 20.10 2014

1. Universitäten: Keine Rede von den Studenten
(Jürgen Kaube, FAZ)

Jürgen Kaube:
„Mit den mitunter absurden Studienbedingungen haben die Wissenschaftsfunktionäre längst ihren Frieden gemacht. In ihren Reden kommt diese Wirklichkeit der Universität nicht vor. Nachvollziehbarerweise, denn sie – die Ministerien, die Universitätsleitungen, die Rektorenkonferenz, der Wissenschaftsrat – haben die Ursachen ja gutgeheißen. Die Überladung mit Kursen, das sinnlose Pressieren, das doch nicht zu schnelleren Abschlüssen führt, die Parodie auf Prüfungen, die Noteninflation, das Ersticken des Personals in Verwaltung („Evaluation“), der Tanz um den Drittmittelfetisch – das alles fiel nicht vom Himmel.“

2. Da könnte ich auch gleich Ghettoblaster im Seminar erlauben
(Clay Shirky, ZEITonline)
Clay Shirky kämpft gegen Multitasking im Seminar: Das lenke nur ab. Welch eine Erkenntnis.

3. Kommunizieren like Kardashian
(Joachim Müller-Jung, Planckton)
Ein etwas länglicher Text vom FAZ-Wissenschaftschef, der noch einmal grob die sommerliche Debatte um die Wissenschaftskommunikation Revue passieren lässt. Zwischendurch teilt er ein paar schöne Watschen aus, weil das Akademienpapier die digitale Welt völlig ausgeklammert hatte. Müller-Jungs zum Schluss geäußerte Befürchtung, dass sich WissenschaftlerInnen am Ende nur aus Marketingzwecken auf Twitter & Co. tummeln, mag ich nicht so recht folgen. Zweifellos sind soziale Medien eine gute Bühne für Selbstdarsteller. Kluge Leute jedoch erkennen das sofort – auf Twitter wie im richtigen Leben – und wenden sich (hoffentlich) schnell ab.

Schmidt happens | Links, 15.10. 2014

1. „The New Gründergeist“
(Der offizielle Google Produkt Blog, Eric Schmidt)
Wenn bedeutende Unternehmer über Erfindungen und Gründergeist sprechen, dann ist es meistens ziemlich vorhersehbares Geschwafel. Auch in dieser Rede von Erich Schmidt ist das so. Allerdings kriegt er hin- und wieder noch die Kurve. Erfindergeist und Unternehmertum US-amerikanischer Provenienz sind eben doch einen Schlag hemdsärmeliger als die ängstlichen Selbstvergewisserungen, die man in jüngster Zeit aus deutschen Unternehmen vernehmen durfte.

Eric Schmidt:
„Aber noch wichtiger ist es zu wissen, dass irgendjemand irgendwo in einer Garage auf uns lauert. Ich weiß das, weil es nicht lange her ist, dass wir in dieser Garage saßen. Der Wandel kommt von dort, wo man ihn am wenigsten erwartet. Das Telegramm drängte die Post zurück. Radio und Fernsehen mischten die Nachrichtenbranche auf. Flugzeuge beendeten die Ära der Ozean-dampfer. Das nächste Google wird nicht das tun, was Google tut, genau wie Google nicht das tat, was AOL tat. Erfindungen sind immer dynamisch und die daraus resultierenden Umwälzungen sollten uns davon überzeugt haben, dass die Zukunft nicht statisch ist. Dies ist der Prozess der Innovation.“

2. …und bleiben Sie gesund.
(Melancholie Modeste)
Man möchte nicht krank werden in diesem Land. Zuweilen bekommt man mehr Angst vor dem maroden Gesundheitssystems als vor der Krankheit selbst.

3. Why is so hard to be good?
(Stephan Noller, BeimNollar)
Das Netz ist voller Scheiße und Stephan Noller fragt sich, warum wir es nicht schaffen, es – wenigstens teilweise – zu einem besseren Ort machen.

4. Die Arroganz des Wortes
(Cordt Schnibben, nzz Folio)
Starker, sehr ausgewogener Text über die Herausforderungen, die der Journalismus angesichts der zunehmenden Digitalisierung meistern muss.

Cordt Schnibben:
„Printjournalismus, der sich digital vermarkten will, muss vom Onlinejournalismus lernen, vom Leserdialog, von den Formen, auch von der Sprache. Das Wort muss da dem Foto, dem Video, der Grafik weichen, wo es unterlegen ist; Journalismus zeigt nicht schon dadurch seine Qualität, dass Wortgebirge zu bewältigen sind. Datenjournalismus, Audio-Slide-Shows, animierte Grafiken, all das, was der Onlinejournalismus hervorgebracht hat, muss auf den Tablets mit den Printtexten zum neuen digitalen Journalismus zusammenwachsen.“

5. Biete Text, suche Markt
(Harald Willenbrock, nzz Folio)
Wieder einmal geht es um die Zukunft des Journalismus, der seine Seinskrise nicht in den Griff bekommt. Wer kann helfen? Wo gibt es den rettenden Strohhalm? Können Mäzene vielleicht die Rettung sein?

Harald Willenbrock:
„Der grösste Nachteil der Stifter aber ist: Es gibt schlicht zu wenige von ihnen. Anders als in den USA, wo sich die Spenden zur Förderung des Journalismus nach Schätzungen von «Active Philantrophy» auf eine Milliarde Dollar summieren, fehlt es in Europa an einer tragfähigen Stiftungskultur. Philanthropen können hier zusammen mit Crowdfunding-Modellen und hochklassigen Unternehmenspublikationen lediglich einige der Löcher stopfen, die die Printkrise ins flächendeckende Informationsnetz gerissen hat. Ersetzen können sie sie nicht. Und auch sie werden nicht verhindern können, dass der Medienmarkt immer undurchsichtiger und verwirrender werden wird.“

6. Digitalisierung der Sprache: Thesaurus-Tage und Nasensmileys
(
Stephanie Große, netzpiloten.de)
Stephanie Große mag den Blasen-Sprech nicht mehr und befindet sich deshalb im Thesaurus-Modus.

7. Der Lehrerschreck
(Nico Lumma, 140 Sekunden)

Snoopys Erkenntnis | Links, 10.10. 2014

1. Das Ende des Buches, wie wir es kennen
(Wirtschaftswoche, Andreas Meng et.al.)
Reißerischer Titel, aber guter, weil recht ausgewogener Beitrag über den grundstürzenden Wandel der Buchbranche. Und es wird immer klarer: Die neue Welt des Lesens wird offener und spannender. Das, was hochnäsige Verleger früher als Schund ablehnten, wird seine Leser finden. Es wird vieles zu entdecken geben, und noch mehr zu verwerfen. Die richtig guten Sachen werden einem in den diversen Timelines vor die Füße rollen. Es werden sich überall Diskussionszirkel bilden. Die digitale Zukunft der Literatur leuchtet.

2. SOBOOKS: Zwei Größenwahnsinnige versprechen die Neuerfindung des Lesens
(Gründerszene, Frank Schmiechen)
Sobooks ist auf dem richtigen Weg. Wenn das Angebot an Büchern stimmt, könnte es in der Tat ein Erfolg werden. Nur bei einem bin ich skeptisch und das betrifft den Kern der Sache: Werden die Leute wirklich bereit sein, Bücher im Browser zu lesen? Auf dem Tablet kann ich es mir ja noch vorstellen, aber auf dem Desktop? Aber vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch das ganz normal geworden ist.

3. mögliche folgen von blog-professionalisierung: haltungsschäden und merkbefreiung
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Darf Kunst alles? Nö. Felix Schwenzel schimpft über Zombie-Blogger mit ähnlichen „haltungsdeformationen wie boulevardjournalisten“.

4. Previously On Freak Show 138: Anglizismen
(David Scribane)
Schon ein paar Tage alt. Aber großartig.

5. Snoopy. Erwachsen.
(@fragmente)

Rehkidz | Links, 8.10. 2014

52 Colorized Historical Photos That Give Us A New Look At the Past 〉Distractify
Schon stark, wie nah uns die Geschichte durch ein bisschen Farbe wird.

Endstation – Kollaps im Nahverkehr 〉WDR Fernsehen (die story)
Zuweilen hat man das Gefühl, dass einem Infrastruktur hierzulande unter dem Hintern wegfault. Wo man auch hinschaut: Überall leere Kassen und zugleich gewaltige Investitionsstaus. Besonders übel sieht es im Ruhrgebiet aus. Während im Osten blühende Landschaften entstehen (sollen), geht hier bald nichts mehr: Die Verkehrsinfrastruktur steht kurz vor dem Kollaps. Und alle – so scheint es – schauen achselzuckend zu.

Nah am Abgrund 〉Süddeutsche
„Homeland“ is back, zumindest in den USA. Eigentlich war die Serie mit dem Tod von Nicolas Brody für mich auserzählt. Doch es scheint so, als sei er noch nicht ganz aus der Serie verschwunden.

Jürgen Schmieder:
Verwirrend erscheint dabei nur, dass sich Gansa dann doch nicht komplett von Brody lossagen kann. Damian Lewis wurde kürzlich am Set in Südafrika gesichtet, was sogleich für Gerüchte sorgte: Wird es Rückblenden geben und damit die Auflösung, was für ein Mensch dieser Brody wirklich war? Oder ist er womöglich gar nicht tot? Wie auch immer, die Figur ist immer noch präsent, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein muss.“

Bleibt nur zu hoffen, dass hier nicht der alte „Dallas“-Serienkniff („Haha, war alles nur ein Traum“) angewendet worden ist.

Juwelen vor dem Feuersturm 〉SPON
Wie oft habe ich mir schon gewünscht, einmal durch die Städte laufen zu können, wie sie vor dem WWII ausgesehen haben. Wie lebendig müssen noch manche Viertel beispielsweise in Berlin gewesen sein, mit einer Gassenstruktur, die noch bis ins tiefste Mittelalter zurückreichte. Im Auftrag der Nazis wurden sogenannte Schrägluftaufnahmen aus niedriger Höhe gemacht, um die Städte irgendwann möglichst original wieder aufbauen zu können. Hat natürlich niemand gemacht. Die Fotos lagerten viele Jahrzehnte unbeachtet auf einem Dachboden im Harz. Vielleicht werden uns ja die nachfolgenden Generationen dankbar sein, dass wir mit den Google-Autos jeden Winkel fotografiert haben. Nur in Deutschland wird es auffallend viele Lücken geben.

The Simpsons‘ Springfield Illustrated as a Deadbeat Town boredpanda
Großartig, der Kwik-E-Mart mit dem Atomkraftwerk im Hintergrund.

Rehkidz 〉Twitter

Ellopopello | Links, 5.10. 2014

Die Strategie hinter der Apple-Watch | Jan Tißler
Jan Tißler vermutet, dass Apple mit der Watch versuchen wird, die Marke Apple in ganz neuen Märkten zu verankern. In seiner Lesart ist die Watch dann weniger ein Tech-Gadget als hochpreisges Mode-Accessoire. So ganz mag ich ihm nicht zu folgen: Ein hochpreisiger Pulsmesser mit sündhaft teurem Edelstahl-Glieder-Armband? Ein Schrittzähler mit edlem Lederarmband? Die entscheidenden Fragen stellt er selbst:

„Wer sich eine hochwertige, mechanische Armbanduhr kauft, kauft sich damit oftmals eine Wertanlage und etwas, was sich sogar vererben lässt. Eine Rolex von 2014 mag 2114 sogar wertvoller als heute sein. Aber eine Apple Watch? Wie will das Unternehmen verhindern, dass die bisherigen Modelle sofort entwertet werden, wenn der Nachfolger präsentiert wird? Diese Frage ist bislang vollkommen offen.“

Immer sachte mit den jungen Pferden: Ello | sinnundverstand.net
Ellopopello. Ich habe mich dort angemeldet, weil mein Lieblingstwitterer @HuckHaas nicht mehr auf Twitter ist, sondern jetzt bei Ello seine Späße treibt. Ich weiß zwar nicht, warum er das macht, aber jetzt bin ich auch bei diesem Ello. Da sind alle anderen auch schon, die man so von Twitter et.al. kennt. Irgendwie ein wenig öde. Da kann man ja direkt bei Twitter bleiben. Aber die gelten ja als böse, seit sie mit ihrem Dienst Geld verdienen wollen. Habe bei App.net schon nicht recht verstanden, was daran besser sein soll. Na ja, vielleicht ist Ello ein wenig mehr Erfolg beschieden. Für den Anfang sieht es ganz nett aus. Katzencontent halt. Und schlecht fotografiertes Essen. Und @huckhaas natürlich.

„Ello ist in der aktuellen Form eher vergleichbar mit Twitter (ohne Zeichenbegrenzung), Medium oder Tumblr. Wer weiß, was daraus wird. Lasst die Leute bei Ello mal arbeiten.“

„Aussieben von Schule kann nicht Aufgabe von Schule sein“ | sueddeutsche.de
Der Herr Mayer-Schönberger ist so ein Tausendsassa aus Österreich, der in Oxford ein Professor für Internetzeugs ist. Neulich sah ich ihn in Berlin beim Kommunikationskongress der Pressefuzzis, wo er eine sehr beeindruckende Keynote zu Big Data hielt. Ja, dachte ich, so muss ein ein Akademiker eine Rede halten: kurze, prägnante Geschichten, klug bepowerpointet, witzig rüber gebracht. In diesem Interview mit der Süddeutschen regt er an, Lehrer sollten Big Data nutzen, um die Lernfortschritte von Schülern besser beurteilen zu können. Ich glaube, er hat mit allem Recht, aber genauso gut könnte man fordern, dass alle Amerikaner ihre Waffen abgeben müssen.

Das Bildungssystem ist ein Ökosystem, das sich mit Innovationen sehr schwer tut. Das liegt zum einen daran, dass Schulbuchverlage und Entscheider in der Bildung eher konservativ sind und Lehrmethoden oft auf Stereotypen, Präferenzen und Ideologie basieren. Aber auch viele Eltern sorgen sich, wenn ihre Kinder mit neuen Methoden konfrontiert werden, die noch nicht erprobt sind. Deshalb sträubt sich Bildungspolitik gegen Big Data und bleibt lieber beim Bewährten.“

Lieblingsfarben und Tiere | EoC-Links, 3.10. 2014

Im eigenen Museum 〉taz

„So ausgefeilt es textlich ist, so festgefahren klingt die Musik – es gibt in den zehn Songs wirklich keinen einzigen Überraschungsmoment.“

Jens Uthoff hat nicht ganz unrecht. Es ist halt eine typische EoC-Platte. Aber was hätten sie denn auch machen sollen: Jazzrock spielen?

Der Charme des Berechenbaren 〉dpa
Wer EoC haben will, muss auch EoC bekommen. Findet auch die dpa.

„Wer von einem neuen Album des Berliner Quartetts Element Of Crime eine grundsätzliche Kursänderung erwartet, hat das Prinzip nicht verstanden. Die Band pflegt ihre Nische, und zu Recht: Schöne Popmusik mit tollen Texten kriegt hierzulande niemand besser hin. Da ist er also wieder, dieser vertraute Sound. Eine charmante Mixtur aus Schrammelpop, Seemannslied, Akkordeon-Walzer und Rumpel-Folk, dass einem ganz warm wird ums Herz.“

Regeners wundersame Momente 〉ZEIT online
Thomas Winkler will sich an Sven Regeren „annähern“, aber so richtig gelingt ihm das nicht. Entweder wärmt er olle Kamellen auf („Wutrede“) oder er wundert sich über Regeners Andersartigkeit, die er aber als Frühvergreisung denunziert. Regener Weltfremdheit  zu attestieren, kann eigentlich nur jemand, der seine Texte nicht genau liest. Denn Sven Regener schaut dem Leben ganz genau auf die Finger. Und dazu muss man nah ran gehen.

„Gleichsam kultiviert Regener eine wissende Weltfremdheit, einen zwinkernden Ekel vor der Moderne. Er findet damit ein Publikum, das sich gut zurechtfindet in dieser Welt, aber doch gern einen ironischen Sicherheitsabstand ziehen möchte. Distinktion durch bloß behauptete Differenz.“

Element Of Crime: Lieblingsfarben und Tiere 〉Wiener Zeitung
Ja, zuhören muss man schon:

„“Lieblingsfarben und Tiere“ verzichtet auf jegliche Instant-Hits und leistet sich die Anmaßung, Erlebniszeit zu fordern. Eine interaktive Platte also in dem Sinne, als sie erst mit der tätigen Zuwendung des Hörers ihre Stärken offenbart: Ihre formale Geschlossenheit bei besonderer stilistischer Vielfalt und etwa auch das sichere Zusammenspiel von Melodien und Stimmungen – oder die sehr ordentliche Dynamik, die noch mehr als schon bisher auf den primären Träger des EOC-Sounds, nämlich Jakob Iljas Gitarre, baut.“

„Die Freaks sind immer da“ 〉The European

„Regener: Man muss sich mal vor Augen führen, wie langweilig dieser Rock&Roll-Lebensentwurf auf Dauer werden kann. All die alten Rockstars à la The Who, David Bowie oder Mick Jagger haben das ja nach außen gelebt, aber sich nach der Tour aufs Land in ihre Cottage Houses zurückgezogen, wo sie dann die Rosen zurechtschnitten. Dann wieder auf Tour und anschließend wieder Rosen schneiden. Hin und her – wie die Wikinger. Das ist so etwas wie eine Quartalsbesoffenheit. Davon will das Publikum aber nichts wissen.

The European: Wieso?
Regener: Man will dem Künstler als Künstler begegnen, das überhöht ihn ja auch. Die Enttäuschung ist groß, wenn man feststellt, dass diese sagenumwobene Gestalt genauso langweilig ist wie wir alle und sich nur dadurch auszeichnet, dass sie gewisse Dinge gut festhalten kann.“

Element of Crime: Lieblingsfarben und Tiere 〉RP online

„Man kriegt Lust auf Sprache, wenn man Regener zuhört, man muss sich nur mal den Titelsong genauer ansehen. Eigentlich kann kein Mensch so etwas singen, ohne dass es hölzern wirkt und doof. Aber Regener kann das: „Schön dass du persönlich an der Tür/ Die Klingelleitung testest/ Du hast recht, da ist technisch nicht alles 1a/ Im Schwachstromsignalübertragungsweg/ Gibt es Durchleitungsprobleme/Doch wer wirklich zu mir will, kommt damit klar. “ „

 

Ronny-Dichte | Links, 2.10. 2014

Das geteilte Land 〉 ZEIT online
So macht Storytelling Spaß. Interessantes Grafik-Material, gute Videos, nicht zu viel Text. Und dann noch eine Grafik zur Ronny-Dichte im Osten Deutschlands: Chapeau!

Verlage empört: Jetzt will Google nicht mal mehr ihr Recht verletzen! 〉 Stefan Niggemeyer
Was für Leute arbeiten eigentlich in unseren Verlagen?

Von Netflix den Spiegel vorgehalten 〉 genrefilm.net
Starker Text zur Frage, ob und wie deutsche Filmstoffe jemals internationales Format erlangen können.

„Deutsche Autoren und Filmemacher diskutieren nicht erst nach der aktuellen Netflix-Klatsche, ob in Deutschland überhaupt genug Handwerk und Übung vorhanden ist, auf internationalem Serienniveau mitzuspielen. »Ich fürchte, dass viele deutsche Produzenten und Autoren, die durch die Mühlen der deutschen TV-Produktion gegangen sind, gar nicht mehr in der Lage sind zu verstehen, was für Netflix internationales Appeal aus macht«, meint Axel Ricke, Regisseur des Sci-Fi-Kurzfilms D-I-M, Deus In Machina (2007) und Produzent bei Lumatik Film. Auch Autor Stephan Greitemeier glaubt: »Die degetoisierten Produzenten sind das Nadelöhr. Sie arbeiten mit degetoisierten Lohnschreibern zusammen, denen zwanzig Jahre Fernsehmarkt jede Innovationskraft ausgepresst haben. Es ist schon bestürzend: Da haben wir nette, clevere Leute, oft mit gutem Geschmack – aber das System hat viele festgefahren und mutlos gemacht.«“