Blut am Stiel

Mit seinem neuen Film „Only Lovers Left Alive“ hat Jim Jarmusch wieder in die Spur zurückgefunden, die er mit dem überaus enttäuschenden „The Limits of Control“ (2009) verlassen hatte. Hier ist wieder alles versammelt, was einen guten Jarmusch-Film ausmacht: berauschende Bilder, Langsamkeit, Autos in der Nacht, aus denen heraus verlassene Häuserfronten abgefilmt werden, schräger Garagensound, Lakonie, Witz, Melancholie. Doch manches ist auch unfreiwillig komisch.

Den letzten Schauspieler, den Jim Jarmusch nachts mit einer Sonnenbrille auf die Straße jagte, war Roberto Benigni als Taxifahrer in Rom. Doch während Benigni in „Night on Earth“, dem unübertroffenen Meisterwerk Jarmuschs, lediglich vergessen hatte, die Brille abzunehmen, sind die Brillen von Adam und Eve (sic!) mehr als nur modisches Accessoire. Sie sind gleichsam ein Schutzschild für die beiden jahrhundertealten Vampire gegen die grelle Welt der „Zombies“.

Der kultivierte Vampir bevorzugt nur den guten Stoff. (Foto: Pandora Film Verleih, 2013)

Der kultivierte Vampir bevorzugt nur den guten Stoff. (Foto: Pandora Film Verleih, 2013)

Adam und Eve (gespielt von Tom Hiddleston und Tilda Swinton) sind klug, kultiviert, erhaben gegenüber den nur scheinbaren Wichtigkeiten der Gegenwart. Aber sie sind nicht immun gegen den Dreck der Welt. An guten Stoff zu kommen, wird für Vampire immer schwieriger. Adam organisiert ihn sich in Detroit über einen korrupten Arzt direkt im Krankenhaus, dem er selbst als „Dr. Faustus“ mit Mundschutz und Haarnetz begegnet. Eve, die in Tanger lebt, bezieht ihr Blut in Flaschen abgefüllt aus den geheimnisvollen Quellen eines Freundes.

Die Welt ist so sehr aus den Fugen geraten, dass selbst den Vampiren schlecht wird. Wie beispielsweise Eves rauschsüchtiger Schwester Ava, die in in einem Anflug von Gier gleich einen ganzen Kerl aussaugt und sich dann über Übelkeit beklagt. „Was hast Du erwartet“, wird sie von Eve zurechtgewiesen, „er war aus der Musikindustrie!“ Bei aller Schwermut, die der Film transportiert, gelingen Jarmusch immer wieder solche kleinen, feinen Stiche gegen die us-amerikanische Kulturindustrie. Adam lästert über L.A. als „Hauptstadt der Zombies“ und wenn Eve beim Schachspiel unvermittelt zwei Blut am Stiel aus der Kühlung holt, so ist das auch ein hübsch selbstironisches Spiel mit dem Genre.

Bei aller Freude darüber, so ist die Geschichte keineswegs rund. Oft ergeht sie sich nur in Andeutungen, z. B. in der Figur des Dichters Christopher Marlowe (gespielt von John Hurt), der angeblich heimliche Autor jener Werke, die irrtümlich Shakespeare zurechnet wurden. Die Figur von Ava bleibt ebenfalls nur oberflächlich und episodisch. Auch bei Vampirens zuhause gibt es Familienstreitigkeiten. Oder was will uns der Meister sagen? Meister Jarmusch sagt: „Adam und Eve sind selbst Metaphern für den derzeitigen Zustand menschlichen Daseins – sie sind verletzbar und bedroht von den Naturgewalten und dem kurzsichtigen Verhalten derjenigen, die an der Macht sind.“ Nun ja.

Tilda Swinton und Tom Hiddleston als Eve und Adam. (Foto: Pandora Film Verleih, 2013)

Tilda Swinton und Tom Hiddleston als Eve und Adam. (Foto: Pandora Film Verleih, 2013)

Am Schluss des Films stolpern die Helden etwas entkräftet durch Tanger, hören noch ein bisschen Musik und räsonieren augurenhaft über das Ölzeitalter, das bald vom Kampf um Wasser abgelöst werde. Und natürlich – in der Not frisst der Teufel Fliegen – muss dann doch noch ein wenig frisches Blut her: Ein Liebespaar suchen sie sich als Opfer, das sie aber nicht umbringen, sondern lediglich „transformieren“ und also ihrerseits zu Vampiren machen: only lovers left alive. Auf dass in Zukunft nur Liebende die vornehme Welt der Vampire bevölkern.

Only Lovers Left AliveUSA 2013 – Regie und Buch: Jim Jarmusch. Kamera: Yorick Le Saux. Mit: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska, John Hurt, Anton Yelchin. Pandora, 122 Minuten.