Better Call Saul, Staffel 4

(ACHTUNG: SPOILER-ALARM) 
Die entscheidenden Momente dieser Staffel ereignen sich ganz am Schluss. Die letzten Sekunden vor Ablauf fassen viele Stunden dieser Staffel/Serie in einer kraus gezogenen Stirn zusammen. In einem dunklen Blick, der so vieles zugleich ausdrückt: ungläubiges Staunen, tiefe Enttäuschung, die leise Hoffnung, das alles sei gar nicht so, wie scheint. Der eigentliche Star dieser Szene (wie auch der ganzen Serie) ist nicht Jimmy McGill, der hier triumphiert, weil er wieder alle hinters Licht geführt hat. Der Star ist Kim Wexler – Jimmys knallcoole Partnerin. Sie geht für Jimmy mehr als einmal aufs Ganze, denkt sich die irrsinnigsten Plots aus, um Prozesse zu gewinnen, ist bereit zu den gewagtesten Manövern, um Spaß zu haben, sich an fiesen Typen zu rächen, oder Jimmy aus der Patsche zu helfen. Sie ist sein verlässlicher Kumpel, immer da und doch mit eigenem Kopf, eigenen Zielen.

Doch bei diesem einen Mal ist es ihr Ernst: Bei Jimmys finaler Anhörung zur Rückgewinnung seiner Anwaltslizenz ist sie tief berührt von seinen Worten, seinem demütigen Auftritt. Es scheint ihr so, als habe Jimmy einen ehrlichen Zugang zu seinem toten Über-Bruder gefunden, einen Weg, Frieden zu finden in der zutiefst gestörten Geschwister-Gemengelage. Jimmy redet so warm, so herzlich: da muss sich sogar die ansonsten nicht zimperliche Kim ein Tränchen wegdrücken. Und dann das: alles nur ein Fake, ein billiges Schmierentheater, um die Kommission gnädig zu stimmen. Jimmys Triumphgeheul nach getaner Arbeit quittiert Kim mit Distanz, Jimmy merkt im Überschwang der Gefühle nichts. Und dann endet diese Staffel so abrupt wie die mitten in der Szene abgeschnittenenen Titelsequenzen der einzelnen Folgen. Kim steht konsterniert auf spiegelndem Backstein-Boden. Und Schnitt.

So etwas trauen sich nur die Leute, die diese Serie machen – Vince Gilligan und Peter Gould. Denn sie geben uns so viel mit auf den Weg – so viel Opulenz, so viele kleine Nebenaspekte, optische Anspielungen, so viel bildnerische Kraft, dass sie uns nicht mit nichtssagendem Geplänkel die Zeit stehlen. Bei BCL ist jede Szene minutiös durchgeplant, wie die wilden Aktionen von Jimmy und Kim. Alles ist extrem durchkomponiert: Szenerie, Licht, Ausstattung, Dramaturgie. Jede Sekunde sitzt. Als ginge es hier nicht darum, eine Geschichte in vielen Staffeln zu erzählen, sondern um einen 25-Sekunden-Werbespot, bei dem jede Zehntelsekunde zählt. Ich ziehe den Hut vor so viel Detailversessenheit. Wie begeistert muss man vom Filmemachen sein, um immer wieder aufs Neue seinen unbedingten Stilwillen umzusetzen?

Vielleicht täusche ich mich, aber mit jeder weiteren Folge dieser Staffel schien alles noch etwas edwardhopperiger zu werden: mit sehr lakonisch-ikonischen Kameraeinstellungen, die so grandios lässig und beiläufig daher kommen: Kim und Jimmy sitzen im All-American-Diner, eine weißbeschürzte Waitress gießt bittren Brüh-Kaffee nach. Oder die wohl magischste Szene dieser Staffel auf dem Parkhaus-Dach inmitten dieser stillen Architektur einer eintönig-verlassenen Großstadt-Büro-Kultur. Selten ist es bei BCL laut – im Gegenteil: es herrscht immer die gedämpfte Stille einer saturierten Hochflor-Gesellschaft. Nie sieht oder hört man Autos, außer denen, die unmittelbar zur Handlung gehören, deren schnurrender Achtzylinder-Wohlklang sich in den beruhigenden Klangteppich einschwingt. Die Sonne scheint dazu in Albuquerque immer, ihr Licht ist warm, schmeichelnd. Wüstenszenen werden in gedämpftes Sepia getaucht. Es gibt keine Hektik in dieser Serie, die Drogenbosse nehmen mit unbewegten Mienen das Geld der Dealer an, im Hintergrund hört man gedämpfte Samba-Rhythmen und leises Klappern von Kochgeschirr. Mike Ehrmanntraut erledigt alle Jobs mit stoischer Ruhe und dem Blick einer 100-Jährigen Schildkröte.

Überhaupt ist die Vielzahl der Erzählstränge erstaunlich. Jede einzelne ist für sich genommen schon ein eigener Kosmos. Und auch, wenn wir, die wir alle Breaking Bad gesehen haben, und also wissen, wie all diese Figuren zueinander stehen und wie sie ihr Ende finden werden, folgen wir atemlos jedem einzelnen Erzählfaden. Dem verzweifelten Kampf des klugen und sensiblen Nacho Varga gegen den üblen Drogen-Patriarchen Hector Salamanca oder dem hilflos-naiven Versuch des deutschen Ingenieurs Werner Ziegler (gespielt vom überragenden Rainer Bock), der elenden Lochbuddlerei zu entkommen. Wir bewundern die unerschütterliche Coolness von Mike, wir beobachten distanziert die Paranoia des Chuck McGill, wir fürchten Hector Salamancas Rückkehr aus dem Reich der Untoten. Einzig die Figur des Gustavo Fring (der noch in BB so brilllierte) ist für meinen Geschmack zu einseitig diabolisch geraten. Wo alle anderen Figuren sehr ambivalent agieren und mich zwischen Abscheu und Sympathie wechseln lassen, gelingt das bei Fring nicht. Aber gut, vielleicht muss es so eine Figur nun mal geben. Den Imperator oder Sauron findet man ja zwischendurch auch nicht plötzlich prima.

Ohnehin hatte ich zwischendurch gelesen, dass der Name von Fring auf den deutschen Fussballer Thorsten Frings zurückgeht. Seitdem geht mir das nicht mehr aus dem Kopf und ich kann den bösen Gustavo nicht mehr ansehen ohne an Pfosten Frings zu denken. Aber in der Tat scheinen die Drehbuchschreiber ein Faible für Deutsche („Werner“) und deutschen Fussball zu haben: So hat ausgerechnet der unsympathischste deutsche Mitstreiter Werners einen Auftritt im Nachtclub als besoffen-querulantischer BVB-Fan im Continental-Trikot. Unverschämtheit! ;-)

Und was bleibt also am Schluss dieser abermals überaus gelungenen Staffel? Nun, vor allem die Hoffnung auf viele weitere Staffeln. Denn in diesem Stoff steckt so viel Potenzial, das man sich wünscht, es möge ewig so weiter gehen. Kim Wexler möge uns bitte erhalten bleiben, sie bringt diese Geschichte zum Leuchten. Das Auftauchen von Lalo und sein verstärktes Interesse an Gustavo lässt auf grandiose Syndikat-Kriege hoffen. Mal sehen, wie Mike sich darin positionieren wird. Hector hat seine Klingel bekommen, es geht also bergauf. Und Jimmy? Tja, er hat’s gesagt: „It’s all good, man!“

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