Austausch auf Augenhöhe

Vor mehr als zehn Jahren brachte PUSH den nötigen Schwung in die Wissenschaftskommunikation. Vieles hat die Initiative erreicht, allein schon eine größere Aufmerksamkeit gegenüber Themen, die aus den Forschungslaboren nach außen dringen. Heute aber, zwischen Medienkrise und wachsenden Social-Media-Diensten, bedarf es neuer Denkanstöße.

In gewohnt zupackender Art legte Manfred Erhardt die Latte ziemlich hoch. Eine glaubwürdige Wissenschaft, betonte der damalige Generalsekretär des Stifterverbandes, müsse nicht nur Erkenntnisse hervorbringen und ihre Chancen und Risiken abwägen. Sie müsse auch den Dialog mit der Gesellschaft darüber führen und die Umsetzung der Ergebnisse anbahnen. „Die Zeiten, da Forscher sich auf ihre Rolle als Entdecker und Erfinder beschränken konnten, sind vorbei“, rief er den versammelten Exzellenzen zu, die sich an diesem Tag im Bonner Wissenschaftszentrum versammelt hatten.

Man schrieb den 27. Mai 1999. Und alle, alle waren sie gekommen: Die Präsidenten der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen von AiF bis Wissenschaftsrat, die Kommunikationschefs von Forschungseinrichtungen und Hochschulen, Top-Journalisten aus der ganzen Republik, sowie jede Menge internationales Fachpersonal in Sachen PUSH. Ein Akronym, das an diesem Tage erstmals die Runde machte und für Public Understanding of Sciences and Humanities steht.

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© Wissenschaftsjahr - Forschungsexpedition Deutschland

PUSH war auch im übertragenen Sinne ein Anstoß, ein Startsignal für die Wissenschaftsgemeinde in Deutschland. Fast ein Aufbruch in ein neues Zeitalter, wenn das nicht etwas zu pathetisch klänge. Aber immerhin: Alle wichtigen Institutionen der Wissenschaft unterzeichneten an diesem Tage das „Memorandum Dialog Wissenschaft und Gesellschaft“, in dem sie sich verpflichteten, in ein intensives Gespräch mit Gesellschaft und Politik einzutreten. Und das taten sie dann auch.

Um Schwung in die Sache zu bekommen, waren natürlich nicht nur gute Worte vonnöten, sondern auch und vor allem Geld. Dass es daran von Beginn an nicht mangelte war vor allem das Verdienst von Joachim Treusch, dem umtriebigen Wissenschaftsmanager, damals Chef des Forschungszentrums Jülich. Am Nachmittag und in der Nacht vor dem für die Unterschrift zum PUSH-Memorandum vorgesehenen Symposium telefonierte Treusch vier Millionen Mark zusammen – ein stattliches Startgeld für die neugeborene Initiative.

Die wiederum blickte noch mit großen Augen auf das, was man im Ausland – speziell in angelsächsisch geprägten Ländern – bereits in Sachen PUSH geleistet hatte. Sir John Krebs, Chef des britischen Natural Environment Research Council, schrieb den deutschen Kommunikationsexperten direkt ein paar Merksätze ins Oktavheftchen, an denen diese bis heute zu knapsen haben. „Man kann“, sagte er auf dem PUSH-Symposium, „keine größere Begeisterung und Akzeptanz für Wissenschaft hervorrufen, indem man das Verstehen fördert. Was man erreicht, ist allenfalls eine höhere Skepsis.“ Das war zweifellos etwas Neues. Nicht mit Hurra-PR werden die Menschen erreicht, sondern indem man den Dialog auf Augenhöhe ermöglicht. Krebs: „PUSH muss mit dem wissenschaftlichen Verständnis für die Gesellschaft verbunden werden. Wir müssen die Gesellschaft besser einbeziehen in das, was ihr Leben unmittelbar betrifft, dies umso mehr, als wir an der Jahrtausendwende stehen.“

Die Aufgabe, Wissenschaft in die Gesellschaft zu bringen, übernimmt in Deutschland heute die Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD). Mit den nächtens von Joachim Treusch zusammentelefonierten vier Millionen Mark als Startgeld versehen, wurde WiD im Jahr 1999 auf Initiative des Stifterverbandes von den großen Wissenschaftsorganisationen gegründet. Und ist seitdem die unbestrittene Zentrale der Wissenschaftskommunikation in Deutschland.

In der Berliner Geschäftsstelle beackern Geschäftsführer Herbert Münder und sein Team ein beachtliches Programm. So gehört es zu den ureigenen Aufgaben, jedes Jahr in einer anderen Stadt mit dem „Wissenschaftssommer“ ein großes Wissenschaftsfestival zu organisieren. Nach Stationen in Berlin, München, Stuttgart und etlichen anderen Landeshauptstädten war das Wissenschaftsfestival dieses Jahr in Magdeburg zu Gast. Gemeinsam mit örtlichen Hochschulen, Forschungsinstituten, städtischen Initiativen und Unternehmen organisiert WiD Ausstellungen zum Mitmachen, Workshops, Diskussionsveranstaltungen, ein Filmfest oder eine Lange Nacht der Wissenschaften.

Den Wissenschaftssommer hält Münder für ein besonders gelungenes Format der Wissenschaftskommunikation. Denn hier könnten die Besucher ohne Schwellenängste überwinden zu müssen, selbst zu Forschern werden – durch ausprobieren, anfassen und begreifen. „Wer Menschen Forschung nahe bringen will, indem er lediglich doziert und erklärt, wird nicht weit kommen. Wenn wir das Mitmachen ermöglichen, dann springt der Funke über“, weiß Münder.

„Man kann keine größere Begeisterung und Akzeptanz für Wissenschaft hervorrufen, indem man das Verstehen fördert.“
Sir John Krebs, NERC

Daneben haben sich vor allem die Wissenschaftsjahre als festes Format etabliert. Seit zehn Jahren ruft WiD gemeinsam mit dem Bundesforschungsministerium die Wissenschaftsjahre aus. Diese Wissenschaftsjahre haben in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Disziplinen in den Vordergrund gestellt: Es gab das Jahr der Physik, das der Lebenswissenschaften oder das der Geisteswissenschaften. Mittlerweile wird auf Themen fokussiert, im Jahr 2010 auf die Zukunft der Energie. Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Politik öffnen die Türen ihrer Einrichtungen und laden dazu ein, einen Blick auf die Entwicklungen in der Forschung des jeweiligen Mottos zu werfen. Mit dem Wissenschaftsjahr soll deutlich werden, welche Bedeutung Wissenschaft und Forschung für den Menschen haben. Zehn Jahre nach Etablierung der Wissenschaftsjahre ist sich Herbert Münder sicher: „Wissenschaft und Bildung sind in der Politik heute sehr viel prominenter und das Interesse der Bevölkerung an Themen der Forschung nimmt weiter zu. Wir haben es geschafft, bundesweit Forscherinnen und Forscher zu ermutigen, auf die Straßen, auf Marktplätze zu gehen und ihre Forschung zu erläutern, mit den Menschen zu diskutieren“. Susann Pfeiffer, Geschäftsführerin des Wissenschaftscampus Tübingen, sieht den „Top-Down-Ansatz“ der Wissenschaftsjahre eher skeptisch. Denn die Umsetzung sei tückisch. „Das betrifft vor allem die Koordination und Kommunikation zu den einzelnen Akteuren und Orten, die beispielsweise im vergangenen Jahr mit der „Forschungsexpedition’ zeitweise etwas außer Kontrolle geriet und zu einer gewissen Ratlosigkeit über „Was wer wann wie und mit wem zu tun hat“ führte.“ Pfeiffer hat Erfahrungen mit großen Events: Sie koordinierte im Jahr 2006 das Programm Dresdens als „Stadt der Wissenschaft“.

Damit die Kommunikation mit den Bürgern nicht zu einer Einbahnstraße wird, geht WiD auch ganz neue Wege. So organisierten die Kommunikations-Experten Anfang 2010 in Essen eine außergewöhnliche Konferenz. 20 interessierte Bürger aus dem Ruhrgebiet diskutierten an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden die Energieversorgung der Zukunft in Deutschland. An den ersten beiden Vorbereitungswochenenden machte sich die Gruppe mit ständiger Begleitung zweier Energie-Experten mit dem Thema vertraut und legte die inhaltlichen Schwerpunkte Mobilität, Strom, Wärme und Produkte fest. Am dritten Wochenende traten die Bürger in einen intensiven Austausch mit rund 15 weiteren Energie-Experten und entwickelten im Konsens ihre Empfehlungen an Forschung und Politik – das Bürgergutachten: Wie sollte Deutschland in Zukunft seine Energie gewinnen? Der Bürger schlüpft damit in die Rolle des Gutachters.

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© Wissenschaftsjahr - Forschungsexpedition Deutschland

Eine so verstandene Wissenschaftskommunikation setzt auf echten Dialog, auf Austausch in Augenhöhe und reflektiert die mahnenden Worte von John Krebs: die Bürger, ihre Ängste und Wünsche ernst nehmen. Herbert Münder hält dies ohnehin für ein Erfordernis künftiger Wissenschaftskommunikation. Der Dialog über wissenschaftliche Themen müsse sich noch stärker entwickeln hin zu einem Dialog über die Forschung selbst. Im Vordergrund solle nicht die Vermittlung des Forschungsergebnisses, sondern der Forschungsprozess selbst stehen. Bürgerinnen und Bürger müssten früher in den Prozess von Wissenschaft eingebunden werden, auch als Korrektiv für die Wissenschaft. „Forschung und Wissenschaft beeinflussen so maßgeblich den Alltag der Menschen, dass es aus unserer Sicht nötig ist, Ideen und Einstellungen, Hoffnungen und Ängste, die die Menschen mit bestimmten Forschungen verbinden, frühzeitig in die Arbeit von Wissenschaftlern einzubeziehen“, so Münder. Susann Pfeiffer macht sich für mehr Qualität stark: „Nach einer wahren Sintflut von Veranstaltungsformaten müssen wir uns in den kommenden Jahren mehr auf Qualitätskriterien und Bewertungsmechanismen konzentrieren. Also Fragen wie ‚Frisst der Unterhaltungswert den Wissenswert auf?’ oder „Wie viel Öffentlichkeit erreiche ich womit?“ müssen stärker in den Fokus rücken“.

Dass in diesen Bereichen noch einige Aufgaben für die PUSH-Bewegung warten, betont auch Ekkehard Winter, als Mitinitiator des 99er-Memorandums Mann der ersten Stunde und heute als Geschäftsführer der Deutschen Telekom-Stiftung: „Bei Formaten, wo die Öffentlichkeit eine aktivere Rolle bekommt, sind wir in zehn Jahren nicht weit vorangekommen. Hier warten noch viele Hausaufgaben, gerade im Bereich drängender gesellschaftlicher Themen mit Wissenschaftsbezug, wie sie in den themenorientierten Wissenschaftsjahren neuen Typs angesprochen werden.“

Während die Experten noch an den geeigneten Foren basteln, ploppen an vielen Stellen in der Republik schon neue Kommunikationsformate auf, die die PUSH-Gründerväter 1999 wohl kaum für möglich gehalten hätten. Beispiel Science Slams. Im Berliner Edelweiß, einer Mischung aus Kneipe, Bar und Restaurant treten junge Wissenschaftler an, um dem geneigten Publikum wissenschaftliche Themen näherzubringen. Oberstes Gebot: Unterhaltsam muss es sein, informativ und kurz. Mehr als zehn Minuten haben die Slammer nicht, um Fragen wie „Das Politische in der Kunst durch Luhmann denken“ oder „Warum Bohnen gut für dich sind und warum zur Hölle muss ich immer furzen, wenn ich die esse?“ näher zu bringen. „Und sie schaffen es“, jubelt es auf der Website der Berliner Science Slammer, „Sie sind unsere Helden. Wir kleben an ihren Lippen. Sie verbinden Kunst und Wissenschaft. Sie erobern uns. Und sie siegen.“

„Sie sind unsere Helden. Wir kleben an ihren Lippen. Sie verbinden Kunst und Wissenschaft. Sie erobern uns. Und sie siegen.“
Werbung für den Berliner Science Slam

Ganz im Sinne des Münder’schen Postulates, den eigentlichen Erkenntnisprozess stärker in den Vordergrund zu rücken, setzt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seit knapp zwei Jahren auf bewegte Bilder. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich junge Menschen zwischen 14 und 29 zunehmend von der Nutzung herkömmlicher Medien verabschieden und sich ihre Informationen aus dem Netz holen. Deshalb versucht Science TV, den Nachwuchs dort abzuholen, wo er sich aufhält: im Web. Science TV begleitet Wissenschaftler bei ihrer Arbeit. Bereits in der zweiten Staffel erzählen die jeweils dreiminütigen Kurzfilme vom Alltag – von Herausforderungen und Erfolgserlebnissen, aber auch von Hindernissen und Misserfolgen. Für das Material der Filme führen die Forscher selbst die Kamera. Quer durch alle Wissenschaftsgebiete bietet DFG Science TV zehn filmische Forschungstagebücher, die einen ganz persönlichen Einblick in die die Welt der Forschung geben. Die beteiligten Projekte können die Filme für ihre Darstellung im Netz, auf der Homepage der Universität oder für Ihre Vorträge nutzen. Außerdem erwerben sie Medienkompetenz für Film und Internet.

„Nutzer bekommen die Chance, Wissenschaftlern bei der Arbeit ‚über die Schulter’ zu schauen. Forschung bekommt ein Gesicht“, sagt Eva-Maria Streier, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der DFG. „Es entsteht eine ‚persönliche’ Beziehung zu einzelnen Forschungsprojekten“. Das Angebot richtet sich an jugendliche Internetnutzer (14 – 19jährige) und eignet sich für Lehrer als Recherchepool und als modernes Unterrichtsmedium. Mit über 370.000 abgerufenen Videos und über 6.000 Verlinkungen ist DFG Science TV über die Maßen erfolgreich. „Durch Content-Sharing mit externen Portalen sollen die Zugriffszahlen in Zukunft noch deutlich steigen“, sagt Streier.

Das starke Interesse an wissenschaftlichen Themen ist auch an den großen Verlags- und Medienhäusern der Republik nicht unbemerkt vorüber gegangen. Waren Wissenschaftsthemen in den Medien zu Beginn der PUSH-Bewegung eher ein marginales Phänomen, so hat sich hier ein grundlegender Wandel vollzogen. Wissensmagazine in Print und TV haben Konjunktur, und selbst eher dem Boulevard zuzurechnende Medien versuchen Wissenschaft unterhaltsam zu vermitteln . Rolf-Michael Simon, langjähriger Wissenschaftsredakteur der Neuen Ruhr Zeitung in Essen, führt dies durchaus auf das Wirken der PUSH-Bewegung zurück. Direkt das erste Wissenschaftsjahr (Physik, 2000) sei ein großer Erfolg gewesen und auch die Diskussionen um PISA hätten dazu beigetragen, dass das Bewusstsein für Bildung gestiegen sei.

Neben der Tatsache, dass Wissenschaft insgesamt größere Aufmerksamkeit in den Medien erfährt, weist die Darmstädter Journalistik-Professorin Annette Leßmöllmann auf eine starke mediale Diversifizierung hin. Es mache eben einen Unterschied, ob man ausschließlich unterhalten, wissenschaftsferne Personen an Wissenschaft heranführen oder habilitierte Wissenschaftler auf hohem Niveau ansprechen wolle. Deshalb gebe es heute sehr viele verschiedene Arten, Wissenschaftsjournalismus zu betreiben. Der allenthalben immer noch erhobene Vorwurf mancher Wissenschaftler, die Medien berichteten zu verkürzt, zu reißerisch und seien zu sehr auf die Erfordernisse ihres jeweiligen Mediums fixiert, greife deshalb auch zu kurz. „Ich glaube, dass die mediale Darstellung von wissenschaftlichen Fakten und Methoden immer eine Kampfzone zwischen Wissenschaftler und Journalist bleiben wird“, sagt Leßmöllmann, die selbst nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch Journalistin ist. Auch Qualitätsmedien seien darauf angewiesen, den Leser mit einer lockeren Darstellungsform an den Text zu binden. Medien seien nun mal keine erweiterte Wissenschaftssphäre und Wissenschaftler seien gut beraten, dies zu berücksichtigen.

„Die mediale Darstellung von wissenschaftlichen Fakten und Methoden wird immer eine Kampfzone zwischen Wissenschaftler und Journalist bleiben.“
Annette Leßmöllmann, Universität Darmstadt

Das allerdings ist nicht so einfach. „Manches Mal störe ich mich daran“, sagt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, „dass die Tendenz zur absoluten Vereinfachung aller Sachverhalte geht“. Der Leibniz- und Communicator-Preisträger findet es erschreckend, dass manch spannendes Thema nicht berücksichtigt wird, weil „Entscheidungsträger Angst davor haben, bei Quote und Absatzzahlen Einbußen zu erleiden“. Holger Hettwer von der Universität Dortmund sieht solche Vorwürfe eher skeptisch. Für ihn ist das der „tendenziell elitäre Wunsch, den Medien ihre Themen und Darstellungsweise vorzuschreiben“. Journalisten seien nicht die Mittler, Dolmetscher oder „Transmissionsriemen“ zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Hettwer, Projektleiter der Initiative Wissenschaftsjournalismus, weiß, dass Journalisten sich nicht gern vorschreiben lassen, welche Funktion oder Themen sie wahrzunehmen haben. „Die Wissenschaft sollte sich daran gewöhnen, dass der Journalismus autonom ist“.

Hinzu kommt die Medienkrise. Nicht nur, dass einige der mit großem Aufwand gestarteten Hochglanzmagazine schon wieder eingestellt worden sind, auch und gerade der Tageszeitungsmarkt leidet unter den krisenhaften Folgen von Anzeigen- und Leserschwund. Tageszeitungen legen Mantelredaktionen zusammen – mit unübersehbaren Folgen für die manpower der einzelnen Ressorts. Simon fürchtet „sehr schlimme Auswirkungen“. Nicht nur die Vielfalt der Themen leide, sondern vor allem die der Meinungen: „Nehmen Sie die Klima-Diskussion: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem IPCC, dem sogenannten Weltklimarat, fand auch im Umfeld des Kopenhagen-Gipfels nur noch in einer verschwindend geringen Minderheit der Tageszeitungen statt. Da regierte der mainstream, anderes hatte in den allermeisten Fällen keine Chance.“ Auch Holger Hettwer hat solche Defizite im Wissenschaftsjournalismus ausgemacht. Viel zu selten nehme er seine Kritik- und Kontrollfunktion wahr, wissenschaftliche Themen würden nicht ausreichend in politische und wirtschaftliche Kontexte eingeordnet. Doch sei es falsch, die Medienkrise nur als ökonomische Krise wahrzunehmen, denn die überlagere die eigentliche Kernfrage: „Es geht nicht nur um neue Erlösmodelle für die Finanzierung von Qualitätsjournalismus – es geht vielmehr um die Frage, was Journalismus in Zukunft leisten soll und worin seine spezifische Qualität liegt. Insofern verweist die ökonomische Frage eigentlich auf die Qualität des Journalismus selbst“.

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In welche Richtung wird sich die Wissenschaftskommunikation weiter entwickeln? Nach über zehn Jahren PUSH ist vieles erreicht, manches harrt noch immer seiner Entdeckung, Weiterentwicklung, Optimierung. Social Media beispielsweise drängen sich als neue Resonanzräume geradezu auf. Weltumspannende Dienste wie Facebook, Twitter, LinkedIn oder Google Buzz bzw. ein eigenes Blog bieten für Wissenschaftler einen ganzen Pool von Möglichkeiten, sich selbst und die eigene Arbeit zu vermarkten. „Und sie erlauben eine Ausweitung auf wissenschaftsferne Zielgruppen, die die Wissenschaftskommunikation normalerweise nicht erreicht“, meint Holger Hettwer. Aber noch ist die Bereitschaft, das eigene Kommunikationsportfolio um diese Dienste zu erweitern recht gering ausgeprägt, sowohl bei Wissenschaftlern als auch bei Wissenschaftsorganisationen. Annette Leßmöllmann vermutet dahinter die Furcht vor Kontrollverlust und davor, Diskussionen nicht mehr steuern zu können. Hinzu kommt die Notwendigkeit, sich intensiv mit Social Media beschäftigen zu müssen, um keinen kommunikativen Schiffbruch zu erleiden. Viele Wissenschaftler scheuen diesen Aufwand, doch entgehen ihnen dabei viele spannende Diskussionen, z.B. auf scilogs.de oder scienceblogs.de: „Da muss man auf mancher Konferenz lange warten, bis man solch intensive Debatten über die Forschung, ihre Methoden und Fragestellungen erlebt wie dort“, sagt Leßmöllmann. Denn die Fragen von Fachfremden wirkten hier manchmal ganz besonders befruchtend.

Holger Hettwer empfiehlt Wissenschaftlern Neugier und Gelassenheit: sich darauf einlassen, ausprobieren und Erfahrungen sammeln. „Learning by communicating ist das Gebot der Stunde“, sagt Hettwer und verweist auf den BBC Global News-Chef Peter Horrocks, der seinen Redakteuren sagt: „Sie machen Ihre Arbeit nicht, wenn Sie social media nicht können“.