Aussehen wie Künstler. „brand eins“ sucht die neue Mitte

„brand eins“ ist zweifellos eines der besseren Wirtschaftsmagazine. Vielleicht sogar das Beste. Jedenfalls habe ich es schon einige Jahre abonniert. Auch die früheren Magazin-Versuche („econy“) der brand eins-Mannschaft um Chefredakteurin Gabriele Fischer habe ich mit großem Wohlwollen verfolgt. Da waren und sind Leute am Werk, die einfach eine andere, erfrischende Vorstellung von gutem, manchmal sogar mitreißendem Wirtschaftsjournalismus haben. Dazu kommt die ungewöhnliche Gestaltung aus dem Hause Meirè und ein sehr eigenwilliger, ungemein anregender Fotografiestil.

Manche Themen der vergangenen zwei Jahre haben mich dann nicht mehr so sehr gepackt wie in früheren Zeiten. Aber das kann ja auch an mir liegen und muss nicht unbedingt einen Qualitätsverlust bedeuten. Aber ein wenig schien mir der Zwang, jeden Monat ein neues, großes Thema so vielfältig zu beleuchten, wie brand eins es tut, zu einer einer Hürde für die Macher zu werden, die immer schwerer zu überspringen ist.

Bei mir führte das dazu, dass sich oft mehrere Hefte stapelten und das eine oder andere auch mal ganz ungelesen blieb. Und so wäre es auch fast dem Heft vom März dieses Jahres ergangen, wenn ich nicht ein paar ruhige Tage erwischt hätte, um es in Ruhe zu lesen.

Vielleicht lag es ja auch am Titelbild. Man ist ja so einiges von brand eins gewohnt, aber dieses unscharfe, dunkle LoFi-Titelbild aus irgendeiner anonymen deutschen Fußgängerzone ist nun wirklich so unattraktiv, dass man kaum geneigt ist, das Heft auch nur aufzuschlagen. Nun gut, ich tat es dann doch, und was ich fand, war wirklich interessante Lektüre.

Denn ausgerufen wurde hier – man höre und staune – die neue gesellschaftliche Mitte. Natürlich glaubt ein ambitioniertes Magazin niemals daran, sich an einem solchen Thema mächtig zu verheben, und doch passiert genau das.

Die neue Mitte, das wird dem Leser in jedem Beitrag fast gehirnwäschemäßig eingebläut, wird gebildet von Leuten, die so ganz anders sind, als die Angehörigen der alten Mitte: Sie pfeifen auf sichere Jobs, weil die ihre Unabhängigkeit einengen. Sie machen eigentlich immer nur das, was ihnen Spaß macht oder was ihnen wichtig ist. Geld verdienen tun sie dabei eigentlich nicht, was ihnen aber egal ist, weil sie Geld ohnehin für unwichtig halten. Wichtiger als das Materielle ist es für sie, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Wo die alte Mitte sich mit Abstiegsängsten quälte, da fordert die neue Mitte das Schicksal bewusst heraus. Sie braucht Freiheiten, um ihr unternehmerisches Selbst zu verwirklichen. Sie will keinen Wohlstand, sondern Gutes tun.

Dies ist – zugegebenermaßen recht kurz gefasst – die Botschaft dieses Heftes. Schön, denkt man zunächst, denn mit dieser Art von Leuten im Zentrum kann man sich natürlich eine bessere Gesellschaft vorstellen, als mit dem Typ Häuslebauer der vergangenen 50 Jahre. Doch so recht mag man der Botschaft nicht glauben. Ist das nicht alles ein bisschen herbeigeredet? Wunschdenken einer Redaktion? Chefredakteurin Fischer war es in ihrem Editorial auch schon aufgefallen: „War unser Filter einfach zu grob? Hatten wir wahllos zusammengeworfen, was nicht ins Raster der klassischen Mitte passte, also nicht aufstiegs- und statusorientiert oder kleinbürgerlich war.“

Genau so ist es. Das gesamte Heft sucht zwanghaft seine These von der neuen Mitte zu verifizieren, ohne kaum einmal kritische Zwischentöne zuzulassen. So kanzelt der Autor Thomas Vašek namhafte Soziologen wie Hartmut Rosa ab, wo diese doch nur zaghaft versuchen, die vermeintliche Freiheit und Autonomie all jener zu hinterfragen, die sich als Unternehmer in eigener Sache verstehen und vermarkten. Die soziologische Kritik am Modell des Individuums, dass sich in allen Lebenslagen als Ich-AG vermarkten muss und dadurch in einen ungeheuren Überlebensdruck gerät, wird von Vašek als „neomarxistische Kritik im Geiste der sechziger Jahre“ verunglimpft. Stattdessen singt er das Hohelied von Freiheit und Selbstbestimmung, das eben auch Existenzängste mit einschließe. Nun gut, man kann so denken. Mir allerdings schien Vašeks allzu wohlfeile Unabhängigkeitshymne als billiger Versuch, mit dem Arsch von Anderen durchs Feuer zu reiten. So reden sonst eigentlich nur Arbeitgeber, die wieder neue Folterwerkzeuge unter dem Deckmäntelchen von Eigenverantwortung und Unabhängigkeit verkaufen wollen.

Richtig Spaß machte dann nur noch das Interview mit dem großartigen Kabarettisten und Musiker Rainald Grebe, dessen Meinungen man wunderbar als Gegenkommentar zum gesamten brand eins-Heft lesen kann. Das neue schwarz-grüne Bürgertum der Mitte sieht bei Grebe so aus: “ … betont nachlässig, aber doch sehr geschmackvoll und genau gewählt. Dieser komische ‚Berlin-Mitte-Style‘: die Männer alle scheinbar ungepflegt, mit Bart, eine auffällige Designer-Brille, bestimmte Frisuren, sorgfältig zurechtgemacht. Man steht lange im Badezimmer. Architekten, Web-Designer, Green-Banker – alle sehen aus wie Künstler.“

Ja, vielleicht ist das das Problem dieses ganzen Heftes. Dass ein paar Leute, die ein bisschen Künstler spielen wollen, gleich zur neuen Mitte ausgerufen werden. Ein etwas kritischerer Blick auf die vermeintlich wegweisenden Lebensentwürfe hätte dem Heft gutgetan. So kommt es ein bisschen daher wie eine verkappte Werbeschrift der alternativen Immobilienmakler Prenzlauer Berg.

brand eins. Wirtschaftsmagazin
Heft 3, März 2011
Ab durch die Mitte. Das will die neue Gesellschaft.

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Oh weh, das ist aber harter Tobac. Ja, auch bei mir wird nicht jedes Heft akribisch durchgelesen… aber wenn es neu ist, zumindestens auf den Inhalt durchgecheckt. Und tatsächlich, es findet sich immer etwas Lesbares…. auch wenn ich es kritisch beleuchte. Ich gehöre nicht zur Klaquer-Community des Blattes, sondern zu den Lesern, die auch nachfragen… aber gerade dieses Unzufriedensein regt mich dazu an, weiter zu recherchieren.
    Titelbilder des Blattes sind nicht immer gelungen, „Desseng“ hin oder her… und manchmal wundere ich mich über die Farbe, die ich persönlich für „nicht verkäuflich“ halte. Aber, Geschmäcker sind ja nicht alle gleich und wer weiß, ob ich daneben liege… Ist mir dann im Endeffekt auch nicht so wichtig. Für mich zählen die Inhalte, die ebenfalls nicht nur Top sind. Aber kennt wer ein Magazin, das immer TOP Artikel veröffentlicht? Mich überrascht immer wieder aufs Neue die Themenwahl… und manchmal denke ich, das hätt´ man auch noch fundierter auswalzen könnne….aber so isses, mit der eigenen Meinung. Und spanned ist´s doch allemal… also gelangweilt hab ich mich noch nie mit dem Magazin. Nur, die NEUE Werbung, wo die Seiten vom Küchenhersteller mit eingebunden werden, find´ ich furchtbar!!! Ich will nicht zum willenlosen Werbeconsumer verkommen! Ich werfe normalerweise den Müll aus der Zeitung und ich kenne Leute vom Verlag, die das auch gern tun… und ich will nicht gezwungen werden, die kommenden Jahrzehnte den Werbemüll archivieren zu müssen: Denn EINES ist sicher, MEINE brand eins Exemplare werden archiviert!
    Gruß aus der Burg! Josy