Auf dem Weg nach Digitalien?

Ein persönliches Fazit des Forums Wissenschaftskommunikation, Mannheim, 29. November bis 1. Dezember 2010.

Mit Tagungen, die über mehrere Tage laufen, ist es immer so eine Sache. Zuerst fragt man sich, ob man überhaupt hinfahren soll, denn wer hat schon so einfach mal ein paar Tage Abwesenheit im Zeitbudget übrig. Dann schaut man sich das Programm noch mal kritisch an und fragt sich, ob man das Dargebotene wirklich unbedingt wissen will. Schließlich fährt man meistens doch hin. Die Aussicht auf den einen oder anderen interessanten Vortrag und ein paar nette Leute geben in der Regel den Ausschlag. Meine Erfahrung ist die: Selbst wenn die Tagung selbst nicht so prickelnd ist, irgendeine interessante Idee oder Begegnung nimmt man immer mit. Gerade als Öffentlichkeitsarbeiter ist man ja immer auf neue Anregungen angewiesen.

Beim 3. Forum Wissenschaftskommunikation (FWK), das in der vergangenen Woche in Mannheim veranstaltet wurde, stellen sich einem die üblichen Fragen im Vorfeld weniger. Denn das Forum, das in diesem Jahr erst zum dritten Mal stattfand, hat sich bereits jetzt zu einem Branchentreff für PR-Leute aus der ganzen Wissenschaft etabliert. Ähnlich wie die „Wissenswerte“ in Bremen ein fester Termin für Wissenschaftsjournalisten sind. Mit einem entscheidenden Unterschied: Während sich bei den Wissenswerten auch viele PR‘ler rumtreiben, verrirren sich Journalisten nur vereinzelt zum FWK. Carsten Könnecker von Spektrum der Wissenschaft, Christoph Drösser von der ZEIT oder Steve Ayan von „Gehirn & Geist“ hatten Podiumauftritte; wer weiß, ob sie sonst gekommen wären. Vermutlich steckt hinter all dem immer noch der alte Journalisten-Dünkel, dass man sich nicht mit PR-Fuzzis gemein macht. Dabei wäre es doch gerade für Journalisten wichtig, zu erfahren, mit welchen neuesten Trends sich Kommunikatoren auf der anderen Seite des Schreibtischs beschäftigen.

Nun gut, die Tatsache, dass die PR-Fuzzis weitgehend unter sich sind, wertet die Veranstaltung ja nicht ab. Im Gegenteil: Hier begegnen sich die Leute auf Augenhöhe und man pflegt einen offenen, vertrauensvollen Umgangsstil. Kein Wunder, sitzen doch die meisten im selben Boot, kämpfen mit den selben strukturellen Problemen: in der Arbeit nach außen und nach innen.

Besonders augenfällig wurde das in diesem Jahr an Themen wie Twitter, Facebook, Web 2.0. Neben Kollegen, die hier schon besonders weit sind, wie die Kommunikation der DLR in Köln oder das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), wurde doch deutlich, dass die allermeisten Kollegen noch Schwierigkeiten haben, ihre Organisationen davon zu überzeugen, endlich stärker auf die gar nicht mehr so neuen Medien zu setzen.

Kollege Frank Stäudner vom Stifterverband wies in diesem Zusammenhang auf die „Dinosaurier der Papierwelt“ hin und Thomas Gazlig (Helmholtz) wetterte in einem wahren Donnerwort, dass ohnehin niemand die ganzen „Altpapier-Berge“ lese und dass sich community der Wissenschaftskommunikatoren jetzt endlich und unwiderruflich auf den Weg nach Digitalien machen müsse. Ich würde mir wünschen, dass die Forums-Veranstalter von „Wissenschaft im Dialog“ den mitgeschnittenen Gazlig-Beitrag in voller Länge veröffentlichen. Meiner Meinung müsste man den Beitrag allen Vorständen, Präsidenten oder sonstigen Chefs mehrfach vorspielen. Sozusagen als Pflicht-Audio-Podcast für Führungspersonal.

„Den Beitrag von Thomas Gazlig sollte man als Pflicht-Podcast für Führungskräfte veröffentlichen.“

Für mich also der absolute Höhepunkt des FWK. Der dummerweise vor recht wenigen Teilnehmern stattfand, war diese Session doch die letzte des ganzen Forums, die zudem noch mit zwei anderen hochinteressanten Sessions zu konkurrieren hatte.

Interessanterweise war das zweite Kommunikations-Megathema des zurückliegenden Jahres – Bewegtbild in der Online-Kommunikation – auf dem FWK fast gar nicht vertreten. Lediglich der Beitrag von Jutta Milde aus Jena beschäftigte sich mit Wissenschaftsfilmen, der mich jedoch etwas ratlos zurückließ, war doch nicht ganz klar, was man denn nun mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt anfangen soll.

Auch ganz neue Formate wurden auf dem dem FWK ausprobiert. So gab es eine Pecha Kucha-Session. Pecha Kucha kommt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „wirres Geplauder“. Und so war es dann leider auch. Während Blogger wie Florian Freistätter (Astrodictium Simplex) ganz begeistert davon sind, fand ich die kurzatmigen, gehetzten Vorträge einfach nur grausig. Bei Pecha Kucha hat jeder Vortragende 20 Folien zu kommentieren, die genau 20 Sekunden eingeblendet werden. Nach sechs Minuten und vierzig Sekunden ist der Vortrag unwiderruflich vorbei. Dass es relativ schnell vorüber ist, ist das einzig gute an diesem Format. Wohlgemerkt: Ich habe echte Hochachtung vor Leuten, die sich diesem Stress aussetzen, aber das Ergebnis lässt eigentlich sehr zu wünschen übrig. Wer heutzutage keine Zeit hat, einem Gedanken ein bisschen Zeit einzuräumen und stattdessen lieber atemlos herumstottert, soll doch bitte ganz schweigen. Dann hätten wir alle mehr Zeit gewonnen. Und außerdem: Man muss ja nicht jeden Mist aus Asien nachäffen.

Ein anderes Format – der Science Slam – ist hingegen schon deutlich etablierter und war mich ein weiterer Höhepunkt des FWK. Die Jungs und Mädels, die uns dort den Abend versüßten, sind einfach großartige Entertainer. Auch beim Science Slam gibt es eine Zeitbeschränkung (10 Minuten) für die Vortragenden, die auf möglichst witzige und ansprechende Weise ein Forschungsgebiet vorstellen. Man merkte den Slammern an, die in Mannheim am Start waren, dass sie diesen Job schon länger machen. Und am Ende dann, wenn das Publikum den Sieger per Punktzahl gekürt hat, sind sich meist alle einig, dass Wissenschaft irrsinnig Spaß machen kann: Ein Hoch auf den Hodenknackerfisch!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. #Pecha Kucha: Das strenge 20×20-Korsett finde ich auch eher hinderlich, das zu beherrschen eine ausgefeilte Präsentationstechnik verlangt – oder intensive Vorbereitung. Was auf Tagungen allgemein sicher sinnvoll wäre: mehr Kurzvorträge als Gedankenanstoß (Impulsvorträge) und dann das Thema im Dialog mit dem Publikum entwickeln. Setzt aber auch ein diskussionsfreudiges Publikum heraus, das moderativ ein bisschen gelenkt werden sollte.

    #Altpapier: Wurde das denn früher alles gelesen?

  2. ‚Wir verbrauchen viel zu viel Zeit, Zeit zu gewinnen.‘ Und den Hodenknackerfisch zu finden. Aua!

  3. Full ack für die Einschätzung des Beitrages von Thomas Gazlig!

    Pecha Kucha: Wer sowieso gut vorträgt, bekommt auch einen guten 20×20-Vortrag hin – wer sonst nicht auf den Punkt kommt, wird wenigstens gezwungen, das Publikum nicht (zu lange) zu langweilen. Halte das Format für geeignet, einen Strauß von Beispielprojekten vorzustellen ohne Risiko, dass einzelne Projekte überziehen.