Alexander von Humboldt – Ein Popstar der Wissenschaft

Was für ein Buch! Was für ein grandioses Abenteuer! Was für eine faszinierende Hauptfigur! Ganz gegen meine bisherigen Lesegewohnheiten, hatte ich dem Werben Amazons um ein dreimonatiges Audible-Abo dann doch nachgegeben und mir als Erstes Andrea Wulfs dicken Schinken über Alexander von Humboldt geklickt. Immerhin 16 Stunden Vorlesezeit über einen Mann, der uns Heutigen doch etwas fern scheint. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das durchhalten würde, zumal ich Hörbücher bislang vor allem als Einschlafhilfe wahrgenommen hatte. Doch dann kam dieser wunderbare März mit seinen überraschend schönen Tagen, ich schwang mich aufs Rad, stöpselte die neuen AirPods ein – und war mittendrin in der aufregendsten Expedition.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich überhaupt vorwärts kam auf dem Rad, so viele Bauklötze staunte ich über den wahrscheinlich unglaublichsten Mann des 19. Jahrhunderts. Einen Multitasker reinsten Wassers, der vor lauter Projekten nicht still sitzen konnte, der schnell sprach wie ein Wasserfall, der tausende Einfälle zugleich hatte und sie überall hinkritzelte. Wenn er an einem Manuskript arbeitete, schrieb er das Blatt voll mit Notizen zu anderen Projekten, wenn die Blätter nicht ausreichten, kratzte er die Gedanken ins Holz seines Schreibtischs, bis dieser über und über voll mit eingeritzten Sätzen und Skizzen war. So sah Evernote um 1820 aus. Speicherplatz war wohl schon immer knapp. Ein Zeitgenosse verglich Alexander von Humboldt mal mit einem kleinen Jungen: Wenn dieser seine Taschen leerte, kamen hunderte von wichtigen Dingen zutage, Steine, Pflanzen, kleine vollgeschriebene Zettel, Dinge, die er am Wegesrand eingesammelt hatte und die alle eine für ihn ungemeine Wichtigkeit besaßen.

Offensichtlich war er nicht kleinzukriegen: Er wanderte mit blutigen Füßen auf die höchsten Berge Südamerikas. Und wenn die Lasten-Träger längst aufgegeben hatten, schleppte er halt selbst seine schweren Instrumente bis er ohnmächtig wurde. Zehntausende von Kilometern in rumpeligen Kutschen durch unwegsames Gelände? So what? Mit knapp 60 nochmal monatelang durch Russland? No problem!

Humboldt reiste, maß, sammelte, schrieb wie ein Wahnsinniger, er kannte alle wichtigen Menschen seiner Zeit und korrespondierte ohne Unterlass mit ihnen, er war eine Weltautorität. Den US-Präsidenten Jefferson besuchte er im halbfertigen Weißen Haus, wo dieser im Holzfällerhemd und kaputten Schlappen hauste – ein Bruder im Geiste Humboldts, dessen Unterhosen zum Trocknen draußen im Garten des Weißen Hauses im Wind flatterten. Andrea Wulfs Buch ist voll von solchen wunderbaren Schnurren. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

In der Rückschau mutet es vollkommen unrealistisch an, dass jemand wie Humboldt – offensichtlich homosexuell, atheistisch und – ganz Kind der Aufklärung – oppositionell gegen alles Despotische und Kolonialistische -, dass also jemand, der alle Eigenschaften für ein Außenseiter-Dasein in sich vereinigte – einer der berühmtesten Menschen seiner Zeit werden konnte. Er war ein – finanziell freilich gut ausgestatteter – unabhängiger Geist, der die Enge und Engstirnigkeit des deutschen Biedermeier hasste und aus dem kalten und wissenschaftsfeindlichen Berlin flüchtete, wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. Das Zentrum der Wissenschaft war das nachrevolutionäre Paris. Dort hatte Humboldt zeitweise mehrere Wohnungen, in denen er nicht selten rund um die Uhr arbeitete, dort herrschte das Klima, das sein wacher Geist brauchte, um zu blühen.

Und er war ein Star. Seine berühmten Berliner Vorlesungen waren begehrt wie heutzutage Popkonzerte, teilweise hielt er an mehreren Abenden in der Woche seine äußerst unterhaltsamen Vorträge, die auf Berlins Straßen sogar für Verkehrsprobleme sorgten. Unglaublich: Ein Wissenschaftler als Popstar, der es auch mühelos schafft, Nicht-Wissenschaftler zu begeistern.

Erzähl’ das mal heute in irgendeinem MINT-Forum, wo sie verzweifelt versuchen, den Nachwuchs für die Naturwissenschaften oder Technik zu begeistern. Wir bräuchten wieder ganz viele Humboldts, um die nachwachsenden Generationen für die neuen Welten zu begeistern, die wir zweifellos noch erforschen werden. Aber wir müssen lernen, sie freizulassen, damit sie den Mut und Kraft haben, Berge zu erklimmen und Steppen zu durchqueren. Nur die Köpfe, die nicht ständig zu irgendetwas gedrängt werden, fangen irgendwann an, selber zu denken. – Eindrucksvoll nachzulesen bei Andrea Wulf.

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Gelesen von Christian Baumann. Der Hörverlag. 2016. 

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