Spotlight

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„Spotlight“ ist ein Film über den amerikanischen Journalismus. Oder sollte man besser sagen: Über das Bild, das sich intellektuelle US-Amerikaner über Journalismus machen, den sie gerne hätten? Nach allem, was ich über amerikanische Medien – insbesondere das TV – weiß, würde ich eher glauben, dass guter, ehrlicher, weitgehend unabhängiger Journalismus in den USA eher ziemlich selten praktiziert wird. Ich kenne mich aber im Print-Journalismus der USA zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob dieser moralisch überhöhte Enthüllungsjournalismus, der uns bei „All The President’s Men“ (1976), „The Insider“ (1999) oder jetzt eben bei „Spotlight“ präsentiert wird, wirklich eine relevante Konstante im us-amerikanischen Journalismus ist. Gibt es sie wirklich, die unerschrockenen Herausgeber und Chefredakteure, die gegen jegliche Drohgebärden aus den Machtzentren der Politik (oder, wie wie bei Spotlight, der Kirche) immun sind, und die die journalistische Unabhängigkeit gegen jede Anfeindung von außen verteidigen? Gibt es sie wirklich, die selbstvergessenen Journalisten, die ihr letztes Hemd für eine gute Story verkaufen würden, die Unbestechlichen, die nichts als der Wahrheit verpflichtet sind?

Filme wie „Spotlight“ funktionieren, weil wir allzu gerne bereit sind zu glauben, dass es diese Typen gibt. Wir nehmen es ihnen ohne viel Nachdenken einfach ab. Der Mann oder die Frau mit dem schmalen Spiralblock in der Hand, hektisch Aufzeichnungen kritzelnd, sind ein Allgemeinplatz, den wir nicht großartig in Frage stellen. Rachel McAdams oder auch Michael Keaton verkörpern solche Typen in Spotlight: Sie spielen ihre jeweilige Rolle noch nicht einmal besonders überragend, aber wir akzeptieren sie, weil wir solche Art von Typen mögen. Etwas anders verhält es sich mit der Figur Michael Rezendes, gespielt von Mark Ruffalo. Ihm gelingt es fast als Einzigem in der ganzen Journalisten-Riege, seine Person als Individuum zum Leben zu erwecken und nicht nur einen Typus darzustellen. Seine Figur lebt und beschäftigt den Zuschauer, weil man mit ihm durch die Geschichte leidet, mit ihm nicht fassen kann, welcher Abgrund sich da auftut.

Noch etwas anders verhält es sich mit Liev Schreiber als Herausgeber Marty Baron. Er verkörpert so eine Art heiligen Außenseiter: Immer Herr der Lage, immer die ganze Sache im Blick, immer bereit, aufs Ganze zu gehen. Dabei ruht er – fast etwas autistisch – in sich selbst, bleibt stets freundlich, aber unnachgiebig. Man liebt diese Figur, weil man sich wünscht, dass es solche klugen, unabhängigen Köpfe in leitenden Positionen auch in der Realität gäbe…

Und dann ist da noch Stanley Tucci, der den Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian mit armenischen Wurzeln gibt. Tuccis Performance in diesem Film ist überaus bemerkenswert, denn er braucht nur ganz wenige Szenen, um seine komplexe Figur in allen Facetten vor dem Zuschauer auszubreiten. Tuccis Anwalt blickt so gut wie nie jemanden an, er ist ununterbrochen beschäftigt, er liest, er isst, er schreibt, während er versucht, nervige Gesprächspartner abzuwimmeln. Dieser Mann hat keine Zeit und keine Kraft, sich auch noch mit Journalisten zu beschäftigen. Tuccis Garabedian-Figur ist von so düsterer Wut und unbeirrbarer Klarheit, dass die Leinwand wackelt.

„Spotlight“ ist auch ein Film über journalistisches Arbeiten. Er zeigt, unter welchen Bedingungen guter Journalismus entsteht, wo eventuelle Fallen lauern und was journalistischer Alltag bedeutet. Wenn in New York zwei Türme umfallen, kann auch die wichtigste Geschichte in den Hintergrund geraten. Und ja, auch die Angst davor, dass die Konkurrenz eher mit einer Geschichte rauskommt, wird immer wieder thematisiert: Wie lange kann man die eigene Geschichte zurückhalten bis sie rund und ausrecherchiert ist, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, zu früh damit rauszukommen. Was heißt es überhaupt, die richtigen Quellen zu finden, wie kann man erkennen, wer nur ein Schwätzer oder Wichtigtuer ist, und wer wirklich etwas zu Wichtiges zu sagen hat? Wie beeinflusst der redaktionelle Alltag mit Kollegengeschwätz oder Ressort-Eifersüchteleien die Recherchearbeit? Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Facetten journalistischen Arbeitens dieser Film darzustellen vermag. Und noch viel erstaunlicher war es zu sehen, dass Recherchieren im Jahr 2001 (da spielt die Handlung) noch fast ausschließlich analog vonstatten ging. Da gibt es Berge von Zeitungsausschnitten und öffentliche Verzeichnisse, die in mühevoller Kleinarbeit durchforstet werden – Datenjournalismus in vordigitaler Zeit. Das ist ganz und gar nicht heroisch oder spektakulär. Das ist einfach nur Fleiß und Disziplin. Wer solchen Journalismus ermöglichen will, muss Zeit und Geduld haben. Wer hat die in diesem Business heute schon noch? So gesehen, muss man Spotlight als ein Porträt einer bereits untergegangenen Epoche betrachten.

Der Uni-Präsident schreibt

Einen wunderbaren Quatschsatz fand ich heute in der Deutschen Universitätszeitung (duz). Hier schreibt ein leibhaftiger Uni-Präsident zu Beginn eines sehr langen Textes folgenden Satz:

Eine Gesellschaft ist, vereinfacht gesagt, ein System aufeinander bezogener Rollen, in dem die Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten trainiert wird.

In diesem Satz natürlich wird nichts vereinfacht, sondern bis zum Facepalm verkompliziert. Warum lassen Redaktionen solche Sätze eigentlich durchgehen? Warum schreiben hochdekorierte Uni-Präsidenten solche Sätze (oder lassen schreiben) ? Ich habe bis zum Schluss des Artikels versucht herauszufinden, was wohl eine „Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten“ ist. Vielleicht habe ich es nicht herausgefunden, weil mir eben jene Kompetenz fehlt?

8. März 2016

"Mein Baum für Essen"

Ein kalter, nebliger Wintertag an der Ruhr. Aber am Nachmittag kam dann doch noch die Sonne raus. Grund genug, noch schnell für ein halbes Stündchen in den Park zu laufen, Angus & Julia Stone zu lauschen und ein paar Liter schöne, kalte Luft zu tanken.

Liebesbriefe

Ein erstaunlicher Animations-Kurzfilm, den man letztens bei Arte „Kurzschluss“ sehen konnte. Zieht einen von Anfang in den Bann, ist atmosphärisch dicht und zudem auch noch witzig. Also zumindest die Szene mit den Fingern, die dem Schriftsteller nicht mehr gehorchen, hat mich sehr erheitert. Insgesamt ist der Film eher traurig. Aber schön traurig.
Animationsfilm von Špela Čadež, 12 Minuten, Slowenien/Deutschland 2013

Von großen Geistern verlassen

RWE-Pavillion der Philharmonie Essen.

RWE-Pavillion der Philharmonie Essen (März 2016).

 

So sah heute Mittag der Platz vor dem RWE-Pavillon an der Essener Philharmonie aus. Bis vor kurzem standen hier noch drei großartige Skulpturen, nämlich die „Ganz großen Geister“ des Künstlers Thomas Schütte. Die standen hier über zehn Jahre lang, bis ihrem Besitzer, dem Sammler Thomas Olbricht, plötzlich einfiel, dass den Figuren durch Vandalismus oder Metalldiebe Ungemach drohen könnte. Und so wurden die überdimensionalen Figuren kurzerhand von einer Spezialfirma abgebaut und in Sicherheit gebracht. Dass einer der Figuren bei der Aktion der Kopf abgerissen wurde, gab zwar Anlass zur Schadenfreude, war aber nur ein schwacher Trost für alle Kritiker. Essen hat nun eine Kunst-Attraktion weniger. Aber bis auf ein paar Zeitungsartikel scheint sich so recht niemand darüber aufregen zu wollen. Die Essener zucken die Schultern und gehen ihrer Wege. Ich trauere den Figuren bei jedem Mittagsspaziergang nach und bin froh, die Großen Geister im vergangenen Dezember noch fotografiert zu haben. Da sah der Platz vor dem Pavillon noch so aus:

Thomas Schüttes "Ganz große Geister" vor dem RWE-Pavillion der Essener Philharmonie.

Thomas Schüttes „Ganz große Geister“ vor dem RWE-Pavillon der Essener Philharmonie. (am 10.12. 2015)

 

Show Me A Hero

Ich hatte in diese kleine Serie schon mal reingeschaut, als sie bei Sky noch im englischen Original verfügbar war, hatte dann aber relativ schnell und etwas entnervt aufgegeben: Wie immer bei diesen amerikanischen Politgeschichten gibt es schnell dahin genuschelte Dialoge, viel Geschrei und sonstige Gegebenheiten, die einem das Einhören nicht gerade einfach machen. Die etwas spröde 80er-Jahre-Optik dieser sogenannten HBO-Miniserie hatte mich aber ziemlich begeistert. Und so war ich froh, dass Sky vor ein paar Wochen die deutsch synchronisierte Fassung brachte. Leider gab es pro Woche nur eine Folge, aber von Woche zu Woche wurde ich ein größerer Fan dieser eigentlich sehr unspektakulären Geschichte um den Politiker Nick Wasicsko. Der wird 1987 unversehens jüngster Bürgermeister von Yonkers, einer kleinen Stadt ganz in der Nähe New Yorks. Doch in Yonkers tobt der Mob – in diesem Fall der weiße Mittelstands-Mob, der sich gegen ein schwarzes Wohnprojekt mit bezahlbarem Wohnraum in bester Yonkers-Lage auflehnt. Ein unerschrockener Bundesrichter hat das verfügt und will auf diese Weise der allgegenwärtigen Rassentrennung entgegen wirken. Der immer erbitterter geführte Kampf um dieses Wohnprojekt legt über Jahre hinweg die Kommunalpolitik lahm, beendet politische Karrieren oder spült neue Kandidaten an die Spitze.

Die ganze Geschichte geht auf wahre Begebenheiten zurück – und wenn man das nicht wüsste, hätte man den unverhohlenen, empörenden Rassismus, den die Serie beschreibt, wohl zuweilen als recht übertrieben empfunden. Wer hätte gedacht, dass es noch 1990 so tiefe Gräben zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Arm und Reich, gab und so offen zur Schau getragen werden konnte?
Was diese Serie so besonders macht, sind nicht nur die unfassbar guten Schauspieler (allen voran Oscar Isaac in der Hauptrolle, für die er den Golden Globe bekam), sondern die Tatsache, dass die Beschreibung der sozialpolitischen Trostlosigkeit von Yonkers ohne jeglichen Kitsch auskommt. Fast beläufig werden Einzelschicksale beleuchtet, um die Lebenssituation von Schwarzen in prekären Verhältnissen zu zeigen. Aber hier gelingt, was in deutschen Produktionen fast nie geschieht: es ist nicht peinlich, nicht hoffnungslos überzogen. Es ist einfach nur wahrhaftig. Es sind stille Beobachtungen, ohne moralische Bewertungen, alberne Tränendrüsendrückereien oder überflüssige Dramatisierungen.

Und dann die Schauspieler: Oscar Isaac gibt uns den unsicheren und doch sehr ehrgeizigen Provinzpolitiker, der stets das Gute will, aber letztlich doch scheitert: am eigenen Anspruch und der eigenen Angst, am rücksichtslosen Rassismus, am politischen Personal seiner Stadt, das mehr einem Haifischbecken als einem Parlament ähnelt. Und wer sich da alles tummelt: James Belushi als polit-gestählte Bürgermeister-Ikone, Alfred Molina als unfassbar schmieriger Ex-Polizist und Wohnprojekt-Gegner oder Wynona Ryder als Vertraute von Oscar Isaac. Bis in die Nebenrollen hinein ist diese Serie exzellent besetzt. Allein Catherine Keener zu beobachten, ist eine Wonne. Ihre Figur macht in der Serie die wohl bemerkenswerteste Wandlung durch: die von der besorgten, hasserfüllten weißen Mittelstandsbürgerin hin zur informierten, verstehenden Frau, die auf offener Straße ihren Widerstand gegen den bohrenden Hass der Weißen probt.

Oscar Isaac war mir vor dieser Serie noch gar nicht so sehr aufgefallen. Aber seitdem bemerke ich, wo ich ihn überall schon gesehen haben. Zuletzt natürlich in Star Wars, aber – herrje – ich sah ihn schon als Hauptdarsteller bei Coens in „Inside Llewyn Davis“. Und dann noch letztens, als wir mehr durch Zufall „Die zwei Gesichter des Januars“ sahen, in dem er Viggo Mortensen locker an die Wand spielt.

Ja, und dann wie immer in guten Serien: die Bilder. Was nützt die beste Geschichte, bringen die besten Schauspieler, wenn die Bilder nicht stimmen? Hier taucht man von Beginn an tief ins trostlose braun-grau der 80er-Jahre ein, eine perfekte Symphonie aus Krawattennnadeln, Schulterpolstern und Zigarrenrauch. Period Drama at it’s best!

Die große Leere – Tim Richmonds USA-Fotos

Broadway St, Sheridan, Wyoming. (© Tim Richmond)

Sieben Jahre lang reiste der britische Fotograf Tim Richmond immer wieder durch Wyoming, Montana, Utah und South Dakota. Das Ergebnis dieser persönlichen Odyssee durch den amerikanischen Westen liegt nun in Form eines wahrlich großartigen Bildbandes vor. Richmonds melancholischer Blick zeigt leere Bierdosen, die vom Wind durch verlassene Straßen getrieben werden … Schilder, die vor Crystal Meth warnen … einen Vietnam-Veteran, der 20 Jahre seines Gedächtnisses verloren hat … einen Zug auf dem Weg durch tausende Quadratkilometer Leere … eine ganze Stadt zum Verkauf … eine tätowierte Kellnerin im Neonlicht. Sie alle bevölkern „Last Best Hiding Place“ (Slangausdruck aus Montana für ein Leben als Aussteiger), wo Orte und Menschen gleichermaßen allein und voller Melancholie erscheinen.

Der international erfolgreiche britische Fotograf Tim Richmond (*1959) wandte sich nach dem Tod seiner Frau 2008 eigenen Langzeitprojekten zu, nachdem er 20 Jahre für Publikationen wie L’Uomo Vogue, Vogue, Vanity Fair, The Telegraph Magazine, Nowness gearbeitet hatte. Last Best Hiding Place (2007– 2014) ist das erste abgeschlossene dieser Projekte.

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Tim Richmond: Last Best Hiding Place
Herausgeber: Lee C. Wallick, Tim Richmond
Autoren: Jörg Colberg, Tim Richmond
144 Seiten, 66 Farbabb.
Englisch
ISBN 978-3-86828-603-8
Euro 39,90
Kehrer-Verlag 2015

Tatort vs. Polizeiruf 110

Es muss einmal deutlich gesagt werden, dass „Polizeiruf 110“ aufs Ganze gesehen die deutlich bessere Krimireihe ist als der „Tatort“. Seit es alle schick finden, parallel zum Tatort zu twittern, sind die Episoden immer schlechter geworden. Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt. Zwischendurch gibt es immer mal ein paar Highlights, aber die sind sehr rar geworden. Die Kölner kriegen es ab und zu hin, die Münchener auch. Und wenn sich die Wiener trauen würden, ein bisschen kottaniger zu werden, könnten sie zu den Meistern der Reihe aufsteigen. Münster ist immer hübsch, aber nicht mehr als oberflächlicher Krimi-Klamauk. Immerhin exzellent gespielt.

Meistens fahren Tatort-Kommissare in dicken Schlitten durch die Gegend, stellen Verdächtigen zwei überflüssige Fragen (die sie auch am Telefon hätten stellen können) und fahren dann wieder rum und plagen sich mit langweiligem privaten Zeugs. Die Geschichten sind meist wirr, überkomplex und ohne jegliches regionales Couleur. Leipziger Tatorte könnten ohne weiteres auch in Ludwigshafen spielen. Als einziges Zugeständnis an lokale Besonderheiten darf mal ein Pathologe oder die Sekretärin Dialekt sprechen. Eine rühmliche Ausnahme bildet seit neuestem das Dortmunder Team: Ein so rüpelhaft-kumpeliges Team könnte man sich in Hannover schlecht vorstellen. Das gibt’s so nur im Ruhrgebiet.

Der Polizeiruf hingegen schafft es immer wieder, außergewöhnliche kleine Geschichten aus der (ostdeutschen) Provinz zu erzählen, oft so wild und verspielt, wie es sich der Tatort nur bei Kommissar Murot in Wiesbaden traut. Der wohl großartigste Schauspieler der gesamten Polizeiruf-Reihe war für mich Kurt Böwe als Kommissar Groth, der seinem jungen, aufstrebenden Besserwisser-Kollegen Hinrichs (genial gespielt von Uwe Steimle) ein ums andere Mal zeigte, dass Erfahrung und Menschenkenntnis zu besseren Ergebnissen führen, als neumodisches Profiling us-amerikanischer Provenienz. Und das Ganze nur mit einem DDR-Tragebeutel in der Hand. Katrin Sass – auch so eine tolle DDR-Schauspielerin – sah ich gern in Potsdam ermitteln, ebenso wie Edgar Selge als einarmigen Tauber in München. Schmücke und Schneider waren verlässlich ruhende Pole in Halle an der Saale, allerdings zum Ende hin ein wenig verschnarcht. Und bitte: Wie überaus großartig beharken sich Sascha Bukow und Katrin König in Rostock! Und einmal, nur einmal, durfte Sophie Rois als Schwangerschaftsvertretung im Spreewald agieren. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sagen: Lieber RBB oder MDR oder wer immer da zuständig ist: Gebt uns Sophie Rois als Ermittlerin! Was Besseres könnte dem deutschen Krimi nicht passieren. Claudia Michelsen und Sylvester Groth versuchen sich seit ein paar Folgen in Magdeburg: Das könnte was Gutes werden. Vor allem wegen Sylvester Groth, der das Zeug zum internationalen Star hat (sein Auftritt in der Netflix-Serie „Sense 8“ lässt das zumindest erahnen). Na ja, und dann überstrahlt einer alle anderen, selbst den seligen Kurt Böwe, und das ist Matthias Brandt alias Hanns von Meuffels. Hier stimmt einfach alles: Drehbücher, Inszenierung, schauspielerische Leistung.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es ein Ermittlerpaar Matthias Brandt und Sophie Rois in einer schauerlich-melancholischen Serientäterjagd irgendwo in Brandenburg. Am liebsten so eine flirrende, irrationale Meta-Geschichte, die sich über 10 bis 12 Episoden hinzieht. Polizeiruf meets True Detective, das wär’s doch.

Inder, Streber und Berliner: Ein Trip nach Kamp-Lintfort

Unser Nawwi – also das Navigationsgerät in unserem Auto – hat ein paar seltsame Angewohnheiten. Beispielsweise will es uns in unserer Siedlung immer in eine No-Drive-Area führen, mitten hinein in ein Gewirr von Sackgassen. Die Stadtplaner Essens haben nämlich hier bei uns den teuflischen Plan in die Tat umgesetzt, einen undurchdringlichen Dschungel von verkehrsberuhigenden Straßenschranken zu installieren. Oft genug mussten wir in den vergangenen Jahren verirrte Fremde aus ihren Autos schälen, um sie vor dem bitteren Ende des Verdurstens zu erretten. Genau dort hinein, in die Zone des Grauens, will uns das Nawwi also jedes Mal hineinlocken.

Als Ortskundige umgehen wir natürlich die böse Falle und lenken den Kia in Richtung Freiheit. Während das Nawwi noch hektisch eine Neuberechnung der Route unternimmt, biegen wir schon auf die Katernberger Straße ein. So auch jüngst, als die Liebste und ich an den Rand des Ruhrgebietes unterwegs waren – nämlich in das sagenhafte Kamp-Lintfort. Dort wollten wir einen Teil unseres Sonntages verbringen, genauer gesagt: im oder am Kloster Kamp. Nachdem wir über die Autobahn 42 dorthin gezockelt waren, begann das Nawwi mit einer seiner nächsten Eigenheiten, nämlich mit der eigentümlichen Anweisung: „Bitte an der nächsten Ausfahrt rechts halten und dann sofort wieder rechts halten.“ Okay, man kann sich denken, was die Nawwi-Dame meint, allerdings betont die elektronische Stimme ganz extrem das zweite „halten“: Es klingt, also solle man dort halten – im Sinne von anhalten, stoppen. Erst rechts halten (also rechts abbiegen) und dann recht sofort rechts anhalten. Das ist natürlich kompletter Unsinn, aber jedes Mal bin ich versucht, mich rechts zu halten, dann sofort anzuhalten und dann die Liebste anzugrinsen.

Na gut: Kamp-Lintfort also. Sagenhaft ist es deshalb, als die meisten Menschen im Ruhrgebiet den Ort nur von den Autobahnschildern der A42 kennen, an deren westlichem  Ende sich Kamp-Lintfort befindet und deshalb auf sämtlichen Hinweisschildern als Fernziel aufgeführt wird. Niemand käme allerdings im Ruhrgebiet auf die völlig abwegige Idee, wirklich nach Kamp-Lintfort zu fahren. Kamp-Lintfort existiert eigentlich nur als Autobahn-Endstadt und markiert zugleich das westliche Ende (oder – je nach Sichtweise – den Anfang) des Ruhrgebietes. Am anderen Ende steht Hamm i.W. – jene großartige Stadt der Zugteilung – gemeinhin für die Begrenzung im Osten. Kamp-Lintfort und Hamm rahmen also eine der großartigsten Regionen Europas ein, prost Mahlzeit. Im Sinne der Heldengeschichten, die sich sich die Ruhris über ihre Region erzählen, wären Ortsnamen wie „Düsterwald“ und „Eisenberge“ sicher passender gewesen. Aber gut: Man muss nehmen, was man kriegt.

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Kloster Kamp in Kamp-Lintfort

Am Kloster Kamp angekommen steuerten wir direkt die Abteikirche an. Wenn jemand – wie wir in diesem Fall – gerade aus Italien zurückkommt, wo jedes 100-Seelen-Dorf über prachtvoll ausgestattete Kathedralen von petersdomartigen Ausmaßen verfügt, für den kann so eine Abteikirche wie die im Kamp-Lintfort nur eine große Enttäuschung sein. Von so viel Schlichtheit geblendet, suchten wir schnell das Weite und wollten ein wenig in den Klostergärten lustwandeln. Den in der Tat recht angenehmen, aber ebenfalls sehr schlichten Barockgarten hatte eine Gruppe von Indern bevölkert. Die schienen sich dort überaus wohl zu fühlen und ließen sich dann noch von mir in Gruppenstärke vorm Rundbrunnen ablichten. Wasserfontänen zischten hinter ihnen heiter in die Lüfte. Ich fühlte eine gewisse Befriedigung in mir aufsteigen: Ich hatte Inder in Kamp-Lintfort fotografiert. Wer kann das schon von sich behaupten?

Ein Abstecher in den Kräutergarten mit seinen verlockenden Düften trieb uns in die nahegelegene Gaststätte „Haus Bieger“. Dort speiste bereits der gemeine Kamp-Lintforter, sowie diverse Fahrradtouristen und Klosterausflügler. Am Nebentisch saß eine große, laute Gruppe, zu denen auch ein ca. Zwölfjähriger gehörte, der ständig mit seinen guten Lateinnoten prahlte. Nun ja, wir waren ja schließlich auch in einem Kloster, trotzdem wurde der Streber von niemanden zur Ordnung gerufen, aber mit Erdbeerkuchen zum Verstummen gebracht. Noch schlimmer aber war ein spilleriges Männchen um die 40, das sich in weiblicher Begleitung ebenfalls ganz in unsere Nähe setzte und von da an ununterbrochen redete. Als seine Begleitung einmal kurz weg musste, redete er trotzdem unbeeindruckt weiter. Es war allerdings unklar, mit wem er redete: Mit sich selbst, mit uns, mit dem Lateingenie? Und obwohl die ganze Szenerie nur wenige Minuten dauerte, wussten wir am Ende fast alles über diesen Mann: Dass er aus Berlin sei, dass er Berlin satt habe, insbesondere die U-Bahn-Schächte (sic!), und dass er hier am Niederrhein endlich einmal aufatmen könne… Hört mal, Ihr Berliner: Könnt Ihr nicht in Eurem Berlin bleiben? Müsst Ihr jetzt auch noch in Kamp-Lintfort rumlungern? Herrje.

Kiezrekorder – ein gelungener neuer Podcast

Cover Kiezrekorder

Ein kleines neues Podcast-Projekt kommt aus Berlin: Kiezrekorder. Klein deshalb, weil die ersten drei bisher erschienenen Folgen nur zwischen 5 und 10 Minuten lang sind. Das hat seinen Grund darin, dass es sich hier nicht um einen der üblichen Laberpodcasts mit durchschnittlich 270 Minuten pro Episode handelt, sondern um ein eher ungewöhnliches Format in der Podcast-Landschaft. Man kann also seinen Podcatcher durchaus auf normale Abspielgeschwindigkeit stellen und es bleibt trotzdem noch viel Rest-Tag übrig. Man sollte das sogar tun, denn „Kiezrekorder“ ist ein audiophiles Kleinod. Hier wird viel Wert auf ausgeklügelte Klangatmosphäre gelegt. In dem Monolog-Podcast ist immer nur eine Person zu hören. Es gibt keinen Interviewer, der Fragen stellt. Die O-Töne werden zu kleinen Geschichten zusammengebaut, die in ihrer Intensität stark nachwirken. Während Matthew, der Schriftsteller, Laura, die Barfrau oder Werner, der Kaffeeverkäufer von sich erzählen, ist ein beständiger Audioteppich im Hintergrund zu hören. Das ist nicht störend, sondern für die Atmosphäre ungemein wichtig. Audiotechnisch ist das Ganze also sehr gut gemacht, für den Ton im Podcast ist Nicolas Semak zuständig, der schon durch andere Podcast-Projekte (Mikrodilettanten) bekannt ist. Wer sich nicht auf die Bilder im eigenen Kopf verlassen will, kann sich auf Youtube oder Vimeo auch Bilder-Slideshows der Episoden ansehen. Für die Fotografie zeichnet der Berliner Architekt Christoph Michael verantwortlich. Auf der Website zum Podcast sagen die beiden Macher: „Wir werfen kurze Blicke auf Menschen, die uns auffallen. Auf ihren Alltag, ihre Beschäftigungen und ihre Leidenschaften.“ Erstes Fazit: Schönes Konzept, gut umgesetzt. Bitte mehr davon.

Laura | Die Kaiserin aus der Weserstraße from Nicolas Semak on Vimeo.

www.kiezrekorder.de