Life Is Great #5 | 21. November 2018

Matthias Brandt, ein Sohn von Willy Brandt, ist nicht nur ein guter Schauspieler, sondern auch ein Schriftsteller. Zudem kenne ich ihn als Vorleser von Romanen. Außerdem tritt er hin und wieder als – wie soll man sagen? – Rezitator (?) oder Textinterpretierer (?) auf. Na, jedenfalls sahen die Liebste und ich ihn im Schauspielhaus Bochum, wo er mit einem Stück über Robert Schumann auftrat. Er tut das in der Regel mit einem Musiker namens Jens Thomas, der ihn und seinen Textvortrag auf dem Klavier begleitet. Was Thomas da mit seinem Flügel tut, sieht sehr improvisiert aus: Er spielt nicht nur auf dem Flügel, wie man es normalerweise tut, er nutzt das ganze Instrument als Klangkörper. Er trommelt, hämmert, er jagt auf den Tasten den von Brandt zu Gehör gebrachten Worten nach, er jammert und jault. Kurzum: Es ist ein wirklich großes Ereignis, die beiden auf der schlichten Bühne zu sehen und zu hören.

Der Text, den Matthias Brandt vortrug, handelt von den letzten Tagen des irrsinnig gewordenen und unter Depressionen leidenden Komponisten Robert Schumann, er handelt vom Sterben, vom Dahinsiechen, vom Verfaulen, vom Verzweifeln, von der Liebe, also von all den großen Themen der Kunst. Und wie alle große Kunst ist es stets mehr als nur die Worte oder die Musik. Die Kunst erfasst einen, reißt einen mit, löst einen Strom von Gefühlen aus, das Kopfkino produziert die wildesten Bilder. Man sieht und hört zwar Brandt auf der Bühne, aber man ist doch ganz weit weg. Was für ein grandioser Abend im Theater!


Peymann liest Bernhard, Bühnenbild

Apropos Theater: Der größte Theatermacher, den die Stadt Bochum jemals hatte, war nach vielen Jahren zurück und stand selbst auf der Bühne: Claus Peymann. An zwei Abenden hintereinander las er im Kleinen Haus aus den Texten, die Thomas Bernhard über die Literaturpreise geschrieben hat, die er erhalten hat („Meine Preise“). Naturgemäß. Ich war am zweiten Abend da und Peymann – selbst mit 81 noch unglaublich wach und präsent – neckte uns den ganzen Abend über, dass wir am ersten nicht da gewesen seien, denn da seien ja überaus außergewöhnliche Dinge passiert. Und er habe großartige Bernhard-Texte vorgelesen. Nun, das tat er am zweiten Abend auch und machte das trotz brüchiger Stimme und einer gewissen, ihm wohl immer innewohnenden Fahrigkeit, sehr gut. Es hatte nichts von der mitreißenden Intensität bei Matthias Brandt (s.o.), aber er intonierte den typischen Bernhard-Sound durchaus überzeugend.

Insgesamt lebte der Abend natürlich auch ein bisschen davon, dass da eine lebende Legende auf der Bühne stand. Und es waren auch ziemlich viele Alte gekommen, junge Gesichter sah man nur vereinzelt. Klar, wer kann von den Jüngeren noch etwas mit Peymann und Bernhard anfangen? So erzählte Peymann selbst von der 82-Jährigen Dame, die – natürlich am Abend zuvor – in der Signier-Schlange gestanden und zu ihm gesagt habe: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie für eine Unterschrift angestanden. Aber die Peymann-Zeit damals war so großartig, deshalb musste ich das jetzt einmal tun.“ Tempus fugit.

Im Anschluss an den Auftritt saß ich noch mit Freunden bei einem Glas Wein im Theater-Café. Peymann saß gut gelaunt am Signier-Tischchen, war freundlich-aufgeschlossen, machte Scherze und ließ sich bereitwillig, aber immer mit einer gewissen Würde, zu Handy-Selfies überreden. Mein Gott, dachte ich, der große Theater-Zampano, skandalumwittert und berüchtigt, von Politikern und anderen Einflußreichen gefürchtet und verachtet: Jetzt steht er da im ausgebeulten schwarzen Anzug, der um den dürren Körper schlackert. Und die Fans von damals wollen noch ein Foto von ihm, wer weiß, wie viele Gelegenheiten es dazu noch gibt… Scheiße, wie schnell Du alt wirst, scheiße, wie schnell dein Ruhm verblasst, scheiße, wie schnell sich nur noch ein paar Leute an Dich erinnern.


Im Moment zeigt TNT-Serie die zweite Staffel von „4 Blocks“. Die Serie spielt im Milieu Berliner Libanesen-Clans, dreht sich im Prinzip nur um Geld, Drogen und Macht und strotzt nur so vor Gewalt. Während die erste Staffel noch den schwierigen politischen Duldungs-Status von Libanesen in Deutschland zumindest ansatzweise reflektierte, geht es in Staffel 2 fast nur noch um Clan-Rivalitäten. Das klingt öder als es ist, denn die Serie lebt nicht nur von einer rasanten Dramaturgie und Inszenierung, sondern vor allem von hervorragenden Schauspielern. Allen voran natürlich Kida Khodr Ramadan, allein wegen ihm lohnt das Einschalten. Er spielt den Clan-Chef und großen Bruder Tony Hamady mit einer solchen Wucht, dass sich der Bildschirm nach außen biegt. Der würde sogar zum Bond-Gegenspieler taugen. Bis in die Nebenrollen hinein haut einem die Serie eine fantastische Figur nach der nächsten um die Ohren.

Die Macher der Serie widerstehen der Versuchung, allzu moralisch-politisch daher zu kommen und den hilflosen Rechtsstaat zu beklagen. Stattdessen gibt es bei 4 Blocks die Extraportion Illusionslosigkeit: Polizei und Justiz kämpfen mit stumpfen Messern, die Bullen sind entweder zynisch oder ausgebrannt. Das wäre ja auch noch schöner, wenn eine knallharte Gangster-Geschichte mit typischer „Tatort“- Moral verbrämt würde. Nein, in „4 Blocks“ regiert das Verbrechen und genau so muss es auch sein.

Life Is Great #4 | 7. November 2018

Es ist schon erstaunlich, wie Apple es immer wieder schafft, sich mit überaus profanen Dingen ins Gespräch zu bringen. Ende Oktober präsentierten sie in New York neben dem iPad zwei neue Geräte, die bei anderen Computerherstellern wahrscheinlich mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen worden wären. Apple erneuerte zwei Uralt-Geräte – das MacBook Air und den Mac Mini – indem sie sie moderat an den Stand der Technik anpassten. Man kann diese Geräte jetzt kaufen, ohne sich für ihre Specs schämen zu müssen. Wenn es wenigstens so gewesen wäre, dass die neuen Geräte mit irgendwelchen Überraschungen ausgestattet gewesen wären. Aber nein, nichts dergleichen. Das Air ist jetzt so ähnlich ausgestattet, wie die bereits vorhandenen alternativen MacBooks der Pro-Reihe. Es hat jetzt einen Retina-Bildschirm, einen aktuellen Prozessor, ein bisschen Secure-Schnickschnack. Ach ja, und es hat mit Touch-ID eine Technologie, die auf den Mobildevices schon wieder zu den ausrangierten Features zählt. Wenn schon das neue iPad Pro mit Face ID läuft, warum dann nicht auch die neuen Macs? Beim Air feiert Apple Touch-ID als großartiges Feature.

Unklar bleibt beim Line-Up die künftige Rolle der kleinen MacBooks, die schon immer über Retina-Bildschirme verfügten, dafür aber nur mit schwachbrüstigen Prozessoren ausgestattet waren. Diese Geräte wären dafür prädestiniert gewesen, die alte Air-Reihe vergessen zu lassen. Stattdessen nehmen sie jetzt die Rolle der Airs ein: veraltet und überteuert. Wieso schafft es die wertvollste Firma der Welt eigentlich nicht, ihr Angebot in angemessener Zeit zu aktualisieren? Wieso dümpeln erfolgreiche und bei den Kunden beliebte Geräte jahrelang ohne Update herum? Es scheint fast so, als sei alles bei Apple auf die iPhone ausgerichtet. Und alles andere kommt dann mal dran, wenn gerade ein bisschen Zeit übrig bleibt.

Zwischendurch wird ein bisschen an den Betriebssystemen herumgeschraubt. Allerdings auch immer – siehe Hardware – mit gebremstem Schaum. iOS verfügt immer noch nicht über ein File-System, das man als halbwegs professioneller User verdient hätte. Die Adapteritis über den Lightning-Anschluss ist ein Ärgernis, ein teurer noch dazu. Daran wird wohl auch der neue USB-C-Anschluss im iPad Pro erst einmal nichts ändern. Externen Speicher an ein iPad zu koppeln, ist auch 2018 nicht möglich, obwohl jedes MacBook das natürlich klaglos kann. Warum kann man ein iPad immer noch nicht so nutzen, wie man es gerne möchte? iOS ist immer noch viel Gefrickel und vieles, was auf macOS selbstverständlich ist, ist mobil oft nur über Umwege erreichbar.

Mir ist schon bewusst, dass ich hier auf hohem Niveau jammere. iOS hat sich ja mit der Version 11 schon rasant weiterentwickelt und vieles richtig gemacht. Split-Screen bietet großartige Möglichkeiten und auch die Art, wie Apps miteinander agieren können. Es ist eine Freude zu sehen, wie tief mittlerweile eine zentrale App wie 1Password ins System integriert ist. Hier kann sich macOS wiederum ein große Scheibe abschneiden. Oder welch ungeahnte Möglichkeiten vergleichsweise kleine Apps wie Drafts oder Things entwickeln und das tägliche Arbeiten erleichtern und strukturieren. Ganz zu schweigen von Shortcuts, das zwar ein bisschen nerdig ist, aber ein gleichwohl nützliches Tool, um Aufgaben zu automatisieren.

All das zeigt: Apple hat es ja voll drauf. Das iPad wird über kurz oder lang die Büros dieser Welt erobern. Notebooks herkömmlicher Art werden marginalisiert, weil sie weder bei der Portabilität noch bei den Systemfeatures werden mithalten können. iOS wird in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft zum neuen Windows avancieren. Im Zusammenspiel mit iPhones und der Watch werden iPads zum unwiderstehlichen Standard der Business-Welt werden, weil einfach alles zusammenpasst: Formfaktor, Funktionalität, Sicherheit, Zubehör (Keyboards, AirPods, Pencil).

Und doch stellt sich die Frage, warum Apple bei Hard- und Software-Entwicklung oft so zögerlich vorgeht. Warum konzentrieren sie sich nicht viel konsequenter auf jene Produktlinien, die in die Zukunft weisen? Warum präsentieren sie Geräte, die schon beim Erscheinen von anderen Produkten aus dem eigenen Haus als überholt gelten müssen? Das kleine Normal-iPad, das im Frühjahr 2018 vorgestellt worden ist, kann doch niemanden ernsthaft hinter dem Ofen vorlocken. Spätestens mit der Vorstellung der ganz neuen iPads im Oktober 2018 sind diese Geräte bereits outdated. Und da das kleine iPad ja eindeutig auf dem Bildungsmarkt ausgerichtet ist: Ist es fair, Geräte für Schulen anzubieten, die zwar vergleichsweise preiswert sind, aber kurz nach Veröffentlichung schon nicht mehr state-of-the-art?

Vielleicht denken die klugen Leute in Cupertino, dass man für jeden Geldbeutel und für viele verschiedene Anwendungszwecke etwas im Köcher haben muss. Vielleicht wollen sie auch einfach nur in möglichst vielen Produktkategorien absahnen (was ich nicht verwerflich finde). Vielleicht wollen sie die lautstarken Nostalgiker zufriedenstellen und werfen ihnen ein eigentlich überflüssiges MacBook Air hinterher. Meiner Meinung nach verzetteln sie sich hier, weil sie es zu vielen recht machen wollen: Die Pro-Nutzer nicht vergrätzen und die weniger Ambitionierten nicht durch ausschließlich elitäre Geräte und Preise verschrecken.

Ich denke, was die Produkt-Line-Ups angeht, sollte Apple ähnlich rigoros vorgehen, wie bei ihrer rücksichtslosen Schnittstellen-Politik. Auch hier wird ja alles Gestrige und scheinbar Überflüssige rigoros rausgeworfen. Warum übertragen sie diese Philosophie nicht auf ihre Geräte: ein iPhone, ein iPad, ein MacBook und ein Desktop-Mac? Diese sind dann noch bei Bildschirmgrößen und Speicher individuell konfigurierbar und that’s it! Und dann wird diese sehr übersichtliche Zahl von Geräten kontinuierlich upgedated: neue Chipsätze, neue Grafik, neue Bildschirme, neue Software-Features. Als Apple-Kunde könnte ich dann sicher sein, immer die neueste und beste Technologie zu bekommen.


Das Kind überredete mich, mal wieder ein BVB-Spiel live im Stadion anzusehen. Gegen die Eisernen aus Berlin im DFB-Pokal waren noch genügend Karten im freien Verkauf zu bekommen. Und so schlugen wir halt zu.

Natürlich geht nichts über das Live-Erlebnis, zumal im Westfalenstadion. Es ist einfach großartig, nicht auf den Kamerablick des TV angewiesen zu sein, sondern das ganze Spielfeld überblicken zu können. Man sieht halt viel besser, wie Angriffe und Konter laufen, wie die taktische Ausrichtung der Mannschaften ist. Noch viel beeindruckender sind allerdings die akustischen Bedingungen in so einem Fußballstadion. Wir saßen nun näher am Gästeblock als an der Süd, was zur Folge hatte, dass wir die Stimmgewalt der Union-Anhänger über 120 Minuten unmittelbarer im Ohr hatten als die der vielgepriesenen Süd. Schon beeindruckend, was die mitgereisten 7.000 bis 8.000 Berliner Fans da rein stimmlich in den Äther drückten.

Bei uns im Block war auch eine Menge los, vor allem weil die Leute um uns herum unter einem kaum stillbaren Durst litten. Manche schienen allerdings auch mehr Flüssigkeit wegzubringen als sie zu sich nahmen. Ein Typ in unserer Sitzreihe befand sich – ungelogen – 120 Minuten entweder auf dem Weg zum Pott oder zurück zu seinem Platz. Er war aber immer freundlich und gut gelaunt, so dass ihm niemand böse war für seine immerwährende Wanderschaft. Überhaupt waren alle gut drauf und mit zunehmendem Brinkhoffs-Genuss stieg auch die Lust, selbst bei unbedeutenden Ereignissen auf dem Spielfeld aufzuspringen, wild zu fuchteln und Drohungen auszustoßen. Dabei wurden auch sehr schöne Bonmots geprägt. Zum Beispiel die, dass der – selbstredend unfähige – Schiri eine gelbe Karte für den Gegner erst „auf Zuruf“ vergeben habe. Und damit war nicht der VAR gemeint (den es im DFB-Pokal ja gar nicht gibt), sondern das die Karte fordernde Publikum.

Überhaupt: Brinkhoffs No.1! Was ist das für eine fürchterliche, ungenießbare Plörre? Die zudem noch von dermaßen unfähigen Zeitlupen-Zapferteams verkauft wird, dass es ein schieres Wunder ist, dass überhaupt jemand in diesem Stadion ein Bier bekam. Das Kind hat jeweils noch die ersten fünf Minuten jeder Halbzeit damit verbracht, in der Schlange zu cstehen und auf Plörre No. 1 zu warten.

Die Verlängerung hatte sich wirklich niemand gewünscht, vor allem, weil da wirklich alle nur noch auf Klo mussten. Es war ein munteres Kommen und Gehen, aber die Junx in der Reihe vor uns brachten auf dem Rückweg immer gleich zwei neue volle Becher für jeden Kumpel mit. Bei den Wartezeiten am Zeitlupen-Bierstand können sie vom Spiel netto nicht mehr als ca. 10 Minuten gesehen haben. Aber egal – sie waren prima drauf. Beim Elfer-Siegtor von Marco Reus spielten sich rührende Verbrüderungsszenen ab. Und kurzzeitig waren sogar die Eisernen mal still. Oder auch auf Klo.

Ich sag‘ doch: Es geht nichts über das Live-Erlebnis!

Ein Abend im Westfalenstadion

War ja zu erwarten gewesen, dass House of Cards ohne Kevin Spacey nicht funktioniert, aber dass es so öde wird, hätte ich nun doch nicht erwartet. Mrs. President läuft die ganze Zeit auf High-Heels durch die Gegend und guckt diabolisch. Irgendwelche völlig irrelevanten Figuren, deren Namen man sich noch nicht mal merken kann, spielen irgendwelche Politfiguren in irgendeinem völlig undurchsichtigen Politspiel um Macht und Einfluss. Das ist alles so komplett langweilig, die Figuren bleiben blass, ihre Motivation unklar, man will sich mit keiner einzigen Figur identifizieren. Man will vor allem nicht mehr die deplatzierte Synchronstimme von Claire Underwood hören müssen. Eigentlich geht das ja schon zwei, drei Staffeln lang so, aber jetzt ist es wirklich Zeitverschwendung. Inmitten der vierten Episode habe ich abgeschaltet. Und ich werde nicht wieder einschalten.

Life Is Great #3 | 1. November 2018

Immer noch Gerhard Henschel. Sein literarisches Alter Ego hat jetzt Kathrin Passig kennengelernt. Schon seltsam, jemandem als Romanfigur zu begegnen, mit dem man hin und wieder in beruflichem Kontext zu tun hat. Das Ganze spielt so um 1990. Die junge Kathrin wird uns hier als unbekümmertes Plappermaul präsentiert, es wird viel und ausführlich aus Briefen zitiert (E-Mail war ja noch nicht so verbreitet…). Nach allem, was man hört, hat die reale Kathrin Passig dem zugestimmt. Doch was ist hier fiktiv und was historisch? Inwieweit erzählt Gerhard Henschel hier sein wirkliches Leben und wo geht der Schriftsteller mit ihm durch? Nun, das sind Fragen für künftige Germanistengenerationen, die sich hoffentlich zuhauf mit dem Henschel’schen Werk beschäftigen werden. Ich als einfacher Leser fühle mich nach wie vor königlich unterhalten.


Die zweite Staffel von „Ozark“ durchgeschaut. Nachdem ich zu Beginn etwas fremdelte und mich wie immer nur schlecht an das Ende der vorangegangenen Staffel erinnern konnte, nahm die Geschichte dann doch noch ordentlich Fahrt auf. Nach wie vor die lebt die Serie davon, amerikanische Werte lustvoll zu zertrümmern. Wie die Byrds versuchen, sich selbst vorzugaukeln, sie seien noch immer die vorbildliche amerikanische Familie, mit gemeinsamen Mahlzeiten und anderen erstarrten Ritualen, obwohl sie allesamt hochkriminell sind. Selbst der 12-Jährige (?) Sohn schafft übers Web Geld in Offshore-Konten davon. Von den Verfehlungen seiner Eltern ganz zu schweigen. Was dann auch irgendwann die pubertierende Tochter bemerkt, die nicht fassen kann, dass ihre tief in internationale Drogenkartelle verstrickten Eltern ihr vorwerfen, dass sie ein Buch gestohlen hat. Das Ganze ist ein schönes Bild für den Zustand der USA: im Kern vollkommen verrottet, wird krampfhaft versucht, den Schein zu wahren und sich womöglich noch anderen als moralisch überlegen zu fühlen.

Die Metageschichte von Ozark ist ziemlich unglaubwürdig, aber vielleicht ist es ja gerade diese abenteuerliche Absurdität und diese auf die Spitze getriebene Monstrosität und Gewaltbereitschaft aller Beteiligten, die Ozark dann doch unwiderstehlich machen. Denn was ist schon glaubwürdig? Der bis zur Lächerlichkeit herabgedrosselte Realismus eines Tatort? Dann doch lieber durchgeknallte Provinzler, einsame FBI-Agenten, drogensüchtige Mütter und schmutziges Drogengeld in Luxussärgen.

Interessant sind vor allem die Frauenfiguren. Laura Linney ist als Wendy Byrde nicht nur die treibende Kraft, um die eigene Familie über Wasser zu halten. Sie ist es, die die entscheidenden Connections herstellt und tragfähige Koalitionen schmiedet, vor allem mit der mächtigen Anwältin des Drogenkartells. Die großartigste Ozark-Figur ist zweifellos Julia Garner als Ruth Langmore: Großartig zu sehen, wie sie sich durchs Leben kämpft, unkaputtbar und doch sehr verletzlich, gebremst durch das Verantwortungsgefühl für ihre schwierige Familie und immer wieder zum Handeln gezwungen, weil…- ja, weil es ihre verdammte Pflicht ist, den Ring nach Mordor zu bringen. Und dann ist da ja auch noch Darlene Snell, die durchgeknallte Provinz-Obergangster-Gattin, die gern auch schon mal Drogenbossen unvermittelt den Kopf wegpustet, wenn diese das falsche Vokabular wählen. Doch, doch: das ist schon ein großartiges Serienpersonal.

Staffel 3 kann von mir aus kommen. Bevor ich wieder alles aus Staffel 2 vergesse.


„Museum of the Moon“ – Luke Jerram

Seit einer halben Ewigkeit finden in Essen immer die sogenannten Lichtwochen statt. Dabei ist der gesamte Innenstadtbereich – also eher die großen Einkaufsstraßen – festlich illuminiert. Seit ein, zwei Jahren ist dem noch etwas vorgeschaltet, das sich Essen Light Festival nennt. Der englische Titel weist wohl darauf hin, dass es etwas Superhippes ist, das sich das Essener Marketing da ausgedacht hat. Da sind dann Lichtinstallationen internationaler Künstler in der Innenstadt aufgebaut. Die Liebste und ich haben uns das an einem sehr kühlen Sonntagabend angeschaut und es war mächtig voll: der gemeine Ruhrie möchte also gerne mal was erleben in seiner ansonsten toten Innenstadt. Die Installationen selber waren – na ja – irgendwie so Naja. Manches schon irgendwie ganz hübsch, aber dafür extra in die Stadt fahren, einen Parkplatz suchen und dann zwischen Bratwurstdampf und Kinderkarussell herumeiern? Zumal manche Installation sich partout nicht dazu überreden ließ, wenigstens ein bisschen zu leuchten, wie z.B. am Kopstadt-Platz. Richtig toll hingegen war das 3D-Videomapping von Hannes Neumann am Weberplatz. Da habe ich dann trotz kalten Windes gerne hingesehen, wie man kreativ mit Licht und Architektur spielen kann.


Tom Waits hat nach zwei Jahren mal wieder einen Song eingespielt:

Life Is Great #2 | 23. Oktober 2018

Eine Woche, in der wir gezwungen sind, immer mal wieder nach Bayern zu schauen. Erst wegen der Bayern-Wahlen, dann wegen des Hackfressen-Stadls an der berüchtigten „Säbener Straße“. Auffällig ist: Alle Protagonisten, um die es da geht, sind selbstgerecht, überheblich, männlich. Es gibt bestimmt auch selbstgerechte und überhebliche Bayerinnen, aber in der bayerischen Landespolitik und im bayerischen Fussball spielen sie offenbar kaum eine Rolle. So bleibt die Bühne frei für die kernigen Burschen… Obwohl: So richtig kernig wirkt der Seehofer ja nicht mehr. Auf mich macht er zuweilen eher einen senilen Eindruck. Sein seltsames Gestammel, durchsetzt mit komischen Lachern und Glucksern, lässt eher den Schluss zu, dass hier einer dauerhaft in den heimischen Eisenbahn-Keller gehört als auf die große Polit-Bühne. Na ja, und die Rummelfliege ist ja eigentlich gar kein Bayer – kam der nicht aus Lippstadt?

Na, jedenfalls sind das alles ziemlich armselige Figuren, ob sie nun aus Dreckslöchern wie Lippstadt kommen oder aus blühenden bayrischen Landschaften. Hätte mich mal interessiert, was Thomas Bernhard – der große Städtebeschimpfer – über Lippstadt geschrieben hätte. „Drecksloch“ wäre bei ihm wahrscheinlich noch eine der harmloseren Zuschreibungen gewesen. Bernhard hätte es wahrscheinlich als „unerträglichen Nazi-Sumpf“ beschrieben und hundert weitere Verwünschungen in einer aus mehreren Seiten bestehenden Schmähungssuada hinterhergeschickt. Und er hätte wie immer Recht gehabt. Andererseits wäre Lippstadt dem Thomas Bernhard vermutlich völlig gleichgültig gewesen, ein so unbedeutendes Nichts, dass jeder Gedanke daran verschwendet gewesen wäre. Lippstadt wäre für Thomas Bernhard das gewesen, was Hasan Salihamidzic für den gemeinen Fußballfan ist. Oder Markus Söder für Wähler außerhalb Bayerns.


Auf arte habe ich die überwältigende Doku-Serie „Krieg der Träume“ zu Ende geschaut. Die Mischung aus Spielszenen und Dokumaterial gelingt hier ganz wunderbar, weil ja die Figuren allesamt historische Figuren sind. So kann man historisches Material mit neuem Material leichtfüßig zusammenschneiden und es ergibt sich eine flüssige Erzählstruktur. Die Spielszenen sind zum Glück nicht so ZDF-terra-x-mäßig inszeniert, sondern genügen auch höheren Ansprüchen an Inszenierung und Dramaturgie. Was sicher auch den durchgehend guten Schauspielern geschuldet ist. Geschichte ist hier kein vordergründiges Lehrstück, sondern ein lebenspraller Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, ein ständiger Impuls, die nur scheinbar Gestrigen und ihre persönlichen und gesellschaftlichen Dramen als Blaupause für unser eigenes Streben und Träumen zu begreifen.

Beim Schauen der Serie ist mir jedenfalls bewusst geworden, was für eine irrsinnige Aufbruchszeit (1918 – 1939) das gewesen ist. Vieles, mit dem wir uns heute noch herumschlagen, mit den Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, nach arm und reich, nach Macht und Ohnmacht, nach dem friedlichen Miteinander der Völker, zeigte sich schon in dieser wilden Epoche der großen Weltentwürfe. Doch all die kühnen Träume zerschellten an der gnadenlosen Gewaltbereitschaft jener Zeit. Je wilder die Menschen träumten, desto grausamere Ungeheuer betraten die Bühne. Wieso, frage ich mich, traten die Horrorfiguren so geballt auf: Hitler, Stalin, Mussolini, Franco…? Und haben wir heute nicht wieder ein ähnliches Bild: Überall kommen plötzlich nationalkonservative, rechte, autokratische Figuren an die Macht, Trump, Orban, Erdogan oder der verrückte Rest-Zwilling in Polen. Noch trauen die sich nicht, ihre politischen Gegner auf offener Bühne niederzuknüppeln, aber sie bauen Staaten um, sie beschränken die freie Justiz, sie drangsalieren die freie Presse. Selbst bei uns, wo man von der ganzen Nazi-Brut doch nun wirklich genug haben müsste, kriechen sie wieder aus ihren Löchern und strecken den Arm wieder zackig aus. Ich fasse es nicht und frage mich immer öfter: Wie wehrhaft ist eigentlich unsere Demokratie? Wenn ich nach Berlin schaue, wird mir Angst und Bange. Wir haben kaum moralische Instanzen an der Macht. Wir haben niemanden mehr, der sich mit Integrität und der Wucht seiner persönliche Autorität gegen die Restauration rechten Denkens und den Wiederaufstieg von Ressentiment und Engstirnigkeit stemmt.


Das Musiktheater im Revier, kurz: MiR, liegt schön nahe für uns. Wenn wir um kurz nach 19 Uhr nach das Haus verlassen, sitzen wir um 19:30 Uhr schon gemütlich auf unseren Sitzen. Am Wochenende besuchten wir die Premiere von „MiR goes Pop: Back to the 70s“. Nach dem langen Sommer mit unzähligen Abenden im Freien, war ein solcher Kultur-Abend mal wieder eine ganz angenehme Abwechslung. Die Neue Philharmonie Westfalen spielte auf und sie machte das mit jeder Menge Wumms. Da kann man durchaus auch abgenudelten Songs wie „Baker Street“ nochmal was Neues abgewinnen. Es fing schon sehr verheißungsvoll an mit einer schmissigen Version von Weather Reports „Birdland“. Auch die zweite Instrumentalversion des Abends, „Popcorn“ – einem all-time-Klassiker der 70er – zeigte, was ein gut aufgelegtes Orchester aus so einem harmlosen Popsong so alles rauszuholen vermag. Die großartig aufspielenden Blechbläser machten „Smoke on the water“ zum absoluten Höhepunkt des Abends, bis dann doch die E-Gitarre übernahm und dem Ganzen etwas seinen Zauber nahm. Überhaupt hätte ich gern den ganzen Abend nur Instrumentalversionen gehört, zum Konzept gehörten aber auch zwei Gesangs-Solisten. Viviane Essig und Henrik Hager waren auch wirklich gut bei Stimme und erstaunlich gute Performer, aber zum Schluss hin wurde es dann doch ein arges Disco-Gestampfe. Das Publikum goutierte es durch seliges Mitgeklatsche und manchen Mädelsclub hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Nun ja. Um 23 Uhr saß ich wieder auf dem heimischen Sofa und konnte Schalkes Heimniederlage im Sportstudio beklatschen.

Anarchic System sings Popcorn live with orchestra on French TV, 1972

Life Is Great #1 | 17. Oktober 2018

Seit ich Gerhard Henschels neuen dicken Wälzer in irgendeiner Buchhandlung am Berliner Savigny-Platz gesehen habe, müssen erst einmal alle anderen Lektüren hintanstehen. Bei Precht fällt mir das nicht so schwer. Obwohl ich sein Buch mit dem wirklich bescheuerten Titel „Jäger, Hirten, Kritiker“ ganz gerne lese, ist es mir wie fast alle Sachbücher irgendwie zu länglich. Man liest und liest und diese Bücher ziehen sich quälend. Bei Precht kommt hinzu: Es gibt Themen in diesem Buch, die er wirklich überaus überzeugend darlegt. Bei seinen Gedanken zum Grundeinkommen habe ich viel gelernt und einige meiner Vorurteile durchaus revidiert. Manche seiner kritischen Einlassungen liest man in dieser Klarheit selten, was, so vermute ich, daran liegt, dass es Precht nicht nötig hat, sich mit irgendwelchen Communities oder sonstigen Blasen gemein zu machen. Der Mann ist seine eigene Community. Sein Herumgeätze gegen die Gurus und die Tech-Giganten des Silicon Valley (und ihre willfährigen Adepten hierzulande) gehen mir dann doch eher auf die Nerven. Das klingt alles so wohlfeil, ist aber eher ein bisschen billig. Hat er eigentlich gar nicht nötig, der Richard David. Ich glaube, dieses ganze Geraune über die Macht der Daten und derer, die auf den Datenbergen sitzen, geht ziemlich an der Realität vorbei. Ich vermute eher, dass die Algorithmen noch ziemlich dumm sind und mit all dem Datenwissen noch nichts so richtig anzufangen wissen. Vielleicht sollte ich mal ein Sachbuch schreiben. Kernthese: Fürchtet Euch nicht. Google hat zwar ziemlich viele Daten, ist aber trotzdem ziemlich dumm. Wieso setzen sie sonst ein Projekt nach dem nächsten in den Sand? In dieser Woche haben sie Google+ dicht gemacht.

Sich von nichts und niemandem beeindrucken zu lassen, kann man übrigens wunderbar bei Gerhard Henschels alter ego Martin Schlosser lernen. Der Typ findet ja so ziemlich alles scheiße – und das ist eine große Lesefreude. Sehr schön seine miesepetrige Rückschau auf die deutsche Wiedervereinigung, auf die deutsche Kulturschickeria der 80er-Jahre, das bodenlose Gelaber in den Feuilletons, die tödliche Dummheit des Privatfernsehens etc. Herrlich!

Überaus ärgerlich ist hingegen die Tatsache, dass der Kindle E-Book-Version des „Erfolgsromans“ immer wieder Textteile fehlen. Wie viel da fehlt, kann man kaum einschätzen, weil Sätze einfach abbrechen. Lieber Verlag Hoffmann & Campe: Bitte mal dringend nachbessern!


Die Lit.Ruhr war vergangene Woche mal wieder zu Gast im Revier. Nachdem ich im vergangenen Jahr noch offizieller Festival-Blogger und also auf ziemlich vielen Veranstaltungen gewesen war, waren wir in diesem Jahr nur auf der Lesung von Cordula Stratmann und Bjarne Mädel im gemütlichen Theater in Oberhausen. Der Abend war wirklich top, kein Vergleich zu manchen Flops im vergangenen Jahr. Das lag vor allem an den beiden Protagonisten auf der Bühne und einem wunderbaren Thema: Texte gegen das Reisen. Da waren so einige Perlen dabei, zumeist vorgetragen von Bjarne Mädel, während die Stratmann eher die Moderation übernahm und witzige Anekdoten erzählte. Empfehlung des Abends: Bleibt mit dem Arsch zuhause, woanders is auch scheiße. Den ganzen Abend über waren zwei Gebärden-Dolmetscher am Werke und gaben augenscheinlich ihr Bestes. Allerdings fragte ich mich mehr als einmal, wie und ob es gelingen kann, Ironie oder auch Nonsens, wie sie ja in der Literatur nicht selten vorkommen, in Gebärdisch zu übersetzen. Ich konnte jedenfalls nicht erkennen, dass die beiden zwischendurch mal irgendwelche Anführungszeichen ironisch in die Luft malten und dabei verschwörerisch guckten.


Jahrelang war ich der Überzeugung, dass der RSS-Reader „Reeder“ die beste App sei, um RSS-Feeds zu organisieren und natürlich auch zu lesen. Bis ich „Fiery Feeds“ kennenlernte. Das ist eine App, die es zwar nicht für den Mac gibt, sondern nur für iOS. Schon beim ersten Anschauen hatte mich FF überzeugt. Sehr schönes Design, tolle Schriften und unendlich viele Möglichkeiten, Feeds zu organisieren und zu strukturieren. Das macht riesig Spaß und es ist immer wieder toll zu sehen, dass es Entwickler gibt, die mit ganzem Herzen bei der Sache sind. Die haben einfach einen Blick fürs Detail, machen sich Gedanken, welche Funktionen ein Nutzer brauchen könnte und bieten diese dann auch an. Jeden Morgen öffne ich die App, freue mich über Funktionen wie „Heute“, wo dann die allerneuesten Artikel versammelt werden, „Hot Links“ oder „Selten aktualisiert“. Gegen diese App ist Reeder eine echt lahme Ente, ohne Esprit und den großen Willen, RSS-Feeds zu einem echten Erlebnis zu machen. Allerdings ist für Reeder auch ein Update angekündigt, man darf also gespannt sein. Reeder gibt es auch für den Mac, aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich am Desktop eher selten durch die Feeds stromere. Das mache ich meist auf dem iPad und seit ich das XS habe, fast ausschließlich auf dem iPhone. FF verbindet sich auf Wunsch auch mit Read-it-later-Diensten wie Pocket oder dem Bookmarking-Dienst Pinboard. So wird FF fast zum Schweizer Taschenmesser fürs News-Lesen auf dem iPhone/iPad. Und seit ich von Feedly zu Feedbin gewechselt bin, kann ich auch Newsletter im RSS-Reader abonnieren. Alles in allem macht mich FF so gut wie wunschlos glücklich.

Better Call Saul, Staffel 4

(ACHTUNG: SPOILER-ALARM) 
Die entscheidenden Momente dieser Staffel ereignen sich ganz am Schluss. Die letzten Sekunden vor Ablauf fassen viele Stunden dieser Staffel/Serie in einer kraus gezogenen Stirn zusammen. In einem dunklen Blick, der so vieles zugleich ausdrückt: ungläubiges Staunen, tiefe Enttäuschung, die leise Hoffnung, das alles sei gar nicht so, wie scheint. Der eigentliche Star dieser Szene (wie auch der ganzen Serie) ist nicht Jimmy McGill, der hier triumphiert, weil er wieder alle hinters Licht geführt hat. Der Star ist Kim Wexler – Jimmys knallcoole Partnerin. Sie geht für Jimmy mehr als einmal aufs Ganze, denkt sich die irrsinnigsten Plots aus, um Prozesse zu gewinnen, ist bereit zu den gewagtesten Manövern, um Spaß zu haben, sich an fiesen Typen zu rächen, oder Jimmy aus der Patsche zu helfen. Sie ist sein verlässlicher Kumpel, immer da und doch mit eigenem Kopf, eigenen Zielen.

Doch bei diesem einen Mal ist es ihr Ernst: Bei Jimmys finaler Anhörung zur Rückgewinnung seiner Anwaltslizenz ist sie tief berührt von seinen Worten, seinem demütigen Auftritt. Es scheint ihr so, als habe Jimmy einen ehrlichen Zugang zu seinem toten Über-Bruder gefunden, einen Weg, Frieden zu finden in der zutiefst gestörten Geschwister-Gemengelage. Jimmy redet so warm, so herzlich: da muss sich sogar die ansonsten nicht zimperliche Kim ein Tränchen wegdrücken. Und dann das: alles nur ein Fake, ein billiges Schmierentheater, um die Kommission gnädig zu stimmen. Jimmys Triumphgeheul nach getaner Arbeit quittiert Kim mit Distanz, Jimmy merkt im Überschwang der Gefühle nichts. Und dann endet diese Staffel so abrupt wie die mitten in der Szene abgeschnittenenen Titelsequenzen der einzelnen Folgen. Kim steht konsterniert auf spiegelndem Backstein-Boden. Und Schnitt.

So etwas trauen sich nur die Leute, die diese Serie machen – Vince Gilligan und Peter Gould. Denn sie geben uns so viel mit auf den Weg – so viel Opulenz, so viele kleine Nebenaspekte, optische Anspielungen, so viel bildnerische Kraft, dass sie uns nicht mit nichtssagendem Geplänkel die Zeit stehlen. Bei BCL ist jede Szene minutiös durchgeplant, wie die wilden Aktionen von Jimmy und Kim. Alles ist extrem durchkomponiert: Szenerie, Licht, Ausstattung, Dramaturgie. Jede Sekunde sitzt. Als ginge es hier nicht darum, eine Geschichte in vielen Staffeln zu erzählen, sondern um einen 25-Sekunden-Werbespot, bei dem jede Zehntelsekunde zählt. Ich ziehe den Hut vor so viel Detailversessenheit. Wie begeistert muss man vom Filmemachen sein, um immer wieder aufs Neue seinen unbedingten Stilwillen umzusetzen?

Vielleicht täusche ich mich, aber mit jeder weiteren Folge dieser Staffel schien alles noch etwas edwardhopperiger zu werden: mit sehr lakonisch-ikonischen Kameraeinstellungen, die so grandios lässig und beiläufig daher kommen: Kim und Jimmy sitzen im All-American-Diner, eine weißbeschürzte Waitress gießt bittren Brüh-Kaffee nach. Oder die wohl magischste Szene dieser Staffel auf dem Parkhaus-Dach inmitten dieser stillen Architektur einer eintönig-verlassenen Großstadt-Büro-Kultur. Selten ist es bei BCL laut – im Gegenteil: es herrscht immer die gedämpfte Stille einer saturierten Hochflor-Gesellschaft. Nie sieht oder hört man Autos, außer denen, die unmittelbar zur Handlung gehören, deren schnurrender Achtzylinder-Wohlklang sich in den beruhigenden Klangteppich einschwingt. Die Sonne scheint dazu in Albuquerque immer, ihr Licht ist warm, schmeichelnd. Wüstenszenen werden in gedämpftes Sepia getaucht. Es gibt keine Hektik in dieser Serie, die Drogenbosse nehmen mit unbewegten Mienen das Geld der Dealer an, im Hintergrund hört man gedämpfte Samba-Rhythmen und leises Klappern von Kochgeschirr. Mike Ehrmanntraut erledigt alle Jobs mit stoischer Ruhe und dem Blick einer 100-Jährigen Schildkröte.

Überhaupt ist die Vielzahl der Erzählstränge erstaunlich. Jede einzelne ist für sich genommen schon ein eigener Kosmos. Und auch, wenn wir, die wir alle Breaking Bad gesehen haben, und also wissen, wie all diese Figuren zueinander stehen und wie sie ihr Ende finden werden, folgen wir atemlos jedem einzelnen Erzählfaden. Dem verzweifelten Kampf des klugen und sensiblen Nacho Varga gegen den üblen Drogen-Patriarchen Hector Salamanca oder dem hilflos-naiven Versuch des deutschen Ingenieurs Werner Ziegler (gespielt vom überragenden Rainer Bock), der elenden Lochbuddlerei zu entkommen. Wir bewundern die unerschütterliche Coolness von Mike, wir beobachten distanziert die Paranoia des Chuck McGill, wir fürchten Hector Salamancas Rückkehr aus dem Reich der Untoten. Einzig die Figur des Gustavo Fring (der noch in BB so brilllierte) ist für meinen Geschmack zu einseitig diabolisch geraten. Wo alle anderen Figuren sehr ambivalent agieren und mich zwischen Abscheu und Sympathie wechseln lassen, gelingt das bei Fring nicht. Aber gut, vielleicht muss es so eine Figur nun mal geben. Den Imperator oder Sauron findet man ja zwischendurch auch nicht plötzlich prima.

Ohnehin hatte ich zwischendurch gelesen, dass der Name von Fring auf den deutschen Fussballer Thorsten Frings zurückgeht. Seitdem geht mir das nicht mehr aus dem Kopf und ich kann den bösen Gustavo nicht mehr ansehen ohne an Pfosten Frings zu denken. Aber in der Tat scheinen die Drehbuchschreiber ein Faible für Deutsche („Werner“) und deutschen Fussball zu haben: So hat ausgerechnet der unsympathischste deutsche Mitstreiter Werners einen Auftritt im Nachtclub als besoffen-querulantischer BVB-Fan im Continental-Trikot. Unverschämtheit! ;-)

Und was bleibt also am Schluss dieser abermals überaus gelungenen Staffel? Nun, vor allem die Hoffnung auf viele weitere Staffeln. Denn in diesem Stoff steckt so viel Potenzial, das man sich wünscht, es möge ewig so weiter gehen. Kim Wexler möge uns bitte erhalten bleiben, sie bringt diese Geschichte zum Leuchten. Das Auftauchen von Lalo und sein verstärktes Interesse an Gustavo lässt auf grandiose Syndikat-Kriege hoffen. Mal sehen, wie Mike sich darin positionieren wird. Hector hat seine Klingel bekommen, es geht also bergauf. Und Jimmy? Tja, er hat’s gesagt: „It’s all good, man!“

lit.RUHR: Von der Kunst öffentlichen Miteinander-Redens

Die Kunst des öffentlichen Miteinander-Redens wird hierzulande nicht sonderlich gepflegt. Die Meisten erleben sie nur Form unerträglicher Quatsch-Runden in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern. Diese Runden existieren nicht, weil die Teilnehmer das Bedürfnis haben, voneinander zu lernen oder unterschiedliche Standpunkte auszutauschen. Ihr Zweck ist es viel mehr, die Teilnehmer zu platzhirschmäßigem Geröhre anzuhalten bzw. den jeweils Anderen schlecht aussehen zu lassen. Im akademischen Milieu hingegen ist die „Podiumsdiskussion“ seit Jahren an Beliebtheit kaum zu überbieten, obwohl diese selten mehr ist, als professorale Selbstdarstellung in Monologform.

Das wirkliche Gespräch im öffentlichen Raum findet man meistens nur dort, wo alle Beteiligten eines Podiums sich bewusst sind, dass sie zu einem Publikum reden und dass dies mit einer hohen Verpflichtung einhergeht. Nämlich der Pflicht, dieses Publikum zu rocken, es zu begeistern, zu inspirieren. Und damit meine ich nicht Bierzelt- oder Bütten-Reden. Es geht nicht um Rituale, es geht vielmehr um Respekt.

Bei der letzten Veranstaltung auf der diesjährigen lit.RUHR konnte man schön beobachten, wie man so etwas macht. Auf der Bühne: Mariana Leky, Autorin des Romans „Was man von hier aus sehen kann“, als Moderator der Dramaturg Thomas Laue und als Vorleserin Sandra Hüller. Gleich zu Beginn bezeugen diese drei großen Respekt, in diesem Fall dem Roman, um den es an diesem Abend gehen soll. Denn es wird nicht gleich drauflos geredet, sondern erst einmal zugehört. Sandra Hüller liest, sie liest sehr lange und sie liest betörend gut. Man schwingt sich ganz langsam ein in diesen Roman, seine Figuren, seinen Sound. Damit ist der Ton des Abends gesetzt: Laue und Leky unterhalten sich und im Gespräch entfalten sie den erzählerischen Rahmen vor den Zuhörern. Hier sind zwei unprätentiöse, hellwache Geister ganz auf die Aufgabe konzentriert, eine komplexe Erzählung für die Zuhörer zu entschlüsseln. Laue gibt den charmanten Zweifler, Leky die listige Autorin. Man merkt sofort: Hier ist eine am Werk, die genau weiß, warum sie manchmal grausam sein muss und das dann auch noch gut erklären kann. Doch Laue fordert sie, lässt nicht locker und entwindet der Autorin so manchen Satz, an den ein Null-Acht-Fuffzehn-Interviewer nie herangekommen wäre. Große Themen habe sie verarbeiten wollen, sagt Leky – Tod und Liebe -, aber dafür habe sie eine kleine Welt gebraucht. In diesem kleinen 100-Seelen-Dorf im Westerwald habe sie sich als Erzählerin sicher genug gefühlt, von diesen großen Themen zu erzählen.

Ein überaus geglückter Abend schließt die erste lit.RUHR ab. Manchmal braucht es für das Glück nur ein paar Menschen, die das lieben, was sie tun.

 

lit.RUHR: Eine Gummiente macht noch keinen Fetisch-Abend

Es hatte schon nicht so gut angefangen. Es regnete den ganzen Tag ohne größere Pausen, ein übler Wind fegte um die Ecken. Zollverein zeigte sich von seiner dunkelsten Seite. Als die Liebste und ich dann Halle 5 betraten, waren wir zunächst erfreut über den warmen Innenraum, bis wir feststellten, dass die Wärme offenbar von den rund 500 Zuschauern ausging, die sich schon in der Halle befanden. Obwohl gar nicht so spät unterwegs, mussten wir uns mit Plätzen ganz hinten begnügen.

Ja, und dann begann sie, diese dann doch recht bemerkenswerte Veranstaltung mit den Schauspielern Hannelore Hoger und Richy Müller, die sich unter der Moderation von Jörg Thadeusz mit dem Thema „Fetischismus“ literarisch auseinandersetzen wollten. Das taten sie dann auch, allerdings mit allerlei Hindernissen und Unwägbarkeiten, die so ein Abend bereithält. Zunächst kämpften die beiden Vorleser mit den ihnen zur Verfügung gestellten Manuskripten, die offensichtlich beidseitig bedruckt waren, was deshalb hin und wieder zu Textsprüngen führte, weil man während des Vorlesens die Seite nicht umdrehte, sondern auf dem nächsten Zettel weiterlas. Zunächst war das Publikum belustigt, als führe Frau Hoger eine spontane Zettel-Performance auf, indem sie hektisch damit herumhantierte, um den richtigen Textanschluss zu finden. Nur war das Ganze halt ungewollt und zog sich den ganzen Abend hindurch: Die beiden Sprecher scheiterten mehr als einmal an Namen und Titeln, fanden die richtige Seite nicht, betonten Passagen falsch, weil der Satz dann doch noch nicht zu Ende war und noch ein Halbsatz folgte. Zuweilen beschlich einen das Gefühl, als läsen die Protagonisten die Texte zum ersten Mal. Hannelore Hoger fand erst im Laufe des Abends zu gewohnter Vorlese-Souveränität. Vielleicht ist das ein wenig ungerecht von mir, vielleicht hatten die beiden veritable Gründe dafür, warum dieser Abend vorlesetechnisch so wacklig war, die dem Zuschauer verborgen blieben. Vielleicht war das Licht auf der Bühne zu schlecht, vielleicht die Schrift zu klein, vielleicht war es einfach nur ein gebrauchter Abend. Das Publikum sah es ihnen großzügig nach.

Zu allem Überfluss kämpfte sich Moderator Thadeusz noch durch eine „Präsentation“, die auf der großen Leinwand eingeblendet wurde und als eine Art Auflockerung des Abends gedacht war. Die Präsentation war mit Musik unterlegt, über die er noch drübersprechen musste. Ein war ein akkustisches und visuelles Desaster, denn durch ungeschickte Farbwahl konnte man die Texte auf den Charts nicht lesen und überhaupt fragte man sich, was das Ganze eigentlich solle und wann es endlich vorbei sein würde. Herr Thadeusz tat einem an dieser Stelle ein wenig leid, denn er war noch einer der souveränsten Personen dieses Abends und moderierte mit Charme und Geistesgegenwart über so manche Peinlichkeit hinweg.

Last but not least bastelte ein WDR-Team während der laufenden Veranstaltung an einem TV-Beitrag herum, lärmte schamlos moderierend in die Lesung hinein, als seien gar keine Gäste im Raum, die für diesen Abend schließlich Eintrittsgeld bezahlt hatten…

Ja, und die Texte? Nun ja, auch das war nicht gerade eine Offenbarung. Viel 18. und 19. Jahrhundert, irgendwie belangsloses Zeug über Pantöffelchen, Füßchen und dergleichen. Fast alles durch die männliche Brille gesehen (es gibt doch sicher auch literarisch anspruchsvolle Fetisch-Texte von Frauen). Eine Dramaturgie, ein roter Faden war nicht recht zu erkennen, alles machte den Eindruck einer beliebigen Reihung von Texten, Textarten, Personen, ohne den Anspruch, diese gesellschaftlich oder historisch auch nur ansatzweise einzuordnen oder gar Verbindungen zwischen ihnen herzustellen. Und so entließ man das Publikum uninspiriert mit ein paar müden Scherzchen über Gummienten wieder hinaus in den Essener Regen.

lit.RUHR: Bier mit High-Speed-Reading

Endlich Bier. Bisher war dieses Literaturfestival eine reichlich trockene Angelegenheit, zumindest was die Versorgung mit Trinkbarem angeht. Bei Moritz von Uslar wäre es vielleicht anders gewesen, aber der musste ja xavierbedingt in Berlin bleiben. Oder in Zehdenick, wo er mit Paul, Mutze, Drüse und wie die Protgagonisten aus „Deutschboden“ alle hießen, einen feucht-fröhlichen Abend verbracht haben mag.

Normalerweise sitzen bei diesem Literaturfest brave Literaturfreunde in musealen Industriehallen herum, lauschen stundenlang dem geprochenen und geschriebenen Wort und das Einzige, was es hier zu kaufen gibt, sind natürlich Bücher. „Bei unserem Festivalpartner Thalia“, wie die jeweiligen Sessioneinführer nicht müde werden zu erwähnen. Das muss wohl so sein in Zeiten von gesponsorten Großveranstaltungen. Und doch frage ich mich, warum bei solchen Events nicht auch einmal die lokalen Buchhändler zum Zuge kommen, von denen ja nicht wenige das literarische Leben einer Stadt mitprägen. Ihnen wäre zu wünschen, dass sie auch kommerziell einmal von einem solchen Event profitieren. Nun gut, die Literaturszene im Revier, speziell in Essen, ist ohnehin wegen der lit.RUHR ziemlich verschnupft. Aber das ist ein anderes Thema…

Ich bin abgeschwoffen. Wo waren wir? Richtig, beim Bier. Also, neben dem obligatorischen Thalia-Stand könnte ich mir auch gut einen Verkaufsstand der Essener Stauder-Brauerei vorstellen. Schließlich befinden wir uns hier in einem Bergbau-Gebiet, wo so mancher Kumpel seine staubige Kehle mit einem kühlen Blonden befeuchten musste. Es ist noch nicht so lange her, da befand sich hier an jeder Ecke eine schummrige Pinte. Die wurden nach und nach ersetzt: Durch Döner-Buden und Wett-Büros.

Nun gut, man muss sich dran gewöhnen: Beim Literatur-Anhören gibt es nichts zu trinken. Bis zur Session mit Sven Regener. Der bringt gleich zwei Flaschen Bier mit auf die Bühne, um so mit ordentlich befeuchtetem Stimmapparat seine Tour de Force durch den neuen Roman „Wiener Straße“ zu beginnen. Auch im Publikum haben einige es tatsächlich geschafft, sich im kleinen Bistro der Halle 12 mit ein paar Flaschen zu versorgen (die natürlich im Laufe des Abends mehrfach mit den Füßen umgestoßen werden, was aber nicht schlimm ist, weil dieser Vorgang dem wilden Treiben der Protagonisten in der „Wiener Straße“ akkustisch perfekt entspricht). Es ist dies ohnehin ein sichtbar anderes Publikum als beispielsweise das schwärmerisch-entrückte Zadie-Smith-Publikum: Hier sieht man auch mal ein paar speckige Lederjacken und denkt bei manchem ergrauten Altfreak, dass er aus der Regener’schen Romanwelt entsprungen sein könnte.

Das Personentableau jener Romanwelt besteht aus lauter alten Bekannten: Karl Schmidt, P.Immel, H.R. Ledigt oder Frank Lehmann. Wie in früheren Romanen Regeners machen die Figuren nicht viel, außer zu reden. Sie reden die ganze Zeit, reden sich um Kopf und Kragen, reden Bullshit ohne Ende, reden sich in Rage, reden über-, mit- und durcheinander. Die Szenerie ist oft komplett unübersichtlich, weil sich fünf bis zehn Leute mit absurden Gedanken, Ideen, Aktionen gegenseitig in Schach halten. Sven Regener ist der Meister der chaotischen Kneipenszene, in der sich eine unglaublich virtuose Kakophonie aus Stimmen, gurgelnden Kaffeemaschinen und rasenden Kettensägen entwickelt.

Man muss ein Faible für all diese Bekloppten haben, ansonsten bleibt einem diese Welt verschlossen. Man würde nichts spüren vom mitreißenden Humor dieser Dialoge, in fast jedem Satz steckt das Potenzial für schmerzhafte Lachanfälle, vor allem, wenn dieser rasende Wahnsinn so artistisch vorgetragen wird, wie Regener das kann. Er schafft es nicht nur, jede sprachliche Nuance genau zu treffen, er behält auch stets den Überblick im Chaos und setzt jede Pointe mitten hinein ins ohnehin stark beanspruchte Zwerchfell. Sven Regener liest seine Texte in atemberaubender Geschwindigkeit und das über 90 Minuten hinweg. Das ist eine sportliche Höchstleistung. Kein Wunder, dass er auf dieser Distanz gleich zwei Flaschen Bier braucht.

lit.RUHR: Wir müssen reden, Xavier!

Xavier. Gna. Wer kommt eigentlich auf die Idee deutschen Sturmtiefs spanische Namen zu geben? Nennen Spanier ihre Hochs vielleicht auch mal Karl-Heinz? Oder Uwe?

Na, jedenfalls bedeutet Xavier, dass eine Reihe von Lesungen heute auf den Bühnen unter Personalmangel leiden. Moritz von Uslar und Lucas Vogelsang können nicht über „Heimat“ plaudern, weil sie in selbiger bleiben mussten. Und Nick Hornby muss allein über Fussball reden, weil Joachim Król partout nicht aus Berlin nach Essen zu schaffen war. Nick Hornby hat den Weg aus London offensichtlich unbeschadet und pünktlich hinter sich gebracht. Im schönsten Brit-Englisch erzählt er vom Krieg, also von der Zeit vor „Fever Pitch“, als er Samsung-Managern Sprachunterricht geben sollte, diese aber daran kein Interesse zeigten, sondern lieber Hunde züchten wollten. Es war wohl dann etwas schwierig für ihn, ständig neue Welpen zu beschaffen, wenn man um kulinarische Vorlieben von Koreanern weiß…

Scheint ein hübsch anekdotischer Abend zu werden, doch bevor es so weit kommt, springe ich doch schnell mal rüber zu Anneke Kim Sarnau und Bjarne Mädel, die an diesem Abend miteinander reden wollen und müssen. Obwohl man sich auf einer Zeche befindet, kommt man nicht untertage von Halle 12 zur Halle 5. Xavier hat das Zollverein-Gelände nämlich in einen Sumpf verwandelt, Stelzen wären jetzt nicht schlecht. Halle 5 ist mehr als knallevoll, aber ein Plätzchen ganz hinten finde ich noch und erahne in rund 700m Entfernung Frau Polizeiruf und Herrn Tatort(reiniger) auf der Bühne. Die sind offensichtlich bestgelaunt und exerzieren dabei alle Phasen partnerschaftlich-familiären Diskutierens durch: Von dummen Anmachgesprächen (Max Goldt!) über enervierende Ehegespräche (schon wieder: Nick Hornby), Ehepaare, die einen Witz erzählen (Kurt Tucholsky) bis hin zu Müttern, die partout nicht auf den frühsonntäglichen Anruf beim Sohnemann verzichten wollen. Letzteres ein herrlicher Herr-Lehmann-Text von Sven Regener. Und so sehr auch Bjarne Mädel dabei glänzt: Diesen speziellen, krähenden, norddeutschen Regener-Sound bekommt nur der Meister selbst richtig hin.

Und der ist ja morgen Abend hier und liest aus „Wiener Straße“. Und ich werde dabei sein, wenn Xavier nix dagegen hat.