lit.RUHR: Von der Kunst öffentlichen Miteinander-Redens

Die Kunst des öffentlichen Miteinander-Redens wird hierzulande nicht sonderlich gepflegt. Die Meisten erleben sie nur Form unerträglicher Quatsch-Runden in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern. Diese Runden existieren nicht, weil die Teilnehmer das Bedürfnis haben, voneinander zu lernen oder unterschiedliche Standpunkte auszutauschen. Ihr Zweck ist es viel mehr, die Teilnehmer zu platzhirschmäßigem Geröhre anzuhalten bzw. den jeweils Anderen schlecht aussehen zu lassen. Im akademischen Milieu hingegen ist die „Podiumsdiskussion“ seit Jahren an Beliebtheit kaum zu überbieten, obwohl diese selten mehr ist, als professorale Selbstdarstellung in Monologform.

Das wirkliche Gespräch im öffentlichen Raum findet man meistens nur dort, wo alle Beteiligten eines Podiums sich bewusst sind, dass sie zu einem Publikum reden und dass dies mit einer hohen Verpflichtung einhergeht. Nämlich der Pflicht, dieses Publikum zu rocken, es zu begeistern, zu inspirieren. Und damit meine ich nicht Bierzelt- oder Bütten-Reden. Es geht nicht um Rituale, es geht vielmehr um Respekt.

Bei der letzten Veranstaltung auf der diesjährigen lit.RUHR konnte man schön beobachten, wie man so etwas macht. Auf der Bühne: Mariana Leky, Autorin des Romans „Was man von hier aus sehen kann“, als Moderator der Dramaturg Thomas Laue und als Vorleserin Sandra Hüller. Gleich zu Beginn bezeugen diese drei großen Respekt, in diesem Fall dem Roman, um den es an diesem Abend gehen soll. Denn es wird nicht gleich drauflos geredet, sondern erst einmal zugehört. Sandra Hüller liest, sie liest sehr lange und sie liest betörend gut. Man schwingt sich ganz langsam ein in diesen Roman, seine Figuren, seinen Sound. Damit ist der Ton des Abends gesetzt: Laue und Leky unterhalten sich und im Gespräch entfalten sie den erzählerischen Rahmen vor den Zuhörern. Hier sind zwei unprätentiöse, hellwache Geister ganz auf die Aufgabe konzentriert, eine komplexe Erzählung für die Zuhörer zu entschlüsseln. Laue gibt den charmanten Zweifler, Leky die listige Autorin. Man merkt sofort: Hier ist eine am Werk, die genau weiß, warum sie manchmal grausam sein muss und das dann auch noch gut erklären kann. Doch Laue fordert sie, lässt nicht locker und entwindet der Autorin so manchen Satz, an den ein Null-Acht-Fuffzehn-Interviewer nie herangekommen wäre. Große Themen habe sie verarbeiten wollen, sagt Leky – Tod und Liebe -, aber dafür habe sie eine kleine Welt gebraucht. In diesem kleinen 100-Seelen-Dorf im Westerwald habe sie sich als Erzählerin sicher genug gefühlt, von diesen großen Themen zu erzählen.

Ein überaus geglückter Abend schließt die erste lit.RUHR ab. Manchmal braucht es für das Glück nur ein paar Menschen, die das lieben, was sie tun.

 

lit.RUHR: Eine Gummiente macht noch keinen Fetisch-Abend

Es hatte schon nicht so gut angefangen. Es regnete den ganzen Tag ohne größere Pausen, ein übler Wind fegte um die Ecken. Zollverein zeigte sich von seiner dunkelsten Seite. Als die Liebste und ich dann Halle 5 betraten, waren wir zunächst erfreut über den warmen Innenraum, bis wir feststellten, dass die Wärme offenbar von den rund 500 Zuschauern ausging, die sich schon in der Halle befanden. Obwohl gar nicht so spät unterwegs, mussten wir uns mit Plätzen ganz hinten begnügen.

Ja, und dann begann sie, diese dann doch recht bemerkenswerte Veranstaltung mit den Schauspielern Hannelore Hoger und Richy Müller, die sich unter der Moderation von Jörg Thadeusz mit dem Thema „Fetischismus“ literarisch auseinandersetzen wollten. Das taten sie dann auch, allerdings mit allerlei Hindernissen und Unwägbarkeiten, die so ein Abend bereithält. Zunächst kämpften die beiden Vorleser mit den ihnen zur Verfügung gestellten Manuskripten, die offensichtlich beidseitig bedruckt waren, was deshalb hin und wieder zu Textsprüngen führte, weil man während des Vorlesens die Seite nicht umdrehte, sondern auf dem nächsten Zettel weiterlas. Zunächst war das Publikum belustigt, als führe Frau Hoger eine spontane Zettel-Performance auf, indem sie hektisch damit herumhantierte, um den richtigen Textanschluss zu finden. Nur war das Ganze halt ungewollt und zog sich den ganzen Abend hindurch: Die beiden Sprecher scheiterten mehr als einmal an Namen und Titeln, fanden die richtige Seite nicht, betonten Passagen falsch, weil der Satz dann doch noch nicht zu Ende war und noch ein Halbsatz folgte. Zuweilen beschlich einen das Gefühl, als läsen die Protagonisten die Texte zum ersten Mal. Hannelore Hoger fand erst im Laufe des Abends zu gewohnter Vorlese-Souveränität. Vielleicht ist das ein wenig ungerecht von mir, vielleicht hatten die beiden veritable Gründe dafür, warum dieser Abend vorlesetechnisch so wacklig war, die dem Zuschauer verborgen blieben. Vielleicht war das Licht auf der Bühne zu schlecht, vielleicht die Schrift zu klein, vielleicht war es einfach nur ein gebrauchter Abend. Das Publikum sah es ihnen großzügig nach.

Zu allem Überfluss kämpfte sich Moderator Thadeusz noch durch eine „Präsentation“, die auf der großen Leinwand eingeblendet wurde und als eine Art Auflockerung des Abends gedacht war. Die Präsentation war mit Musik unterlegt, über die er noch drübersprechen musste. Ein war ein akkustisches und visuelles Desaster, denn durch ungeschickte Farbwahl konnte man die Texte auf den Charts nicht lesen und überhaupt fragte man sich, was das Ganze eigentlich solle und wann es endlich vorbei sein würde. Herr Thadeusz tat einem an dieser Stelle ein wenig leid, denn er war noch einer der souveränsten Personen dieses Abends und moderierte mit Charme und Geistesgegenwart über so manche Peinlichkeit hinweg.

Last but not least bastelte ein WDR-Team während der laufenden Veranstaltung an einem TV-Beitrag herum, lärmte schamlos moderierend in die Lesung hinein, als seien gar keine Gäste im Raum, die für diesen Abend schließlich Eintrittsgeld bezahlt hatten…

Ja, und die Texte? Nun ja, auch das war nicht gerade eine Offenbarung. Viel 18. und 19. Jahrhundert, irgendwie belangsloses Zeug über Pantöffelchen, Füßchen und dergleichen. Fast alles durch die männliche Brille gesehen (es gibt doch sicher auch literarisch anspruchsvolle Fetisch-Texte von Frauen). Eine Dramaturgie, ein roter Faden war nicht recht zu erkennen, alles machte den Eindruck einer beliebigen Reihung von Texten, Textarten, Personen, ohne den Anspruch, diese gesellschaftlich oder historisch auch nur ansatzweise einzuordnen oder gar Verbindungen zwischen ihnen herzustellen. Und so entließ man das Publikum uninspiriert mit ein paar müden Scherzchen über Gummienten wieder hinaus in den Essener Regen.

lit.RUHR: Bier mit High-Speed-Reading

Endlich Bier. Bisher war dieses Literaturfestival eine reichlich trockene Angelegenheit, zumindest was die Versorgung mit Trinkbarem angeht. Bei Moritz von Uslar wäre es vielleicht anders gewesen, aber der musste ja xavierbedingt in Berlin bleiben. Oder in Zehdenick, wo er mit Paul, Mutze, Drüse und wie die Protgagonisten aus „Deutschboden“ alle hießen, einen feucht-fröhlichen Abend verbracht haben mag.

Normalerweise sitzen bei diesem Literaturfest brave Literaturfreunde in musealen Industriehallen herum, lauschen stundenlang dem geprochenen und geschriebenen Wort und das Einzige, was es hier zu kaufen gibt, sind natürlich Bücher. „Bei unserem Festivalpartner Thalia“, wie die jeweiligen Sessioneinführer nicht müde werden zu erwähnen. Das muss wohl so sein in Zeiten von gesponsorten Großveranstaltungen. Und doch frage ich mich, warum bei solchen Events nicht auch einmal die lokalen Buchhändler zum Zuge kommen, von denen ja nicht wenige das literarische Leben einer Stadt mitprägen. Ihnen wäre zu wünschen, dass sie auch kommerziell einmal von einem solchen Event profitieren. Nun gut, die Literaturszene im Revier, speziell in Essen, ist ohnehin wegen der lit.RUHR ziemlich verschnupft. Aber das ist ein anderes Thema…

Ich bin abgeschwoffen. Wo waren wir? Richtig, beim Bier. Also, neben dem obligatorischen Thalia-Stand könnte ich mir auch gut einen Verkaufsstand der Essener Stauder-Brauerei vorstellen. Schließlich befinden wir uns hier in einem Bergbau-Gebiet, wo so mancher Kumpel seine staubige Kehle mit einem kühlen Blonden befeuchten musste. Es ist noch nicht so lange her, da befand sich hier an jeder Ecke eine schummrige Pinte. Die wurden nach und nach ersetzt: Durch Döner-Buden und Wett-Büros.

Nun gut, man muss sich dran gewöhnen: Beim Literatur-Anhören gibt es nichts zu trinken. Bis zur Session mit Sven Regener. Der bringt gleich zwei Flaschen Bier mit auf die Bühne, um so mit ordentlich befeuchtetem Stimmapparat seine Tour de Force durch den neuen Roman „Wiener Straße“ zu beginnen. Auch im Publikum haben einige es tatsächlich geschafft, sich im kleinen Bistro der Halle 12 mit ein paar Flaschen zu versorgen (die natürlich im Laufe des Abends mehrfach mit den Füßen umgestoßen werden, was aber nicht schlimm ist, weil dieser Vorgang dem wilden Treiben der Protagonisten in der „Wiener Straße“ akkustisch perfekt entspricht). Es ist dies ohnehin ein sichtbar anderes Publikum als beispielsweise das schwärmerisch-entrückte Zadie-Smith-Publikum: Hier sieht man auch mal ein paar speckige Lederjacken und denkt bei manchem ergrauten Altfreak, dass er aus der Regener’schen Romanwelt entsprungen sein könnte.

Das Personentableau jener Romanwelt besteht aus lauter alten Bekannten: Karl Schmidt, P.Immel, H.R. Ledigt oder Frank Lehmann. Wie in früheren Romanen Regeners machen die Figuren nicht viel, außer zu reden. Sie reden die ganze Zeit, reden sich um Kopf und Kragen, reden Bullshit ohne Ende, reden sich in Rage, reden über-, mit- und durcheinander. Die Szenerie ist oft komplett unübersichtlich, weil sich fünf bis zehn Leute mit absurden Gedanken, Ideen, Aktionen gegenseitig in Schach halten. Sven Regener ist der Meister der chaotischen Kneipenszene, in der sich eine unglaublich virtuose Kakophonie aus Stimmen, gurgelnden Kaffeemaschinen und rasenden Kettensägen entwickelt.

Man muss ein Faible für all diese Bekloppten haben, ansonsten bleibt einem diese Welt verschlossen. Man würde nichts spüren vom mitreißenden Humor dieser Dialoge, in fast jedem Satz steckt das Potenzial für schmerzhafte Lachanfälle, vor allem, wenn dieser rasende Wahnsinn so artistisch vorgetragen wird, wie Regener das kann. Er schafft es nicht nur, jede sprachliche Nuance genau zu treffen, er behält auch stets den Überblick im Chaos und setzt jede Pointe mitten hinein ins ohnehin stark beanspruchte Zwerchfell. Sven Regener liest seine Texte in atemberaubender Geschwindigkeit und das über 90 Minuten hinweg. Das ist eine sportliche Höchstleistung. Kein Wunder, dass er auf dieser Distanz gleich zwei Flaschen Bier braucht.

lit.RUHR: Wir müssen reden, Xavier!

Xavier. Gna. Wer kommt eigentlich auf die Idee deutschen Sturmtiefs spanische Namen zu geben? Nennen Spanier ihre Hochs vielleicht auch mal Karl-Heinz? Oder Uwe?

Na, jedenfalls bedeutet Xavier, dass eine Reihe von Lesungen heute auf den Bühnen unter Personalmangel leiden. Moritz von Uslar und Lucas Vogelsang können nicht über „Heimat“ plaudern, weil sie in selbiger bleiben mussten. Und Nick Hornby muss allein über Fussball reden, weil Joachim Król partout nicht aus Berlin nach Essen zu schaffen war. Nick Hornby hat den Weg aus London offensichtlich unbeschadet und pünktlich hinter sich gebracht. Im schönsten Brit-Englisch erzählt er vom Krieg, also von der Zeit vor „Fever Pitch“, als er Samsung-Managern Sprachunterricht geben sollte, diese aber daran kein Interesse zeigten, sondern lieber Hunde züchten wollten. Es war wohl dann etwas schwierig für ihn, ständig neue Welpen zu beschaffen, wenn man um kulinarische Vorlieben von Koreanern weiß…

Scheint ein hübsch anekdotischer Abend zu werden, doch bevor es so weit kommt, springe ich doch schnell mal rüber zu Anneke Kim Sarnau und Bjarne Mädel, die an diesem Abend miteinander reden wollen und müssen. Obwohl man sich auf einer Zeche befindet, kommt man nicht untertage von Halle 12 zur Halle 5. Xavier hat das Zollverein-Gelände nämlich in einen Sumpf verwandelt, Stelzen wären jetzt nicht schlecht. Halle 5 ist mehr als knallevoll, aber ein Plätzchen ganz hinten finde ich noch und erahne in rund 700m Entfernung Frau Polizeiruf und Herrn Tatort(reiniger) auf der Bühne. Die sind offensichtlich bestgelaunt und exerzieren dabei alle Phasen partnerschaftlich-familiären Diskutierens durch: Von dummen Anmachgesprächen (Max Goldt!) über enervierende Ehegespräche (schon wieder: Nick Hornby), Ehepaare, die einen Witz erzählen (Kurt Tucholsky) bis hin zu Müttern, die partout nicht auf den frühsonntäglichen Anruf beim Sohnemann verzichten wollen. Letzteres ein herrlicher Herr-Lehmann-Text von Sven Regener. Und so sehr auch Bjarne Mädel dabei glänzt: Diesen speziellen, krähenden, norddeutschen Regener-Sound bekommt nur der Meister selbst richtig hin.

Und der ist ja morgen Abend hier und liest aus „Wiener Straße“. Und ich werde dabei sein, wenn Xavier nix dagegen hat.

lit.RUHR: Ein unterkühlter Auftakt im Salzlager

Die Literaten sind in der Stadt, besser: in der Region. Es ist „lit.RUHR“. Die lit.Cologne hat Nachwuchs bekommen. Hauptspielort: Zeche Zollverein. Das ist prima für mich, da kann ich schnell abends mal hinüberlaufen, ist ja fast in Sichtweite. Und da mich die Veranstalter freundlicherweise mit einer „Blogger-Wildcard“ ausgestattet haben, habe ich die freie Auswahl bei den Veranstaltungen.

Heute Abend ging es also los. Auf die Eröffnungs-Gala in der Essener Philharmonie hatte ich keine rechte Lust. Statt einen witzigen Abend mit allerhand Fernsehnasen wollte ich lieber „echte“ Literatur. Also rüber ins sogenannte „Salzlager“: Zadie Smith mit Schauspielerin Nina Kunzendorf, die die Smith’schen Texte auf deutsch zu Gehör bringt. Dazu eine Moderatorin vom SPIEGEL, Susanne Weingarten.

Das Salzlager auf Zollverein ist eine ziemlich große Halle. Sie ist an diesem Abend voll, nur hinten sind noch ein paar Plätze frei. Die drei Damen betreten pünktlich den Saal und schreiten unmittelbar zur Tat. Was jetzt für die nächsten exakt 90 Minuten folgt, ist eine überaus routinierte Buch-Business-Performance. Alles auf der Bühne wird perfekt abgespult, professionelle Fragen von Frau Weingarten, noch professionellere Antworten von Zadie Smith. Vorgetragen mit schönem dunklen Timbre in der Stimme, das rote Kopftuch der Schriftstellerin leuchtet durch den Saal. Frau Kunzendorf sitzt derweil still dabei. Sie sieht aus, als höre sie zu.

Routinierte Fragen zur Erzählerhaltung, den Orten des Romans, den Hintergründen der Geschichte, zu Brexit und Trump. Tendenziell interessant, aber eigentlich doch nur ein distanziert-unterkühltes Frage-Antwort-Spiel ohne besonderen Erkenntniswert. Kaum mal ein Lächeln, kaum mal ein spontanes Wort, nichts Inspirierendes. Wie höflich aufmerksam ist doch dieses Publikum angesichts so pragmatischer Abgezocktheit. Jetzt liest Frau Kunzendorf aus „Swing Time“, und sie liest sehr gut. Trifft genau den Ton der fein gewebten Roman-Sprache Zadie Smiths, fühlt sich gut ein in den Takt der detailgenauen Beobachtungen der Erzählerin. Auch das – natürlich – perfekt. Frau Kunzendorf lehnt sich zurück. Hört weiter unbewegt zu.

Nach genau 90 Minuten ist das Spiel zu Ende, keine Verlängerung. Schiedsrichterin Weingarten pfeift energisch ab. Höflicher, kurzer Applaus, ohne Wärme. Frau Smith geht zum Büchertisch: Signierstunde. Das rote Kopftuch leuchtet durch den Saal.

Püntenell

Püntenell, der Hahn

Die Liebste und ich verbringen ein paar Tage in Groningen. Wir haben per Airbnb eine hübsche kleine Wohnung auf dem Lande gemietet, wo uns Hühner, Perlhühner, Hund und Katze beim Frühstück zwischen den Beinen herumlaufen. Wir fahren jeden Tag mit dem Auto zu einem Park&Ride-Platz und von dort mit einem schnellen Bus hinein in die Stadt. Da das DAB-Funksignal von Deutschlandfunk Nova nicht bis nach Groningen reicht, haben wir im Autoradio irgendeinen holländischen Sender eingestellt, der in schöner Regelmäßigkeit auch Werbespots ausstrahlt. Wir sind das als verwöhnte Deutschlandfunk-Hörer nicht gewohnt, aber trotzdem ganz Ohr und versuchen aus dem schnell gesprochenen Niederländisch Sinnfetzen zu erhaschen. Besonders angetan hat es uns das Wort „Püntenell“, das quasi in jedem zweiten Spot vorkommt. Wir fragen uns, ob das vielleicht irgendein für die Werbesprache wichtiges Adjektiv ist. Etwas, das Dinge und Waren besonders anpreist, womöglich in Umgangssprache. Vielleicht die holländische Entsprechung für „knorke“ oder so etwas: „Kaufen Sie unseren neuen Toaster. Der ist echt püntenell!“. Das geht tagelang so. Eine Recherche mit Google-Übersetzer bringt keine zufriedenstellenden Ergebnisse: Es püntenellt so vor sich hin und wir sind weiter ahnungslos. Bis es endlich bei der Liebsten klick macht: Und zwar bei einem Werbespot von Kaspersky Labs. Am Schluss des Spots wird der Hörer gebeten, doch mal im Internet bei Kaspersky vorbeizuschauen: WehWehWehKasperskyPüntenell.

Ja ja, ganz recht: Püntenell ist nichts anderes als die länderspezifische Top-Level-Domain der Niederlande: „.nl“. Kurzzeitig überlegen wir, den stolzen Hahn in unserer Ferienwohnung Püntenell zu taufen. Der sieht nämlich echt voll püntenell aus:

Püntenell, der Hahn

Alexander von Humboldt – Ein Popstar der Wissenschaft

Was für ein Buch! Was für ein grandioses Abenteuer! Was für eine faszinierende Hauptfigur! Ganz gegen meine bisherigen Lesegewohnheiten, hatte ich dem Werben Amazons um ein dreimonatiges Audible-Abo dann doch nachgegeben und mir als Erstes Andrea Wulfs dicken Schinken über Alexander von Humboldt geklickt. Immerhin 16 Stunden Vorlesezeit über einen Mann, der uns Heutigen doch etwas fern scheint. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das durchhalten würde, zumal ich Hörbücher bislang vor allem als Einschlafhilfe wahrgenommen hatte. Doch dann kam dieser wunderbare März mit seinen überraschend schönen Tagen, ich schwang mich aufs Rad, stöpselte die neuen AirPods ein – und war mittendrin in der aufregendsten Expedition.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich überhaupt vorwärts kam auf dem Rad, so viele Bauklötze staunte ich über den wahrscheinlich unglaublichsten Mann des 19. Jahrhunderts. Einen Multitasker reinsten Wassers, der vor lauter Projekten nicht still sitzen konnte, der schnell sprach wie ein Wasserfall, der tausende Einfälle zugleich hatte und sie überall hinkritzelte. Wenn er an einem Manuskript arbeitete, schrieb er das Blatt voll mit Notizen zu anderen Projekten, wenn die Blätter nicht ausreichten, kratzte er die Gedanken ins Holz seines Schreibtischs, bis dieser über und über voll mit eingeritzten Sätzen und Skizzen war. So sah Evernote um 1820 aus. Speicherplatz war wohl schon immer knapp. Ein Zeitgenosse verglich Alexander von Humboldt mal mit einem kleinen Jungen: Wenn dieser seine Taschen leerte, kamen hunderte von wichtigen Dingen zutage, Steine, Pflanzen, kleine vollgeschriebene Zettel, Dinge, die er am Wegesrand eingesammelt hatte und die alle eine für ihn ungemeine Wichtigkeit besaßen.

Offensichtlich war er nicht kleinzukriegen: Er wanderte mit blutigen Füßen auf die höchsten Berge Südamerikas. Und wenn die Lasten-Träger längst aufgegeben hatten, schleppte er halt selbst seine schweren Instrumente bis er ohnmächtig wurde. Zehntausende von Kilometern in rumpeligen Kutschen durch unwegsames Gelände? So what? Mit knapp 60 nochmal monatelang durch Russland? No problem!

Humboldt reiste, maß, sammelte, schrieb wie ein Wahnsinniger, er kannte alle wichtigen Menschen seiner Zeit und korrespondierte ohne Unterlass mit ihnen, er war eine Weltautorität. Den US-Präsidenten Jefferson besuchte er im halbfertigen Weißen Haus, wo dieser im Holzfällerhemd und kaputten Schlappen hauste – ein Bruder im Geiste Humboldts, dessen Unterhosen zum Trocknen draußen im Garten des Weißen Hauses im Wind flatterten. Andrea Wulfs Buch ist voll von solchen wunderbaren Schnurren. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

In der Rückschau mutet es vollkommen unrealistisch an, dass jemand wie Humboldt – offensichtlich homosexuell, atheistisch und – ganz Kind der Aufklärung – oppositionell gegen alles Despotische und Kolonialistische -, dass also jemand, der alle Eigenschaften für ein Außenseiter-Dasein in sich vereinigte – einer der berühmtesten Menschen seiner Zeit werden konnte. Er war ein – finanziell freilich gut ausgestatteter – unabhängiger Geist, der die Enge und Engstirnigkeit des deutschen Biedermeier hasste und aus dem kalten und wissenschaftsfeindlichen Berlin flüchtete, wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. Das Zentrum der Wissenschaft war das nachrevolutionäre Paris. Dort hatte Humboldt zeitweise mehrere Wohnungen, in denen er nicht selten rund um die Uhr arbeitete, dort herrschte das Klima, das sein wacher Geist brauchte, um zu blühen.

Und er war ein Star. Seine berühmten Berliner Vorlesungen waren begehrt wie heutzutage Popkonzerte, teilweise hielt er an mehreren Abenden in der Woche seine äußerst unterhaltsamen Vorträge, die auf Berlins Straßen sogar für Verkehrsprobleme sorgten. Unglaublich: Ein Wissenschaftler als Popstar, der es auch mühelos schafft, Nicht-Wissenschaftler zu begeistern.

Erzähl’ das mal heute in irgendeinem MINT-Forum, wo sie verzweifelt versuchen, den Nachwuchs für die Naturwissenschaften oder Technik zu begeistern. Wir bräuchten wieder ganz viele Humboldts, um die nachwachsenden Generationen für die neuen Welten zu begeistern, die wir zweifellos noch erforschen werden. Aber wir müssen lernen, sie freizulassen, damit sie den Mut und Kraft haben, Berge zu erklimmen und Steppen zu durchqueren. Nur die Köpfe, die nicht ständig zu irgendetwas gedrängt werden, fangen irgendwann an, selber zu denken. – Eindrucksvoll nachzulesen bei Andrea Wulf.

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Gelesen von Christian Baumann. Der Hörverlag. 2016. 

Spotlight

„Spotlight“ ist ein Film über den amerikanischen Journalismus. Oder sollte man besser sagen: Über das Bild, das sich intellektuelle US-Amerikaner über Journalismus machen, den sie gerne hätten? Nach allem, was ich über amerikanische Medien – insbesondere das TV – weiß, würde ich eher glauben, dass guter, ehrlicher, weitgehend unabhängiger Journalismus in den USA eher ziemlich selten praktiziert wird. Ich kenne mich aber im Print-Journalismus der USA zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob dieser moralisch überhöhte Enthüllungsjournalismus, der uns bei „All The President’s Men“ (1976), „The Insider“ (1999) oder jetzt eben bei „Spotlight“ präsentiert wird, wirklich eine relevante Konstante im us-amerikanischen Journalismus ist. Gibt es sie wirklich, die unerschrockenen Herausgeber und Chefredakteure, die gegen jegliche Drohgebärden aus den Machtzentren der Politik (oder, wie wie bei Spotlight, der Kirche) immun sind, und die die journalistische Unabhängigkeit gegen jede Anfeindung von außen verteidigen? Gibt es sie wirklich, die selbstvergessenen Journalisten, die ihr letztes Hemd für eine gute Story verkaufen würden, die Unbestechlichen, die nichts als der Wahrheit verpflichtet sind?

Filme wie „Spotlight“ funktionieren, weil wir allzu gerne bereit sind zu glauben, dass es diese Typen gibt. Wir nehmen es ihnen ohne viel Nachdenken einfach ab. Der Mann oder die Frau mit dem schmalen Spiralblock in der Hand, hektisch Aufzeichnungen kritzelnd, sind ein Allgemeinplatz, den wir nicht großartig in Frage stellen. Rachel McAdams oder auch Michael Keaton verkörpern solche Typen in Spotlight: Sie spielen ihre jeweilige Rolle noch nicht einmal besonders überragend, aber wir akzeptieren sie, weil wir solche Art von Typen mögen. Etwas anders verhält es sich mit der Figur Michael Rezendes, gespielt von Mark Ruffalo. Ihm gelingt es fast als Einzigem in der ganzen Journalisten-Riege, seine Person als Individuum zum Leben zu erwecken und nicht nur einen Typus darzustellen. Seine Figur lebt und beschäftigt den Zuschauer, weil man mit ihm durch die Geschichte leidet, mit ihm nicht fassen kann, welcher Abgrund sich da auftut.

Noch etwas anders verhält es sich mit Liev Schreiber als Herausgeber Marty Baron. Er verkörpert so eine Art heiligen Außenseiter: Immer Herr der Lage, immer die ganze Sache im Blick, immer bereit, aufs Ganze zu gehen. Dabei ruht er – fast etwas autistisch – in sich selbst, bleibt stets freundlich, aber unnachgiebig. Man liebt diese Figur, weil man sich wünscht, dass es solche klugen, unabhängigen Köpfe in leitenden Positionen auch in der Realität gäbe…

Und dann ist da noch Stanley Tucci, der den Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian mit armenischen Wurzeln gibt. Tuccis Performance in diesem Film ist überaus bemerkenswert, denn er braucht nur ganz wenige Szenen, um seine komplexe Figur in allen Facetten vor dem Zuschauer auszubreiten. Tuccis Anwalt blickt so gut wie nie jemanden an, er ist ununterbrochen beschäftigt, er liest, er isst, er schreibt, während er versucht, nervige Gesprächspartner abzuwimmeln. Dieser Mann hat keine Zeit und keine Kraft, sich auch noch mit Journalisten zu beschäftigen. Tuccis Garabedian-Figur ist von so düsterer Wut und unbeirrbarer Klarheit, dass die Leinwand wackelt.

„Spotlight“ ist auch ein Film über journalistisches Arbeiten. Er zeigt, unter welchen Bedingungen guter Journalismus entsteht, wo eventuelle Fallen lauern und was journalistischer Alltag bedeutet. Wenn in New York zwei Türme umfallen, kann auch die wichtigste Geschichte in den Hintergrund geraten. Und ja, auch die Angst davor, dass die Konkurrenz eher mit einer Geschichte rauskommt, wird immer wieder thematisiert: Wie lange kann man die eigene Geschichte zurückhalten bis sie rund und ausrecherchiert ist, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, zu früh damit rauszukommen. Was heißt es überhaupt, die richtigen Quellen zu finden, wie kann man erkennen, wer nur ein Schwätzer oder Wichtigtuer ist, und wer wirklich etwas zu Wichtiges zu sagen hat? Wie beeinflusst der redaktionelle Alltag mit Kollegengeschwätz oder Ressort-Eifersüchteleien die Recherchearbeit? Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Facetten journalistischen Arbeitens dieser Film darzustellen vermag. Und noch viel erstaunlicher war es zu sehen, dass Recherchieren im Jahr 2001 (da spielt die Handlung) noch fast ausschließlich analog vonstatten ging. Da gibt es Berge von Zeitungsausschnitten und öffentliche Verzeichnisse, die in mühevoller Kleinarbeit durchforstet werden – Datenjournalismus in vordigitaler Zeit. Das ist ganz und gar nicht heroisch oder spektakulär. Das ist einfach nur Fleiß und Disziplin. Wer solchen Journalismus ermöglichen will, muss Zeit und Geduld haben. Wer hat die in diesem Business heute schon noch? So gesehen, muss man Spotlight als ein Porträt einer bereits untergegangenen Epoche betrachten.

Der Uni-Präsident schreibt

Einen wunderbaren Quatschsatz fand ich heute in der Deutschen Universitätszeitung (duz). Hier schreibt ein leibhaftiger Uni-Präsident zu Beginn eines sehr langen Textes folgenden Satz:

Eine Gesellschaft ist, vereinfacht gesagt, ein System aufeinander bezogener Rollen, in dem die Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten trainiert wird.

In diesem Satz natürlich wird nichts vereinfacht, sondern bis zum Facepalm verkompliziert. Warum lassen Redaktionen solche Sätze eigentlich durchgehen? Warum schreiben hochdekorierte Uni-Präsidenten solche Sätze (oder lassen schreiben) ? Ich habe bis zum Schluss des Artikels versucht herauszufinden, was wohl eine „Kompetenz zu Sonderaufmerksamkeiten“ ist. Vielleicht habe ich es nicht herausgefunden, weil mir eben jene Kompetenz fehlt?

8. März 2016

"Mein Baum für Essen"

Ein kalter, nebliger Wintertag an der Ruhr. Aber am Nachmittag kam dann doch noch die Sonne raus. Grund genug, noch schnell für ein halbes Stündchen in den Park zu laufen, Angus & Julia Stone zu lauschen und ein paar Liter schöne, kalte Luft zu tanken.